Das neue Label „Haltungsform“ – Stillstand oder Fortschritt für mehr Tierwohl?


Doris Fuchs, Milena Wilkens / Dienstag, März 24th, 2020

Seit dem vergangenen Jahr ist in den meisten deutschen Supermärkten ein neues Label für abgepacktes Fleisch zu finden: Haltungsform lautet sein Name. Während ein einheitliches, staatliches und damit verbindliches Label weiter auf sich warten lässt, nahm hier ein Zusammenschluss aus Landwirtschaft, Lebensmitteleinzelhandel (alle großen Supermarktketten in Deutschland sind beteiligt) und Fleischwirtschaft, die sogenannte Initiative Tierwohl, das Ruder in die Hand. Doch was genau bringt mir als Verbraucherin oder Verbraucher das neue, freiwillige Haltungsform-Label? Führt es zu mehr Transparenz und besseren Haltungsbedingungen für die Tiere?

Was leistet das Label (nicht)?

Das Label Haltungsform kennzeichnet die Tierhaltung mit vier verschiedenen Stufen: Stallhaltung (Stufe 1, rot), Stallhaltung Plus (Stufe 2, blau), Außenklima (Stufe 3, orange) und Premium (Stufe 4, grün). Die erste Stufe entspricht dem gesetzlichen Mindeststandard, die weiteren Stufen sollen demgegenüber unterschiedliche Grade an Verbesserungen der Haltungsbedingungen gegenüber dem gesetzlichen Mindeststandard anzeigen. Die dabei berücksichtigten Haltungsbedingungen betreffen zum Beispiel die den Tieren zugestandenen Quadratmeter Platz im Stall.

Von VerbraucherschützerInnen gibt es jedoch deutliche Kritik an der Kennzeichnung. Denn das, was das Label auf seiner Webseite verspricht: „Informativ. Transparent. Bewusst“ ist das Label gerade nicht. So deuten die Bezeichnungen zum Teil Bedingungen an, die nicht eingehalten werden. „Außenklima“, die dritte Stufe des Labels, sieht lediglich vor, dass durch eine offene Front am Stall Frischluft an die Tiere herangetragen wird – ein offenes Fenster ist allerdings schon ausreichend. Von Freilandhaltung also keine Spur. Auch findet man auf der Webseite Angaben zu einigen Einstufungskriterien, aber zu vielen relevanten Haltungsbedingungen eben auch nicht. So wird zum Beispiel keine Aussage über den Antibiotikaeinsatz gemacht. Auch Obergrenzen für die maximale tägliche Zunahme, Stichwort Turbomast, sind offensichtlich nicht festgelegt. Solche Kriterien gehören aber zum Kern von Überlegungen zum Tierwohl.

Letztlich fehlt auch jedwede Angabe zu Kriterien für die Zucht, den Transport und die Schlachtung der Tiere. Man muss also davon ausgehen, dass Haltungsform diese schlicht nicht berücksichtigt. Selbst bei Fleisch der Premiumstufe dürfen Ferkeln also die Schwänze ohne Betäubung kupiert, die Zähne abgekniffen und Tiere hunderte Kilometer ohne Futter und Wasser transportiert werden – es müssen ja nur die gesetzlichen Mindeststandards eingehalten werden. Im Gegensatz dazu haben Label wie Neuland, Bioland oder Naturland auch zu diesen Aspekten genaue (und leicht einsehbare) Kriterien festgelegt.

Unser Fazit:

Bestenfalls wird durch den Gebrauch des Haltungsform Labels in deutschen Supermärkten also eine gewisse Vergleichbarkeit erreicht. Gleichzeitig werden dem Verbraucher bzw. der Verbraucherin aber über die Stufen Verbesserungen in den Haltungsbedingungen suggeriert, die sich als sehr begrenzt herausstellen, wenn man sich die Mühe macht, sich die genauen Kriterien anzuschauen. Dabei kommt erschwerend hinzu, dass in den Supermärkten hauptsächlich Fleisch der Stufen 1 und 2 angeboten wird. Stufe 3 und 4 machen zusammen nur knapp 10 Prozent des Fleischbestands in den Supermarktregalen aus.

Nach wie vor ist es daher so, dass diejenigen, die Fragen von Tierwohl wie auch ökologische Aspekte der Fleischproduktion berücksichtigen möchten, zu Biolabeln wie den oben genannten greifen müssen. Das kostet dann natürlich etwas mehr. Aber vielleicht darf es dafür etwas weniger oder etwas seltener Fleisch sein, wenn man nicht ganz verzichten möchte.

Gleichzeitig wird deutlich, dass nach wie vor die Heraufsetzung der gesetzlichen Mindeststandards notwendig ist. Durch das neue Label werden die Haltungsbedingungen für die Tiere jedenfalls nicht nachhaltig verbessert. Die Politik muss handeln!

Mehr zum Thema:

Das neue Label „Haltungsform“

Neelsen, Wiebke (2019): Fleisch: Was bringt das neue Haltungsform-Label? 

NDR, Fleisch: Was bringt das neue Haltungsform-Siegel?

 

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