Universitäten – ein Sprungbrett für die Umsetzung von Nachhaltigkeit?


Carolin Bohn, Doris Fuchs / Donnerstag, Juni 21st, 2018

Universitäten sind ein Ort des Forschens und Lernens – und sie sind nicht zuletzt ein riesiger Verwaltungsapparat, in dem täglich viele Aufgaben anfallen, wie die Beschaffung von Büromaterial im großen Stil oder die Verpflegung in den Mensen. Der facettenreiche Mini-Kosmos Universität kann in dieser Vielfältigkeit einen spannenden Ort darstellen, um neue Wege zur Umsetzung von Nachhaltigkeit auszuprobieren. Wichtige Impulse kommen dabei nicht zuletzt von engagierten Studierenden, die an vielen Unis z.B. Nachhaltigkeitsinitiativen oder Hochschulgruppen zu nachhaltigkeitsrelevanten Themen starten. Gleichzeitig wird die Umsetzung von Nachhaltigkeit an Universitäten durch typische Hindernisse erschwert, die auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen anfallen.

Nachhaltigkeit in der Forschung: Zeit, Geld und Flugmeilen?

Wir brauchen noch unglaublich viel Wissen, um Dynamiken in komplexen Öko-Systemen und gesellschaftliche Möglichkeiten aber auch soziale Herausforderungen der Umsetzung von Umweltmaßnahmen besser zu verstehen oder auch neue Möglichkeiten der Bearbeitung ökologischer und sozialer Herausforderungen erst zu entwickeln – um nur einige Beispiele zu nennen. Hier ist in großem Maße universitäre Forschung gefragt, insbesondere wenn es um ökologische und soziale Problemstellungen geht, deren Lösung nicht direkt im Interesse wirtschaftlicher Akteure steht. Dass solche Forschung insbesondere im Kontext von Nachhaltigkeitsfragen zu einem hohen Grad interdisziplinär sein muss, ist dabei gesetzt und wird an diversen Universitäten über die Zusammenarbeit von Forschenden in Zentren, wie zum Beispiel dem ZIN an der WWU, gelebt. Aber echte interdisziplinäre Zusammenarbeit, ein Verständigen über Forschungsgegenstände und –ansätze, Begriffe, Konzepte und Methoden ist zeitaufwändig.

„[…] Was nützt freie Forschung ohne freie Zeit zu forschen?“ fragt schon Galileo Galilei in Bertolt Brechts Schauspiel „Das Leben des Galilei“ ; wenige Seiten später fordert der Astronom für seine Forschungstätigkeiten „[…] Zeit, Zeit, Zeit, Zeit!“. Brecht zufolge war also schon im Padua des 17. Jahrhunderts Zeitknappheit ein großes Problem für die Wissenschaft – und daran hat sich bis heute nichts geändert, was (nicht nur) nachhaltiges Forschen erschwert. Ähnlich wie der Galilei des Schauspiels seine eigentlichen Forschungsinteressen vernachlässigen muss, um von ihm als unsinnig gesehene Erfindungen für finanzielle Zuwendungen von seinen Geldgebern zu machen, investieren auch heutige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler einen Großteil der Arbeitszeit in den Erwerb von sogenannten Drittmitteln von Forschungsorganisationen, Wirtschaft, Politik und Stiftungen. Drittmittel spielen eine immer größere Rolle für die Reputation von Universitäten wie auch individuelle Karrierechancen. Drittmittel sind allerdings auch knapp, so dass es einen ständig größer werdenden Wettbewerb um sie gibt. Das Resultat ist, dass die sehr arbeitsaufwändigen Drittmittelanträge eine immer geringere Chance haben, gefördert zu werden. Wenn von zehn Anträgen nur zwei bis drei am Ende eine Förderung erhalten, dann muss man sich allerdings fragen, inwieweit hier noch ein nachhaltiges Modell der Verwendung von wissenschaftlicher Kapazität gelebt wird. Doch können Hochschulen, können individuelle Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen es sich leisten, aus diesem System auszusteigen?

Wissenschaftliche Forschung und Karrieren hängen darüber hinaus von (inter-)nationaler Vernetzung und Kooperation ab. Entsprechend viel reisen auch viele Forschende in Nachhaltigkeitsfeldern und sammeln so fast nebenbei Flugmeilen an. Da aber Internationalität als Erfolgsfaktor so stark betont wird, stehen alle immer wieder vor der Entscheidung: Soll ich der Umwelt zuliebe Nachteile für meine Karriere in Kauf nehmen? Diese Entscheidung ist nicht zuletzt vor dem Hintergrund der hart umkämpften Arbeitsplätze in der Wissenschaft schwierig. Auch hier stellt sich also die Frage, inwieweit und unter welchen Kosten von Einzelnen eine Veränderung des Verhaltens erwartet werden kann oder sollte. Oder könnte und sollte sich das System ändern? Kann internationale Vernetzung auch anders gefördert oder bewertet werden oder können Konferenzen öfter virtuell abgehalten werden? Auf diese Fragen gibt es keine leichten Antworten.

Die universitäre Forschung ist schließlich auch für gesellschaftliche und politische Beratungsprozesse in Nachhaltigkeitskontexten wichtig. So gibt es auf internationaler Ebene zum Beispiel das International Panel on Climate Change (der sog. „Weltklimarat“), auf nationaler Ebene den Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen und auf kommunaler Ebene in Münster Beiräte zu den Projekten „Global Nachhaltige Kommune Münster“ oder „MünsterZukünfte 20/30/50“, an denen jeweils u.a. Mitglieder des ZIN beteiligt sind. Hier treffen wissenschaftliche auf politische Logiken und Zwänge, und der tatsächliche Einfluss wissenschaftlicher Erkenntnisse ist oft begrenzter als aus wissenschaftlicher Sicht gewünscht. Nichts desto trotz besteht die Hoffnung hier wesentliche Impulse für die gesellschaftliche Zukunft geben zu können.

Nachhaltigkeit in der Lehre: Wie ehrgeizig wollen wir sein?

Nachhaltigkeit ist so facettenreich, dass Lehrende aus wirklich allen Fächern Veranstaltungen zu relevanten Themen gestalten können – so wird z.B. in der Geographie zu ökologischer Planung gelehrt, in der Politikwissenschaft zu internationalen Klimapolitik, in den Rechtswissenschaften zu Umweltrecht und, und, und… Meist sind relevante Themen aber so umfangreich, dass sie von einem einzelnen Fach nur teilweise erfasst werden können. Nehmen wir das Beispiel Mobilität: Ein politikwissenschaftliches Seminar zu diesem Thema kann Studierenden z.B. vermitteln, wie innerhalb von Städten Konflikte um die nachhaltige Veränderung des Verkehrs zwischen Vereinen, Bürgerschaft, der Stadtverwaltung und Politik ausgetragen werden. Bei der Bearbeitung solcher Konflikte sind aber auch Gesetze ganz entscheidend, da sie Rahmenbedingungen wie die Breite von Radwegen regeln – diese Inhalte würden wir eher in einem rechtswissenschaftlichen Seminar finden. Außerdem müssen Studierende erst einmal verstehen, warum welche Veränderungen des Verkehrs gefordert werden. Wie wirken z.B. welche Abgase und Lärm auf Mensch und Natur? Um das ganz genau zu erklären, sollten wir auch noch Naturwissenschaftler*innen hinzuziehen – und schon haben wir ein Seminar, in dem Lehrende aus drei Fächern zusammenarbeiten. Um nachhaltigkeitsrelevante Themen umfassend zu vermitteln, wäre es sinnvoll, müssten wir genau solche Seminare viel öfter durchführen. Ihre konkrete Planung ist allerdings eine Herausforderung, unter anderem weil solche Formate mit viel Abstimmungsbedarf zwischen den Lehrenden einhergehen was ihre inhaltliche Ausgestaltung aber auch Einbindung in feststehende Lehrpläne und Kapazitätsberechnungen betrifft. Diese Abstimmung kostet Zeit, und Zeit ist an der Universität wie in der Gesellschaft eine der kostbarsten Ressourcen.

Es gibt aber auch noch ganz andere und ehrgeizigere Wege um Nachhaltigkeit in der Lehre zu verankern. Die Universität Lüneburg zum Beispiel bietet nicht nur Bachelor-, Master- und Promotionsstudiengänge im Bereich Umwelt- und Nachhaltigkeitswissenschaften an, sondern nachhaltigkeitsfokussierte Veranstaltungen sind unter anderem auch über das interdisziplinäre Komplementärstudium so in das universitäre Lehrprogramm integriert, dass alle Studierenden mit diesen Themen in Berührung kommen. Die Universität Bremen wiederum betreibt eine „Virtuelle Akademie Nachhaltigkeit“, deren Online-Veranstaltungen an vielen deutschen Universitäten angerechnet werden können.

Nachhaltigkeit in der Verwaltung: Strategien, Leitbilder, Siegel – oder gleich ein eigenes Kraftwerk?

Schließlich kommt heute keine universitäre Verwaltung mehr um Fragen der Umsetzung von Nachhaltigkeit in diversesten Bereichen herum. Einige Unis, wie z.B. die FU Berlin oder die Universität Magdeburg gehen diese Aufgabe durch gemeinsam entwickelte Nachhaltigkeitsleitbilder oder -strategien an. Viele Universitäten versuchen darüber hinaus, in konkreten Bereichen Nachhaltigkeit umzusetzen: Die Ruhr-Uni Bochum zum Beispiel bezieht ausschließlich Naturstrom aus Wasserkraft und will zukünftig in einem eigenen Kraftwerk nachhaltige Energie aus Kraft-Wärme-Kopplung gewinnen, mit der sogar der angrenzende Stadtteil Querenburg versorgt werden soll.

Außerdem gibt es für Universitäten auch die Möglichkeit, Siegel oder Zertifikate aus dem Bereich Nachhaltigkeit zu erwerben. Siegel und Zertifikate gibt es für ganz unterschiedliche Arten von nachhaltigkeitsfördernden Aktivitäten und sie werden von ebenso unterschiedlichen Organisationen verliehen. In Anlehnung an die „Kampagne Fairtrade Towns“, So zeichnet der Verein „TransFair“ zum Beispiel Universitäten aus, die „das Engagement für den fairen Handel in allen Bereichen der Hochschule wiederspiegeln“  Siegel und Zertifikate bergen den großen Vorteil, dass sie in gewisser Hinsicht Arbeit ersparen: Die Zielvorgaben sind klar und müssen nicht erst selbst entwickelt werden, wie es bei universitätseigenen Nachhaltigkeitsstrategien oder –leitbildern der Fall ist. Gleichzeitig geraten Auszeichnungen dieser Art immer wieder als Schönfärberei in die Kritik. Kriterien für das oben genannte Zertifikat von Transfair sind zum Beispiel, dass die Universitäten mindestens zwei Fairtrade-Produkte bei Sitzungen und offiziellen Veranstaltungen und in 50% der Geschäfte, Mensen und Cafeterien auf dem Campus anbietet. Wie groß der Beitrag solcher Aktivitäten zum Fairen Handel ist, kann sicherlich gefragt werden. Daher sollte bei jedem Siegel und Zertifikat hinterfragt werden, ob ein substanzieller Beitrag zur Nachhaltigkeit tatsächlich geleistet wird oder ob eher die Gefahr eines Missbrauchs zu Werbezwecken besteht.

Nachhaltigkeit an Universitäten: Nicht ohne eine Veränderung der Rahmenbedingungen!

Am Anfang dieses Artikels stand die Frage: Können Universitäten ein Sprungbrett für Nachhaltigkeit darstellen? Am Ende erscheint die Antwort: „ja, aber nur unter bestimmten Umständen“ naheliegend. Wir haben gezeigt, dass Forschung, Lehre und Verwaltung wichtige Schritte Richtung Nachhaltigkeit machen bzw. einen entsprechenden gesellschaftlichen Beitrag leisten können, insbesondere wenn es explizite Bemühungen und über einzelne Lehrende, Studierende und Fächer hinausgehende Strategien gibt. Dafür braucht es aber auch Ressourcen, insbesondere auch zeitliche Ressourcen. Wir haben allerdings auch verdeutlicht, dass in vielerlei Hinsicht die herrschenden Rahmenbedingungen der Umsetzung von Nachhaltigkeit entgegenwirken, vor allem im Bereich der Forschung. Um Nachhaltigkeit in stärkerem Maße zu fördern, bedarf es noch vieler grundlegender Veränderungen in Universitäten und um sie herum.

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