Politische Beteiligung und Engagement für ein nachhaltiges Gemeinwohl – je mehr, desto besser?

Anna Gall

Der Zivilgesellschaft wird eine immer größere Rolle dabei zugewiesen, das Gemeinwohl zu fördern. Sie füllt diese Rolle aus durch vielfältige Formen politischer Beteiligung und des Engagements, d.h. durch die Mitsprache und Mitgestaltung bei der Schaffung und Veränderung gesellschaftlicher Strukturen.

Das Forschungsprojekt ENGAGE hat die wesentlichen Trends der politischen Beteiligung und des Engagements in Deutschland in einem Arbeitsbericht zusammengefasst (ENGAGE, im Ersch., 2021). Es zeigt sich ein langfristiger Trend: Der Anteil der freiwillig Engagierten in der deutschen Bevölkerung und die Zahl von Beteiligungsverfahren steigen kontinuierlich. Geht mit dieser Zunahme aber auch eine positive Wirkung auf die Gemeinwohlschaffung einher? Schließlich zeigt die Trendanalyse gleichzeitig ungleiche Strukturen der Beteiligung und des Engagements auf und zudem warnen wissenschaftliche und politische Akteure vor einer Zunahme unzivilen Engagements.

(Ungleiche) Zunahme des Engagements

Wie die Umfragen des Deutschen Freiwilligensurvey (Simonson et al., 2017) zeigen, sind rund zwei Fünftel der deutschen Wohnbevölkerung, also der in Deutschland lebenden Personen, freiwillig engagiert und das mit steigender Tendenz. Die Möglichkeit, sich einzubringen und die Gesellschaft aktiv mitzugestalten, ist dabei ein wichtiges Motiv. Bei Betrachtung der Engagementquote, also dem Anteil der freiwillig Engagierten in den jeweiligen Bevölkerungsgruppen, wird allerdings deutlich, dass sich nicht alle Milieus und gesellschaftlichen Gruppen gleichermaßen freiwillig engagieren: Menschen in den neuen Bundesländern, Menschen mit niedrigem Schulabschluss, ältere Menschen und Frauen sind unterdurchschnittlich stark engagiert. Es bestehen also strukturelle Ungleichheiten bei der gesellschaftlichen Mitgestaltung durch freiwilliges Engagement.

Verschiedene Engagementformen sind für verschiedene soziale Gruppen unterschiedlich attraktiv

Noch immer findet der überwiegende Teil des freiwilligen Engagements in formalen Organisationen, wie Vereinen und Verbänden statt. Aber auch neue informelle und selbstorganisierte Formate wie z.B. Urban Gardening Initiativen oder Repair Cafés gewinnen zunehmend an Bedeutung. Diese stellen mit ihrem geringeren Formalisierungsgrad, d.h. mit flexibleren und selbstorganisierten anstatt stark standardisierten und formalen Strukturen offenbar gerade für diejenigen Bevölkerungsgruppen eine attraktive Option dar, die bisher weniger stark engagiert waren. Auch junge Menschen und Personen mit hohem Bildungsabschluss engagieren sich überdurchschnittlich oft auf diese Weise. Mittlerweile ist ein Sechstel der Engagierten vorwiegend innerhalb einer selbstorganisierten Initiative oder Engagementform aktiv.

Ein möglicher Vorteil dieser Organisationsform liegt in der vergleichsweise hohen Flexibilität sowie der Möglichkeit Engagement unverbindlich, kurzfristig und mit weniger aufwendigen Koordinationsprozessen auszuführen. Dafür spricht, dass informell Engagierte durchschnittlich weniger Zeit pro Woche für ihr Engagement aufbringen. Allerdings könnte diese Form des Engagements auch höhere Anforderungen an persönliche Fähigkeiten und Kenntnisse stellen, da der unterstützende organisationale Rahmen fehlt.

Trends im Bereich der politischen Beteiligung

Bei der politischen Beteiligung auf nationaler und kommunaler Ebene lässt sich ebenfalls zwischen formellen und informellen Formen, also zwischen regulierter und nicht gesetzlich vorgeschriebener Beteiligung unterschieden. Zu den klassischen Formen formeller Beteiligung gehören Wahlen und Volks- bzw. BürgerInnenbegehren und -entscheide. Populäre Formen informeller Beteiligung stellen beispielsweise BürgerInnenforen und BürgerInnendialoge dar.

Wahlen (auf kommunaler, Landes-, Bundes- und EU-Ebene) sind nach wie vor die mit Abstand am häufigsten genutzte Form politischer Beteiligung. Allerdings lässt sich ein rückläufiger Trend der Beteiligungsquote für Wahlen beobachten. In allen weiteren Bereichen der Beteiligung steigt die Zahl der Beteiligungsereignisse.

So hat etwa die Zahl der BürgerInnen- und Volksbegehren in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen, obwohl es bis 1990 nahezu keine Praxis direktdemokratischer Verfahren gab. Inzwischen kommen jährlich rund 300 neue BürgerInnenbegehren hinzu. Landesweite Volksbegehren wurden begünstigt durch Reformen, die Hürden gesenkt haben und eine Veränderung der politischen Kultur hin zu einer stärker themenbezogenen Einmischung. Getragen wird diese Entwicklung von Bürgerinnen und Bürgern selbst, die in den vergangenen Jahrzehnten etwa 83 Prozent der Verfahren zu BürgerInnenentscheiden und 90 Prozent der Verfahren zu Volksentscheiden angestoßen haben (Rehmet 2018; Rehmet et al. 2018).

Wie sich auch im Rahmen einer eigenen Studie des ENGAGE-Projekts bestätigt hat, zeichnet sich eine deutliche Zunahme an Verfahren auch im Bereich der informellen Beteiligung ab, allerdings existieren hier große Unterschiede zwischen den Ländern und Kommunen. Anders als im Bereich der BürgerInnen- und Volksbegehren werden knapp zwei Drittel der informellen Beteiligungsverfahren auf kommunaler Ebene jedoch nicht von BürgerInnen selbst, sondern durch Kommunalverwaltungen initiiert.

Ungleichverteilung auch im Bereich der Beteiligung

Auch im Bereich politischer Beteiligung zeigt sich – ähnlich wie im Bereich freiwilligen Engagements –, dass die Beteiligung verschiedener Bevölkerungsgruppen eng mit sozioökonomischen Faktoren wie Bildung oder Beschäftigung zusammenhängt. Es wird sogar deutlich, dass die soziale Kluft im Bereich politischer Beteiligung zunimmt. Darüber hinaus zeigen sich auch hier regionale und geschlechtsspezifische Unterschiede: In den neuen Bundesländern ist die Wahlbeteiligung insgesamt niedriger als in den alten Bundesländern und die Wahlbeteiligung von Frauen liegt immer noch etwas unter derjenigen von Männern, auch wenn sich geschlechtsspezifische Ungleichheiten in einem langfristigen Trend stark verringert haben.

Was bedeutet das für nachhaltiges Gemeinwohl?  

Aus Perspektive der Gemeinwohlförderung sind diese Beobachtungen problematisch, da die verschiedenen Engagement- und Beteiligungsformen scheinbar Schwierigkeiten haben, Inklusion und Teilhabe für die verschiedenen Bevölkerungsgruppen zu ermöglichen. Unter Umständen kann dies zur Reproduktion von bestehenden sozialen Ungleichheiten, anstelle einer Produktion nachhaltigen Gemeinwohls führen (s. hierzu auch diesen ZIN-Blogbeitrag).

Das Gefühl, weniger repräsentiert zu sein als andere Bevölkerungsgruppen, wird außerdem als eine Ursache (in einem komplexen Gefüge von Ursachen) diskutiert, weshalb etwa anti-pluralistische Bürgerbegehren oder unziviles Engagement, das mit den Werten und Idealen der Demokratie sowie allgemeingültigen Menschenrechten im Konflikt steht, zugenommen haben. Beispiele hierfür sind das Erstarken von Bewegungen wie Pegida und QAnon.

Deshalb stellt sich die Frage: Tragen freiwilliges Engagement und politische Beteiligung tatsächlich zu nachhaltigem Gemeinwohl bei? Bzw. pointierter muss es heißen: Unter welchen Bedingungen tragen die verschiedenen Formen von Engagement und politischer Beteiligung tatsächlich zum Gemeinwohl bei? Das Projekt ENGAGE geht dieser Frage in einer nächsten Projektphase in ausgewählten Fallstudien nach.

Quellen und weiterführende Literatur:

BMFSFJ (2016). Zentrale Ergebnisse – Zweiter Engagementbericht 2016.

ENGAGE (im Ersch.). Trendanalyse – Engagement und Beteiligung in Deutschland. Arbeitspapier 2 des Forschungsprojekts ENGAGE – Engagement für nachhaltiges Gemeinwohl, 2021.

Krimmer, H. (2019). Datenreport Zivilgesellschaft. 1. Auflage 2019. Wiesbaden: Springer VS.

Rehmet, Frank (2018). Volksbegehrensbericht 2019, Mehr Demokratie e.V.: Berlin.

Rehmet, Frank et al. (2018). Bürgerbegehrensbericht 2018, Mehr Demokratie e.V. u.a.: Berlin u.a.

Simonson, J.; Vogel, C.; Tesch-Römer, C. (2017). Freiwilliges Engagement in Deutschland: Der Deutsche Freiwilligensurvey 2014. Wiesbaden: Springer VS.

Zur Autorin:

Anna Gall studiert im Bachelor Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin und arbeitet als studentische Mitarbeiterin im Institut für ökologische Wirtschaftsforschung im Projekt „ENGAGE – Engagement für nachhaltiges Gemeinwohl“. Der Blogbeitrag ist im Rahmen des Projektes ENGAGE entstanden, das sich mit der Frage auseinandersetzt, unter welchen Bedingungen politische Beteiligung und Engagement zu nachhaltigem Gemeinwohl beitragen können. Das Verbundprojekt wird unter der Leitung von Prof’in Doris Fuchs, Dr’in Corinna Fischer und Dr. Florian Kern an der WWU Münster, dem Öko-Institut e.V. und dem Institut für ökologische Wirtschaftsforschung durchgeführt.

Weitere Informationen zum Projekt findet Ihr hier.

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