Vorweihnachtsstress – Symptom der modernen Gesellschaft


Sophie Dolinga / Sonntag, Dezember 2nd, 2018

Die Weihnachtszeit – Zeit der Einkehr, Ruhe und Besinnlichkeit, aber auch Zeit des endlosen Geschenkekaufmarathons, des Hetzens von einer Weihnachtsfeier zur nächsten und der letzten Last-minute Besorgungen vor den Festtagen.

In den Wochen vor Weihnachten wird die notorische Zeitknappheit vieler Menschen so deutlich wie sonst selten im Jahr. Dinge, die uns und unseren Lieben eigentlich Freude bereiten sollten, scheinen in viel zu kurzer Zeit erledigt werden zu müssen. Hektik statt Ruhe, Stress statt Genuss sind das Resultat. Doch wie kommt es dazu, dass heutzutage so viele Menschen unter chronischem Zeitmangel leiden? Warum scheitern oftmals die Versuche dem Stress und der Unruhe zu entfliehen? Und was können wir dem entgegensetzen?

Wie Zeitersparnis zu Zeitmangel führt

Zeit ist das knappste Gut, das uns zur Verfügung steht und einmal verstrichen bekommen wir sie nie mehr zurück. Dieser Gedanke spiegelt sich vor allem in unseren modernen Gesellschaften wider, in denen die Zeitersparnis und die effiziente Nutzung von Zeit im Vordergrund stehen. Durch technologische Entwicklungen, die uns zeitintensive Tätigkeiten abnehmen oder stark verkürzen, haben wir theoretisch so viel Zeit zur freien Verfügung, wie noch nie: Die Bahn ersetzt so manche Tagesreise zu Fuß, der Kopierer macht langwierige handschriftliche Abschriebe überflüssig und die Digitalisierung ermöglicht sofortige Kommunikation mit Menschen auf der ganzen Welt. Nichtsdestotrotz erfahren wir oftmals ein Gefühl von Zeitmangel, welches nicht selten zu chronischem Stress, Überlastung und psychischen Erkrankungen führt. Der Soziologe Hartmut Rosa fasst dieses Phänomen in seiner Theorie der „Beschleunigung“ zusammen. Er zeigt auf, dass zeitgleich mit dem technischen Fortschritt, der große Zeitersparnisse ermöglicht hat, auch die Aufgaben, die wir zu erledigen glauben, angestiegen sind – und zwar in einem noch höheren Maß, als es die ursprünglichen Zeitersparnisse erlauben würden.

So ermöglicht beispielsweise das Auto, dass wir nur noch fünf Minuten anstatt einer halbe Stunde zu Fuß zur Arbeit brauchen. Gleichzeitig nehmen wir aus diesem Grund aber auch immer weitere Anfahrtswege in Kauf und versuchen die gewonnene Zeit für weitere Erledigungen zu nutzen. Somit benötigen wir mit dem Auto teilweise mehr Zeit für den Weg zur Arbeit als vorher, und haben das Gefühl auf dem Rückweg noch „kurz“ einen Umweg zum Einkaufen und ins Fitnessstudio machen zu müssen, bevor wir zum Abendessen verabredet sind. Eine Zeittaktung, die noch vor wenigen Jahrzehnten nicht vorstellbar gewesen wäre. Da die Länge unserer To-do-Listen zunehmend die technisch ermöglichten Zeitersparnisse übersteigt, haben wir gefühlt immer weniger Zeit zur Verfügung. Es kommt zu einer Beschleunigung unseres Alltags.

Zu viele Möglichkeiten, zu wenig Zeit

Dass wir unsere Zeit mit immer mehr Aufgaben füllen, sie möglichst effektiv nutzen und „das Beste“ aus dem knappen Gut rausholen wollen, liegt an der tiefen Verankerung von Zielen wie „Fortschritt“, „Wachstum“ und „Optimierung“ in unseren Gesellschaften (mehr dazu: Wohlstand neu denken – Wachstum hinterfragen). Doch der chronische Zeitmangel zeigt deutlich auf, dass eine effizientere und optimierte Zeitnutzung sowie eine Zunahme an Handlungsmöglichkeiten – mehr zu konsumieren, mit mehr Menschen zu kommunizieren, mehr von der Welt zu sehen – nicht zwangsläufig mit einer höheren Lebensqualität einhergeht. Indem wir versuchen möglichst viel zu erledigen und zu erleben, nehmen wir uns für keine dieser Möglichkeiten genug Zeit, um sie wirklich zu erfassen und zu genießen.

Der Ökonom Niko Paech erklärt dies, bezogen auf den (Über)Konsum unseres westlichen Lebensstils (mehr dazu: Weltweite Krisen – „uns“ geht es gut?), wie folgt: „Damit nämlich Konsumaktivitäten überhaupt Glücksgefühle verursachen oder die Zufriedenheit steigern können, muss ihnen ein Minimum an Aufmerksamkeit gewidmet werden. Und das geht nicht, ohne eigene Zeit zu investieren, denn Empfindungen lassen sich weder automatisieren noch an jemanden delegieren“ (Habermann et al. 2014, S. 42). Angesichts der begrenzten zur Verfügung stehenden Zeit, aber fast unbegrenzter Möglichkeiten wird Konsumwohlstand zu Konsumstress. Um, im Sinne der Steigerungslogik unserer Wirtschafts- und Lebensweise, keine Möglichkeit ungenutzt zu lassen, wird jedem Produkt und jeder Aktivität immer weniger Aufmerksamkeit zu teil. Dies führt, nach Rosas Theorie, zu einem lediglich unvollständigen und unbefriedigenden Konsumgefühl. Dieses wiederrum wird durch mehr Konsum zu kompensieren versucht, wodurch dem einzelnen Produkt noch weniger Zeit gewidmet werden kann.

Weniger ist mehr: Bewusstes Erleben gegen den Zeitmangel

Paech liefert einen Gegenentwurf zu diesem Konsumstress, indem er für eine Befreiung vom ‚Wohlstandsschrott‘ und die Konzentration auf ein begrenztes Maß an Konsum plädiert. Dies sei nicht nur ressourcen- und umweltschonend, sondern ermögliche auch einen glücksstiftenden und von äußeren Einflüssen unabhängigeren Konsum. Dabei wird auf Produkte und Tätigkeiten verzichtet, die viel Zeit brauchen, aber nur wenig Erfüllung oder Nutzen bringen. Es werden hingegen Praktiken (wieder)entdeckt, die sich von der reinen Konsummaximierung abgrenzen. Dazu gehört die Nutzungsdauer von Produkten zu verlängern, durch etwa Instandhaltung und Reparatur in sogenannten Repair-Cafés, oder aber eine gemeinschaftliche Nutzung zu erleichtern, z.B. im Rahmen nachbarschaftlicher Verleihsysteme. Auf diese Weise werden nicht nur zeitraubender und überflüssiger Konsum reduziert, sondern auch positive Erfahrungen ermöglicht. Dies geschieht beispielsweise indem sozialer Austausch und gesellschaftlicher Zusammenhalt gefördert, sowie Fähigkeiten und Wissen angeeignet und weitergegeben werden.

In dem Ansatz, den Rosa der Beschleunigung unserer modernen Gesellschaften entgegenstellt, steht im Fokus, dass nicht allein was bzw. wie viel wir in unserer Zeit tun entscheidend für ein erfülltes Leben ist, sondern vielmehr wie wir dies erleben. Er hebt hervor, dass es für die Menschen zentral ist, sich wieder als aktiver und gestaltender Teil der Welt fühlen zu können. Dies geschehe, wenn wir merken, wie die Welt auf unsere Impulse reagiert und wir somit durch eine Wechselwirkung in Beziehung zu ihr treten. Diese Erfahrungen können stark unterschiedlich aussehen: So kann uns beispielsweise die Anerkennung der Arbeitskollegin oder aber die Empfindungen, die ein Kunstwerk in uns hervorruft, aufzeigen, dass wir in Kontakt zur Außenwelt stehen. Doch solche Erfahrungen, die Rosa als „Resonanzerfahrungen“ beschreibt, sind zeitintensiv. Wir benötigen Zeit, um die hervorgerufene Reaktion überhaupt wahrnehmen zu können – Doch woher nehmen wir diese?

Schenk dir den Stress, nimm dir die Zeit

Den eigenen Konsum selbstbestimmt zu begrenzen und sich mehr Zeit für die Dinge und Erlebnisse in unserem Leben zu nehmen sind zwei Ansätze, um nicht in der schieren Fülle von Möglichkeiten unterzugehen und erfüllende Erfahrungen überhaupt erst zuzulassen. Dabei muss uns klar werden, dass unsere Aufmerksamkeit Grenzen hat und Empfindungen und (Glücks-)Gefühle Zeit benötigen. Eine Maximierung von Optionen und Konsum innerhalb eines begrenzten Zeitraums ist nicht gleichzusetzen mit einer Maximierung von Erfahrungen und Zufriedenheit.

Dieser Gedanke bedeutet auch, dass wir die Steigerungs- und Optimierungslogiken, die wir auch auf unsere Zeitgestaltung anwenden, hinterfragen. Es braucht ein Nachdenken darüber wie wir unsere Zeit gestalten wollen: Wollen wir unsere Zeitnutzung nur an Effizienz ausrichten oder legen wir auf andere Dinge mehr wert? Was macht für uns eine „erfüllte Zeit“ aus?

Doch diese Fragen stellen sich nicht nur individuell, sondern auch uns als Gesellschaft. Unser aller Handeln ist von Erwartungen und Regeln geprägt – sowohl im Beruf als auch in unserer Freizeit. Vielleicht ist der Stress der Vorweihnachtstage genau der richtige Zeitpunkt, sich vom Zeitmangel bewusst loszusagen und dies als Chance zu sehen: Sich die Zeit nehmen, uns deutlich zu machen, wie unser Zeitempfinden durch unser Umfeld beeinflusst wird und darüber nachzudenken wie wir unsere Zeit verbringen wollen.

Zum Weiterlesen:

Habermann, Friederike; Haug, Frigga; Paech, Niko; Rosa, Hartmut; Kirschenmann, Lena; Wittmann, Felix (2014). Zeitwohlstand. Wie wir anders arbeiten, nachhaltig wirtschaften und besser leben. München: oekom verlag. (Online verfügbar)

Paech, Niko (2015). Befreiung vom Überfluss. Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie. München: oekom verlag. 8. Auflage

Rosa, Hartmut (2013). Beschleunigung und Entfremdung. Entwurf einer kritischen Theorie spätmoderner Zeitlichkeit. Frankfurt: Suhrkamp.