Nachhaltig konsumieren mit Baby – Kinderleicht?

Carolin Bohn und Tobias Gumbert

773.000 Kinder kamen 2020 allein in Deutschland zur Welt (destatis.de) – etwas weniger als im Vorjahr, aber immer noch eine beachtliche Zahl. Wenn sich so ein Kind ankündigt, vor allem wenn es das erste ist, dann ist klar: Es müssen einige Anschaffungen getätigt werden! Welche und wie viele, darüber scheiden sich die Geister. Allein schon mit der Online-Recherche und dem Vergleich von Erstausstattungs-Listen und dem Abgleich mit Empfehlungen zu diesem Thema von FreundInnen, Familie und Fachpersonal ließen sich ohne weiteres viele Tage verbringen. Noch etwas komplizierter wird das Ganze, wenn man sich nun das Ziel setzt, bei der Beschaffung von allem, was der neue kleine Mensch haben soll (von Kleidung über Möbelstücke bis hin zu Pflegeprodukten und zahlreichem anderen „Zubehör“), möglichst „nachhaltig“ vorzugehen. Beispielsweise fallen im Leben eines Kindes ca. 5.000 Wegwerfwindeln an, das entspricht etwa einer Tonne Windelmüll. Das Bundesumweltministerium gibt an, dass 95% aller Kinder in Deutschland mit Einwegwindeln gewickelt werden, das entspricht dem täglichen Verbrauch von 10 Millionen Einwegwindeln und anteilig 10-15% des gesamten Restmülls (https://www.bmu.de/meldung/mai-2019-umweltfreundliche-und-gesunde-windeln/). Vielen Menschen ist daher mittlerweile daran gelegen, den ökologischen Fußabdruck der Neuankömmlinge bereits mit der Geburt zu senken, was unter anderem durch die Vielzahl von Büchern (z.B. Olga Witt – Zero Waste Baby: Kleines Leben ohne Müll) und Blogs (s. bspw. hier https://www.tinyyellowbungalow.com/8-zero-waste-mom-bloggers-you-need-to-follow/) bzw. Blogartikeln (z.B. https://www.onegreenplanet.org/lifestyle/zero-waste-baby/) zu diesem Thema belegt wird.

Viele Fragen, Hürden und Zielkonflikte

Aber was macht die Anschaffung einer „nachhaltigen“ Erstausstattung eigentlich kompliziert? Dafür gibt es mehrere Gründe. Zunächst stellt sich den KonsumentInnen in diesem Zusammenhang wie so oft die Frage: Wann kann man ein Produkt überhaupt als „nachhaltig“ bezeichnen? Ist der gebraucht im Second-Hand-Laden um die Ecke gekaufte Strampler einer Marke, die NäherInnen zu Stundenlöhnen im Cent-Bereich unter unsicheren Verhältnissen arbeiten lässt, „nachhaltiger“ als der online erworbene und per Post verschickte Strampler einer Marke, die Wert auf faire Produktionsbedingungen legt? Ist die Ökobilanz von Stoffwindeln grundsätzlich besser als die von Wegwerfwindeln? Und wie ist das, wenn die Stoffwindeln mit dem Trockner getrocknet werden und die Wegwerfwindeln (angeblich) recyclebar sind? Allein zu den letzten beiden Fragen existiert eine schier unüberschaubare Anzahl von Artikeln, in denen – oftmals in großer Detailgenauigkeit – abgewogen wird, unter welchen Bedingungen welches Stoffwindelsystem tatsächlich umweltfreundlicher ist als die Nutzung von Wegwerfwindeln. Dieses Beispiel zeigt: Eine Antwort zu finden auf die Frage danach, wann ein Produkt „nachhaltig“ beziehungsweise „nachhaltiger“ als ein vergleichbares ist, ist sehr komplex. Selbst eine intensive Recherche lässt uns manchmal mit dem unbefriedigenden Gefühl zurück, immer irgendwelche Abstriche mit Blick auf die Nachhaltigkeit des zu erwerbenden Produktes in Kauf nehmen zu müssen, sei es mit Blick auf das Material, die Herstellungsbedingungen oder den Transport. Gleichzeitig ist selbst eine solch unbefriedigende Recherche häufig extrem aufwändig, und nicht jede und jeder von uns hat Zeit und/oder Lust dazu, diesen Aufwand zu betreiben. Auch die Beschaffung von Produkten kann zusätzliche zeitliche Kapazitäten fordern, wenn man sich bspw. dafür entscheidet, die Kleidungsstücke für den Nachwuchs Stück für Stück online auf Second-Hand-Plattformen zu erwerben. Dazu kommt, dass konventionelle Produkte in manchen Fällen deutlich günstiger sind als „nachhaltige“ Alternativen, wenn auch teilweise nur auf den ersten Blick, was erneut besonders durch das Windel-Beispiel deutlich wird: Während die Erstanschaffungskosten hier potenziell sehr hoch sind, kann man durch eine entsprechend lange Nutzung am Ende im Vergleich zur Nutzung von Wegwerfwindeln Kosten sparen. Aber: Nicht jede und jeder hat die Möglichkeit, diese anfangs hohen Erstanschaffungskosten zu stemmen. Neben diesem „klassischen“ Zielkonflikt zwischen ökologisch-wertvollen Produkten und günstigen Preisen stehen gerade für junge Familien weitere wichtige Abwägungen ins Haus, vor allem im Kontext der Themenfelder Sicherheit und Gesundheit. Dabei spielt Vertrauen eine große Rolle:  Sind die Produkte wirklich aus einem Nichtraucherhaushalt (Stichwort plötzlicher Kindstod, die große Sorge aller jungen Eltern)? Kann ich darauf vertrauen, dass ein Autositz tatsächlich unfallfrei ist? Sind gebrauchte Mulltücher, Fläschchen, etc. trotz sorgfältiger Reinigung wirklich „sauber genug“ für mein Kind? Die Anschaffung einer „nachhaltigen“ Erstausstattung kann sich also nicht nur aufgrund der Aspekte Komplexität, Zeitaufwand und Kosten als besondere Herausforderung und Anstrengung darstellen. Gerade gegenüber Sicherheit und Gesundheit treten unter den Bedingungen fehlender Informationen und notwendiger „Trade-offs“ ökologische Anliegen schnell in den Hintergrund.

Baby-Steps zu mehr Nachhaltigkeit

Trotz dieser Herausforderungen müssen Nachhaltigkeitserwägungen nicht vollends über Bord geworfen werden. Zum einen bieten sich auf der individuellen Ebene, also im Alltagsleben jedes und jeder Einzelnen, viele Ansatzpunkte und Möglichkeiten, um mit diesen Herausforderungen umzugehen, und oft werden diese ohnehin schon lange umgesetzt. In vielen Familien und Freundeskreisen ist es beispielsweise Gang und Gebe, Kinderkleidung, aber auch sonstiges „Zubehör“, zu verleihen oder weiterzugeben – schon diese geradezu selbstverständliche Praxis trägt zur Verlängerung der Nutzungsdauer von Produkten bei und damit zur Verringerung des Abbaus von Rohstoffen zur Herstellung neuer Produkte. Die Ankunft eines Babys – gerade des ersten – kann außerdem bewusst als Ansatzpunkt genutzt werden, um „nachhaltige“ Verhaltensroutinen zu etablieren. Denn in diesem Fall gibt es noch keine etablierten nicht-nachhaltigen Verhaltensweisen bei der Versorgung dieses Kindes, die mühsam verändert werden müssten, sodass der Einstieg in „nachhaltige“ Verhaltensroutinen hier (auch wenn dafür natürlich immer bestimmte Rahmenbedingungen stimmen müssen) vielleicht verhältnismäßig leicht fällt. Sie kann gleichzeitig Ansatzpunkt für eine sog. „suffiziente“ Art des Konsums sein, d.h. eine Form der Anschaffung von Produkten bei der der Verzicht auf nicht unbedingt notwendige Produkte und die Beschränkung auf das, was wirklich gebraucht wird, im Vordergrund steht. (Mehr über „suffizienten Konsum“ könnt ihr in diesem Blogartikel lesen.) Gerade im Zusammenhang mit der Anschaffung einer Erstausstattung scheint dieser Punkt wichtig, da Hersteller auch in diesem Bereich nicht müde werden, neue, nicht zwangsläufig notwendige, Produkte zu bewerben, die insbesondere das Sicherheitsbedürfnis junger Eltern ansprechen.

Das Private ist politisch – Von Geburt an

Zum anderen ist jenseits dieser individuellen Ansätze vor allem die Politik gefragt. Wenn nachhaltiger Konsum mit Baby (und generell mit Kindern) einfacher, und das heißt weniger komplex, weniger zeitaufwendig, und gleichzeitig für alle erschwinglicher werden soll, und damit im landläufigen Sinne „normaler“, dann müssen die Rahmenbedingungen dies ermöglichen. Dies betrifft erstens die Vereinfachung der „Entscheidungsarchitektur“ von Eltern, das heißt den Kontext, in dem sie sich mit Kaufentscheidungen beschäftigen. So ist im Bereich Information noch vieles zu verbessern: Einwegwindeln sollten nicht mit ihrer Recyclingfähigkeit beworben werden dürfen (da sie aktuell verbrannt werden müssen), die transparente Aufschlüsselung der Produktionsbedingungen von Baby-Kleidung wäre wünschenswert, etc. Zweitens sollte eine nachhaltige „Konsum-Infrastruktur“ in Städten gefördert werden. Einige Kommunen (bspw. Freiburg, Ingolstadt  oder Hof) bezuschussen bspw. Stoffwindelpakete bereits, da diese – wie bereits erwähnt – in der Erstanschaffung teuer sind. Der Vorteil für die jeweiligen Kommunen liegt hier darin, dass durch die Nutzung von Stoffwindeln Müllaufkommen und Entsorgungskosten gesenkt werden. Räume für das private Betreiben von Second-Hand-Läden und Tauschbörsen können zu vergünstigten Konditionen bereit gestellt oder selbst initiiert werden. Dadurch könnte dem Trend zum Online-Handel entgegen gewirkt werden. Drittens müssen aber auch grundlegende gesellschaftliche Strukturen geändert werden, damit der nachhaltige Konsum im Kontext Erstanschaffung und darüber hinaus leichter fällt: Das Kind mit dem Fahrrad anstatt mit dem Auto zur Kita zu bringen, zusätzlich zur Kleidung auch Stoffwindeln zu waschen – all das kann als Beitrag zu Nachhaltigkeit gesehen werden, führt aber gleichzeitig dazu, dass die ohnehin durch ein Kind entstehende Care-Arbeit noch deutlich zeitaufwändiger wird (s.o.). Damit Menschen sich dazu entscheiden, diesen Aufwand zu betreiben, muss die Wertschätzung für ebendiese Care-Arbeit wachsen und gleichzeitig sollte ernsthaft an Möglichkeiten gearbeitet werden, um die Zeit, die (u.a.) für diese Arbeit zu Verfügung steht, zu vergrößern, darunter bspw. die Vier-Tage-Woche oder der Sechs-Stunden-Tag.

Für die Umsetzung dieser Maßnahmen ist bürgerInnenschaftliches Engagement überaus wichtig: Eltern können mit ihren Vorschlägen zur Veränderung des eigenen Umfelds an die Kommune herantreten und ihren „Bedarf“ kundtun. So können etwa Bezuschussungen von Stoffwindel-Einsteiger-Paketen durch Petitionen angestoßen werden.

Es gibt also einige Möglichkeiten, mit den Herausforderungen im Bereich nachhaltiger Konsum und Baby umzugehen, sowohl im Alltag als auch in Bezug auf die Anpassung der Rahmenbedingungen. Ein „Kinderspiel“ wird es dadurch leider immer noch nicht, aber wichtige Schritte Richtung mehr Selbstwirksamkeit lassen sich dadurch bereits heute gehen.

Zu den AutorInnen:

Carolin Bohn ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt BIOCIVIS und am Zentrum für interdisziplinäre Nachhaltigkeitsforschung (ZIN) der Uni Münster. Sie setzt sich mit verschiedenen Fragen aus dem Themenfeld „Demokratie und Nachhaltigkeit“ auseinander und interessiert sich dabei besonders für Aspekte wie BürgerInnenbeteiligung und politische Urteilsfähigkeit.

Tobias Gumbert ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Internationale Beziehungen und Nachhaltige Entwicklung am Institut für Politikwissenschaft der Uni Münster und am ZIN. Er forscht u.a. zu den Themen Nachhaltiger Konsum, Nahrungs- und Abfallpolitik sowie Demokratie und Nachhaltigkeit.

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