Heute für morgen kämpfen - Zwei Umweltanwältinnen äußern sich zum Thema Klimawandel.


John Heidecker, Lara Fregin / Dienstag, November 12th, 2019

Entwicklungsländer stehen in der Regel vor der doppelten Herausforderung eine rasche Entwicklung zu gewährleisten sowie sich den Auswirkungen des Klimawandels zu stellen. Vor diesem Problemhorizont kommt eine wirksame Umweltregulierung besonders zum Tragen.

Am Freitag, dem 19. Juli 2019, haben Studierende der Universität Münster, im Rahmen eines Forschungsseminares, Aya De Leon und Niner Guiao zum Thema Klimawandel interviewt. Beide sind Anwältinnen bei Parabukas, einer auf den Philippinen ansässigen Umweltberatungsgesellschaft. Zu den KlientInnen von Parabukas zählen die Rainforest Foundation Norway, die Forest Foundation Philippines und das philippinische Landwirtschaftsministerium. Während des UNFCCC 2017 in Bonn leisteten die Anwältinnen der philippinischen Delegation in fachlichen Fragen und rechtlichen Angelegenheiten fachkundige Unterstützung. Aya De Leon fungiert als CEO von Parabukas und Niner Guiao als Finanzbeauftragte der Organisation.

Im Mittelpunkt unseres Interviews stehen die Entstehung und Arbeit von Parabukas, die umweltpolitische Situation auf den Philippinen im Gegensatz zu der in Industrieländern, sowie die Auswirkungen internationaler Klimaschutzabkommen, wie das Paris Agreement (vgl.) für die lokale Bevölkerung und Deutschlands Rolle in der Entwicklungs- und Klimaschutzhilfe.

Das Interview mit Aya De Leon und Niner Guiao:

InterviewerIn: Wie wird Ihre Arbeit von der philippinischen Bevölkerung aufgenommen?

Niner Guiao: Manchmal gibt es Kritik an unserer Arbeit, aber sie wird uns oft durch indirektes Engagement übermittelt. Auf den Philippinen sind Menschen, die den Klimawandel leugnen, sehr selten. Hier geht es nicht darum, ob es Klimawandel gibt, sondern darum, wie man ihn priorisiert und damit umgeht. Das Schwierige am Klimawandel ist, dass alles miteinander verbunden ist. Und vor allem in unserem Fall, wo es Armut gibt und die Menschen keine Zeit und Ressourcen haben, um sich mit dem Problem zu befassen, kann es eine Herausforderung sein, Klimawandel zu einer Priorität zu machen.

InterviewerIn: Vor diesem Hintergrund, wo sind die besten Anknüpfpunkte für ihre Arbeit?

Niner Guiao: Alle, die Sie bekommen können. Der Umfang und das Ausmaß des Problems besteht darin, dass wir so viele Menschen wie möglich in das Gespräch einbeziehen müssen. In letzter Zeit arbeiten wir viel an der Kommunikation und lernen viel darüber, wie schwierig es ist, diese Informationen zugänglich und verständlich zu machen und sie später zu nutzen und in branchenspezifische Kommunikation umzusetzen. Auf den Philippinen sind die Gesetze in Englisch, daher versuchen wir, sie durch das Übersetzen in andere Sprachen zugänglicher zu machen.

Aya de Leon: Wir arbeiten daran zu zeigen, wie alle Entscheidungen miteinander verbunden und aufeinander abgestimmt werden müssen. Wir arbeiten auch daran, globale Verpflichtungen in nationale Richtlinien umzusetzen. Wir sind frustriert, wenn wir sehen, wie wenig Menschen und Gemeinschaften auf lokaler Ebene vom bestehenden Rechtsrahmen profitieren, z.B. Waldgemeinden. Wir wollen auf lokaler Ebene sehen, was auf internationaler Ebene vereinbart wird. Bezüglich der Position unseres Landes: Wofür kämpfen wir? Was priorisieren wir als die Philippinen? Die Wahrheit ist, es gibt so viel zu tun, dass wir nicht in Kürze keine Arbeit mehr haben werden.

InterviewerIn: Wie gehen Sie vor, um die Klimaverhandlungen und internationales Recht zugänglicher zu machen?

Niner Guiao: Ein gutes Beispiel ist, was auf der Insel Camotes in Visayas passiert ist. Der vor Ort gewählte Beamte der örtlichen Regierungseinheit übersetzte das Sendai-Rahmenwerk (vgl.). in seine Landessprache und malte es an die Wand der Gemeinde. Anschließend nutzte er das Puroc-System – Purocs sind Gruppierungen von Familien. Er nutzte dieses System, um Wissen über Katastrophen- und Risikomanagement zu verbreiten und die Gruppierungen von Familien anzuweisen, diese Informationen auswendig zu lernen. Als der Taifun Haiyan zuschlug, war jeder in der Lage Schutz zu finden, weil die Gemeinschaft sich auf diese traditionellen Praktiken stützten konnten. Dies ist ein gutes Beispiel dafür, wie internationale Pläne in verschiedenen Kontexten diskutiert werden können.

InterviewerIn: Internationale Umweltabkommen werden häufig wegen ihres unverbindlichen Charakters kritisiert (z. B. das Pariser Klimaabkommen). Was halten Sie von dieser Kritik?

Niner Guiao: Das Pariser Abkommen reicht nicht aus. Das ist klar. Wir waren Teil der philippinischen Delegation, die an den Gesprächen im Vorfeld des Abkommens und sogar an den Verhandlungen in Paris teilgenommen hat. Ich würde sagen, dass die endgültige Version viel besser war als wir erwartet hatten. Wir konnten sagen: „Okay, so schlimm ist es nicht.“

Es diente einem Zweck, wir brauchten es, um Maßnahmen zu ergreifen.

Beachten Sie, dass das Abkommen zwischen 197 Ländern besteht. Das braucht Konsens. Im Konsens geht es nicht darum, dass jeder „ja“ sagt. Es geht darum, ein „nein“ zu vermeiden. Wenn Sie also nicht nein sagen, stimmen Sie im Wesentlichen einer Vereinbarung zu. Um einen Konsens zu erzielen, verwendete die französische Regierung eine vage Sprache. Einige Instrumente sind rechtsverbindlich, andere nicht. Hier kommt die Sprache „muss“, „soll“ und „darf“ ins Spiel, wobei „muss“ die einzige rechtsverbindliche Bestimmung ist. Diese Sprache musste benutzt werden, damit niemand „nein“ sagen konnte.

Trotz aller Herausforderungen und Unzulänglichkeiten besteht nach wie vor Bedarf an einer Veranstaltung, einem Kanal, über den die Länder gemeinsam über das Klima diskutieren können.

Aya de Leon: Es muss einen Ort geben, an dem Länder verhandeln können. Ein Ort, der den Wert des Konsenses unterstreicht, unabhängig davon, wie klein das Land ist. Niemand gibt kleinen Inselstaaten eine Stimme, damit sie sich und ihre Meinung in der globalen Gemeinschaft behaupten können. Sicher, Verhandlungen zwischen 197 Ländern verlangsamen die Dinge; es müssen Kompromisse zwischen der Zeit und der Meinung eines jeden Landes geschlossen werden. Sicher, es ist unvollkommen und unzureichend, aber es ist notwendig.

Es ist an der Zeit, gegen den Klimawandel vorzugehen, wir können nicht sagen, das Pariser Abkommen ist da, also sollten die Regierungen handeln, denn an diesem Punkt sollten wir alle handeln.

InterviewerIn: Was möchten Sie unseren Lesern und Leserinnen in Deutschland sagen?

Aya de Leon: Aufgrund meiner Erfahrung mit Partnern der GIZ (Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit) auf den Philippinen, die über Fragen im Zusammenhang mit Wäldern verhandeln, und der Zusammenarbeit mit deutschen Verhandlungsführern in der UNFCCC, würde ich sagen, dass unsere deutschen Partner strategisch, systematisch und uns unterstützend zur Seite standen. Ich schätze auch die Betonung, die Deutschland auf Schutzmaßnahmen und Standards legt. Sie werfen nicht nur Geld für das Problem hin. Es ist ermutigend zu sagen, dass entwickelte Länder Entwicklungsländer unterstützen können. Also würde ich einfach sagen: Macht weiter so!

Niner Guiao: Dies gilt für alle, für Regierung, Zivilgesellschaft und Privatpersonen: Wir müssen kreativ und integrativer sein. Die Zeit zum Handeln ist jetzt, branchenübergreifend, kollaborativ und kreativ.

Zum Weiterlesen:

Niner Guiao und Aya de Leon haben eine juristische Ausbildung abgeschlossen und entschieden sich daraufhin sich intensiv für die Zivilgesellschaft und die Umweltpolitik auf den Philippinen einzusetzen. Mehr über die beiden Frauen und ihre Organisation Parabukas erfahren Sie auf ihrer Website.

Ein thematisch ähnlicher Artikel ist das 2018 auf dem Blog onlinegegangene Interview Der IPCC Sonderbericht „1,5°C globale Erwärmung“ mit Dr. Antonio La Viña, der ein Professor für Recht, Governance und Philosophie ist. Er gehört zu den erfahrensten Experten für Klimawandel der Philippinen und führt die Verhandlung seines Landes beim internationalen Klimagipfeln an.

Zu den AutorInnen: Lara Fregin und John Heidecker studieren an der Universität Münster Politikwissenschaft im Master. Im Rahmen eines Seminars zum Thema internationale, nationale und lokale Verwaltung von natürlichen Ressourcen hatten die beiden die Chance ein Interview mit Niner Guiao und Aya de Leon zu führen.

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