Interkulturelles Zusammenleben durch Freecycling-Apps fördern

Auriol Degbelo und Christian Kray

Eine wichtige Möglichkeit zum nachhaltigen Handeln und zum Schonen von Ressourcen ist das Recyclen von Materialien und Gegenständen. Dabei kann nicht nur die Umwelt geschont werden, sondern es können auch noch andere positive Effekte entstehen, zum Beispiel die Förderung des interkulturellen Zusammenlebens.

Freecycling: Recycling auf direktem Wege

Freecycling ist ein Anglizismus, der aus zwei Wörtern besteht: free (kostenlos) und cycle (Abkürzung von recycling), also kostenloses Recycling. Die Idee dahinter ist es, Gegenständen über online Plattformen und soziale Netzwerke zu verschenken. Das Freecycle-Netzwerk wurde 2003 in den USA gegründet und hat mittlerweile knapp neun Millionen Mitglieder weltweit, die in 5000 Städte verteilt sind. In Münster sind die größeren Gruppen Verschenk’s Münster, die 2013 gegründet wurde und mittlerweile über 28.000 Mitglieder hat (https://www.facebook.com/groups/473505729373257/), und Foodsharing Münster, die über 8.000 Mitglieder (https://www.facebook.com/groups/607791439294335) verfügt.

Da Freecycling-Gruppen das Verschenken und Empfangen von Gebrauchs- und Alltagsgegenständen jeglicher Art ermöglichen, tragen sie zu einer bewussten Wiederverwendung von Ressourcen und somit zu nachhaltigeren Gesellschaften bei. Was wäre aber, wenn man das Freecycling-Konzept für mehr einsetzen würde, etwa um positive Interaktionen zwischen MigrantInnen und der Ortsbevölkerung zu ermöglichen? Wo Menschen unterschiedlicher Herkunft zusammenkommen, treffen oft andere Sprachen, Werte, und Lebensgewohnheiten aufeinander. Interkulturelle Freecycling-Apps sollten also Erwartungen von verschiedenen Kulturkreisen gerecht werden. Was sind die Bedürfnisse dieser verschiedenen Kulturkreise? In wie weit überschneiden sie sich? In wie weit sind sie unterschiedlich? Diesen Fragen sind ein Team der Graduiertenschule GEO-C in einer Studie mit verschiedenen TeilnehmerInnen aus Münster nachgegangen. Befragt wurden TeilnehmerInnen mit Migrationshintergrund, Einheimische, die regelmäßig freecyceln, und ModeratorInnen von Freecycling-Gruppen in Münster. Ihre Antworten waren dann der Ausgangspunkt für die Entwicklung einer interkulturellen Freecycling-App.

Nachhaltiger Konsum darf auch inklusiv und brückenbauend sein

Ein Blick auf die App „Geofreebie“

Die App „Geofreebie“ entstand im Rahmen einer Masterarbeit und setzte verschiedene Anforderungen um, die aus der Studie hervorgegangen waren. Um die Diversität der NutzerInnen besser abzudecken, wurde die App in fünf Sprachen übersetzt: English, Deutsch, Arabisch, Nepali, und Spanisch. Angebotene Gegenstände wurden nicht nur einfach aufgelistet, sondern auch auf einer Karte dargestellt, und zwar dort, wo sie abgeholt werden konnten. Dies erlaubt die einfache Einschätzung von Entfernungen (wie weit muss ich laufen, um den Gegenstand abzuholen?), was insbesondere für Zugezogene bei der Eingewöhnung in der neuen Stadt durchaus hilfreich sein kann.  Auch werden so direkte Kontakte zwischen Alteingesessenen und Zugezogenen im Rahmen von Nachhaltigkeit hergestellt. Erste NutzerInnentests haben gezeigt, dass diese Funktionalitäten auf positive Resonanz stießen. Sowohl TeilnehmerInnen mit Migrationshintergrund als auch Einheimische haben berichtet, dass das Nutzen von Geofreebie ein Gemeinschaftsgefühl und ein Vertrauensgefühl erweckte. Freecycling kann also nicht nur zu dem nachhaltigen Konsum von Ressourcen, sondern auch – wenn geschickt gestaltet – zu positiven sozialen Interaktionen zwischen Kulturkreisen beitragen. Natürlich gibt es auch nach der Studie noch viele offene Fragen. Was sind Bedürfnisse von spezifischen NutzerInnengruppen (Alter, Gender)? Wie kann so eine App barrierefrei gestaltet werden? Wie können die Daten, die geteilt sind, vor allem ortsbezogene Daten, simpel und effektiv geschützt werden? Die Reise hin zu einem nachhaltigen, inklusiven und brückenbauenden Konsum hat also gerade erst begonnen. 

Dieser Blog-Beitrag basiert auf dem Fachartikel „Geofreebie: a location-based freecycling app to support forced migrant resettlement“ (Braun, Degbelo, Kray), erschienen 2021 in dem Journal of Location-Based Services (https://doi.org/10.1080/17489725.2021.1874553).

Weiterlesen:

Über das Freecycle Network: https://de.freecycle.org/

Zu den Autoren:

Auriol Degbelo ist Privatdozent am Institut für Geoinformatik der Universität Münster. Er forscht u.a. zu den Themen Smart City, Open Data und Digitale Karten.

Christian Kray ist Professor für Geoinformatik und Mitglied des Zentrum für Interdisziplinäre Nachhaltigkeitsforschung an der Universität Münster. Er forscht u.a. zu den Themen Smart City, Ortbezogene Dienste, und Datenschutz von Positionsdaten.

Bilder:

Beitragsbild: Pixabay-Lizenz

Bild im Text: Flaticon-Lizenz. https://www.flaticon.com/free-icon/smartphone-call_15874?term=mobile%20phone&page=1&position=8&page=1&position=8&related_id=15874&origin=search