Bildung für nachhaltige Entwicklung - eine kleine Zeitreise


Gastbeitrag / Montag, August 19th, 2019

Wenn wir heute im Supermarkt vor dem Obstregal stehen, haben wir die Qual der Wahl. Warum Äpfel aus Neuseeland kaufen, wenn sie doch auch hier wachsen? Entscheiden wir uns also für den Bio-Apfel aus der Region anstatt den Fairtrade-Apfel aus Neuseeland? Dass die Ökobilanz bei beiden Äpfeln gar nicht so gut abschneidet, wie man auf dem ersten Blick meinen mag, macht die Entscheidung nicht einfacher. Der Fairtrade-Apfel aus Neuseeland hat tausende Kilometer zu uns zurückgelegt, während der regionale Apfel in den Kühlhäusern mehrere Monate frisch gehalten wird. Sich in einer komplexen und kontroversen Situation wie diesen für eine Handlungsoption zu entscheiden, will gelernt sein und zwar richtig.

Wir schreiben das Jahr 1992: Weltumweltkonferenz der Vereinten Nationen in Rio de Janeiro – 170 Staaten beschließen die Agenda 21. Ein Ziel dieser Staaten ist es, Nachhaltigkeit als zentralen Punkt in der Bildung zu verankern. Deutschland reagiert darauf im Jahre 2000 durch die Eingliederung von Bildung für nachhaltige Entwicklung, kurz BNE, in das deutsche Bildungssystem.

Fünfzehn Jahre später wird die Agenda 2030 in New York durch die UN verabschiedet. Im Gepäck sind 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung. Ziel Nr. 4 stellt dabei die „hochwertige Bildung“ dar, welches die Nationale Plattform BNE zwei Jahre später im Nationalen Aktionsplan (für Deutschland) verankert. Dieser Aktionsplan sieht eine Veränderung des Bildungssystems in Bezug auf Nachhaltigkeit vor und bedeutet somit Aus- und Weiterbildung für PädagogInnen hinsichtlich BNE und die Verankerung von Nachhaltigkeit an allen Bildungsstandorten.          

Doch was heißt Bildung für Nachhaltige Entwicklung eigentlich?

Eine Definition nach Schockemöhle & Schrüfer (2012) beschreibt BNE als »die Entwicklung und ständige Erneuerung, Vertiefung und Anwendung von Kompetenzen, die den einzelnen Menschen zu aktiven Gestaltung einer ökologisch verträglichen, wirtschaftlich leistungsfähigen und sozial gerechten Umwelt befähigen«. Die Bildung für Nachhaltige Entwicklung hat also das Ziel, Menschen zum nachhaltigen Handeln zu befähigen. Dabei werden ein Wechselspiel von Wirtschaft, Ökologie und Sozialem (Nachhaltigkeitsdreieck), die globale Gleichverteilung sowie die Intergenerationalität berücksichtigt.

Bringen wir BNE und Nachhaltigkeitsdenken an die Schulen, sollen in diesem Kontext drei Kernkompetenzen gefördert werden. Zunächst gilt die Systemkompetenz, also das verflochtene Wissen über verschiedene Bereiche, als unumgänglich, da Nachhaltigkeit in den verschiedensten Bereichen eine Rolle spielt. Hinzu kommen die Bewertungskompetenz sowie die Gestaltungskompetenz, welche letztlich das (nachhaltige) Handeln der Lernenden beeinflussen. Die Bewertungskompetenz beschreibt hierbei die Fähigkeit, bei Problemsituationen verschiedene Handlungsmöglichkeiten abzuwägen und sich für eine Handlungsmöglichkeit bewusst entscheiden zu können. Im Zusammenspiel mit der Gestaltungskompetenz (auch Handlungskompetenz genannt) führt diese Fähigkeit dazu, eine nachhaltige Entwicklung der Welt aktiv mitzugestalten (Bögeholz 2007).  Somit hat BNE den Anspruch eine Brücke zwischen dem Wissen über Nachhaltigkeit und einem nachhaltigen Handeln im Alltag zu schlagen. Dabei sollen nicht etwa kurzfristige Impulse gesetzt werden, sondern vielmehr BNE als lebenslangen Lernprozess in vielen Bereichen des Lebens integriert werden.

Aber wie wird BNE aktuell in der Praxis an den Schulen und Hochschulen des Landes Nordrhein-Westfalen umgesetzt?    

Trotz der Verankerung von BNE im Jahre 2000 im deutschen Bildungssystem und deren Konkretisierung 2015 durch den Nationalen Aktionsplan ist BNE bis heute nur in geringem Maße in die Kernlehrpläne Nordrhein-Westfalens eingearbeitet worden. Hier sollte die Prioritätensetzung auf die Erneuerung der Kernlehrpläne in Richtung BNE schneller erfolgen.

Durch die fehlenden Aktualisierungen einiger Kernlehrpläne kann auch eine Interdisziplinarität, also die Betrachtung eines Phänomens aus verschiedenen Fachbereichen und Dimensionen, nicht gewährleistet werden. Dabei wäre eine fächerübergreifende Zusammenarbeit, besonders bei den Themen, die ökologisch und gesellschaftlich relevant sind, unserer Ansicht nach sehr vielversprechend. Die Schülerinnen und Schüler könnten so ihre Systemkompetenz erweitern. Der Austausch zwischen den Fachbereichen und die verschiedenen Blickwinkel auf das Thema sind bislang nur punktuell als Projektwochen an Schulen etabliert. Die BNE bedarf jedoch einer fächerübergreifenden Zusammenarbeit. Beispielsweise können SchülerInnen über das Thema Reduktion von CO2-Emissionen im Erdkunde-, Politik- und Ethikunterricht jeweils aus verschiedenen Blickwinkeln diskutieren und individuelle sowie regionale Handlungsmöglichkeiten erarbeiten.

Ist BNE erst einmal vollständig in der Schule integriert, sehen wir im sogenannten »Multiplikator-Effekt« eine große Chance, breite Bevölkerungsgruppen zu erreichen. Darunter verstehen wir eine Weitergabe von Wissen und Fähigkeiten an Familien, Freunden und Bekannten. So kommen dann auch die älteren Generationen mit dem Thema Nachhaltigkeit in Berührung, wenn sie sich nicht gerade aus Eigeninteresse informieren. Und da der Großteil unserer Gesellschaft nicht (mehr) Teil der Bildungseinrichtungen ist, ist  es umso wichtiger, dass BNE einen größeren Stellenwert im Unterricht einnimmt, damit immer mehr Schülerinnen und Schüler zu Multiplikatoren werden und sich die Generationen untereinander austauschen.

Um einen noch breiteren Generationenaustausch zu ermöglichen, könnten regionale Unternehmen, kommunale PolitikerInnen und (Groß-)Eltern zu einer von den SchülerInnen vorbereiteten Podiumsdiskussion eingeladen werden. Oder aber die Lernenden produzieren Videos zum eigenen nachhaltigen Handeln und teilen sie in den sozialen Medien. Um einen größeren »Multiplikator-Effekt« zu erzielen, sollte auch außerhalb der Regelschulen BNE in Bildungseinrichtungen berücksichtigt werden. Es sollte zum Ziel werden, dass sich alle zukünftigen Studierenden und SchülerInnen an Berufsschulen im Bereich BNE Wissen und Handlungsoptionen im Bereich der Nachhaltigkeit aneignen können und dieses weitertragen. An der WWU Münster beispielsweise gibt es sogenannte »Allgemeine Studien«, bei denen viele Studierende Seminare und Vorlesungen auswählen können, die außerhalb ihres Faches/Fachbereichs angeboten werden. Hier wäre eine Möglichkeit, dass sie Seminare oder Vorlesungen zur Nachhaltigkeit belegen müssen oder können. Für BerufsschülerInnen wäre eine Einführung »Allgemeiner Studien« oder Projekttage unter dem Thema Nachhaltigkeit ein gewinnbringender Schritt. Ferner kann an Berufsschulen aufgezeigt werden, wie auch am Arbeitsplatz nachhaltig gehandelt werden kann. Fort- und Weiterbildungen bei Firmen können nachhaltige Produktions- und Verhaltensweisen fördern.

Wir wünschen uns für die Zukunft, dass die Bildung für nachhaltige Entwicklung einen noch größeren Stellenwert bekommt und in verschiedenen Bereichen verankert wird. Daher sollte BNE im deutschen Bildungssystem schneller und umfassender etabliert werden. Positiv fällt auf, dass BNE in der Lehramtsausbildung zumindest in naturwissenschaftlichen Fächern berücksichtigt wird. Durch den mangelnden Generationenaustausch und fehlende Weiterbildung ist ein lebenslanges Lernen derzeit nicht ausreichend gewährleistet. Dem Thema Nachhaltigkeit sollte in allen Lebensphasen mehr Bedeutung beigemessen werden, sodass BNE Gegenstand lebenslanger Lernprozess werden kann. Damit das alles bis 2030 umgesetzt werden kann, müssen PolitikerInnen, Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft gemeinsam stärker an den Zielen der Agenda 2030 arbeiten.

… Und für welchen Apfel entscheiden wir uns nun? Im Herbst kaufen wir den regionalen Bio-Apfel, im Winter gelegentlich Fairtrade-Äpfel aus Übersee und ab April weichen wir auf anderes saisonales Obst wie beispielsweise Rhabarber aus.

 

Zum Weiterlesen:

Bildungsministerium für Bildung und Forschung (2017): Nationaler Aktionsplan Bildung für nachhaltige Entwicklung. Berlin.

Bögeholz, S. (2007): Bewertungskompetenz für systematisches Entscheiden in komplexen Gestaltungssituationen Nachhaltiger Entwicklung. In: Krüger, D. u. H. Vogt (Hrsg.) (2007): Theorien in der biologiedidaktischen Forschung. Ein Handbuch für Lehramtsstudenten und Doktoranden. Berlin Heidelberg, S. 209-230.

Schrüfer, G. & Schockemöhle, J. (2012): Nachhaltige Entwicklung und Geographie-Unterricht. In: Haversatz, J.-B. (Hrsg.): Das Geographische Seminar. Geographie-Didaktik. Theorien. Themen und Forschung, S. 107-132.

Vereinte Nationen (1992): Agenda 21. Konferenz der Vereinten Nationen für Umwelt und Entwicklung. Rio de Janeiro.

 

Zu den AutorInnen: Fabian Bruns, Lukas Grimm, Nicole Piela, Jana Sander, Kathrin Tölle
Die AutorInnen sind Studierende des Fachbereichs Geowissenschaften mit dem angestrebten Abschluss Master of Education. Im Rahmen des Seminars Mensch-Umwelt-Beziehungen unter der Leitung von Dr. Ana Cornelia Steinhäuser in Verbindung mit dem Brotzeitkolloquium im Sommersemester 2019 haben sie sich besonders mit dem Thema auseinandergesetzt, inwiefern Nachhaltigkeit an Schulen und Universitäten gelehrt wird.

 

Nachweis Titelbild: https://pixabay.com/de

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