Wie viel Panda steckt in der Partnerschaft für Nachhaltigkeit von WWF und EDEKA?


Gastbeitrag / Mittwoch, September 19th, 2018

Aufgrund seiner Nähe zur Industrie wird dem WWF (World Wide Fund For Nature) vielfach vorgeworfen, die eigene Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit zu gefährden. So nannte z.B. der SPIEGEL den WWF den „Kumpel der Konzerne“ und beschuldigte ihn „eigene Standards zu unterlaufen“ und gegen „große Spenden und kleine Zugeständnisse die Lizenz zur Zerstörung der Natur“ zu erteilen (SPIEGEL 2012). Im Geschäftsjahr 2015/16 stammten rund 18 % der Einnahmen des WWF Deutschland aus Kooperationen mit Unternehmen (Jahresbericht WWF Deutschland) – eines dieser Unternehmen ist EDEKA.

„Wie viel Panda steckt in dir?“, so lautet der Werbeslogan der öffentlichkeitswirksamen Kampagne der „Partner für Nachhaltigkeit“ WWF und EDEKA. Im gemeinsamen Werbespot verwandelt sich ein junges Mädchen nach und nach in einen Panda, weil sie im Alltag Wasser spart, Müll trennt und Fahrrad fährt. Der Panda, Logo des WWF und Symbol für Naturschutz, ermutigt das Mädchen und das TV-Publikum nachhaltig zu handeln (Werbung).

Heutzutage ist nahezu unbestritten, dass der wirtschaftliche Erfolg eines Unternehmens mit der Verantwortung gegenüber Mensch und Umwelt verbunden ist. Die soziale Verantwortung eines Unternehmens, die „Corporate Social Responsibility (CSR)“ wird als entscheidender Faktor für den Unternehmenserfolg (finanzieller Erfolg genauso, wie ein guter Ruf) wahrgenommen. Auch das Streben nach Nachhaltigkeit wird heutzutage zur CSR eines Unternehmens gezählt.

Seit 2012 ist die soziale Unternehmensverantwortung von EDEKA vor allem in Form der Partnerschaft mit dem WWF sichtbar. Ein vormals meist von Konfrontation und Konflikt geprägtes Verhältnis von Nichtregierungsorganisationen (NROs) und Unternehmen weicht (nicht nur hier) einem komplexeren Bild. Zwar setzen auch heute NROs wie Greenpeace weiterhin auf konfrontative Kampagnenaktivität. Der WWF hingegen verortet sich selbst am anderen Ende des Spektrums und nimmt Unternehmenskooperationen als Chance wahr. Für ein Unternehmen wie EDEKA liegt der Mehrwert einer Kooperation mit dem WWF auf der Hand: EDEKA profitiert von dem Fachwissen und von der Glaubwürdigkeit des WWF.

Aber wo liegen die Vorteile für den WWF?

EDEKA hat als großer Lebensmittelhändler einen direkten Einfluss auf Ressourcenverbrauch und Umweltbelastungen; indirekt kann er durch sein Lebensmittelangebot auch Konsum- und Lebensstile beeinflussen. Der WWF hat diesen großen Einfluss von EDEKA auf Mensch und Umwelt offensichtlich erkannt und ist daher an lösungsorientierten Kooperationen mit Unternehmen interessiert. Er hofft, im Zuge solcher Kooperationen die Positionen des Unternehmens EDEKA beeinflussen zu können. Hier stellt sich allerdings die Frage: Sind die Ideen des WWF und EDEKAs zum „nachhaltigen“ Umgang mit Mensch und Umwelt überhaupt ähnlich genug, um eine Zusammenarbeit zu ermöglichen? Oder muss einer der Partner von seinen Positionen abrücken? Kann der WWF in der Kooperation mit EDEKA weiter seine weitreichenden Ideen zu Nachhaltigkeit vertreten – oder führt die Kooperation unweigerlich zu einer Schwächung des Nachhaltigkeitsverständnisses des WWF?

Die eigene Glaubwürdigkeit ist das höchste Gut einer Nichtregierungsorganisation (Marschall 2010). Wägt man die Chancen und Risiken einer Partnerschaft mit EDEKA für den WWF ab, sollte daher kritisch gefragt werden: Kann der WWF seine Grundwerte der Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit auch in der Kooperation aufrechterhalten oder vergibt er zu leichtfertig „Siegel für verantwortliches Handeln“ (Marschall 2010) an Unternehmen?

In diesem Artikel versuchen wir erste Antworten auf diese Fragen zu finden und konzentrieren uns dabei auf das Thema „nachhaltige Ernährung“ als einen der Bereiche, um den es in der Partnerschaft zwischen WWF und EDEKA geht. Um Antworten zu finden, müssen wir vor allem schauen, ob es Unterschiede zwischen den ursprünglichen Ideen des WWF zu nachhaltiger Ernährung und den in der Partnerschaft mit EDEKA formulierten Ideen gibt.

Was sind die ursprünglichen Ideen des WWF zur Verwirklichung eines nachhaltigen Ernährungssystems?

Die Positionen des WWF bezüglich Produktion, Handel, Transport, Konsum und Verschwendung von Lebensmitteln sind grundsätzlich als „stark nachhaltig“ einzuordnen. Das bedeutet: Der WWF warnt ausdrücklich vor den ökologischen Grenzen des (Wirtschafts-)Wachstums. Weil es solche Grenzen gibt, so der WWF, ist erhöhte Lebensmittelproduktion keine Rechtfertigung für den übermäßigen Abbau von natürlichen Ressourcen.

Eine Ausweitung von Ackerflächen ist in vielen Regionen der Erde nur noch auf Kosten von natürlichen oft einzigartigen Lebensräumen möglich. In anderen Regionen ist eine Ausweitung bereits an ihre Grenzen gestoßen.“ (Positionspapier des WWF)

Daraus zieht der WWF u.a. die umweltpolitische Konsequenz, dass er Nachhaltigkeit nicht gegen einen eventuellen wirtschaftlichen Mehrwert abwiegt und immer an physischen Größen (wie z.B. dem ökologischen Fußabdruck) misst. Die Umwelt hat aus Sicht des WWF einen eigenständigen moralischen Wert und ist damit nicht nur wegen ihres (bspw. wirtschaftlichen) Nutzens für Menschen wichtig. Der WWF betont die Notwendigkeit, Natur nicht nur zu erhalten, sondern auch in Bodenfruchtbarkeit, Renaturierung und Waldaufbau zu investieren, um Flächen für zukünftige Generationen zu erhalten. Gleichermaßen müssen laut WWF schon heute Rohstoffe und Lebensmittel gerechter verteilt werden: Anstatt die Produktion zu steigern, muss vor allem die Lebensmittelverschwendung begrenzt werden.

Welche Ideen zur Verwirklichung eines nachhaltigen Ernährungssystems werden in der Unternehmenskooperation mit EDEKA deutlich?

Die „Partner für Nachhaltigkeit“ WWF und EDEKA haben sich neben der Reduzierung des absoluten Ressourcenverbrauchs zum Ziel gesetzt, den Anteil an nachhaltigen Produkten und anerkannte (Mindest-)Standards zu fördern. Man kann keinesfalls behaupten, die Partnerschaftsziele stünden in einem direkten Widerspruch zu den Positionen des WWF. Die gemeinsamen Zielsetzungen von EDEKA und WWF setzen jedoch teilweise stärker auf Effizienz und technische Fortschritte als Wege zur Umsetzung von Nachhaltigkeit. Während der WWF sich ursprünglich kritisch gegenüber der Idee eines grenzenlosen (Wirtschafts-)Wachstums äußert, gehen WWF und EDEKA in ihrer Partnerschaft davon aus, dass Umweltschutz und Wirtschaftswachstum Hand in Hand gehen können. Indem die Partner Hoffnungen in Effizienzsteigerungen in der Lebensmittelproduktion stecken, vernachlässigen sie allerdings bestimmte Fragen der Nachhaltigkeit: Auch, wenn Lebensmittelproduktion effizienter wird – wie viel Fläche wird trotzdem durch sie verbraucht? Wie viel CO2 wird trotzdem durch sie freigesetzt? Wie viel Müll entsteht trotzdem im Zuge der Produktion?

Aus der Sicht von EDEKA und dem WWF ist es außerdem gerechtfertigt, Umweltkosten und Nutzen abzuwägen. Palmöl z.B. sei grundsätzlich kein schlechtes Öl, da es auf vergleichsweise geringer Fläche angebaut werden kann und einen Großteil des weltweiten Bedarfs an Pflanzenöl decken kann. EDEKA setzt sich aus diesem Grund nicht für einen schrittweisen Verzicht auf Palmöl im Produktangebot ein.

Auch in der Kooperation zwischen EDEKA und WWF wird die Kritik an der zu starken Ausbeutung natürlicher Ressourcen durch den Menschen laut und die Partner formulieren bestimmte Kooperationsziele, um dieser übermäßigen Ausbeutung entgegenzuwirken. Im Vergleich mit den ursprünglichen Ideen des WWF sind diese Kooperationsziele jedoch deutlich praxisnaher formuliert. Anstatt rein ökologische Ziele zu verfolgen (z.B. den Erhalt von Artenvielfalt) ist es für ein Unternehmen wie EDEKA leichter, „Nachhaltigkeit“ konkret durch höhere Effizienz bei Energie-, Wasser- oder Ressourcenverbrauch umzusetzen. Denn diese Effizienzmaßnahmen sind gleichzeitig leicht messbar, gut steuerbar und von unmittelbarem wirtschaftlichen Nutzen.

Wie Glaubwürdigkeit (wieder-)herstellen?

Es gibt also tatsächlich einige Positionen des WWF, die sich in der Kooperation mit EDEKA anders darstellen als zuvor. Abschwächungen von ursprünglichen Ideen sind dabei vor allem in solchen Bereichen zu beobachten, die wesentlich für den Unternehmenserfolg sind. Diese Erkenntnisse können zwar nicht pauschal auf alle NRO-Unternehmenskooperationen übertragen werden. Dennoch zeigt sich hier, dass sich die Schwerpunkte der Nachhaltigkeitsziele – beeinflusst durch die Interessen des Unternehmens – leicht verschieben können.

Der WWF sollte meiner Meinung nach zu seinen ursprünglichen Ideen zurückkehren, indem er sein Augenmerk verstärkt auf den absoluten Ressourcenverbrauch entlang der gesamten Wertschöpfungskette EDEKAs richtet und hier Einsparungen fördert und fordert. Die aufgezeigte Abschwächung von Ideen zur Umsetzung von Nachhaltigkeit im Zuge der Partnerschaft des WWF mit EDEKA bestätigt außerdem die Position von Kritiker*innen, die Kooperationen zwischen dem WWF und „problemverursachenden“ Unternehmen für bedenklich halten (Fischer 2017). Entscheidet sich eine NRO wie der WWF für eine Unternehmenskooperation, steht daher fest: Sie muss stets die Positionen des Partners mit dem eigenen Nachhaltigkeitsverständnis vergleichen und darf nur solange kooperieren, wie der Partner sein unternehmerisches Handeln glaubwürdig an den gemeinsam formulierten Zielen ausrichtet, um die eigene Glaubwürdigkeit nicht zu gefährden.

 

Zur Autorin:

Antonia Below hat an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster den Bachelor-Studiengang „Politik und Recht“ absolviert. Sie hat sich im Rahmen ihrer Bachelorarbeit am Beispiel der Kooperation zwischen WWF und EDEKA mit den Auswirkungen von Unternehmenskooperationen auf das Nachhaltigkeitsverständnis von NROs beschäftigt.

 

Quellen/Zum Weiterlesen:

Eichhorn, Marcus; Pleuser, Kai (2015): Kooperationen zwischen Unternehmen und NGOs im CSR-Kontext. In: Schneider A., Schmidpeter R. (Hg.): Corporate Social Responsibility. Berlin, Heidelberg: Springer Gabler, S. 1139–1153

Fischer, Klaus (2017): Corporate Sustainability Governance. Nachhaltigkeitsbezogene Steuerung von Unternehmen in einer globalisierten Welt. Wiesbaden. Springer Spektrum (Theorie und Praxis Nachhaltigkeit.

Glüsing, Jens; Klawitter, Nils (2018): Kumpel der Konzerne. In SPIEGEL (22), S. 62-67. Online verfügbar unter http://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/85913035

Lang, Susanne (2010): Partnerschaften zwischen Unternehmen und zivilgesellschaftlichen Organisationen – Erkundungsgänge im Grenzgebiet zwischen Wirtschaft und Zivilgesellschaft. In: Klein/Siegmund (2010) Partnerschaften von NGOs und Unternehmen. Chancen und Herausforderungen. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S.19-42

Marschall, Thomas (2010): Advocate, Stakeholder, Fundraiser – Partnerschaften zwischen NGOs und Unternehmen im Spannungsfeld zwischen entwicklungspolitischen Forderungen und Fundraising. In: Klein/Siegmund (2010) Partnerschaften von NGOs und Unternehmen. Chancen und Herausforderungen. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 73-84.

WWF Deutschland (2015): Positionspapier des WWF Deutschland zu Nachhaltige Ernährung. Online verfügbar unter https://www.wwf.de/fileadmin/fm-wwf/Publikationen-PDF/WWF-Position_NachhaltigeErnaehrung.pdf

WWF Deutschland (2016): Jahresbericht WWF Deutschland. 2015|2016. Online verfügbar unter http://www.wwf.de/fileadmin/fm-wwf/Publikationen-PDF/WWF-Jahresbericht-2015-2016.pdf

 

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