Wie grün ist Glaube? Über das Verhältnis von Nachhaltigkeit und religiösen Akteur*innen


Nadine Gerner / Mittwoch, Mai 9th, 2018

Wenn wir über den Klimawandel sprechen, geht es meistens um die Verantwortung von Unternehmen, die Vorschläge der Politiker*innen oder unsere Verhaltensweisen als Konsument*innen. Doch auch „religiöse Akteure“, wie die katholische und die protestantischen Kirchen und ihnen zugeordnete Organisationen (z.B. Brot für die Welt oder Misereor), jüdische und islamische Verbände sowie Vertretungen anderer Religionen spielen hier eine potenziell wichtige Rolle. Sie beeinflussen sowohl unser Verständnis von Nachhaltigkeit als auch relevante politische Verhandlungen wie eine neue Studie von Doris Fuchs und Katharina Glaab zeigt. Die Studie analysiert, welche Rolle religiöse Akteur*innen in internationalen Umweltverhandlungen, konkret dem Rio+20 Gipfel der Vereinten Nationen gespielt haben, welches Verständnis von Nachhaltigkeit in ihren Kommunikationen sichtbar wird und wie sich dieses von anderen zivilgesellschaftlichen Akteur*innen unterscheidet.

Die Rolle von religiösen Akteur*innen in der Gesellschaft – ein unterschätztes Potential?

Gerade in Bezug auf die ökologische Krise wird in den Sozialwissenschaften religiösen Akteur*innen im Vergleich zu anderen zivilgesellschaftlichen Akteur*innen nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Wenn es um Themen wie Artenschutz oder Plastikmüll in den Meeren geht, ist es auch naheliegend eher an Greenpeace und Co. zu denken als zum Beispiel an die katholische Kirche. Dennoch kann eine Untersuchung dessen, wie religiöse Akteur*innen Nachhaltige Entwicklung sehen, neue Erkenntnisse bringen, gerade weil solche Akteur*innen in der Vergangenheit schon zu tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen beigetragen haben. Nicht zuletzt spielten religiöse Akteur*innen bei Friedensprotesten oder Bürgerrechtsbewegungen in der Vergangenheit oft eine wichtige Rolle.

Das Thema Nachhaltigkeit als gemeinsamer Nenner

Der Begriff Nachhaltigkeit überschneidet sich mit dem Bestreben glaubensorientierter Gemeinschaften, Menschen auf der Welt in Gegenwart und Zukunft ein würdevolles Leben zu ermöglichen. Soziale und wirtschaftliche Probleme, insbesondere Armutsbekämpfung und die Unterstützung Bedürftiger, sind traditionell Bereiche, in denen religiöse Akteur*innen aktiv sind. Aber auch das grundsätzliche Verhältnis zwischen Mensch und Natur nimmt in vielen Religionen eine zentrale Stellung ein, insofern ein Leben im Einklang mit der Natur auch vielen Glaubensrichtungen als Wert zugrunde liegt.

Wenn man sich nun die Beiträge religiöser Akteur*innen zum Rio+20 Gipfel der Vereinten Nationen, der 2012 in Rio de Janeiro stattfand, anschaut, kann man der gerade in der Zeitschrift Environmental Values veröffentlichten Studie zufolge erkennen, dass hier ein substanziell wichtiger Akzent zur Nachhaltigkeitsdebatte hinzugefügt wird. So ergänzen religiöse Akteur*innen insbesondere das traditionelle Dreisäulenmodell von Nachhaltigkeit mit seinen ökologischen, sozialen und ökonomischen Dimensionen um eine spirituelle Dimension und betonen noch mehr als andere zivilgesellschaftliche Akteur*innen die Bedeutung von Gerechtigkeit in der Nachhaltigkeitspolitik sowie die Verantwortung auch gegenüber zukünftigen Generationen. Auch der Fokus auf ein „Gutes Leben“ statt Wachstum, auf Suffizienz statt Effizienz und damit eine Hinterfragung unserer Konsummuster und Lebensstile spielen eine größere Rolle. Schließlich folgen aus diesen Ansätzen auch radikalere Forderungen an eine Veränderung der vorherrschenden wirtschaftlichen Verhältnisse.

Die Umweltkrise als ethische Herausforderung

Religiöse Akteur*innen erweitern die Debatte um Nachhaltige Entwicklung also vor allem in ethischer Richtung, einer Dimension, die in zentralen Dokumenten und Definitionen von Nachhaltigkeit interessanterweise nach wie vor überraschend oft zu kurz kommt. In Abschlussberichten von manchen internationalen Umwelt- oder Klimakonferenzen kommen Begriffe wie „Ethik“ oder „Moral“ erst gar nicht vor. Insofern zeigt die Studie, dass religiöse Akteur*innen den gängigen Diskurs um Nachhaltige Entwicklung in der internationalen Politik signifikant ergänzen. Dies kann als Chance und Erweiterung für politische und gesellschaftliche Debatten als auch für unser Bestreben nach einer mit der Umwelt verträglicheren und sozialeren Lebensweise verstanden werden. Auch vor diesem Hintergrund werden die Diskussionen und Unterhaltungen auf und um den 101. Deutschen Katholikentag in Münster herum spannend sein.

 

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