„I like to loop it loop it“ - Eine kleine Einführung in das Konzept der Kreislaufwirtschaft


Levin Dumont / Dienstag, Februar 11th, 2020

Eine Welt, in der jedes Produkt am Ende seines Lebens als Rohstofflager für die Herstellung von neuen Produkten dient, in der Ressourcen wieder und wieder verwendet werden, anstatt zumeist umweltschädlich gewonnen werden zu müssen, und in der Abfall der Vergangenheit angehört –klingt eine solche Welt nicht erstrebenswert?

Obwohl die Grundidee einer sogenannten Kreislaufwirtschaft nicht neu ist, hat das Konzept in den letzten Jahren erheblich an Aufmerksamkeit gewonnen. Von BASF bis zum Umweltbundesamt, von McKinsey bis Greenpeace reicht die große und vielfältige Anhängerschaft inzwischen. Doch welche Kernbausteine umfasst das Konzept einer Kreislaufwirtschaft, und welche Hindernisse müssen überwunden werden, um sie zu verwirklichen? Zu diesen Fragen bietet dieser Beitrag eine kurze Einführung.

Wirtschaften „im Kreis“

Von Jahr zu Jahr leben mehr Menschen auf der Erde – und von Jahr zu Jahr steigt die von Ihnen produzierte Abfallmenge ebenso an wie ihr Ressourcenbedarf. Die Gewinnung und Verarbeitung dieser Ressourcen ist nicht selten mit Menschenrechtsverletzungen verbunden, bedroht in vielen Fällen die biologische Vielfalt des Planeten und verursacht darüber hinaus enorme Treibhausgasemissionen, die die Belastungsgrenzen des Planeten übersteigen.

Diese Entwicklung ist nicht langfristig tragbar – und genau hier setzt das Konzept der Kreislaufwirtschaft an. Kann ein Produkt repariert oder als Rohstoffquelle für neue Produkte genutzt werden, so verhindert dies nicht nur, dass das Altprodukt als Abfall in die Umwelt oder als Emission durch Müllverbrennung in die Atmosphäre gelangt: Auch die für die Herstellung eines neuen Produktes benötigten Ressourcen müssen in diesem Fall nicht aufwändig neu gewonnen werden. So werden Abfall und Treibhausgasemissionen reduziert, die Umwelt geschont und der Ressourcenverbrauch gebremst.

Die konkreten Ideen und Lösungsansätze, die auf dieses Ziel hinarbeiten, lassen sich entlang dreier zentraler Schlagworte beschreiben: Reduce, Re-use, und Recycle. Seit 2008 stehen sie in dieser Reihenfolge an der Spitze der europäischen und deutschen Abfallhierarchie (vgl.) und bilden somit die Leitbilder, an denen sich die Entwicklung zur Kreislaufwirtschaft orientiert.

Reduce – Der beste Abfall ist der, der gar nicht erst entsteht!

Eine Reduktion des Abfallaufkommens meint nicht nur den Verzicht auf unnötige Verpackungen durch die KonsumentInnen. Schon die Produktion sollte so ressourcen- und energieeffizient wie möglich erfolgen, im Idealfall mit erneuerbaren Energien. Von einigen Akteuren wird zudem der Aspekt des Teilens hervorgehoben: Nutzen etwa mehrere Haushalte gemeinsam ein Auto, und leihen es sich bei Bedarf aus, so senkt dies tendenziell Ressourcenbedarf und (nach Ende der Nutzungsdauer) das Abfallaufkommen im Vergleich zu einem Szenario, in dem jeder Haushalt ein eigenes Auto besitzt.

Re-use – Design oder nicht sein, das ist hier die Frage!

Um Ressourcen und Produkte hochwertig im Kreislauf zu halten, sollten diese so designt sein, dass sie möglichst lange halten und ohne übermäßigen Aufwand repariert oder überholt werden können. Dies scheint zunächst einmal kein gutes Geschäft für produzierende Unternehmen zu sein: Hochwertige Produkte sind häufig teurer in der Herstellung, was in einem umkämpften Markt zu Wettbewerbsnachteilen des Unternehmens führen kann. Wenn etwa Handys länger funktionieren und einfacher zu reparieren und modernisieren sind, verringert dies zudem tendenziell die Nachfrage nach neuen Handys. Neben gesetzlichen Vorgaben zu Reparierbarkeit und Mindestlebensdauer spielen daher neue Geschäftsmodelle in der Kreislaufwirtschaft eine zentrale Rolle:

Verkauft ein Unternehmen ein Produkt, so tut es dies im Allgemeinen in so hoher Stückzahl und zu so niedrigen Produktionskosten wie möglich. Dies ändert sich, wenn es beginnt, stattdessen die Dienstleistung, die das Produkt erbringt, zu vermieten. In seinem „Managed Service-Paket“ verkauft der Philips-Konzern beispielsweise keine Leuchtmittel mehr, sondern vermietet den Service, die Beleuchtung in einem Betrieb sicherzustellen. Ist eine Lampe defekt, so erneuert er diese auf eigene Kosten und hat somit einen Anreiz, langlebige und reparierbare Produkte herzustellen. Dieses Produkt-als-Service-Modell gibt es schon jetzt für eine Vielzahl von Produkten – von Autoreifen über Drucker und Fahrräder (man denke an Swapfiets) bis hin zu Büromöbeln und Kleidung.

Nach einigen Jahren können Bauteile, verglichen mit neuen Modellen, veraltet sein. In diesem Kontext bietet das sogenannte „Refurbishment“, die Überholung und Modernisierung bestehender Geräte und Maschinen, gerade in Europa noch enorme Potenziale. Und das nicht nur für Unternehmen: Wenn etwa die Kamera eines Handys veraltet ist – warum dann nicht genau dieses Bauteil austauschen, anstatt das Handy vollständig zu ersetzen?

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Recycle – Zeit, sich zu trennen!

Ist Wiederverwendung schließlich keine Option mehr, so hat das Produkt das Ende seiner Nutzungsphase erreicht und dient in der Kreislaufwirtschaft als Rohstoffquelle für neue Produkte. Auch hier spielt vorausschauendes Produktdesign eine zentrale Rolle: Je einfacher Papier, Plastikarten und Metalle voneinander getrennt werden können, und je umfassender von Beginn an auf den Einsatz von potenziell umwelt- und gesundheitsschädlichen Stoffen verzichtet wird, desto besser können diese Rohstoffe recycelt und im Kreislauf gehalten werden, anstatt auf Deponien, in der Natur oder in der Müllverbrennungsanlage zu enden. Im Idealfall zirkulieren die „technischen Nährstoffe“ wie Metall und Plastik so im Wirtschaftskreislauf, immer wieder aufs Neue verbaut in wechselnden Produkten, ohne in die Umwelt verloren zu gehen.

Natürlich funktioniert dies nicht für alle Gebrauchsgegenstände: Teppiche etwa sind ständiger Abnutzung ausgesetzt. Sofern sie nicht aus verschiedenen Plastikfasern, sondern etwa aus Naturfasern bestehen, stellt jedoch weder der Abrieb, noch der kaputte Teppich am Ende seiner Nutzungsdauer ein Problem für die Umwelt dar. Dies gilt auch für einfache Verpackungen oder Baumwollkleidungsstücke: Was nicht langfristig in einem technischen Kreislauf gehalten werden kann, sollte im Konzept der Kreislaufwirtschaft aus „biologischen Nährstoffen“ bestehen – also aus schadstofffreien, biologisch abbaubaren Materialen, die gefahrlos in den natürlichen Stoffkreislauf eingebracht oder am Ende ihrer Nutzungsdauer kompostiert werden können. Neben dem „technischen“ Kreislauf gibt es in der Kreislaufwirtschaft also einen zweiten, einen „biologischen“ Kreislauf, der auf der nachhaltigen Nutzung nachwachsender Rohstoffe basiert.

In vielen Produkten und Verpackungen sind die Materialen derzeit noch so verbunden,  dass es aufwändig und nicht rentabel ist, sie voneinander zu trennen: Papier, Plastik und Aluminiumschicht eines Getränkekartons etwa, Kleidungstücke, die sowohl aus Baumwolle als auch aus Polyester bestehen, oder Verpackungen aus verschiedenen Plastikarten. Von geschlossenen Kreisläufen ist die gegenwärtige Situation daher noch weit entfernt – zumal in der Praxis jeder Recyclingprozess mit Materialverlusten einhergeht, so klein diese auch sein mögen.

Gerade Umweltorganisationen mahnen in diesem Kontext an, den Fokus nicht nur auf Recycling zu legen, sondern Vermeidung, Wiederverwendung und Recycling weiterhin zusammen zu denken. Verringert sich beispielsweise durch den Einsatz von recyceltem Polyester der Bedarf an „frischen“ Rohstoffen zur Herstellung eines T-Shirts um die Hälfte, während sich die Gesamtzahl der produzierten T-Shirts verdoppelt, so wird die Umwelt insgesamt nicht entlastet. Der Einsatz recycelter Materialien in der Herstellung ist also wichtig, lässt jedoch Fragen offen: Muss überhaupt ein neues Produkt hergestellt werden, oder ist die längere Nutzung, Reparatur oder Aufarbeitung, das Teilen oder Tauschen eines Vorgängerproduktes möglich? Ist das Produkt so designt, dass es selbst ebenfalls wieder hochwertig recycelt werden kann oder droht es, früher oder später doch als Abfall zu enden? Mit welchem Ressourcen – und Chemikalieneinsatz wird das jeweilige Produkt darüber hinaus hergestellt, welche Emissionen entstehen entlang der Lieferkette? Fehlt ein ganzheitlicher Ansatz, der diese Fragen in den Blick nimmt, droht das Konzept der Kreislaufwirtschaft, lediglich zum Greenwashing nicht-nachhaltiger Unternehmens- und Wachstumsstrategien zu dienen.

Ausblick: Geschlossene Kreise oder doch lose Enden?

In Deutschland  werden viele Metalle bereits in großen Mengen recycelt, ähnliches gilt für Glas und Papier. Diese Entwicklung zu einer Wirtschaft der geschlossenen Kreisläufe wird gesetzgeberisch flankiert und gefördert: Auf deutscher und europäischer Ebene stellen Ökodesignrichtlinien schon jetzt Anforderungen an das Produktdesign und die Verfügbarkeit von Ersatzteilen; Verbote für Einwegplastikprodukte und Recyclingquoten sollen den Plastikabfall reduzieren.

Ein Haupthindernis bleibt bislang jedoch bestehen: Solange viele Abfälle nicht sortenrein getrennt werden können und Umweltbelastungen sich nicht im Preis widerspiegeln, sind Primärrohstoffe vergleichsweise günstig. Damit bleibt es oft attraktiver, Plastikmüll zu verbrennen, anstatt ihn hochwertig zu recyceln, oder Produkte neu zu kaufen, anstatt sie zu reparieren. Um das zu ändern, sind verschiedene Maßnahmen im Gespräch: Von  strengeren Regelungen für Materialien und Materialkombinationen, die sich nicht wirtschaftlich recyceln lassen, bis hin zu. einem ermäßigten Mehrwertsteuersatz für kleinere Reparatur- oder Verleihdienstleistungen.

Parallel zu diesen politischen Entwicklungen haben sich für KonsumentInnen gerade in den letzten Jahren spannende Möglichkeiten ergeben, zu ‚reducen‘ und zu ‚re-usen‘: Ob Bohrer, Bollerwagen oder Beamer – was man zu selten benötigt, als dass sich der Kauf lohnt, kann gerade in Großstädten inzwischen oft geliehen werden (in Münster etwa in der neu eröffneten Leihothek). In vielen Städten bieten darüber hinaus sogenannte „Repair-Cafés“ ebenso fachkundige wie kostenlose Hilfe und professionelles Werkzeug an, um von kaputten Lampen bis hin zu gerissenen Pullovern selbst zu reparieren, was sonst ersetzt werden müsste (in Münster beispielsweise hier und hier).

 

Zum Weiterlesen:

  

Literatur:

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weitere Literatur

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Zu dem Autor: Levin Dumont studiert Politik und Wirtschaft an der WWU Münster. Er hat sich im Rahmen seines Studiums mit dem Thema Kreislaufwirtschaft beschäftigt.

 

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