Was die Physik uns über das nachhaltige Wirtschaften lehrt


Jonas Marggraf / Freitag, Juni 15th, 2018

Die Menschheit beschäftigt sich schon seit langem mit der Ökonomie. Für manche gelten gar die antiken Philosophen wie Platon und Aristoteles als die ersten großen Wirtschaftstheoretiker und das schon vor über 2000 Jahren. Auch heute ist es unmöglich, am Thema Wirtschaft im Alltag vorbeizukommen. In den Medien wurde in den letzten Wochen laut über die Folgen der von US-Präsident Donald Trump angekündigten Strafzölle für die europäische Wirtschaft diskutiert und auch in der Schule werden bereits die Grundlagen der Marktwirtschaft gelehrt.

Obwohl es innerhalb der ökonomischen Theorie sehr unterschiedliche und teilweise auch sehr gegensätzliche Meinungen darüber gibt, wie die Wirtschaft genau funktioniert, haben sich mit der Zeit bestimmte Vorstellungen durchgesetzt, die von einer breiten Mehrheit an Wirtschaftsexpert*innen vertreten werden. Dazu gehört beispielsweise die Idee, dass der Preis für ein Produkt durch das Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage zustande kommt. Ein wesentlicher Teil der Wirtschaftstheorie dreht sich natürlich auch um die produzierten Güter, da diese ja permanent getauscht werden, meist gegen Geld. Hier lautet eine weit verbreitete Annahme, dass Güter permanent frei zwischen Unternehmen und Haushalten zirkulieren. Die Idee einer Kreislaufwirtschaft ist deshalb meist Kernelement der Darstellung grundlegender volkswirtschaftlicher Zusammenhänge. Dass daran etwas nicht stimmen kann, muss jedoch spätestens in Anbetracht der enormen Müllberge auffallen, die aktuell produziert werden und für die, trotz gegenteiliger Behauptungen aus Wirtschaft und Politik, noch kein längerfristiger Lösungsansatz existiert.

Der in Deutschland eher unbekannte amerikanisch-rumänische Ökonom Nicholas Georgescu-Roegen erkannte die Schwächen der Kreislauftheorie bereits in den 1970er Jahren und erklärte sie, indem er Wirtschaftstheorie aus der Perspektive der Physik betrachtete und insbesondere den Aspekt der Entropie betonte. Entropie ist dabei, ganz simpel gesagt, ein Indikator für die Konzentration von Energie. Je höher die Entropie ist, umso geringer ist die Konzentration der Energie. Ein Stück Kohle stellt beispielsweise eine sehr konzentrierte Form von Energie dar und besitzt somit eine geringe Entropie. Nach ihrem Verbrennen jedoch, bei dem Abgase und Asche entstehen, verfügen die Endprodukte nur noch über eine sehr geringe Konzentration von Energie und somit über eine hohe Entropie. Hier kommt noch eine weitere Lehre aus der Thermodynamik zum Tragen: Entropie bleibt immer konstant oder steigt, wird aber nie geringer (Titz 2013). Der eben beschriebene Prozess des Verbrennens kann also nicht mehr auf natürliche Weise umgekehrt werden. Ein ähnliches Beispiel wäre ein Kuchenteig. Einmal gebacken, bleibt er ein Kuchen und wird nicht wieder zum Teig.

Doch was hat dies alles mit der Wirtschaft und vor allem mit Nachhaltigkeit zu tun?

Georgescu-Roegen (2011: 67) attestiert, dass alle Wirtschaftsprozesse Produkte mit niedriger Entropie, das heißt natürliche Rohstoffe, in Produkte mit hoher Entropie umwandeln. Zwar gibt es Prozesse, die die Entropie von bestimmten Körpern senken können, beispielsweise, wenn im Kühlschrank etwas abgekühlt wird. Doch dies geschieht nur aufgrund einer noch stärkeren Entropieerhöhung an einem anderen Ort, in unserem Beispiel bei der Stromerzeugung für den Kühlschrank. Selbst in Situationen, wo auf den ersten Blick keine Energie verbraucht wird, findet immer eine Entropieerhöhung auf irgendeine Art und Weise statt. So könnte die Frage aufkommen, inwiefern denn Straßenmusiker*innen Energie umwandeln und dabei Entropie erhöhen. Die Antwort ist denkbar einfach: Auch sie brauchen irgendwann etwas zu essen, für dessen Produktion heutzutage definitiv Benzin verbrannt wurde (bei Produktion und Transport), weswegen auch die Musiker*innen Teil eines Systems sind, das permanent die Entropie erhöht. Problematisch ist letztendlich, dass die Wirtschaft permanent verwertbare Produkte mit niedriger Entropie in nicht mehr verwertbare Produkte mit hoher Entropie transformiert (Georgescu-Roegen 2011: 72). Das bedeutet im Umkehrschluss, dass die Idee einer Kreislaufwirtschaft einfach unrealistisch ist, da sie den Gesetzen der Physik widerspricht.

Die aktuelle Form des Wirtschaftens kann deswegen nur so lange weitergehen, wie noch natürliche Ressourcen vorhanden sind, deren niedrige Entropie verwertet werden kann. In Anbetracht eines ständig wachsenden globalen Ressourcen- und Energieverbrauchs scheint das Ende der niedrigen Entropie jedoch immer näher zu rücken. Allein die Pflanzenwelt ist momentan im Stande mit Hilfe von Sonnenenergie als externer Energiequelle über einen langen Zeitraum die Entropie auf der Erde wieder zu senken. Auch Georgescu-Roegen (2011: 81) hoffte darauf, dass die Menschheit eine Möglichkeit finden würde, um ausschließlich die Sonnenenergie zu nutzen, plädierte jedoch bis dahin für eine möglichst energiearme Bioökonomie, die versucht die Entropie so wenig wie möglich zu erhöhen (ebd. 139ff.). Die heutige Solartechnik ist weit davon entfernt, die globale Wirtschaft mit ausreichend Energie zu versorgen, und ihre Herstellung ist noch energetisch aufwendig und ressourcenintensiv. Letztendlich sagt uns daher auch die naturwissenschaftliche Seite der Wirtschaft, dass Ressourcenverbrauch (und Ressourcenumwandlung) zurückgefahren werden müssen, wenn wir verhindern wollen, dass uns – um mit Georgescu-Roegen zu sprechen – die niedrige Entropie ausgeht.

 

Referenzen:
Georgescu-Roegen, Nicholas (2011): La Décroissance. Entropie, Écologie, Économie. 3. verbesserte und erweiterte Auflage. Paris: Sang de la Terre.

Titz, Sven (2013): Entropie. Online verfügbar unter https://www.weltderphysik.de/thema/phaenomene-der-thermodynamik/entropie/, zuletzt geprüft am 13.06.2018.

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