Mit T-Shirts aus Kaffeesatz zur „nachhaltigen“ Wirtschaft? – Einblicke in die Bioökonomie


Anja Steingrobe, Carolin Bohn / Mittwoch, Mai 13th, 2020

Anfang dieses Jahres stellte die Bundesregierung die neue Nationale Bioökonomiestrategie vor und formuliert darin das Ziel, durch die Förderung der Bioökonomie zukünftig „nachhaltig“ zu wirtschaften (nachzulesen in der Kabinettversion der Strategie  oder in dieser Zusammenfassung). Auch im Wissenschaftsjahr des Bundeministeriums für Bildung und Forschung dreht sich 2020 alles um die Bioökonomie. Warum bekommt dieses Thema aktuell so viel Aufmerksamkeit? Wieso halten viele Menschen die Bioökonomie für ein wichtiges Element des Wandels zur Nachhaltigkeit, und:

Was ist eigentlich „Bioökonomie“?

Diese Frage ist gar nicht so einfach zu beantworten, da es den Begriff „Bioökonomie“ schon lange gibt und er immer wieder neu mit Bedeutung gefüllt wird. Im Großen und Ganzen steckt hinter ihm die Vision einer völlig anderen Art des Wirtschaftens. Vielen BefürworterInnen der Bioökonomie geht es darum, durch sie umweltschädliche und langfristig nicht tragbare Aspekte unserer Art des Wirtschaftens zu beseitigen, um sie „nachhaltiger“ zu machen. Durch die Nutzung nachwachsender Rohstoffe sollen Verfahren und Techniken, die bisher endliche Rohstoffe benötigen und viele Schadstoffe ausstoßen, ersetzt oder zumindest verbessert werden. Wenn das gelingen soll, braucht es eine Zusammenarbeit zwischen Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft, denn jeder Bereich spielt hier eine jeweils andere, wichtige Rolle. NaturwissenschaftlerInnen aber auch Unternehmen sind z.B. dann gefragt, wenn es um die Entwicklung und Umsetzung biotechnologischer Verfahren geht, denn die Biotechnologie ist ein zentraler Baustein der Bioökonomie.

Ohne Biotechnologie keine Bioökonomie 

WissenschaftlerInnen in verschiedensten Bereichen der Biotechnologie arbeiten an der Entwicklung von Produktionsverfahren, die in unterschiedlicher Hinsicht „besser“ als bestehende Verfahren sind und verknüpfen sonst alleinstehende Technologien netzwerkartig miteinander. Sie untersuchen dafür Lebewesen, wie Pilze, Mikroorganismen oder Algen und deren Bestandteile auf ihre Einsatzmöglichkeiten. Die so erarbeiteten Verfahren können unter bestimmten Umständen zum Umweltschutz beitragen, bspw. indem durch den Einsatz von Enzymen Wäsche schon in Waschgängen mit niedrigen Temperaturen sauber wird. Insgesamt ist die Biotechnologie sehr vielfältig aufgestellt. So existieren unterschiedliche Formen mit je anderen Anwendungsgebieten. Die einzelnen Teildisziplinen werden anhand einer Farblehre voneinander unterschieden, wie Mikrobiologe Florentin Schmidt aus dem Projekt BIOCIVIS hier kurz zusammenfasst:

„Die „rote“ Biotechnologie schließt Anwendungen im Bereich der Medizin und Arzneimittelherstellung ein, während die Nutzung von Pflanzen und Verfahren im Landwirtschaftssektor als „grüne“ Biotechnologie bezeichnet werden. Die Felder „blaue“ und „gelbe“ Biotechnologie beziehen sich wiederum auf die Nutzung von Organismen aus dem Meer bzw. die Verwendung von Insekten. Mikroorganismen, wie Hefen, Bakterien und einzellige Algen, kommen insbesondere in der „weißen“ und „grauen“ Biotechnologie zum Einsatz, welche industrielle Produktionsverfahren bzw. biotechnologische Anwendungen im Zusammenhang mit Umweltschutz umfassen.“

Beispiele für erfolgreich in die praktische Nutzung übertragene Biotechnologie findet man bereits in der Landwirtschaft, der Chemieindustrie und weiteren Sektoren. Zu den besonders bekannten zählen Biogasanlagen, in denen Abfallstoffe zur Strom- und Wärmeerzeugung genutzt werden. Aber auch in der Nahrungsmittel-, Kosmetik- oder Textilindustrie finden biotechnologische Innovationen bereits seit langem Anwendung, bspw. in Form von Geldbörsen aus Pilzen oder der im Titel erwähnten T-Shirts aus Kaffeesatz.

Obwohl biotechnologische Verfahren damit sehr vorteilhaft seien können, werfen sie durchaus auch Herausforderungen auf und werden von unterschiedlichen Stellen aus kritisiert. Der Rückgriff auf erneuerbare Rohstoffe ist beispielsweise nicht unbedingt „nachhaltig“, nur weil sie erneuerbar sind – hier muss sehr genau auf weitere Aspekte, bspw. Produktionsbedingungen, geachtet werden. Darüber hinaus wird der Einsatz von Gentechnik in der Biotechnologie kontrovers diskutiert: Einige WissenschaftlerInnen halten sie für unumgänglich und vorteilhaft, insbesondere ihr Einsatz in der „grünen“ Biotechnologie wird aber häufig auch negativ bewertet. Auf diese Aspekte werden wir in zukünftigen Artikeln genauer eingehen. Wichtig ist an dieser Stelle: biotechnologische Verfahren sind nicht „automatisch“ nachhaltig. Außerdem macht die Biotechnologie allein noch keine Bioökonomie.

Bioökonomie ist mehr als Biotechnologie

Zur Verwirklichung einer wirklich „nachhaltigen“ Bioökonomie müssen viele weitere Bedingungen erfüllt sein. Notwendig ist unter anderem auch, dass Materialien im Rahmen einer Kreislaufwirtschaft (um die es auch hier schon ging) mehrfach verwendet und möglichst optimal verwertet werden. Die Verschwendung wertvoller Rohstoffe soll so vermieden und die Zahl von Abfallprodukten verringert werden. Darüber hinaus kommen „wir“ (das meint hier vor allem wohlhabende Bevölkerungsteile) auch mit Rückgriff auf biotechnologische Verfahren nicht darum herum, die Art und Weise wie wir konsumieren grundlegend zu verändern. Die Übernutzung von Rohstoffen (um die es auch hier ging) und zahlreiche Umweltprobleme werden schließlich nicht nur dadurch verursacht, wie wir Konsumgüter herstellen, sondern auch dadurch, wie viel wir überhaupt konsumieren – häufig viel mehr als es für ein gutes Leben notwendig und für die Umwelt tragbar ist. Das müssten wir auch in einer Bioökonomie ändern.

Die Verwirklichung der Bioökonomie ist also eine sehr schwierige Aufgabe, die fundamentale Veränderungen in vielen Lebensbereichen fordert! Trotzdem erscheint es wichtig, dass wir uns dieser komplizierten Aufgabe stellen, denn: Unsere aktuelle Wirtschaftsweise ist alles andere als nachhaltig. Durch viele Produktionsverfahren in der Nahrungsmittelindustrie, der Landwirtschaft, die Chemieindustrie und anderen Sektoren gelangen zu viel klimaschädliches CO2 und andere Schadstoffe in die Umwelt. Viele unserer Alltagsprodukte, wie Plastik oder Kosmetika, bestehen aus Rohstoffen, die nicht erneuerbar und damit nur begrenzt verfügbar sind. Durch den verschwenderischen Umgang mit diesen Rohstoffen werden früher oder später Alternativen benötigt. Die Art und Weise wie „wir“ aktuell wirtschaften ist also alles andere als zukunftsträchtig und es besteht ein unbedingter Handlungsbedarf, der aus Sicht vieler Menschen durch die Bioökonomie gedeckt werden könnte.

Die Bioökonomie in der Kritik

Genau wie die Biotechnologie als Baustein der Bioökonomie ist aber auch die Bioökonomie selbst durchaus nicht unumstritten. Neben bestimmten Verfahren und Technologien (s.o.) rufen auch andere Aspekte kritische Nachfragen hervor, zum Beispiel nach den Interessen einiger AkteurInnen, die sich für die Verwirklichung der Bioökonomie einsetzen. Zum Teil fehlt es aus unterschiedlichen Gründen an Vertrauen in Politik, Wissenschaft oder Wirtschaft, beispielsweise weil BürgerInnen das Gefühl haben, ihre Meinungen würden nicht ernst genommen. Gerade mit Blick auf Unternehmen wird oft angezweifelt, ob für sie wirklich Nachhaltigkeit oder doch eher der Profit im Vordergrund steht. Bildungsangebote und ehrlicher Informationsaustausch, vor allem aber der gleichberechtige Dialog aller AkteurInnen aus Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Gesellschaft zu Entscheidungen rund um die Bioökonomie sind daher unverzichtbar.  In diesem Zusammenhang betont Politikwissenschaftlerin Carolin Bohn aus dem Projekt BIOCIVIS:

„Die Verwirklichung einer Bioökonomie sollte in einer Demokratie nicht ohne die BürgerInnnen geschehen, momentan werden sie in diesen Prozess aber noch zu wenig einbezogen. Es geht nicht darum, nur Akzeptanz für bereits getroffene Entscheidungen herzustellen. Stattdessen sollten BürgerInnen stärker als es aktuell der Fall ist an der Entscheidungsfindung mitwirken und ihre vielfältigen Perspektiven auf die Bioökonomie einbringen können.“

Insgesamt zeigt sich: Die Idee der Bioökonomie hat durchaus das Potenzial, den wichtigen Wandel zur Nachhaltigkeit voranzubringen. Gleichzeitig sind biotechnologische Verfahren nicht „automatisch“ nachhaltig und die Verwirklichung einer vollständig nachhaltigen Bioökonomie ist eine schwierige Aufgabe.

Abschließendes Fazit zur Bioökonomie – Dafür wäre es hier zu früh!

Wie weit sind wir auf dem Weg zur wirklich nachhaltigen Bioökonomie bereits gekommen? Gehen wir in die richtige Richtung, oder sind wir irgendwo falsch abgebogen? Wer sollte darüber entscheiden, wohin die nächsten Schritte gehen – und wer trifft diese Entscheidung tatsächlich? Unser Artikel zeigt, dass sich diese und weitere spannende Fragen zum Thema Bioökonomie stellen. Wir werden uns ihnen in einer Reihe hier veröffentlichter Texte widmen und dabei viele Facetten des Themas Bioökonomie von verschiedenen Seiten beleuchten, sodass Ihr euch selbst eine fundierte Meinung zu den Chancen und Herausforderungen der Bioökonomie bilden könnt.

 

Dieser Blogbeitrag ist der erste in einer Reihe von Artikeln, die im Rahmen des Projektes BIOCIVIS  verfasst wird. Dieses Projekt wird unter der Leitung von Prof‘in Doris Fuchs (Politikwissenschaft) und Prof. Bodo Philipp (Molekulare Mikrobiologie und Biotechnologie) an der Universität Münster durchgeführt. Es kreist um die Frage, wie Beteiligung zu Bioökonomie-Themen so gestaltet werden kann, dass ein gleichberechtigter Dialog zwischen BürgerInnen und anderen AkteurInnen gelingt. Das Projekt BIOCIVIS wird mit Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung unter dem Förderkennzeichen 031B0780 gefördert. Die Verantwortung für den Inhalt dieses Artikels liegt bei den Autorinnen.

 

Zum Weiterlesen:

Auf dieser Website [https://biooekonomie.de/] des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) erhaltet ihr viele Infos zum Thema Bioökonomie, genauso wie auf der Website zum Wissenschaftsjahr Bioökonomie [https://www.wissenschaftsjahr.de/2020/], die ebenfalls vom BMBF herausgegeben wird.

Eine etwas anders gelagerte Perspektive auf die Bioökonomie erschließt sich unter anderem durch einen Blick auf die Beiträge des Aktionsforums Bioökonomie [https://denkhausbremen.de/themen/biooekonomie/], in dem viele deutsche Umwelt- und Entwicklungsorganisationen mitarbeiten. Mitglieder des Forums haben im Januar 2020 z.B. „Zwölf Beiträge für eine nachhaltige Bioökonomie“ [https://denkhausbremen.de/zwoelf-beitraege-fuer-eine-nachhaltige-biooekonomie/] veröffentlicht.

 

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