Bildung als Voraussetzung zur Transformation


Gabriele Schrüfer / Donnerstag, Mai 17th, 2018

Der ehemalige UN-Generalsekretär Kofi Annan sah es als größte Herausforderung im 21. Jahrhundert an, die teilweise noch abstrakt erscheinende Idee einer nachhaltigen Entwicklung zur Realität für die Menschen dieser Erde zu machen. Diese Herausforderung scheint heute genauso groß zu sein wie vor mehr als 15 Jahren. Dabei ist in der internationalen wie auch nationalen Politik immer wieder eine Neuausrichtung der Bildung als Bedingung einer nachhaltigen Entwicklung identifiziert worden. Denn diese kann nur erreicht werden, wenn erforderliche Inhalte, Fähigkeiten und Werte vermittelt werden, die als Schlüssel zu persönlicher und gesellschaftlicher Entwicklung einen Bewusstseinswandel ermöglichen (Deutscher Bundestag 2017).

Erkennen, Bewerten und Handeln

Auch in Deutschland gibt es diverse Beschlüsse, Berichte und Erklärungen sowohl von staatlicher als auch nicht-staatlicher Seite, die sich mit konkreten Umsetzungsmöglichkeiten einer Neuausrichtung der Bildung, vor allen an Schulen, befassen (s.u.).

Es entwickelten sich in erster Linie zwei Bildungskonzepte, die „nachhaltige Entwicklung“ als Leitbild formuliert haben: das „Globale Lernen“ und die „Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE)“. Während das Globale Lernen aus der entwicklungspolitischen Bildung hervorgegangen ist, hat BNE seinen Ursprung in der Umweltbildung. Wenngleich beide Konzepte alle drei Dimensionen der Nachhaltigkeit – Soziales, Ökologie und Wirtschaft – berücksichtigen, fokussiert Globales Lernen aufgrund seines Ursprungs stärker auf sozialen und ökonomischen und BNE stärker auf ökologischen Aspekten der Nachhaltigkeit. Im Orientierungsrahmen für den Lernbereich Globale Entwicklung, der als Impulsgeber und Richtlinie für alle Ebenen der Bildung gesehen wird (BMZ & KMK 2016), wurden drei zentrale Kompetenzbereiche formuliert, die grundlegend für nachhaltige Entwicklung erscheinen: Erkennen, Bewerten und Handeln. „Erkennen“ bedeutet in diesem Zusammenhang, dass erforderliches fachübergreifendes Orientierungswissen selbst erstellt und vor allem systemisch verarbeitet werden kann. Im Bereich „Bewerten“ spielt der Umgang mit unterschiedlichen Werten und Normen, der Aufbau eines eigenen Wertesystems sowie die Fähigkeit zum Perspektivenwechsel, verbunden mit dem Nachdenken über eigene Werte, eine entscheidende Rolle. Inwieweit „Nachhaltigkeit“ als universaler Anspruch allgemeingültig definiert werden soll, wird gegensätzlich diskutiert. Einerseits soll Bildung, auch aus historischen Erfahrungen heraus (beispielweise aus dem Dritten Reich), grundsätzlich nicht für gesellschaftliche und politische Ideen missbraucht werden. Andererseits sieht man sich der Notwendigkeit einer Transformation der Gesellschaft gegenüber, die vor allem durch wertorientierte bildungspolitische Vorgaben erreicht werden kann. Im Bereich „Handeln“ geht es u. a. um die Kompetenz zur Konfliktlösung und Verständigung, um Ambiguitätstoleranz, um die Fähigkeit zur Partizipation und Mitgestaltung von Entwicklungsprozessen sowie um die Bereitschaft, das eigene Verhalten im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung zu gestalten (BMZ & KMK, S. 92).

Und wer bildet die Bildenden?

Kompetenzen Globalen Lernens bzw. BNE gilt es in allen Schulfächern zu entwickeln. Dies setzt jedoch voraus, dass alle Lehrkräfte über entsprechende Kompetenzen verfügen. Befragungen zeigen allerdings immer wieder, dass bei Lehrkräften meist ein sehr ungenaues Verständnis von BNE und Globalem Lernen vorhanden ist. Noch mehr mangelt es an konkreten Vorstellungen zu unterrichtlichen Umsetzung: Wie können derartige Kompetenzen angebahnt werden? Welche Art von Unterricht mit welchen Medien und Methoden ist hierfür notwendig oder hilfreich? Eine weitere Herausforderung, vor allem auch für Schülerinnen und Schüler, stellen die sehr komplexen fachlichen Inhalte dar. Um mit globalen Systemzusammenhängen umgehen zu können, ist Wissen aus mehreren Fachrichtungen erforderlich. Auswirkungen und Wechselbeziehungen von Entscheidungen und Handlungen, die miteinander verknüpft werden sollten, finden sich auf unterschiedlichen Ebenen von lokal bis global. Betrachtet man die momentane universitäre Lehrerbildung, werden entsprechende Kompetenzen bei angehenden Lehrkräften kaum gezielt angebahnt. BNE und Globales Lernen hängt maßgeblich vom persönlichen Interesse und Engagement einzelner Dozentinnen oder Dozenten ab. Während andere aktuelle Themen, wie beispielsweise der Umgang mit Verschiedenartigkeit oder sprachsensibler Unterricht verpflichtend in die Lehrpläne einzelner Bundesländer aufgenommen wurden, scheint die Bedeutung von BNE und Globalem Lernen, entgegen der politischen und gesellschaftlichen Verpflichtungen in der Hochschulbildung, noch immer gering und zufällig zu sein.

Es stellt sich daher die Frage, inwieweit Bildung im Prozess nachhaltiger Entwicklung tatsächlich die Schlüsselrolle spielen kann, die sie spielen sollte und müsste. Kann eine nachhaltige Entwicklung ohne entsprechende Neuausrichtung – auch der (formalen) Bildung – an Hochschulen überhaupt gelingen?

 

Autorin: Gabriele Schrüfer ist Direktorin des Instituts für  Geographiedidaktik Münster und Mitglied des „Zentrum für interdisziplinäre Nachhaltigkeitsforschung“. Ihre Schwerpunkte liegen auf den Themen: Globales Lernen/ Bildung für nachhaltige Entwicklung, Interkulturelles Lernen, Raumwahrnehmung und Lehren und Lernen mit sozialen Medien.

Zum Weiterlesen:

Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) & Kultusministerkonferenz (KMK) (Hrsg.) (2007): Orientierungsrahmen für den Lernbereich Globale Entwicklung

BMZ & KMK (2016). Orientierungsrahmen für den Lernbereich Globale Entwicklung (Neufassung). Verfügbar unter: https://www.kmk.org/fileadmin/veroeffentlichungen_beschluesse/2015/2015_06_00-Orientierungsrahmen-Globale-Entwicklung.pdf

Deutschen Bundestags „Bildung für eine nachhaltige Entwicklung 2000

Deutscher Bundestag (2017). Nationaler Aktionsplan Bildung für nachhaltige Entwicklung mit Stellungnahme der Bundesregierung. Verfügbar unter: http://dipbt.bundestag.de/doc/btd/18/136/1813679.pdf

KMK zu „Eine Welt/Dritte Welt“ in Unterricht und Erziehung 1998

 

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