Schon wieder diese guten Vorsätze…? Ein Plädoyer für die Hoffnung auf Neuanfänge


Carolin Bohn / Dienstag, Januar 1st, 2019

Vor einigen Tagen habe ich jemandem erzählt, dass ich für unseren Blog einen Neujahrs-Artikel schreiben werde. „Aber bloß nichts über gute Vorsätze!“, entgegnete mein Gegenüber daraufhin sofort – und ich war etwas empört. Denn natürlich hatte ich mir vorgenommen, etwas über Vorsätze fürs neue Jahr zu schreiben – das ist ja schließlich ein klassisches Silvesterthema, und so viele andere typische Silvesterthemen fielen mir dann auch nicht ein. Gleichzeitig konnte ich den Ausruf „Aber bloß nichts über gute Vorsätze!“ gut nachvollziehen, weil der Gedanke an sie auch für mich untrennbar mit den Gedanken an all die Dinge verbunden ist, die man sich irgendwann mal im Januar vorgenommen hatte, um sie dann doch nie in die Tat umzusetzen. Wäre es also besser, sich gar nicht erst Gedanken über gute Vorsätze zu machen (und ihnen auch keine Neujahrs-Artikel mehr zu widmen)? Ich denke nicht, denn für mich drückt sich in ihnen die Hoffnung darauf aus, dass Veränderungen und vielleicht sogar kleine Neuanfänge immer möglich sind.

Das ganze Konstrukt der guten Vorsätze macht schließlich nur vor dem Hintergrund Sinn, dass wir an diese Möglichkeit von Wandel glauben. Wie sonst ist es zu erklären, dass viele von uns im Januar immer wieder aufs neue planen, auf welche Weise sie ihr Leben im neuen Jahr verändern möchten, sei es durch mehr Sport, mehr Zeit für die Familie oder einen weniger stressigen Alltag? Der Neuanfang des Jahres vermittelt uns scheinbar das Gefühl, dass Neuanfänge und Veränderungen auch in unserem persönlichen Leben möglich sind. Aus meiner Sicht ist es sehr wichtig, dass wir uns diese Hoffnung bewahren. Ich halte sie nicht nur mit Blick auf unser persönliches alltägliches Leben für unabdingbar, sondern auch und vor allem für unser Leben als Mitglied einer Gesellschaft, die sich aktuell großen Herausforderungen stellen muss: Politische Entwicklungen bieten auf den ersten Blick oft wenig Anlass dazu, an Neuanfänge und positive Veränderungen zu glauben. Sei es der Kampf gegen den Klimawandel, der inzwischen schon sieben Jahre andauernde Krieg in Syrien, die Hungersnot im Jemen, die unerträglich hohe Zahl von Menschen, die zur Flucht aus ihrer Heimat gezwungen sind, Wohnungsnot oder Altersarmut – viele dieser belastenden Themen tauchen täglich in unseren Nachrichten auf, ohne das von grundlegenden Veränderungen zum Guten berichtet werden könnte. Manchmal scheint es, als sei schon der Bericht über die Stagnation von Situationen oder Zahlen eine gute Nachricht; die erschütternde Krise wird zur Normalität und wir kommentieren ironisch die scheinbare Unfähigkeit derer, von denen wir uns eigentlich Veränderung erhofften. Gerade mit Blick auf diese Entwicklungen ist die Hoffnung auf einen Neuanfang entscheidend – denn was bliebe sonst? Wohl nur Fatalismus und die Abkehr von jenen, deren Leid sich vermeintlich ohnehin nicht mehr ändern lässt. Gleichzeitig scheint das Plädoyer für das Bewahren von Hoffnung mit Blick auf die Dimension der eben angeführten Probleme sehr leicht naiv und unrealistisch.

Die Hoffnung auf die Möglichkeit von Neuanfängen kann tatsächlich aber eine durchaus handfeste und tatkräftige Sache sein, und das haben wenige so gut auf den Punkt gebracht wie Hannah Arendt. Für die politische Theoretikerin ist es eine der wertvollsten Fähigkeiten von Menschen, dass sie durch ihr Handeln etwas vollkommen Neues anstoßen können. Sie bezeichnet diese Fähigkeit als „Gebürtlichkeit“ und bezieht sich damit auf den grundlegendsten Neuanfang – den Beginn eines neuen Lebens:

„Weil jeder Mensch aufgrund des Geborenseins ein initium, ein Anfang und Neuankömmling in der Welt ist, können Menschen Initiative ergreifen, Anfänge werden und Neues in Bewegung setzen. […] Der Neuanfang steht stets im Widerspruch zu statistisch erfassbaren Wahrscheinlichkeiten, er ist immer das unendlich Unwahrscheinliche; er mutet uns daher, wo wir ihm in lebendiger Erfahrung begegnen […], immer wie ein Wunder an.“ (Arendt, zitiert nach Prinz 2015: 223)

Die Geburt ist also nur der erste Neuanfang im Leben eines Menschen. Wir selbst und andere haben stets die Möglichkeit, immer wieder neu anzufangen und Veränderungen zu bewirken. Insofern sollten wir uns auch immer die Hoffnung auf Veränderung bewahren, so unwahrscheinlich sie uns erscheinen mag. Bis zu diesem Punkt könnte man Arendts Ausführungen für durchaus erbaulich und doch wenig praktisch halten. Tatsächlich fordert sie uns jedoch nicht einfach nur dazu auf, untätig zu Hause zu sitzen um auf diese wundersamen Neuanfänge zu hoffen. Im Gegenteil: die menschliche Fähigkeit, etwas Neues zu beginnen, kann sich nämlich nur im gemeinsamen Handeln und Sprechen entfalten. „Das Handeln und das Sprechen sind für Hannah jene Tätigkeiten, in denen sich das Geborenwerden sozusagen immer wieder neu ereignet“ (ebd.: 223) und das Handeln ist der gemeinsame „Umgang von Menschen mit Menschen in Tat und Wort“ (ebd.: 222). Arendts Glaube an Neuanfänge ist damit kein weltabgewandtes passives Wunschdenken – er ist verbunden mit der Aufforderung, mit anderen Menschen in Kontakt zu treten und mit ihnen gemeinsam etwas Neues zu schaffen.

Vielleicht ermöglichen diese Gedanken uns einen neuen Blick auf die alljährlichen guten Vorsätze. Wir können sie vor diesem Hintergrund als Ausdruck der Hoffnung auf erfolgreiche Neuanfänge begreifen und darauf, dass wir auch scheinbar nicht zu bewältigende gesellschaftliche und politische Probleme vielleicht irgendwann in den Griff bekommen können. Gleichzeitig sollten uns Arendts Ausführungen eine Mahnung sein: Der wundersame Neuanfang wird nicht einfach so „vom Himmel fallen“. Er braucht unseren aktiven Einsatz, er hängt von dem mutigen Zusammenwirken vieler Menschen ab. Wenn wir uns die Hoffnung auf positive Veränderungen über unser eigenes, einzelnes Leben hinaus bewahren möchten (und das nicht nur im Januar), könnten wir versuchen, diese Ideen in die Tat umzusetzen. Ein erster Schritt wäre es, zu schauen, wie man sich im eigenen Umfeld einbringen kann – die Möglichkeiten sind oft sehr vielfältig. In der Stadt Münster gibt es zum Beispiel eine Freiwilligenagentur, die über Möglichkeiten für ehrenamtliches Engagement informiert, und die Parteien und Vereine vor Ort freuen sich immer über engagierte Mitarbeit (über 900 Vereine und Gruppen sind im „Bürgernetz“ verzeichnet). Die Stadt richtet außerdem immer wieder Prozesse aus,  in die Bürger und Bürgerinnen sich einbringen können (z.B. MünsterZukünfte 20|30|50 und informiert auf ihrer Website über weitere Möglichkeiten der politischen Mitwirkung.Vielleicht schaffen wir es, in unserem sicherlich schon sehr vollen Alltag hier und dort noch etwas Zeit zu finden, die wir ganz gezielt dem gemeinsamen politischen und sozialen Engagement widmen können um so „den Umgang mit Menschen in Tat und Wort“ (s.o.) zu suchen, durch den wir Teil eines kleinen, unwahrscheinlichen, wundersamen Neuanfangs werden können.

 

Quellen:

Arendt, Hannah (1996): Vita activa oder Vom tätigen Leben. München: Piper.

Prinz, Alois (2015): Hannah Arendt oder Die Liebe zur Welt. 13. Auflage. Berlin: Insel Verlag.