Von der Wurzel in die Krone – Suffizienz als Quelle des Wandels?


Pia Mamut / Montag, Mai 4th, 2020

Damit Menschen auf der ganzen Welt heute und auch in Zukunft gut leben können, muss sich unsere ganze Lebensweise grundlegend verändern – das steht inzwischen fest. Für diesen Veränderungsprozess hat sich die Bezeichnung „Nachhaltigkeitstransformation“ durchgesetzt.

Die Suffizienz (sufficiere, lat.: ausreichen, genügen) wird häufig als ein zentrales Prinzip für eine gelingende Nachhaltigkeitstransformation betrachtet. Zwar spielen ebenfalls ihre Gefährtinnen, die Effizienz und die Konsistenz, also der Einsatz grüner Technologien und Produktionsmethoden, eine wichtige Rolle. Doch die Suffizienz – so die Hoffnung – kann die Art und Weise, wie die Menschen gemeinsam produzieren, konsumieren und leben, tiefgreifender verändern, als es die Effizienz und die Konsistenz je im Stande wären (Stengel 2011, Princen 2005). Da die Suffizienz mit ihrer grundsätzlichen Forderung nach dem Aushandeln eines rechten Maßes für ein gutes Leben ein sehr anspruchsvolles Prinzip ist, wird sie eher in kleineren, überschaubaren Räumen erprobt. Dies geschieht etwa in der Form einzelner Initiativen, wie Repair-Cafés und Tauschringe, oder auch als Teil von Nachhaltigkeitsstrategien besonders ehrgeiziger Kommunen, die in diesem Artikel beispielhaft näher betrachtet werden. Die grundlegende Annahme ist hier, dass sich auf der „lokalen Ebene“ solche ambitionierten Maßnahmen besser erproben lassen. Sie fallen auf einen fruchtbareren Boden, da die Menschen einander sowie die Gegebenheiten vor Ort kennen und in gut etablierten sozialen Netzwerken agieren.

Dieser Artikel widmet sich der Frage, inwiefern die Suffizienz ganz praktisch auf der lokalen Ebene bereits gelebt wird und welche Chancen aber auch Herausforderungen sich dabei ergeben? Kann die Suffizienz ihr Versprechen auf eine tiefgreifende Nachhaltigkeitstransformation zumindest vor Ort, im Kleinen, schon ganz gut erfüllen?

Die Suffizienz als Quelle des Wandels?

Diese Ausgangsfrage wurde in einer Podiumsdiskussion mit zwei ExpertInnen als Teil einer Tagung mit dem Titel „Von der Wurzel in die Krone“ untersucht. 

Der Podiumsdiskussion wohnten zwei ExpertInnen bei: Daniela Weinand, ehemalige Klimaschutzmanagerin im Landkreis Lüchow-Dannenberg in Niedersachen, die dort aktuell das Projekt „Wendland im Wandel – Netzwerk für Klimaschutz und Suffizienz“  betreut, und Ulrich Ahlke, ehemals Leiter des Amts für Klimaschutz und Nachhaltigkeit des Kreises Steinfurt in NRW, der inzwischen dem Verein WieWollenWirLeben e. V. vorsitzt. Beide haben sich in der Vergangenheit sowohl aus Verwaltungsperspektive als auch aus zivilgesellschaftlicher Sicht mit Fragen der Transformation beschäftigt. Insgesamt äußerten sich die beiden ReferentInnen zu verschiedenen Aspekten, die einen Hinweis darauf geben, welche Rolle die Suffizienz aktuell in den Klima- und Energiemodell-Landkreisen Steinfurt und Lüchow-Dannenberg innehat.

Wir stellen nun dar, wie beide ExpertInnen übergeordnete Fragen zu den Chancen und Hindernissen Suffizienz-orientierter Maßnahmen auf lokaler Ebene bewertet haben.

Welche Rolle spielt die Suffizienz in lokalen Leitbildern zur Nachhaltigkeit?

Die ReferentInnen waren sich darin einig, dass die Suffizienz als Nachhaltigkeitsprinzip eher eine Nebenrolle in den relevanten Leitbildern für eine Transformation spiele. Gerade im Hinblick auf die kommunale Förderung des Klimaschutzes und der Energiewende läge der Fokus vor allem auf den technischen Aspekten des Wandels wie etwa der Förderung erneuerbarer Energien. Um Menschen aus der Region davon zu überzeugen, dass technische Veränderungen notwendig seien, würde man meist auf ihre möglichen wirtschaftlichen Vorteile verweisen – zum Beispiel entfalte die Nutzung erneuerbarer Energietechnologien vor Ort finanzielle Gewinne für lokale Betriebe und Energiegenossenschaften. Zudem erklärten die ExpertInnen, dass der Begriff „Suffizienz“ sehr sperrig sei und meist mit der Notwendigkeit von Verzicht in Zusammenhang gebracht würde. Dies sei sicher zumindest auch einer der Gründe, warum der Begriff der Suffizienz in vielen Förderprogrammen zum kommunalen Klimaschutz gemieden werde. Vielmehr sei darin an Stelle der Suffizienz von klimafreundlichen Lebensstilen die Rede. Diese Begriffswahl sei zunächst greifbarer und ließe sich leichter mit den alltäglichen Verhaltensweisen der Menschen in Verbindung bringen.

Welche Hindernisse gibt es in der Kommunikation und Beteiligung für Suffizienz?

Im Hinblick auf die Einbeziehung der Zivilgesellschaft, insbesondere der Bürgerinnen und Bürger, präsentiere sich die Suffizienz als durch und durch ambivalent: Zunächst sei es aus Sicht der ExpertInnen selbstverständlich nicht angemessen, wenn eine Kommune ihren Bürgerinnen und Bürgern den Verzicht auf bestimmte Dienstleistungen und Produkte nahelegen würde. So dürfe etwa die Aufforderung „Esst weniger Fleisch!“ aus guten Gründen nicht seitens der Kommunalverwaltung getätigt werden, selbst wenn sie für den Klimaschutz als sinnvoll erscheine. BürgerInnen müssten also bei der Verwirklichung von Suffizienz anders beteiligt werden. Vielversprechender sei nach Einschätzung der ReferentInnen die Betonung der Vorteile, die entstünden, wenn man einen suffizienteren Lebensstil verfolge: die Lebensqualität steigere sich durch sinnvollere soziale Beziehungen, durch den bewussteren Genuss von Produkten und Dienstleistungen und die Entschleunigung des Alltags. Für ein gutes Leben brauche es schließlich nicht immer mehr von Allem. Gleichwohl wurde eingeräumt, dass das Hervorheben solcher Vorteile möglicherweise Gefahr laufe, ebenfalls anschlussfähig für gewöhnliche Steigerungs- und Optimierungslogiken zu sein, von denen man doch eigentlich im Sinne einer Suffizienzstrategie etwas Abstand gewinnen möchte.

Welche Handlungsspielräume gibt es trotz dieser Herausforderungen für eine kommunale Suffizienzpolitik?

Das angeführte Beispiel einer Aufforderung zum Fleischverzicht durch die Kommune zeigt der Ansicht der ExpertInnen nach deutlich, dass es keineswegs egal ist wer Wandel zur Nachhaltigkeit bzw. zur Suffizienz anstößt. Das Ziel von lokalen Verwaltungen sei vor allem, dass das Leben an einem Ort ohne große Veränderungen weiterlaufen könne. Wenn Veränderungen aber ratsam wären – zum Beispiel um nachhaltiger zu werden – sei es daher wichtig, dass die Zivilgesellschaft Druck auf die Verwaltung ausübe, die benötigten Strukturen für solche Veränderungen zu schaffen.

– Gleichzeitig wurde diesem grundsätzlichen Aufruf an die Zivilgesellschaft aus dem Publikum entgegengesetzt, dass keine überhöhten Erwartungen an die Zivilgesellschaft gestellt werden dürften. Denn: denen könne diese kaum gerecht werden. Außerdem müsse man bedenken, dass auch die Zivilgesellschaft keineswegs immer einer Meinung sei und dabei zum Beispiel auch unsolidarische Tendenzen aufweisen könne – so ein weiterer Beitrag aus dem Plenum. Die Frage, welche Teile der Zivilgesellschaft gefördert werden sollten und welche nicht, stelle sich hier also unmittelbar.

Abschließend wurde seitens der ReferentInnen als „Mutmacher“ eingebracht, dass die Förderung von Suffizienz in Kommunen die soziale Resilienz bzw. den sozialen Kitt lokaler Gemeinschaften grundlegend stärken könne, was insbesondere für strukturschwächere Kommunen eine Chance darstelle. Zudem sei es an der Zeit, Erfolgsindikatoren für nachhaltige Entwicklung zu fördern, die sich nicht allein an Vorstellungen der nachhaltigen Entwicklung als wirtschaftliches Wachstum orientierten. So schneide bspw. der Landkreis Lüchow-Dannenberg zwar schlechter im nationalen Vergleich um Wachstumschancen ab. Nicht gemessen und sichtbar würden hier jedoch das starke soziale und ehrenamtliche Potenzial und der Gemeinsinn in der Region, die zentrale Voraussetzungen für eine umfassende gesellschaftliche Transformation darstellten.

Fazit

Im Dialog mit den ExpertInnen zeigte sich, dass Nachhaltigkeitsprinzipien wie die Suffizienz spätestens in der Umsetzung kompliziert und mehrdeutig sind und für ganz unterschiedlich und teils entgegengesetzte Ziele nutzbar gemacht werden (können). Das Lokale ist daher nicht unbedingt ein Ort, an dem Transformation an und für sich besser und unkomplizierter gelingen kann. Im Hinblick auf die Zusammenarbeit zwischen Kommune und Zivilgesellschaft wurde zudem deutlich, dass die jeweiligen AkteurInnen ganz unterschiedlichen Logiken der Veränderung bzw. der Erhaltung des Status Quo unterworfen sind. Um die Aussichten auf eine sozial-gerechte und ökologisch umfassende Transformation zu erhöhen, ist es daher wichtig die spezifischen Chancen und Barrieren von Nachhaltigkeitsinitiativen genauer zu beleuchten und zu hinterfragen.  Dies trübt vielleicht den hoffnungsvollen Blick auf das Lokale als Ursprungsraum bzw. -ort der Transformation; es zeigt jedoch gleichzeitig Transformationspfade auf, die ein klein wenig realistischer, wenn auch nicht weniger anspruchsvoll, sind.

 

Verwendete Quellen:

Princen, T. (2005). The logic of sufficiency (Vol. 30). Cambridge, MA: Mit Press.

Stengel, Oliver (2011). Suffizienz: die Konsumgesellschaft in der ökologischen Krise. Wuppertaler Schriften zur Forschung für eine nachhaltige Entwicklung Band 1. ISBN 978-3-86581-280-3. Oekom Verlag, München.

Zum Weiterlesen:

Die Broschüre von BUND und BUNDjugend mit dem Titel „Ein gutes Leben für alle! Eine Einführung in Suffizienz“ vermittelt einen guten Überblick über die Suffizienz(-politik), ihre Verflechtung mit anderen Themen der Nachhaltigkeit, sowie ihre mögliche Bedeutung für Individuum und Gesellschaft.

 

Zu der Autorin: Pia Mamut promoviert im Fach Politikwissenschaft an der Universität Münster. In ihrer Doktorarbeit untersucht sie das transformative Potenzial regionaler Nachhaltigkeitsdiskurse. Dabei steht die Suffizienz als ein Prinzip der Nachhaltigkeit im Fokus. Anwendungsfall ist die Transformation des Energiesystems. Die Konzeption der Tagung und des Podiumsgesprächs entstand aus dem Kontext dieser Arbeit heraus.

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