„Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut“ Seit Wochen streiken Schüler*innen und Studierende bei den „Fridays for future“-Protesten für eine zukunftsfähige Politik


Sophie Dolinga / Donnerstag, März 14th, 2019

An so manchen grauen Wintertagen der letzten Monate standen junge Menschen deutschlandweit mit selbstgemalten Bannern und Schildern auf Marktplätzen, vor Rathäusern und Ministerien, anstatt in die Schule oder zur Universität zu gehen. Auch der typische Nieselregen in Münster konnte die hunderten Demonstrierenden, die sich Anfang März vor dem historischen Rathaus versammelt hatten, nicht entmutigen. Münster ist nur eine Stadt von vielen weltweit, in denen Schüler*innen und Studierende seit einigen Wochen freitags auf die Straße gehen, um sich für effektiven Klimaschutz, die Einhaltung des global gesetzten 1,5 Grad Ziels und einen frühen Kohleausstieg – kurz: für ihre Zukunft – einzusetzen.

Alles begann mit Greta Thunberg

Die Inspiration zu den Protesten, die sich unter dem Namen „Fridays for future“ innerhalb kürzester Zeit in Europa und weltweit verbreitet haben, stammt von einer 16-jährigen Aktivistin aus Schweden, Greta Thunberg. Im August 2018 begann sie, anstatt in die Schule zu gehen, vor dem schwedischen Parlament zu streiken. Ihre Argumentation: Warum für eine Zukunft lernen, die es aufgrund des rasant voranschreitenden globalen Klimawandels in dieser Form nicht mehr geben wird?

Greta Thunberg schafft es mit einer nüchternen Direktheit, die sich von den ausweichenden Formulierungen oder pathetischen Bekenntnissen diverser Politiker*innen unterscheidet und vermutlich grade deswegen vielen jungen Leuten aus der Seele spricht, die so genannte Klimakrise auf den Punkt zu bringen. Dabei stellt sie zentrale Fragen: Wenn der Klimawandel eine existenzielle Krise für unsere Gesellschaften darstellt, warum handeln wir dann nicht, um diese abzuwenden? Warum machen wir alle so weiter wie bisher, wenn wir doch wissen welche fatalen Konsequenzen das haben wird? Wenn wir uns in einer Krise befinden, warum benehmen wir uns dann nicht auch so?

Die junge Aktivistin führt der Weltgesellschaft vor Augen, dass die Auswirkungen des Klimawandels nicht für immer weit entfernt und abstrakt bleiben werden, sondern dass sie selbst und ihre Generation diese am eigenen Leib erfahren werden. Was Greta Thunberg dabei fordert sind keine kleinen individuellen Verhaltensänderungen, wie öfter mit dem Fahrrad statt mit dem Auto zu fahren, oder spärliche politische Zugeständnisse, wie die Förderung von Energiesparlampen. Wozu sie aufruft sind grundlegende Veränderungen von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, um letztendlich effektiv Klimaschutz zu betreiben und somit die Lebensgrundlage ihrer und kommender Generationen zu sichern.

Jung, bunt, laut und kreativ

Dass tausende junge Leute dem Beispiel Greta Thunbergs folgen und für eine Politik auf die Straße gehen, die ihre Zukunft sichert, setzt ein klares Zeichen gegen das Vorurteil einer unpolitischen und desinteressierten Generation. Dabei zeichnen sich die Demonstrationen und Streiks der Schüler*innen und Studierenden nicht nur durch ihre Größe und schnelle Verbreitung aus, sondern insbesondere durch ihre Kreativität und ihren Enthusiasmus. Wo bei anderen Demos ein paar vereinzelte Banner die Menschenmasse überragen, findet man bei den „Fridays for future“-Protesten unzählige selbstgebastelte Plakate mit bunten Zeichnungen, Wortspielen und Sprüchen. Darunter sind sowohl viele Anspielungen auf politische Ereignisse, wie „Make the earth cool again“ in Anlehnung an die Wahlkampagne des US-Präsidenten Trump, als auch eine Vielzahl popkultureller Referenzen, sodass sich etwa einige Streikende in Anlehnung an die Widerstandsbewegung um J.K. Rowlings Harry Potter „Dumbledores Armee“ nennen.

„Fridays for future“ und die Kohle

In Deutschland fügen sich die „Fridays for future“-Proteste in eine aktive Klimabewegung ein, die im letzten Jahr stark gewachsen ist. Dabei spielt vor allem das Thema Kohle eine entscheidende Rolle. So gingen etwa tausende von Menschen für den Erhalt des vom Tagebau bedrohten Hambacher Waldes und rund um die Veröffentlichung des Berichts der Kohlekommission, die einen Plan zum deutschen Kohleausstieg vorlegte, auf die Straße. Auch wenn Demonstrationen als klassisches Mittel des Protestes einen wichtigen Stellenwert in der deutschen Klimabewegung einnehmen, so ist diese aber auch stark von weiteren Aktionsformen geprägt. Die Baumbesetzungen im Hambacher Wald sowie die jährlichen Blockaden des Kohletagebaus durch das Bündnis „Ende Gelände“ stellen beispielsweise Mittel des zivilen Ungehorsams dar. Und auch die „Fridays for future“-Proteste setzen sich bewusst über die Schulpflicht hinweg, um ihren Forderungen Gewicht zu verleihen.

„Wir schwänzen nicht, wir kämpfen!“

Dabei wurde das Mittel des Schulstreiks oftmals kritisiert. Es wurden schnell Anschuldigungen laut, dass die Streikenden sich lediglich vor dem Unterricht drücken wollten. Dass die Verfehlung der deutschen Klimaziele, der späte Kohleausstieg und die immer schneller voranschreitenden Auswirkungen des Klimawandels, wie sie im letzten Bericht des Weltklimarates nochmals deutlich gemacht wurden, drastischere Mittel fordern, gestehen die Kritiker*innen nicht ein.

Die Aufmerksamkeit, die die „Fridays for future“-Proteste in den letzten Wochen auf nationaler und internationaler Ebene erreicht haben, bestärkt die Streikenden weiter in ihrem Vorgehen. Medien berichten, Politiker*innen beziehen Stellung und Eltern und Lehrer*innen diskutieren, ob und inwiefern sie das Engagement der jungen Menschen unterstützen wollen. Das sind erstaunliche Ergebnisse, wenn man berücksichtigt, dass Schüler*innen und Studierende sich in einer eher ungünstigen Situation befinden, um durch Streiks Aufmerksamkeit und politischen Druck zu generieren.

Denn Streiks beruhen darauf, dass Menschen ihre Arbeit niederlegen, um ihre Forderungen durchzusetzen. Je zentraler diese Arbeit für die Gesellschaft ist, desto mehr Druck kann aufgebaut werden. So wird etwa ein Streik des Pflegepersonals im Krankenhaus mehr Aufmerksamkeit und politischen Druck generieren, als der Streik von Marketing-Expert*innen. In dem einen Fall ist unser Gesundheitssystem bedroht, in dem anderen Fall müssen wir schlimmstenfalls darauf verzichten, dass uns das neue Smartphone mit einer innovativen Werbekampagne verkauft wird.

Schüler*innen und Studierende liefern, zumindest kurzfristig, keine gesellschaftlich unverzichtbare Dienstleistung. Dass sie nicht in die Schule oder Universität gehen und lernen, wirkt sich zunächst nicht dramatisch auf unser gesellschaftliches Zusammenleben aus. Umso beeindruckender ist es, welche Aufmerksamkeit die „Fridays for future“-Proteste bis jetzt erzielt haben. Greta Thunberg begründet das Mittel des Schulstreiks damit, dass die aktuellen Richtlinien nicht dazu beitragen den menschengemachten Klimawandel einzudämmen. So betont sie am Ende ihres „TED-talks“ im November 2018 in Stockholm: „Wir können die Welt nicht retten indem wir weiter die Regeln einhalten. Die Regeln müssen sich ändern. Alles muss sich ändern. Und wir müssen heute damit anfangen.“

Und die Bewegung wächst weiter

Die Proteste erfahren immer weiteren Zulauf und Unterstützung: Am 15.März findet ein weltweiter Schulstreik im Rahmen der „Fridays for future“ statt, bei dem junge Menschen in über 40 Ländern gemeinsam auf die Straße gehen wollen, um somit den Druck auf die Politik weiter zu erhöhen endlich konsequente Maßnahmen für effektiven Klimaschutz zu treffen. Und auch über Schule und Universität hinaus finden die Proteste zunehmend Unterstützung. So haben mehr als 12.000 Wissenschaftler*innen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz sich unter dem Motto „Scientists for future“ hinter die Streikenden gestellt.

 

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