Digitalisierung: Chance oder Risiko für eine nachhaltige Zukunft?


Matthias Friedrich / Dienstag, Mai 14th, 2019

Digitalisierung gilt als die große Hoffnung der Zukunft. Sie soll „ihr Wachstumspotential entfalten, die Lebensqualität der Menschen steigern und Wohlstand für alle Bürgerinnen und Bürger schaffen“ (BMWI). Produktionsabläufe würden effizienter, Kommunikation schneller und Städte smarter – so die Hoffnung.

Was auf jeden Fall klar ist: Die Digitalisierung bringt einen großen gesellschaftlichen Umbruch mit sich. Die Heizung regelt sich in Zukunft von allein, der Kühlschrank bestellt neue Lebensmittel, wenn er leer ist, und der Staubsaugerroboter hält die Wohnung sauber. In der Industrie werden zukünftig Maschinen durch künstliche Intelligenzen gesteuert, und Autos werden sich selbstfahrend durch den Verkehr bewegen.

Mit all diesen Maßnahmen sollen Produktionsprozesse vereinfacht und beschleunigt werden. Digitalisierung soll ein effizienteres und auch nachhaltigeres Wirtschaften und Leben ermöglichen.

Angesichts des Klimawandels, des zunehmenden Verlusts der Biodiversität und des weltweit ansteigenden Ressourcenverbrauchs wird die Digitalisierung mit ihrem effizienzsteigernden Potential oft als mögliche Lösung angeführt. Doch führt effizientere Technologie tatsächlich zu einer Reduzierung des Ressourcenverbrauchs von Produktion und Konsum? Woher stammen die Ressourcen eigentlich? Und lassen sich das erhoffte Wachstumspotential der Digitalisierung und Nachhaltigkeit überhaupt vereinbaren?

Digitalisierung und eine nachhaltige Zukunft

Die Digitalisierung wird hauptsächlich durch den Ausbau von Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) gewährleistet. IKT schafft eine weltweit voranschreitende Vernetzung von Maschinen, Unternehmen und Menschen. Es soll einerseits weniger produziert werden müssen und andererseits Produktionsketten verkürzt werden. Daher wird IKT oft als große Hoffnung zum Beispiel bei der Reduktion von Treibhausgasen gesehen. Einige Studien gehen von einer weltweiten Reduktion der CO2-Emissionen durch IKT von bis zu 20% bis zum Jahr 2030 aus. Diese Hoffnung basiert auf einer erheblichen Effizienzsteigerung durch eben diese Technologie. Da sie aber von einer materiellen Basis, sprich Kabel, Großrechner, Server usw. abhängt, kann diese Annahme auch hinterfragt werden.

Nehmen wir beispielsweise das selbstfahrende Auto: Dieses ist theoretisch effizienter. Es bremst weniger, fährt gleichmäßiger, weicht Staus aus. Gleichzeitig wäre die Fahrt unter Umständen so angenehm, dass man Videos schauen oder andere Medien konsumieren könnte, was erneut Energie verbraucht. Wie oft das selbstfahrende Auto genutzt wird und wie der Datenverbrauch v.a. für die Navigation aussieht, ist zudem nicht klar. Letztendlich stellt sich also die Frage, ob die Fahrt mit dem autonomen Auto nicht mehr Ressourcen braucht und zu mehr Emissionen führt. So verbergen sich hinter der voranschreitenden Digitalisierung also auch aus ökologischer Sicht nennenswerte Risiken.

Der ökologische Rucksack digitaler Geräte

Der viel beschworene Effizienzgewinn im Zuge der Digitalisierung gewährleistet auf den ersten Blick Energieeinsparungen in Produktion und Konsum. Allerdings konsumieren wir mit dem eingesparten Geld, der übriggebliebenen Zeit oder der Komfortsteigerung oft wieder mehr und die Energieersparnisse werden „aufgefressen“. Dieses Phänomen bezeichnet man als Rebound- oder Rückpralleffekt. Die durch eine Effizienzsteigerung eingesparten energetischen oder finanziellen Kosten gehen durch eine Steigerung der Produktion und/oder des Konsums verloren oder erhöhen sich gar im Vergleich. In mancher Hinsicht erfordert der Ausbau der Informations- und Kommunikationstechnologie im Zuge der voranschreitenden Digitalisierung somit eine Erhöhung des Ressourcenverbrauchs: So fließen mittlerweile 25% der Weltproduktion für Silber in die Herstellung von IKT und in jedem Smartphone stecken durchschnittlich 22g Aluminium. Weltweit werden 180.0000t Aluminium und 40.000t Kobalt für 7 Millionen Smartphones verbaut.

Die ökologischen, die menschenrechtlichen und die arbeitsschutzrechtlichen Standards bei der Gewinnung und bei der Herstellung der Produkte gelten darüber hinaus als äußerst problematisch. Die KonsumentInnen können Produkte verhältnismäßig günstig erwerben. Der Gewinn geht an die HerstellerInnen und die ArbeiterInnen verdienen sehr schlecht. Gleichzeitig wird nur ein Bruchteil der IKT recycelt. Der Großteil wird wiederum in Ländern des Globalen Südens unter bedenklichen Standards entsorgt. Jedes Jahr fallen weltweit somit 42 Mio. t Elektroschrott an. Das entspricht dem Gewicht aller Automobile in Deutschland.

Betrachtet man den weltweiten Stromverbrauch, gehen derzeitig 8% allein auf IKT zurück. Wäre das Internet ein Land, wäre es, was den Stromverbrauch angeht, weltweit gesehen auf Platz drei. Bei der Smartphonenutzung fallen 1/3 des Stromverbrauchs für die Betreibung der Hardware an und 2/3 entstehen bei der Betreibung der Cloud-Dienste, die für das Betreiben der Apps notwendig sind.

All diese Zahlen und Fakten zeigen, dass die Bereitstellung der materiellen Basis, die für die Digitalisierung unabdingbar ist, Stand heute, nicht als nachhaltig eingestuft werden kann.

Quo vadis Digitalisierung und Nachhaltigkeit?

Dennoch gibt es eine Reihe von Initiativen, die aufzeigen, wie Digitalisierung und Nachhaltigkeit erfolgreich verknüpft werden können. Online-Plattformen wie „Foodsharing“ und „Couchsurfing“ oder die Car-Sharing Plattform „Drivy“ können hier bereits als grundsätzlich positive Beispiele angeführt werden. Zur weiteren, erfolgreichen Gestaltung einer nachhaltigen und zukunftsweisenden Digitalpolitik braucht es jedoch vermehrt Plattformen, auf denen sich die verschiedenen Akteur*innen austauschen und vernetzen können. Die „Bits und Bäume“ Konferenz, die im Dezember 2018 stattfand, hat hier bereits den Weg für eine weitere Vernetzung zum so dringenden Austausch von Wissen und Kompetenzen geebnet.

Denn eine nachhaltige und zukunftsweisende Digitalisierung ist möglich. Damit diese gelingt, bedarf es allerdings einer mutigen und transformativen Digitalpolitik, die auf digitaler Suffizienz – statt Effizienz – einer konsequenten Gemeinwohlorientierung und hartnäckigem zivilgesellschaftlichem Engagement beruht (vgl. Santarius, Lang 2018).

 

Zum Weiterlesen:

https://www.deutschlandfunkkultur.de/oekonom-tilman-santarius-warnt-vor-dem-stromfresser.1008.de.html?dram:article_id=433497

https://www.transform-magazin.de/digitalisierung-effizienz-und-der-rebound-effekt/

Santarius, Tillmann; Lang, Steffen (2018): Smarte grüne Welt? Oekom Verlag.

https://netzpolitik.org/ – Digitalisierung und Nachhaltigkeit          

 

Nachweis Titelbild:

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