Wie kann man Klimaschutz gerecht gestalten?


Gastbeitrag / Mittwoch, August 15th, 2018

Der Klimawandel ist ein globales Problem, das alle etwas angeht. Egal, wo wir leben: Jeder ist auf die ein oder andere Weise von Klimaveränderungen betroffen (wenn auch in unterschiedlichem Maße), und auch fast jeder trägt zu einem bestimmten Maß zur Erderwärmung bei.  Um ein so umfassendes Problem in den Griff zu bekommen, muss dringend international zusammengearbeitet werden. Damit das gelingen kann und alle wichtigen Akteure sich zur Beteiligung an diesem Gemeinschaftsprojekt bereit erklären, müssen allerdings einige Fragen über Verantwortung und Gerechtigkeit geklärt werden. Denn Gerechtigkeit ist der Schlüssel zu einer gut funktionierenden Zusammenarbeit.

Wenn wir, die heute lebenden Menschen, über unsere Verhältnisse leben und die Ressourcen der Erde plündern, leiden darunter die nachfolgenden Generationen (darum ging es auch in unserem Artikel zum Earth Overshoot-Day ). Wenn wir, die in Staaten mit einem hohen Rohstoffverbrauch leben, so weitermachen wie bisher, leiden darunter Menschen in Regionen, die für extreme Wetterphänomene anfällig sind. Während einige Menschen dreimal im Jahr in den Urlaub fliegen und treibhausgasintensive Industrieprodukte kaufen, leben andere ohne diesen Luxus und müssen eventuell trotzdem darum fürchten, dass bei Überschwemmungen ihr Haus zerstört wird, oder dass die nächste Dürre ihnen die Nahrung raubt. Das ist nicht gerecht – wie soll man nun damit umgehen?

Schuldfragen sind kompliziert, Einsparungen beim Treibhausgastausstoß unumgänglich!

Man könnte daraus eine Frage nach Schuld machen. Haben Menschen aufgrund ihres Lebensstils das Leid anderer weit entfernt lebender Menschen, die sie nie kennengelernt haben, zu verantworten? Und wenn ja, welchen Anspruch auf Entschädigung können die Geschädigten erheben? Diese Frage ist sowohl aus juristischer als auch aus ethischer Sicht sehr schwierig zu beantworten und zieht viele weitere komplizierte Fragen nach sich.  Kann man Menschen für etwas zur Verantwortung ziehen, das quasi als Nebenprodukt aus ihrem Lebensstil entstanden, aber nicht aus böser Absicht geschehen ist? Ein großer Teil der Treibhausgase, die unser Klima gefährden, ist schon lange in der Erdatmosphäre. Sie wurden bereits ausgestoßen, als man noch gar nicht darüber Bescheid wusste, wie schädlich sie sind. Der menschenverursachte Klimawandel ist schließlich erst etwa seit den Siebzigern auf der Agenda der Medien. Kann jemandem eine Schuld für Schäden zugesprochen werden, die er oder sie aus Unwissenheit verursacht hat?

Nichtsdestotrotz ist es ein Fakt, dass die einen mehr zum Klimawandel beigetragen haben als die anderen . Und auch wenn man nicht von Schuld sprechen möchte, kann man darüber nachdenken, welche Rechte und Pflichten sich daraus ergeben, bspw. mit Blick auf die Einsparung von schädlichen Treibhausgasemissionen.

International hat man sich zur Bekämpfung der Erderwärmung inzwischen auf das 2 Grad-Ziel geeinigt: Es soll verhindert werden, dass die Erde sich um mehr als 2 Grad Celsius im Vergleich zur Temperatur vor Beginn der Industrialisierung erwärmt.  Wenn wir dieses Ziel nicht erreichen, drohen katastrophale Folgen für die Umwelt, die sich nicht mehr rückgängig machen lassen.
Um es zu erreichen, muss der Ausstoß von Treibhausgasen zunächst stark reduziert werden., bevor er sich dann auf einem sehr niedrigen Niveau einpendeln sollte.

Wer muss in Zukunft den Treibhausgasausstoß reduzieren?

Wie sollen die notwendigen Einsparungen an Treibhausgasen aber nun weltweit gerecht verteilt werden? Wer hat die Pflicht, seinen Treibhausgasausstoß zu verringern, und wer hat das Recht, weitere Treibhausgase auszustoßen?

Ein interessantes Konzept, das dazu vorgeschlagen wurde und in diesem Artikel als Beispiel dienen soll, nennt sich „Kontraktion und Konvergenz“. Es wurde vom „Global Commons Institute“ in Großbritannien entwickelt. Das Konzept sieht vor, dass die Industriestaaten, die bisher die meisten Treibhausgase ausstoßen, ihren Verbrauch stark herunterfahren müssen. Länder, die einen niedrigen materiellen Lebensstandard haben, dürfen dagegen zuerst sogar noch mehr Treibhausgase produzieren als bisher, damit sie ihre Situation verbessern können. Wenn die Industriestaaten es schaffen, ihren Ausstoß genügend zu verringern, wäre dann trotzdem ab einem gewissen Punkt eine Menge an jährlichen Treibhausgasausstößen erreicht, die die Erde dauerhaft verkraften könnte. Ab diesem Punkt sollen dann alle Menschen dieselben Rechte zum Ausstoß von Treibhausgasen bekommen. Praktisch würde das so umgesetzt werden, dass Staaten die Rechte zum Ausstoß in Form von Zertifikaten zugesprochen bekommen, und zwar auf Basis ihrer Einwohnerzahl. Wenn sich alle daran halten und nur so viele Emissionen produzieren würden, wie es ihnen die zugeteilten Zertifikate erlauben, bliebe die Belastung der Erdatmosphäre auf einem annehmbaren Niveau. Der Vorschlag wurde von einigen Wissenschaftlern*innen hoch gelobt, weil er Umweltschutz aus ihrer Sicht optimal mit Gerechtigkeit verbindet.

Es erscheint tatsächlich absolut gerecht, dass die Länder, die am meisten zum Problem des Klimawandels beigetragen haben, am meisten Zugeständnisse machen müssen, wenn es darum geht, das Problem zu lösen. Und auf den ersten Blick erscheint es logisch, dass später dann jedem Menschen die gleichen Rechte in Bezug auf Treibhausgasausstöße zustehen sollten.

Allerdings fällt hier unter den Tisch, dass verschiedene Menschen unterschiedliche Ausgangsbedingungen haben. Beispielsweise müssen Menschen, die in Regionen mit extremen Temperaturen leben, viel Energie für das Heizen oder Klimatisieren verwenden und allein das verursacht schon viele Emissionen, was beispielsweise der hohe Energieverbrauch von Klimaanlagen in Dubai zeigt. Menschen, die in Gegenden mit gemäßigten Temperaturen leben, sparen diese Emissionen „automatisch“ ein und können sie bspw. für Luxusgüter nutzen. Außerdem können manche Staaten durch hochwertige Technologien effizienter arbeiten und „verbrauchen“ für ein Produkt weniger Treibhausgasrechte, während andere Staaten für die Herstellung desselben Produkts viel mehr von den ihnen zustehenden Emissionen aufbrauchen müssen. Einige Menschen und Staaten hätten also viel mehr Spielraum bei der Nutzung ihrer Treibhausgasrechte als andere.

Gutes Leben und Gerechtigkeit brauchen eine intakte Umwelt!

Perfekte Gerechtigkeit im Sinne eines exakt gleichen Lebensstandards für alle wird durch die Verteilung nach dem Vorschlag vom Global Commons Institute  also wohl nicht erreicht.  Aber vielleicht ist das auch ein unerreichbares Ziel? Und vielleicht ist es gar nicht so wichtig, dass alle Menschen genau dieselben Vorteile aus ihren Treibhausgasausstoßrechten schöpfen, solange wir dafür sorgen, dass jeder und jede zumindest einen menschenwürdigen Lebensstandard erreicht und ein gutes Leben führen kann. Dieses Ziel zu erreichen ist leider schon schwierig genug. In erster Linie ist es wichtig, überhaupt anzufangen, starke und wirksame Maßnahmen im Kampf gegen den Klimawandel durchzusetzen. Denn: Ohne intakte Umwelt kann Gerechtigkeit, unabhängig davon wie sie nun ganz genau bestimmt wird, nicht verwirklicht werden.

 

Zur Autorin

Leonie Alefs studiert an der Westfälischen-Wilhelms-Universität Münster Politikwissenschaft und Kommunikationswissenschaft. Sie hat sich im Rahmen des Kurses „Nachhaltigkeit – Eine Einführung“ von ZIN-Mitarbeiterin Carolin Bohn mit dem Konzept „Kontraktion und Konvergenz“ auseinandergesetzt und es dabei insbesondere mit Fragen der Verteilungsgerechtigkeit in Bezug gesetzt.

 

Bildnachweis: pixabay (weitere Informationen hier)