„Tropensommer“ in Deutschland – Fluch oder Segen? Ein Text über den Klimawandel und den Wald der Bundesrepublik, mit Einschätzungen des Försters Peter Becker.


Helene Hülsmeyer / Dienstag, Oktober 29th, 2019

Die Sommer 2018 und 2019 werden wahrscheinlich noch lange Zeit im Gedächtnis bleiben. Der Deutsche Wetterdienst beschrieb den Juli 2018 als einen „der wärmsten Juli-Monate seit Beginn regelmäßiger Messungen 1881“. (Vgl.) Für manche waren sie Traumsommer, für andere ein Albtraum. Was feststeht: es war extrem, vor allem für die Natur.

Die spürbaren Auswirkungen der heißen Sommer:

Nicht jedeR erfreut sich an den tropischen Temperaturen, viele klagen über schlaflose Nächte und Antriebslosigkeit. Das ist anstrengend, aber nicht fatal. Für die Umwelt jedoch haben diese Wetterextreme wirklich drastische Folgen: ein Hitzerekord jagt den Nächsten, die Stürme weltweit werden heftiger und das Waldsterben, auch in der Bundesrepublik, nimmt zu, was sogar Fachkräfte wie den von uns interviewten Förster Peter Becker vom Forstamt Kirchhain beunruhigt. Das Interview mit Herrn Becker repräsentiert Auszüge aus einem Gruppeninterview, das im März 2019 im Landkreis Marburg-Biedenkopf mit einer Auswahl regionaler AkteurInnen geführt wurde. Das Gruppeninterview ist im Rahmen eines Promotionsprojekts am Institut für Politikwissenschaft umgesetzt worden. Inhaltlich ging es um die Fragestellung, welche Bedeutung regionale AkteurInnen den Themen Nachhaltigkeit, Energiewende und Klimaschutz beimessen, wie sie diese bewerten und mit anderen Unterthemen verschränken.

Dieser Artikel thematisiert Herrn Beckers Einschätzung zum momentanen und zukünftigen Waldsterben und liefert Handlungsvorschläg für die Politik.

Der Borkenkäferbefall:

Bei Waldspaziergängen entdeckt man viele abgerodete Flächen, welche unter anderem auf den schweren Borkenkäferbefall zurückzuführen sind. Aufgrund des geringen Niederschlags und der außergewöhnlich hohen Temperaturen konnte sich 2018 in den Wäldern eine wohl bislang nicht vorgekommene Borkenkäferpopulationsdichte aufbauen. Die Folge ist eine riesige Holzernte, wodurch die Holzpreise, vor allem für die vielbefallene Fichte, auf den tiefsten Stand seit rund 10 Jahren abgestürzt sind. (Vgl Agrarheute). Die Forstleute kämpfen auch in diesem Jahr um den Erhalt der Wälder.

Die Borkenkäferplage, so erläutert Förster Herr Becker, wurde durch die vorangegangenen Stürme begünstigt. Viele umgestürzten Bäume lagen im Wald, was einen perfekten Nährboden für die Borkenkäfer schuf. Zusätzlich wurden die Bäume, die die Stürme unbeschadet überlebt hatten, durch die Hitze in Mitleidenschaft gezogen. Aufgrund des Wassermangels konnte der natürliche Abwehrmechanismus der Bäume, nämlich den Parasiten mit Harzdruck den Zugang zum Bauminnern zu versperren, nicht einsetzen. Die Bäume waren so gut wie wehrlos, die Borkenkäfer hatten einfaches Spiel.

Erschreckend sind die Einschätzungen Peter Beckers zum Fichtenbestand in Deutschland. „Wir rechnen auch in diesem Jahr mit schweren Verlusten in dieser Baumart. [Außerdem rechnen wir damit,] dass die Fichte, zumindest in der Mitte von Deutschland, sehr wahrscheinlich verschwinden wird in den nächsten Jahren. Also das ist ein bisschen pessimistisch gesehen, aber in Folge der letzten Jahre, neige ich zu dieser Meinung.“

Doch nicht nur um die Fichte macht der Fachmann sich Sorgen, aufgrund des immer wärmer werdenden Klimas ist auch die Buche in Gefahr. Er warnt vor Szenarien, wie wir sie heute bereits in der Rhein-Main-Ebene finden, Richtung Mittelhessen. Er befürchtet, wenn die Temperatur weiterhin steigt, „dann kommt die Buche an ihre physiologischen Grenzen und die Buche ist nun mal unser natürlicher Wald (…) und das sind Szenarien, ich glaube, die haben wir noch gar nicht richtig auf dem Schirm, was da auf uns zukommen könnte oder gar wird. Das sind Aufgaben, die auch nicht der kleine Förster auf der Fläche draußen umsetzen wird. Also da sind, in meinen Augen, größere Masterpläne (…) gefragt!“

Dürre in Deutschland:

Aber nicht nur die Wälder sind unter Druck. Auch die Landwirtschaft ist betroffen. Die extreme Hitze hat schon im vergangenen Jahr zu einer außergewöhnlichen Dürre geführt, worauf die Politik mit dem Hilfsprogramm „Dürrehilfe“ für deutsche Bauern und Bäuerinnen im August 2018 reagiert hat. Aufgrund des extrem trockenen und heißen Sommers hatte die Landwirtschaft eine deutlich schlechtere Ernte eingefahren und musste finanziell unterstützt werden. Der Bund sagte 340 Millionen Euro zu.

Die Heuschreckenplage auf Sardinien:

Und natürlich gibt es entsprechende Entwicklungen und Bedrohungen auch nicht nur in Deutschland. Anfang/Mitte Juni diesen Jahres wurde von einer schweren Heuschreckenplage auf Sardinien berichtet. Die Tiere fressen das Saatgut und zerstören ganze Landstriche. Der Mai auf Sardinien war ungewöhnlich kalt, worauf keine Übergangsphase, sondern ein plötzlicher Temperaturanstieg folgte. Das waren ideale Voraussetzungen für das Massenschlüpfen der Heuschrecken. Von Schäden in Millionenhöhe wird ausgegangen.

Was muss geschehen? Hausaufgaben für die Politik

Der Förster Herr Becker sieht Handlungsbedarf bei der Politik und verweist auf Regionalplanungen und Forstgesetzgebungen. Der Wald sei ein CO2-Speicher und den müsse man bewahren. Dies sieht auch die Gesetzgebung vor „wenn für ein Windrad Bäume gefällt werden, muss anderswo aufgeforstet werden. Es sei denn – jetzt kommen die Hintertüren – es sei denn, in einer Region (…), liegt die Bewaldung schon über 30 Prozent (was dem durchschnittlichen Waldanteil in Deutschland entspricht). Das hat der Gesetzgeber festgelegt. Wenn eine Region, Becker führt Hessen mit 40% Bewaldung an, mehr als 30 % Wald hat, dann muss nicht aufgeforstet werden. Hier sieht er eine Gesetzeslücke; die im Sinne des Nachhaltigkeitsgedanken ein großes Problem darstellt. Entsprechend fordert er klarere Akzente und Zielsetzungen seitens der Politik und insgesamt mehr Bildung für nachhaltige Entwicklung (für eine Einführung in die BNE s.  „Bildung für Nachhaltige Entwicklung – eine kleine Zeitreise.“).

Die Erde wird heißer, die Stürme schlimmer und die Wälder weniger – es muss etwas gegen die Erderwärmung und für den Klimaschutz getan werden, und zwar schnell. Denn wie es die Klimaaktivistin Greta Thunberg treffend auf den Punkt bringt: „Es ist bereits fünf nach Zwölf.“

 

Zum Weiterlesen:

https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/wald-leidet-unter-klimawandel-1661828

https://www.greenpeace.de/themen/klimawandel/folgen-des-klimawandels/wetterextreme-sturme

https://www.zeit.de/wissen/umwelt/2019-09/hurrikan-dorian-tropensturm-klimawandel-usa-bahamas-karibik-atlantik

 

Titelbild: Pixabay.com