Earth Overshoot Day 2018 – Leben auf Kosten der Natur und zukünftiger Generationen


Benedikt Lennartz, Carolin Bohn, Sophie Dolinga / Mittwoch, August 1st, 2018

In diesem Jahr fällt der sogenannte Earth Overshoot Day auf den 1. August. Das zeigt an: bereits zu diesem Zeitpunkt hat die Menschheit so viel Ressourcen verbraucht, wie die Erde im Laufe eines Jahres erneuern kann. Alle Rohstoffe, die wir ab dann verbrauchen, können die Ökosysteme weltweit nicht wieder regenerieren. Ab diesem Tag lebt die Menschheit über ihre Verhältnisse – und somit auf Kosten zukünftiger Generationen, denen nicht mehr die gleichen Mengen an Ressourcen zur Verfügung stehen werden.

Bedenklich ist vor allem, dass dieser Tag der Erdüberlastung im Kalender stetig nach vorne rückt. Steigender Ressourcenverbrauch und starkes Bevölkerungswachstum sorgen dafür, dass das jährliche nachhaltig nutzbare Ressourcenbudget immer früher ausgeschöpft ist. 1987 lag der Earth Overshoot Day noch im Dezember, etwa 30 Jahre später bereits im August.

Das ist ein klares Zeichen dafür, dass die Menschheit nicht nachhaltig mit den ihr zur Verfügung stehenden Ressourcen umgeht. Doch bei genauerem Hinsehen wird deutlich, dass nicht alle Regionen weltweit gleich zum globalen Ressourcenverbrauch beitragen. Die sogenannten Country Overshoot Days geben an, wann die innerhalb eines Jahres erneuerbaren Ressourcen aufgebraucht wären, wenn die ganze Weltbevölkerung so konsumieren würde wie die Bevölkerung eines bestimmten Landes. Die Unterschiede zwischen den nationalen Ressourcenverbräuchen führen dazu, dass die jährlich erneuerbaren Ressourcen bereits nach zwei Monaten aufgebraucht wären, würden alle Menschen weltweit so viel Ressourcen verbrauchen wie die in Katar oder Luxemburg. Orientierte man sich hingegen am Verbrauch der vietnamesischen oder jamaikanischen Bevölkerung, wären die jährlich erneuerbaren Ressourcen erst im Dezember des Jahres erschöpft. In Deutschland wurde der Country Overshoot Day dieses Jahr bereits am 2. Mai erreicht.

Um nachhaltiger mit erneuerbaren Ressourcen umzugehen, müssen wir zunächst herausfinden, welche Einflussfaktoren für einen besonders hohen oder niedrigen Ressourcenverbrauch sorgen. Es gibt allerdings sehr viele solcher möglichen Einflussfaktoren. Wir werden nun einige von ihnen genauer betrachten.

Faktor Geographische Umstände? – Nicht nur…

Länder und Regionen mit einem sehr heißen und trockenen Klima benötigen für die Kühlung von Gebäuden oder die Wasserversorgung häufig mehr Energie, und somit Ressourcen, als Länder in gemäßigteren Klimazonen. Der Country Overshoot Day der Vereinigten Arabischen Emirate, in denen die Temperaturen im Juni bis September bei durchschnittlich 33°C liegen, ist dieses Jahr bereits am 4. März erreicht. Dies ist einerseits mit der aufwändigen und energieintensiven Trinkwasserversorgung durch Entsalzung von Meerwasser zu erklären, andererseits werden in den Vereinigten Arabischen Emiraten aber beispielsweise auch große Wasser- und Energiemengen für die Bewässerung von Golfplätzen oder den Betrieb von Skihallen verbraucht. In Ägypten, wo Temperaturen im Juli ebenfalls häufig die 30°C-Marke überschreiten, wird das Ressourcenbudget erst am 6. November ausgeschöpft sein. Dieser Kontrast zeigt deutlich, dass nicht unbedingt die geographischen Gegebenheiten an sich, sondern auch der Umgang mit ihnen entscheidend ist.

Spielt das politische System eine Rolle?

Das politische System eines Landes und die so geschaffenen Rahmenbedingungen sind ebenfalls eng mit nachhaltigem Wirtschaften und dem Verbrauch von Ressourcen verknüpft. So werden beispielsweise der Ressourcenabbau, etwa von fossilen Brennstoffen, oder der Ausstoß von Treibhausgasen häufig durch politische Reglementierungen geleitet. Es scheint also möglich, dass der Ressourcenverbrauch eines Landes und sein politisches System zusammenhängen. Begünstigen bestimmte politische Systeme vielleicht einen besonders hohen bzw. niedrigen Ressourcenverbrauch? Ein Blick auf die Länder mit sehr frühen oder späten Country Overshoot Days spricht gegen diese Vermutung. In den fünf Ländern mit den frühesten Country Overshoot Days (Katar, Luxemburg, Vereinigte Arabische Emirate, USA, Kanada) finden wir eine bunte Mischung von politischen Systemen: Von der parlamentarischen Demokratie (Kanada) bis hin zur absoluten Monarchie (Katar). Genauso verhält es sich mit den Ländern, die einen sehr späten Country Overshoot Day haben. Das politische System scheint also in keinem direkten und eindeutigen Zusammenhang zum Ressourcenverbrauch eines Landes zu stehen.

Zählt vor allem der Glaube?

Wie eine Gesellschaft mit ihren Mitgliedern, aber auch mit ihrer Umwelt umgeht, kann auch durch ihre Glaubensvorstellungen erklärt werden. Im Christentum beispielsweise hat sich die Kirche in den letzten Jahren sehr kritisch mit der traditionellen Auffassung einer von Gott befürworteten Herrschaft des Menschen über die Schöpfung auseinandergesetzt: Papst Franziskus schreibt Menschen in der Enzyklika Laudato Si‘ eine Verantwortung für die Bewahrung „Schöpfung“ und spricht sich so gegen eine rücksichts- und grenzenlose Ausbeutung der Natur aus. Im Judentum sind bereits in der Thora Aufrufe zur Einschränkung menschlicher Eingriffe in die Umwelt zu finden und die Aufforderung eines empathischen Umgangs mit Tieren. Wir könnten noch viele Beispiele aus den anderen Weltreligionen ergänzen, aber bereits diese zeigen, dass Glaubensfragen oder -vorstellungen und religiöse Akteur*innen in Diskussionen um Nachhaltigkeit eine wichtige Rolle spielen können. Mit Blick auf die nationalen Country Overshoot Days wird jedoch klar, dass allein die religiöse Zugehörigkeit nicht auf einen bestimmten Umgang mit Ressourcen schließen lässt. In der Gruppe der Länder, die den spätesten nationalen Earth Overshoot Day haben und somit einen vergleichsweisen geringen Ressourcenverbrauch, gibt es neben protestantisch oder katholisch geprägten Ländern wie Jamaika (13.12.) und Kolumbien (17.11.), auch Länder mit einer muslimischen (sunnitisch) Mehrheit wie Ägypten (06.11.) oder einer großen Gruppe konfessionsloser Menschen wie Vietnam (21.12.). (Nicht nur) Mit Blick auf Glaubensvorstellung ist wichtig, dass wir uns anschauen, wie bestimmte religiöse Ideen ausgelebt oder Schriften ausgelegt werden – das wird auch in den veränderten Ideen des Katholizismus zum Verhältnis des Menschen zur Natur deutlich (s.o.)

Wie wir leben und wirtschaften…

Zuletzt werfen wir einen Blick auf die wirtschaftliche Situation der Länder als möglichen Einflussfaktor. Genauer gesagt auf deren Wirtschaftsstärke, welche, gemessen durch das Bruttoinlandsprodukt (BIP), häufig als Indikator für das Wohlstandsniveau eines Landes gesehen wird. Das BIP ist als Maß für die Produktion innerhalb eines Landes weit verbreitet und somit für fast alle Länder der Welt verfügbar – es hat jedoch auch klare Schwächen, die auf diesem Blog in den kommenden Wochen noch diskutiert werden sollen.
Vergleicht man das Pro-Kopf-BIP verschiedener Länder, fällt auf, dass die Länder mit einem frühen Country Overshoot Day wie Katar (09.02.), Luxemburg (19.02.) oder die Vereinigten Arabischen Emirate (4.03.) ein deutlich höheres Pro-Kopf-BIP aufweisen, als die Länder mit einem späteren Country Overshoot Day wie Vietnam oder Jamaica. Tatsächlich war das Pro-Kopf-BIP Luxemburgs im Jahr 2017 mehr als 44-mal so hoch wie das Vietnams. Die Wirtschaftsleistung eines Landes und, eng damit verbunden, der Privatkonsum der Bevölkerung, scheinen somit durchaus in einem Zusammenhang mit dem Ressourcenverbrauch eines Landes zu stehen.

Die vielschichtige Verursachung des Earth Overshoot Days und was sich dagegen unternehmen lässt

Letztendlich sind viele Faktoren denkbar, die den Umgang eines Landes mit Ressourcen beeinflussen können, nicht nur die hier erläuterten. Zwar ist keiner der aufgeführten Erklärungsansätze allein genommen ausreichend um direkt auf den Ressourcenverbrauch eines Landes zu schließen, jedoch stellen sie hochinteressante Zugänge dar, die ebenfalls in der Wissenschaft aktuell von Bedeutung sind und diskutiert werden. Der Einfluss des Wohlstandsniveaus scheint dabei eine zentrale Rolle in der Erklärung eines hohen Ressourcenverbrauchs zu spielen. Ansätze, die zum Ziel haben den Earth Overshoot Day nach hinten zu verschieben, sollten hier anknüpfen.

Insgesamt verdeutlicht der Earth Overshoot Day, dass der globale Umgang mit den natürlichen Ressourcen nicht nachhaltig ist und die Menschheit somit auf Kosten zukünftiger Generationen lebt, denen weniger Ressourcen zur Verfügung stehen werden. Die Unterschiede der Country Overshoot Days lassen zudem darauf schließen, wie ungleich die Ressourcennutzung weltweit ausfällt und wie somit einige der heutigen Generation an manchen Orten der Welt bereits auf Kosten von anderen eben dieser Generation leben. Wir müssen uns somit aktiv mit der Frage auseinandersetzen wie wir unser heutiges Zusammenleben weltweit so gestalten können, dass weder aktuelle noch zukünftige Generationen um ihre Chance auf ein gutes Leben gebracht werden. Die Kampagne „move the date“ ist eine Initiative unter vielen, die Anregungen gibt, mit welchen Aktionen und Schritten aktiv gegen verschwenderischen Ressourcenverbrauch vorgegangen und damit der Earth Overshoot nach hinten verschoben werden kann.

 

Zum Weiterlesen:

https://www.umweltbundesamt.de/themen/earth-overshoot-day-2017-ressourcenbudget

https://www.overshootday.org/about-earth-overshoot-day/country-overshoot-days/

http://www.deutschlandfunkkultur.de/erd-ueberlastungstag-ab-heute-leben-wir-auf-kosten.2165.de.html?dram:article_id=416992

https://germanwatch.org/overshoot

 

Nachweis Titelbild: Pixabay (weitere Informationen hier: https://pixabay.com/de/service/terms/)

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