Nachhaltige Mobilitätsformen: Velorouten – ambitioniert, durchdacht, gerecht?


Gastbeitrag / Montag, Juli 22nd, 2019

Am 22. Mai 2019 rief Münster als siebte Stadt Deutschlands, nach Konstanz, Heidelberg, Ludwigslust, Kiel, Tönisvorst und Herford den Klimanotstand aus und hat sich damit dazu verpflichtet Maßnahmen des Klimaschutzes höchste Priorität einzuräumen. Die PendlerInnen- und Fahrradstadt reagiert damit auf den gesellschaftlichen Willen zu mehr Nachhaltigkeit, welcher durch die Fridays for Future Bewegung besonders öffentlichkeitswirksam formuliert wird.

Als erste Großstadt welche im bevölkerungsreichsten Bundesland, Nordrhein-Westfalen, den Klimanotstand ausruft, geht von Münster eine Symbolwirkung aus. Allerdings hat auch das vorbildliche Münster mit Herausforderungen bei der Umsetzung der Verkehrswende zu kämpfen. Im April 2019 landete Münster erstmals seit Langem nicht mehr auf dem ersten Platz der fahrradfreundlichsten Städte Deutschlands des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC). Kritikpunkte, welche die Befragten monierten, waren neben dem Fahrraddiebstahl vor allem die mangelnde Breite der Fahrradwege und Konflikte mit Kraftfahrzeugen. In der wachsenden Universitätsstadt wird nämlich, wie in vielen anderen Städten der Welt, neben dem Wohnraum auch der Lebens- und Mobilitätsraum knapp. Gerade die hohe Anzahl an BerufspendlerInnen, welche täglich mit dem Auto nach Münster fahren, wirkt sich somit negativ auf die Fahrradfahrer und Fahrradfahrerinnen aus, die häufig um ihren Platz im Verkehrschaos kämpfen müssen.

Um diesem Problem zu begegnen, beschloss die Stadt Münster 2016 die Errichtung von Velorouten als „Anti-Stau-Programm“. In diesem Rahmen ist der sukzessive Bau von 13 alltagstauglichen Velorouten bis 2021 / 2022 geplant, welche das Münsteraner Stadtzentrum mit dem Umland verbinden sollen, um so einen autofreien PendlerInnenverkehr  zu ermöglichen. Dies soll die Konkurrenz zwischen Auto- und Fahrradfahrenden weiter entlasten. Der Idealfall wäre: weniger Autos in der Innenstadt, da die Pendler und Pendlerinnen aus dem Umland bestenfalls auf Fahrräder, E-Bikes und E-Roller umsteigen. Hierbei ist noch anzumerken, dass verkehrsreduzierende Maßnahmen, die auf Verhaltensänderungen und die Schonung natürlicher Ressourcen zielen, ein solches Verkehrskonzept flankieren sollten.

Fahrradverkehr attraktiv gestalten: Räume schaffen – zur Verhaltensänderung einladen

Die interdisziplinäre Forschung zur nachhaltigen Mobilität in Städten eröffnet verschiedene Perspektiven auf die Herausforderungen der dringend notwendigen Mobilitätswende. Es stellt sich beispielweise die Frage danach, inwiefern politische Entscheidungen zur Mobilitätstransformation in den Augen der Bürgerinnen und Bürger gerechtfertigt sind und ob diese an der Entscheidungsfindung beteiligt waren.  Als mitentscheidend für die Beurteilung von Velorouten ist aus dieser Sicht die Frage danach wie der umstrittene Raum zwischen den verschiedenen Verkehrsteilnehmenden gerecht verteilt und welche Bedeutung diesem Raum beigemessen wird.

Velorouten bieten nach dieser Lesart die Möglichkeit Raumkonkurrenz zwischen Autofahrenden und Radfahrenden zu entschärfen. Gleichzeitig kann der Eingriff in die innerstädtische Raumnutzung auch neue Konflikte um die Nutzung von Raum schaffen. Bei den Velorouten ist nicht zwangsläufig davon auszugehen, dass dies im Münsteraner Umland der Fall sein wird, da der Großteil der bisher geplanten Routen durch ländliche Gebiete verläuft und Nutzungskonflikte überschaubar bleiben dürften. Innerhalb der Innenstadt ist es aber denkbar, dass breitere Fahrradwege und Fahrradstraßen zu Einschränkungen für andere Verkehrsteilnehmenden führen können. Die räumliche Perspektive auf das Problem beschränkt sich jedoch nicht nur auf die veränderte Raumnutzung, sondern sie hebt auch hervor, dass es wichtig ist, die Art zu ändern, wie über diesen Raum gedacht wird: Velorouten müssen in diesem Sinne sichere und verlässliche Räume sein, in denen Fahrradfahrende sich wohl fühlen und beispielsweise auch bedenkenlos ihre Kinder fahren lassen. Zur Attraktivitätssteigerung von Velorouten gehört also auch eine Arbeit an den Vorstellungen und Erwartungen bzgl. der Rahmenbedingungen (etwa sichere Abgrenzung vom Autoverkehr, beleuchtete Wege in der Nacht, transparente Kennzeichnung) als auch eine Arbeit an dem Image von Fahrradmobilität (praktisch, sicher, von Arbeitgebern unterstützt, schneller, günstiger und sauberer als mit dem Auto im Stau zu stehen). Denn nur ein positives Image einer Mobilitätsform macht diese attraktiv und motiviert zur Nutzung!

Die Attraktivitätssteigerung der Velorouten soll beispielsweise durch einen geregelten Winterdienst und eine durchgängige, intelligente Beleuchtung gewährleistet werden, sodass RadlerInnen die Veloroute zu jeder Tages- und Jahreszeit benutzen können. Ein weiterer wichtiger Faktor zur Attraktivitätssteigerung ist die Vermeidung von Unterbrechungen des Radverkehr-Flusses, etwa durch die Vorrangschaltung bei Ampeln.

Flächenkonkurrenz: „Fahrradfahrende sind hier zuhause – Autofahrende zu Gast?“

Es stellt sich jedoch die Frage, inwiefern eine Attraktivitätssteigerung des Fahrradverkehrs zu einer Attraktivitätsminderung des Autoverkehrs führt – und ob dies so gewollt ist?

Im Gespräch mit den Westfälischen Nachrichten wird der Münsteraner Stadtbaurat Robin Denstorff mit der Aussage zitiert, dass PKW-Fahrende auf den neuen, breiten Fahrradstraßen – den Zubringern der Velorouten – nur zu Gast seien. Auch sind durch die veränderte Flächennutzung Konflikte mit Anwohnern und Anwohnerinnen bzw. Fußgängern und Fußgängerinnen denkbar. Je mehr Raum und Breite den innerstädtischen Fahrradwegen eingeräumt wird, desto weniger Fläche bleibt im Umkehrschluss für die anderen Verkehrsteilnehmenden. Beim immer knapper werdenden Platz in den Städten kann dieses Problem nicht zur Zufriedenheit aller Beteiligten gelöst werden. Auch gilt es zu bedenken, dass durch die Verbreiterung von Radwegen der sowieso knappe Parkraum noch rarer wird. Dies könnte wiederum negative Folgen sowohl für den Verkehrsfluss als auch für die Pendlerinnen und Pendler haben, welche von sehr weit weg anreisen und keine andere Option als das Auto haben. Hier gilt es mit Augenmaß zu arbeiten und verschiedene Maßnahmen und Szenarien gegeneinander abzuwägen, mit dem Ziel eine möglichst inklusive Lösung zu finden.

Velorouten und Fahrradstraßen können das Auto aus den Städten nicht gänzlich verdrängen, vielmehr soll die angespannte Verkehrssituation durch sie entlastet und die negativen Effekte der Pendelei – also Stau, Zeitverlust, Luft- und Lärmverschmutzung – vermindert werden. Neben Bedenken bezüglich der Effektivität und Gerechtigkeit des Konzepts der stadtregionalen Velorouten ergeben sich weitere Fragen hinsichtlich der Einbindung der Bevölkerung in den Planungsprozess, die hier bisher nicht weiter angesprochen werden konnten: Zum einen lohnt es sich Prozesse der Verkehrsplanung auf ihre tatsächliche umfassende Beteiligung hin zu prüfen; zum anderen besteht in vielen Planungsprozessen sicherlich weit aus mehr Potential Velorouten dort anzulegen, wo sie zwar in direkterer Raumkonkurrenz zum Autofahren treten, aber dennoch dringend gebraucht werden.

 

Weiterführende Links:

https://www.wn.de/Muenster/3789689-Von-Telgte-nach-Muenster-Stadt-stellt-Konzept-einer-ersten-Veloroute-vor

https://www.wn.de/Muenster/3788716-Beschluss-des-Stadtrates-Muenster-ruft-Klimanotstand-aus

http://www.dynamo-research.de/wp-content/uploads/2019/04/DynaMo-Werkstattbericht-II_2019.pdf

https://www.adfc.de/dossier/dossier-zum-fahrradklima-test-2018/

 

Zu dem Autor: Jonas Krischke studiert an der WWU Münster den Master Politikwissenschaft und ist studentischer Mitarbeiter am Lehrstuhl für Global Environmental Governance bei Prof.’in Antonia Graf. Im Rahmen seiner Masterarbeit setzt er sich mit der Regulierung von Luftverschmutzung und den verschiedenen gesellschaftlichen Vorstellungen nachhaltiger Mobilität auseinander.

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