Was macht den IPCC Sonderbericht „1,5°C globale Erwärmung“ so besonders?


Le Anh Nguyen Long, Pia Buschmann / Mittwoch, November 21st, 2018

Der Sonderbericht „1,5°C globale Erwärmung“ des International Panel on Climate Change (IPCC) wurde vor ca. einem Monat, am 8. Oktober 2018, veröffentlicht. Das IPCC, auch genannt „Weltklimarat“, untersucht in diesem Sonderbericht die Folgen eines globalen Temperaturanstieges von 1,5°C gegenüber dem vorindustriellen Niveau. Im Gespräch mit dem philippinischen Klimawandelexperten Dr. Antonio La Viña haben wir nachgefragt, warum der IPCC Sonderbericht überhaupt so besonders ist, warum er verfasst wurde und welche Veränderung er bewirken soll. La Viña hatte sich gemeinsam mit anderen Experten und Expertinnen während der Klimakonferenz der Vereinten Nationen in Paris (2015) dafür eingesetzt, dass der IPCC diesen Sonderbericht durchführen kann. Der Klimawandelexperte teilt uns außerdem seine Einschätzung darüber mit, welches Rolle die Klimaskepsis in den heutigen internationalen Verhandlungen spielt, und was Bürgerinnen und Bürger seiner Meinung nach tun können, um den Klimaschutz zu unterstützen.

Inforamtionen zu Dr. Antonio La Viña

Dr. Antonio La Viña ist Professor für Recht, Governance und Philosophie. Er gehört zu den erfahrensten Experten für Klimawandel der Philippinen und führt die Verhandlung seines Landes beim internationalen Klimagipfeln an. Dr. La Viña vertritt die Philippinen seit der ersten Klimakonferenz der Vereinten Nationen, die 1995 in Berlin stattfand. Er hat aktiv dazu beigetragen, dass der Bericht des Intergouvernemental Panel on Climate Change (IPCC) in die United Nations Framework Convention on Climate Change (UNFCCC) aufgenommen wurde. Als Vorsitzender in der Kyoto-Verhandlung im Bereich der Landnutzung und Veränderung in Landnutzung und Forstwirtschaft spielte er eine wichtige Rolle. 2009 leitete er in Kopenhagen die REDD-plus-Verhandlungen (REDD +). Zwei Jahre später leitete Dr. Antonio La Viña erneut die Verhandlungen über REDD-plus auf der Weltklimakonferenz in Durban, auf der sich 195 Länder auf die Finanzierung von REDD-plus einigten.

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Was ist die besondere Bedeutung des 1,5°C-Ziels zur Reduzierung der globalen Erwärmung?

Zuerst haben wir den Klimawandelexperten gefragt, warum die Folgen eines 1,5°C globalen Temperaturanstieges überhaupt im Rahmen des Sonderberichts untersucht wurden. Denn schließlich hat sich die internationale Gemeinschaft auf eine Begrenzung des globalen Temperaturanstieges von 2,0°C gegenüber dem vorindustriellen Niveau geeinigt. Dr. Antonio La Viña antwortete uns: Es sei selbstverständlich klar, dass eine Begrenzung der globalen Erwärmung durch ein 1,5°C-Ziel ehrgeiziger sei, als im Vergleich die Setzung und Einhaltung eines 2°C-Ziels. „Die meisten großen Länder bevorzugen [jedoch] das 2,0°C-Ziel, da sie denken, dass es einfacher [zu erreichen] ist.“ Das entscheidende Problem dabei sei jedoch, so La Viña, „dass es einen großen Unterschied zwischen einer Begrenzung des globalen Temperaturanstieges auf 1,5°C und 2,0°C gibt… es wird zum Beispiel geschätzt, dass wir bei einem Temperaturanstieg von 2,0°C fast alle Korallenriffe verlieren werden, während 10-15% der Riffe bei 1,5°C erhalten bleiben.“ Darüber hinaus zeige der Sonderbericht, dass bereits die 1.5°C-Begrezung drastische Folgen für Mensch und Umwelt nach sich ziehe; nichtsdestotrotz sei sie dem 2,0°C vorzuziehen. La Viña fügt hinzu, dass eine noch strengere Begrenzung als 1,5°C selbstverständlich wünschenswerter, jedoch zum jetzigen Zeitpunkt nicht umsetzbar sei. Im Gegensatz dazu sei das 1,5°C-Ziel im Prinzip noch zu erreichen, vor allem aus technischer Sicht, es bleibe jedoch eine Herausforderung.

Was war der Beweggrund für die Erstellung des IPCC-Sonderberichts?

Der IPCC-Sonderbericht wurde auf Wunsch einer Ländergruppe erstellt, die einen Teil des „Climate Vulnerable Forum“ bildet. Der philippinische Klimaexperte erklärte uns: „Wir wollten ehrgeizigere Emissionsreduktionen, ehrgeizigere Finanzierungen und andere technische Unterstützung für Entwicklungsländer, die unter den Folgen des Klimawandels leiden, insbesondere für die Länder, die am stärksten gefährdet sind.“ La Viña beschreibt hier die verzwickte Lage, in die sich die Ländergruppe mit dieser Forderung begab: zum einen seien der Gruppe die konkreten Auswirkungen von verschiedenen Temperaturerhöhungen (etwa hinsichtlich der verschiedenen Szenarien eines 1,5°C; 2°C; 2,7°C; 4°C Ziels) nicht näher bekannt gewesen und entsprechend hätten sich daraus auch keine Maßnahmen und Schritte ableiten lassen. Erst auf Basis des Sonderberichts hätte die Gruppe stark vom Klimawandel betroffener Länder die wissenschaftliche Basis und Autorität für diese Forderung aufbringen und entsprechenden Handlungsdruck auf andere Regierungen ausüben können.

Welchen Stellenwert hat der Sonderbericht für die internationalen Klimaverhandlungen?

Wir erfahren von Herrn La Viña, dass der Sonderbericht einen Wendepunkt in den internationalen Verhandlungen darstellt: Zunächst sei der Bericht von großen Ländern wie den USA, China, und Saudi-Arabien sowie von vielen Entwicklungsländern abgelehnt worden. „Diese Länder hätten von den Auswirkungen des globalen Temperaturanstieges je nach Zielsetzung lieber nichts gewusst. Aber die Philippinen haben zusammen mit anderen vom Klimawandel stark betroffener Länder die Klimaverhandlungen auf der COP 21 in Paris stark beeinflusst.“ So seien sich diese Länder darüber einig gewesen, dass das 1,5°C-Ziel zwar ehrgeizig sei, dass sie aber dennoch diesen Sonderbericht benötigten, um zu sehen, ob die Welt eine so ehrgeizige Verpflichtung überhaupt eingehen könne. Glücklicherweise, so La Viña, konnte der anfängliche Widerstand seitens der großen Länder gegen die Erstellung des Berichts überwunden werden. Er resümiert, dass der Bericht den typischen Einwänden großer Länder, das 1.5°C-Ziel sei mit zu hohen wirtschaftlichen Kosten verbunden, den Wind aus den Segeln nehmen könnte. Der Sonderbericht zeige deutlich, dass die Kosten in Anbetracht der katastrophalen Auswirkungen weitaus höher lägen, wenn die Weltgemeinschaft eine Temperaturerhöhung um 2° C Grad zuließe. Kurz gesagt, das 1.5°C-Ziel sei wirtschaftlich erschwinglicher als das 2°C-Ziel zur Reduzierung der globalen Erwärmung.

Was können wir sonst noch aus dem IPPC-Sonderbericht mitnehmen?

Wir fragen Dr. Antonio La Viña nach den wichtigsten Elementen, die man aus dem Sonderbericht mitnehmen kann.  Zuerst, so La Viña, sei da die Setzung eines klaren Zeitfensters zu nennen. „Zum ersten Mal wird der internationalen Gemeinschaft ein Zeitfenster gesetzt, im Rahmen dessen Aktionen zur Bekämpfung des Klimawandels erfüllt sein müssen.“  Dr. Antonio La Viña führt weiter aus: „Wir haben bis 2030 Zeit, alles dafür zu tun, um die schlimmsten Schäden, die schlimmsten Auswirkungen des Klimawandels abzuwenden. Hiervon ist ebenfalls die Einhaltung der 2040-Zielsetzung abhängig: Wenn wir nämlich das, was wir machen müssen bis 2030 nicht erledigen, dann werden wir ab 2040 die schlimmsten Szenarien und die schlimmsten Folgen des Klimawandels erleben.“ Zweitens, zeige der Bericht nicht nur, dass das 1,5°C-Ziel dem 2°C-Ziel vorzuziehen sei, sondern auch, dass die Einhaltung der 1,5°C-Begrenzung (technisch) möglich sei: „Diese Herausforderung wird von politischer Natur sein und deswegen müssen wir daran arbeiten.“

Was bedeutet der Bericht für die Philippinen?

Hier müssten die Philippinen vor allem zwei Dinge tun: „Wir müssen [zuerst] unsere Anpassungsgeschwindigkeit verdoppeln. Momentan erleben wir auf den Philippinen die Folgen einer Temperatursteigerung von 1 bis 1,2°C. Dem Sonderbericht zu Folge, müssen wir uns aber nicht nur auf einen Anstieg von 1,5 bis 2°C einstellen, sondern auch auf die Auswirkungen einer Temperaturveränderung von 3°C. Und zweitens müssen wir sehr hart daran arbeiten, andere Länder dazu zu bringen, ihre Vermeidungsstrategien zu verstärken, um zu einem 2°C- oder gar zu einem 1,5°C-Szenario zurückzukehren. In diesem Fall müssen die Philippinen auch die Emissionen senken, denn es wäre scheinheilig, von anderen Ländern zu fordern, ihre Emissionen zu senken, wenn wir es nicht selbst tun.“ Dr. Antonio La Viña unterstreicht hier die Notwendigkeit einer internationalen Zusammenarbeit: „Wir können unsere Ziele erreichen, wenn wir uns zuerst mit den Ländern verbünden, mit denen wir die gleichen Interessen teilen. Zum Beispiel mithilfe des Climate Vulnerable Forum, darunter auch die Small Island States.  In einem zweiten Schritt, können wir uns Verbündete unter den großen Ländern suchen…“ – in der Hoffnung, dass sie den Wert unserer Forderungen erkennen.

Welche Rolle spielt die Klimaskepsis in den aktuellen internationalen Klimaverhandlungen?

La Viña stellt zunächst fest, dass, obwohl es überall Akteure gebe, die den Klimawandel leugneten, „der größte Teil der Skepsis hauptsächlich in den USA vorzufinden ist“. Selbst die OPEC-Länder hätten sich in dieser Frage wirklich verändert und verstünden inzwischen, dass der menschengemachte Klimawandel ein großes Problem darstelle. „Nur in den USA, gibt es eine nennenswerte politische Fraktion, die republikanische Partei, die weiterhin für Klimaskepsis steht. Und wann immer ein Präsident von dieser Partei gewählt wird, orientiert sich die gesamte Regierung in Richtung der Klimaskepsis.“ Der Wissenschaftler fügt jedoch hinzu, dass es sich bei dieser Klimaskepsis vor allem um eine „künstlich erwirkte Skepsis“ handele: „[D]iese wird von der Industrie geschaffen, insbesondere von der Öl-Lobby. Ich habe mich in den ersten Jahren dieses Kampfes mit ihnen beschäftigt. [Die Industrie kannte]  die wissenschaftlichen Ergebnisse sogar früher als die meisten von uns. Allerdings hielten sie die Erkenntnisse über den Klimawandel zurück und begannen gefälschte Ergebnisse zu produzieren um die Menschen zu verunsichern.“ Nichtsdestotrotz habe sich das Feld der Klimaforschung im Laufe der Zeit beträchtlich gewandelt: die ursprünglich eingesetzten Modelle und zugrundeliegende Daten seien mit der Zeit immer zuverlässiger geworden, sodass immer klarere Erkenntnisse über die Zusammenhänge von den Ursachen des Klimawandels und seinen Folgen gewonnen werden konnten. Wissenslücken würden geschlossen werden und die Zeithorizonte, in denen zu handeln sei, werden immer konkreter. D.h. allein schon vor diesem Hintergrund sei die Skepsis am menschengemachten Klimawandel heute nicht mehr aufrechtzuerhalten.

Inwiefern betrifft der IPCC Sonderbericht die Bürgerinnen und Bürger?

La Viña betont hier die Rolle eines politischen Engagements ebenso wie eigenverantwortliches Handeln im Rahmen der eigenen Möglichkeiten:  „Das Wichtigste ist die Politik…., die richtigen Führungskräfte auszuwählen, die entsprechend zentrale Entscheidungen zu treffen haben. Diese politische Handlung zählt mehr, als jede Handlung die man auf der individuellen Ebene tun kann.“ Trotzdem seien diese individuellen Handlungen daher nicht unwichtig, unterstreicht La Viña, denn sie erlauben es das Gesagte und politisch Geforderte in Handlungen und Aktionen umzusetzen. Hier empfehle er den Menschen z. B. die Nutzung von Plastik zu reduzieren und die Verschwendung von Ressourcen allgemein einzudämmen.

Informationen zum Interview

Das Interview wurde am 17. Oktober 2017 von Le Anh Nguyen Long, Post-doctoral fellow an der University of California Center for Environmental Policy and Behavior, und Pia Buschmann, Mitarbeiterin des Zentrums für Interdisziplinäre Nachhaltigkeitsforschung, durchgeführt. Unser herzlicher Dank bei der Erstellung dieses Blogartikels gilt Frau Lindsey Popken, Studentin der Anthropologie an der University of California (Davis) für die Verschriftlichung des Interviews und Frau Rosanna Fütsche Studentin der „Interanationale und Europäische Governance“ an der WWU Münster für die Übersetzung des Blogartikels aus dem Englischen ins Deutsche.

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Zum Weiterlesen:

https://www.de-ipcc.de/256.php

https://www.lwl.org/LWL/Kultur/Westfalen_Regional/Naturraum/Klimawandel