Was tun, wenn’s brennt?


Anica Roßmöller / Dienstag, Juni 23rd, 2020

„Wenn dein Haus brennen würde und du kannst nur eine Sache retten, was wäre das?“

Diese Frage bzw. dieses Bild wird häufig angebracht, wenn man einmal sich und andere dazu veranlassen möchte, über den eigenen Hang zum Materialismus nachzudenken. Grundsätzlich ist die Idee dieses Gedankenexperiments folgende: Welche Objekte oder Besitztümer würden wir vermissen, wenn sie nicht mehr da sind, weil sie uns mehr bedeuten als ihr einfacher, finanzieller Wert? Welche Dinge sind uns so wichtig, dass wir sie noch schnell aus unserem – sinnbildlich gesprochen – brennenden Haus retten würden? Rationale Antworten wie der Reisepass, die Geburtsurkunde, der Laptop mit den wichtigen Daten oder auch das gute Silberbesteck sind hier natürlich ein Blickwinkel. Bei Erbstücken wird es schon schwieriger: Behält man sie, weil sie finanziellen Wert haben oder weil wir als Kind immer mit Omas Perlenkette gespielt haben? Fotos haben keinen finanziellen Wert, aber wenn uns die Ursprungsdatei oder sogar noch das Negativ fehlt, haben sie einen Wert für uns, weil sie einzigartig und nur schwer reproduzierbar sind. Und, weil sie Erinnerungen in uns wecken. Die gepresste Blume vom Hochzeitsstrauß, die Quittung vom ersten Date mit dem Partner oder der Partnerin, der Glücksbringer, an den man ja eigentlich nicht glaubt, der aber sicherheitshalber doch bei Prüfungen eingesteckt wird…

Genau solche Objekte wurden zum Diskussionseinstieg im Rahmen dieser Veranstaltung eingeführt:

Religion, Spiritualität und Nachhaltigkeit. Impulse und Workshops zur interdisziplinären Nachhaltigkeitsforschung.

Die Veranstaltung fand am 10. Januar 2020 in Münster im Franz Hitze Haus statt. Die Tagung wurde gemeinsam vom ZIN und der Akademie Franz Hitze Haus ausgerichtet und ist Teil einer Veranstaltungsreihe zu nachhaltigkeitsrelevanten Themen beider Partner im Jahr 2020. Im Mittelpunkt der Tagung standen die Fragen: Wie können religiöse Naturverständnisse eine Ressource für den Umweltschutz sein? Wie verbinden sich Spiritualität und Nachhaltigkeit in unserem Alltag? Mehr über den Inhalt der Tagung erfahrt Ihr im Veranstaltungsflyer.

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Und was haben diese Überlegungen mit Nachhaltigkeit zu tun?

Im Anblick der andauernden Klimakrise und den nötigen Veränderungen, um diese noch zu vereiteln, sind wir nicht allzu weit von dem Bild des brennenden Hauses entfernt. Papst Franziskus spricht in seiner Enzyklika „Laudato si‘“ von der Sorge um unser gemeinsames Haus. Denn dieses Haus, unser Planet, ist in Gefahr. Und statt, wie in dem oben genannten Gedankenexperiment, vereinfacht gesagt, die wichtigsten Dinge zu schnappen und das Haus zu verlassen, müssen wir uns mit einer anderen Frage auseinandersetzen:

„Welche Dinge sind wichtig, damit wir weiterhin im Haus leben können?“

Welche Priorisierungen und Veränderungen können und wollen ‚wir‘ anstreben, damit ein gutes Leben für uns alle, in unserer Stadt, unserem Land wie auch im Rest der Welt, sowie auch für unsere Kinder und Kindeskinder in Zukunft möglich wird? [Hierbei sei kurz angemerkt, dass das ‚wir‘ grundsätzlich allumfassend gedacht ist und die daraus folgende Diversität viele weitere Diskussionspunkte wie beispielsweise der Klimagerechtigkeit bietet. Diese Themen werden hier nicht weiter behandelt, sind aber in der Pluralität von Werten immer mitgedacht]. Bei dieser Frage geht es nicht nur um finanzielle, temporäre und räumliche Grenzen, sondern auch um unser Wertverständnis zu den Dingen, mit denen wir uns umgeben. Und diese sind, wie wir oben schon festgestellt haben, geprägt von den Beziehungen und den Werten, die wir mit ihnen verbinden.

Wenn wir unseren Blick von den Memorialien und Erbstücken heben, so stellen wir fest, dass auch die restlichen Dinge in unserem Leben von uns mit Werten bemessen werden. Gegebenenfalls direkt, wie bei den Erinnerungsstücken, oder auch indirekt, über unsere Wertvorstellungen, wie unser Leben auszusehen hat. Denn die Definition von einem guten Leben beginnt mit den Bildern und Werten in unserem Kopf. Ein Auto, das neue Kleid, die neuesten technischen Gadgets. Häufig ist das „Ich brauche das!“ ein „Ohne das ist mein Bild von mir unvollständig!“.

Grundsätzlich ist ein solches Verhalten nur menschlich. Werte helfen uns, unser tägliches gemeinsames Leben zu ordnen und in Bahnen zu lenken, die wir für sinnvoll erachten. Auch ist es schön, Dingen Bedeutung zu geben, weil es auch dem eigenen Leben weitere Bedeutung gibt. Dazu hat jede/r andere Priorisierungen der einzelnen Werte und im Großen und Ganzen (also solange die Werte nicht absolut komplementär sind) fördert das eine bunte plurale Gesellschaft. Nichtsdestotrotz sollten wir uns bewusst machen, was uns erstrebenswert erscheint, warum wir diesen Dingen eine solche Bedeutung zumessen und ob dies unter veränderten Umständen weiterhin angemessen ist. Aber hier ist der Haken: Werte sind träge. Wir bekommen sie über unsere Kindheit, unsere Gesellschaft, deren Kultur und Religion sowie unseren Lebensweg vermittelt und können sie nur schwer ändern. Am Beispiel der oben erwähnten Gegenstände zeigt sich, dass, wenn erstmal etwas wertvoll ist, wir diesen Status nicht so schnell wieder aberkennen.

„Es sind neue Upgrades verfügbar!“ – Kann man Werte aktualisieren?

Aber gerade das müssen wir tun, um, wenn man im oben gewählten Bild bleibt, in unserem Haus weiterhin wohnen zu können. Unsere Verhaltensmuster sind von Werten geprägt, die nicht immer das gute Leben aller miteinschließen. Viele unserer Werte entstehen im Laufe des Lebens, unter bestimmten Umständen: wenn man in der DDR eine Ewigkeit auf seinen Trabi warten musste, ist das eigene Auto nach der Wiedervereinigung ein Luxus, auf den man seitdem nicht mehr verzichten möchte. Und wenn man als Kind mit seinen Eltern im Urlaub maximal bis ins Sauerland kam, sind Flugreisen in die weite Ferne etwas, die einem das Gefühl geben, es geschafft zu haben. Doch all diese (ich gebe zu: etwas überspitzten) Beispiele zeigen auch, dass diese Werte sich besonders auf die damaligen Umstände beziehen. Aber unsere heutige Welt, die mehr und mehr an ihre ökologischen und sozialen Belastungsgrenzen stößt, verlangt eigentlich von uns, dass wir auch diese Belastungsgrenzen in die „Werte-Rechnung“ miteinkalkulieren.

Aber wie können wir unsere Wertvorstellungen ‚aktualisieren‘? Können wir einfach unseren Kopf aufklappen und ihm sagen, dass ein Auto einfach für die Umwelt keinen Sinn ergibt und wir jetzt ohne eins leben müssen? Oder tief in unser Herz blicken und ihm sagen, dass diese traumhaft schöne Reise in die Karibik nun wirklich zu viel CO2verschlingt? Wenn es nur so einfach wäre…

Die Argumente für einen nachhaltigen Lebenswandel sind häufig rational-wissenschaftlicher Natur. Die technischen Beweise für den Klimawandel zeigen, dass unser Leben sich verändern wird und es nur logisch ist, die schlimmsten Folgen jetzt abzuwenden. Aber, wenn wir uns den aktuellen Stand der Bemühungen zum globalen Klimaschutz anschauen, scheinen diese Argumente nicht bei allen das gleiche auszulösen. Denn Werte sind nicht alle rational begründbar. Nicht alles, dem man einen Wert zumisst, kann durch Logik erklärt werden.

Müssen wir also mit unseren alten Werten im Gepäck schauen, wie unser Haus zusammenbricht? Was können wir tun? Eigentlich ist es wie beim Aufräumen und Entrümpeln von einem Haus: alleine, eine furchtbar einsame anstrengende Arbeit, die kein Ende nimmt. Wenn es andere machen, wird nachher vielleicht sogar gerade das weggeschmissen, was wir auf keinen Fall verlieren wollten. So ist die Lösung vielmehr ein Dialog. Ein konstanter Austausch über unsere Werte, ihre Herkunft und wie wichtig sie uns in Zukunft sein sollen, kann den Anstoß geben, unsere Werte neu zu priorisieren. Und dann können wir auch noch lange in unserem gemeinsamen Haus leben.

 

Nachweis Titelbild: https://pixabay.com/