„Food Futures: Unser Ernährungssystem in Münster“ – Bürgerdialog im Rahmen des Forschungsprojekts ENGAGE

Lena Siepker und Lilli Möller

Nachhaltige Ernährung ist ein wichtiger Pfeiler in Richtung einer sozial-ökologischen Transformation. Damit eine solche gelingen kann, braucht es demokratische Prozesse, die diese unterstützen und gestalten.

Aus diesem Grund fand vom 23.-25.09.2021 im Rahmen des Forschungsprojekts ENGAGE ein Bürgerdialog zum Thema „Food Futures: Unser Ernährungssystem in Münster“ unter der Leitung von Prof’in Doris Fuchs (Sprecherin des ZIN der Universität Münster) und Jutta Höper (Leiterin der Fachstelle Nachhaltigkeit des Amts für Grünflächen, Umwelt und Nachhaltigkeit der Stadt Münster) im Kapuzinerkloster in Münster statt. Eingeladen wurden dazu 29 zufällig ausgewählte Bürgerinnen und Bürger aus Münster, die gemeinsam Empfehlungen für ein nachhaltigeres lokales Ernährungssystem erarbeitet haben.

Mit diesem Ziel stand der Bürgerdialog unter dem Anspruch, gemeinwohlförderlich (im Sinne der Förderung eines „nachhaltigen Gemeinwohls“) zu wirken, d.h. nicht nur die Interessen einzelner, sondern möglichst aller vom Bürgerdialogthema betroffenen Gruppen zu berücksichtigen – gerade auch die Interessen weniger privilegierter und in demokratischen Prozessen tendenziell unterrepräsentierter Gruppen. Dazu zählen auch zukünftige Generationen und räumlich entfernt lebende Menschen, die von den Folgen unserer gegenwärtigen Lebensweise stark betroffen sind, aber bei politischen Entscheidungen kaum eine Stimme haben.

Was aber bedeutet es für die Planung eines Bürgerdialogs, diesen Anspruch ernst zu nehmen? Der Blogartikel wirft hierauf einige Schlaglichter und stellt schließlich die Ergebnisse des Bürgerdialogs vor.

Der Anspruch gemeinwohlorientierter Beteiligung und seine Umsetzung im Planungsprozess

Die Planung und Durchführung des Bürgerdialogs erfolgte in Kooperation des ZIN der Universität Münster mit dem Amt für Grünflächen, Umwelt und Nachhaltigkeit der Stadt Münster. Auch das Thema des Bürgerdialogs, die Frage einer nachhaltigeren Gestaltung des Ernährungssystems in Münster, ist im Austausch dieser Kooperationspartner entstanden und bettet sich ein in das Anliegen der Nachhaltigkeitsstrategie Münster 2030.

Konzeptuell war der Bürgerdialog an die Beteiligungsmethode der Zukunftswerkstatt angelehnt. So wurden zunächst Probleme und Herausforderungen identifiziert, um schließlich Visionen für ein nachhaltigeres Ernährungssystem und konkrete Lösungsvorschläge im Sinne der Verwirklichung der Visionen zu entwickeln. Da seitens der Bürger*innen keine Vorkenntnisse erwartet wurden, wurde dazu auch ein Informationsangebot bereitgestellt.

Zielbestimmung des Bürgerdialogs

Zentrale Überlegungen, um dem Anspruch der gemeinwohlförderlichen Bürgerbeteiligung gerecht zu werden, haben schon in einer sehr frühen Phase der Planung, beginnend bei der Zielbestimmung des Bürgerdialogs, Raum eingenommen. Denn gemeinwohlförderlich kann Bürgerbeteiligung nur sein, wenn sie nicht ins Leere läuft bzw. nicht die Möglichkeiten und Dynamiken von Kommunalpolitik ignoriert und auch tatsächlich zu Veränderungen führen kann. Das verlangt, Rücksicht darauf zu nehmen, welcher Handlungsspielraum kommunaler Politik im Bereich nachhaltiger Ernährung zukommt, welche demokratische Tragfähigkeit mit dem Ergebnis des Bürgerdialogs verbunden sein kann, und es braucht ein gutes Erwartungsmanagement und transparente Kommunikation gegenüber den Bürgerdialogteilnehmer*innen.

Beteiligung integrativ gestalten – Die Auswahl der Teilnehmerinnen und Teilnehmer

Neben der angemessenen Zielsetzung wurde ein besonderes Augenmerk auch darauf gelegt, den Beteiligungsprozess möglichst integrativ zu gestalten. Über den Versuch der Senkung von Teilnahmehürden (z.B. durch das Angebot der Kinderbetreuung oder die Zahlung einer Aufwandsentschädigung) hinaus, wurde dies v.a. durch eine aufwändige und ressourcenintensive Auswahl der Teilnehmenden nach einem repräsentativen „Mini-Public-Modell“ angezielt, das in Zusammenarbeit mit dem Institut für Demokratie- und Partizipationsforschung der Bergischen Universität Wuppertal entwickelt wurde.

Über das Melderegister wurden dazu 1000 Münsteraner Bürger*innen zufällig ausgewählt und per Brief kontaktiert. 58 der kontaktierten Personen haben sich mit einem Teilnahmewunsch zurückgemeldet. Da unter den Bedingungen der Corona-Pandemie und mit Blick auf die methodische Gestaltung des Bürgerdialogs nicht dem Teilnahmewunsch aller 58 Personen entsprochen werden konnte, wurde eine nochmalige Auswahl vorgenommen – unter Berücksichtigung der Zusammensetzung der Münsteraner Stadtgesellschaft nach Geschlecht, Alter, Familienstand, Migrationshintergrund, Zahl der in einem Haushalt lebenden Personen und Einkommen. Zwar blieb es auch unter Anwendung dieser Methode herausfordernd, Personen zu erreichen, die sich tendenziell weniger politisch beteiligen oder denen aus verschiedenen Gründen keine Teilnahme an einem dreitägigen Bürgerdialog möglich ist. Dennoch hat sich diese Methode der Teilnehmer*innenauswahl als sehr bereichernd für den Bürgerdialog herausgestellt. Unterrepräsentiert blieben (nur) Bürger*innen unter 20 Jahren und Bürger*innen mit Migrationshintergrund.

Dialog erfordert Perspektivwechsel

Wo Grenzen der integrativen Gestaltung von Bürgerbeteiligung erreicht werden, gewinnt der Perspektivwechsel an Bedeutung. Das bedeutet, dass die teilnehmenden Bürger*innen v.a. durch die methodische Gestaltung des Dialogs immer wieder dazu anzuregen sind, ihre Perspektive zu wechseln und ihre eigenen Interessen vor der Folie des Gemeinwohls zu befragen. Während des Bürgerdialogs wurden die Bürger*innen deshalb auch dazu aufgefordert, sich in die Rollen verschiedener Akteure des Ernährungssystems (Landwirt*in, Lebensmittelhändler*in, Gastronomiebetreiber*in, Verbraucher*in, Mitglied in einem Sozial- oder Umweltverband oder -verein) hineinzuversetzen. Auch die Perspektive globaler Gerechtigkeit wurde eingebunden – mit einer Verköstigung fairen Kaffees, geplant und durchgeführt von Julia Ebert (Öffentlichkeitsarbeit Nachhaltigkeitsstrategie, Amt für Grünflächen, Umwelt und Nachhaltigkeit) sowie durch weiterführende Informationsmaterialien.

Die Ergebnisse: 8 Leitplanken für ein nachhaltigeres Ernährungssystem in Münster

Unter den geschilderten Rahmenbedingungen sind im Zuge des Bürgerdialogs schließlich 8 Leitplanken bzw. Empfehlungen für ein nachhaltigeres lokales Ernährungssystem entstanden, die die Teilnehmerinnen und Teilnehmer gemeinsam erarbeitet haben. Diese wurden am 6.10.2021 in der Wissenschaftsbox der WWU, einem umgebauten Schiffscontainer, in der Stubengasse ausgestellt, um sie auch der Stadtgesellschaft bekannt zu machen. Auch der Leiter des Dezernats für Wohnungsversorgung, Immobilien und Nachhaltigkeit, Stadtrat Matthias Peck, war vor Ort, um sich persönlich über die Ergebnisse des Dialogs zu informieren.

Die entstandenen Leitplanken sind verbunden mit einer umfassenden Problemanalyse und vielfältigen Ideen der Umsetzung von Lösungsvorschlägen, können an dieser Stelle jedoch nur überblicksartig dargestellt werden. (In ausführlicher Form können sie die Ergebnisse auf den Internetseiten des Forschungsprojekts ENGAGE nachlesen

1. Essbare Stadt: Nahrungsmittelproduktion im urbanen Raum fördern

Grünflächen in Münster sollen geschützt und ausgebaut, neue Orte für den Anbau von Lebensmitteln in der Stadt, z.B. auf Dächern, geschaffen und die Biodiversität vor Ort gefördert werden.

2. Münsters (virtuelles) Lebensmittelnetzwerk

Durch zusätzliche Vernetzungsmöglichkeiten für Akteure aus Landwirtschaft, Lebensmittelhandel und Gastronomie in Münster sollen möglichst kurze und direkte Wege der Vermarktung und Verarbeitung von Lebensmitteln geschaffen und Lebensmittelverschwendung reduziert werden

3. Zusammen Landwirtschaft zukunftsfähig gestalten

Landwirtschaft im Raum Münster soll gemeinsam zukunftsfähig gestaltet werden – durch eine vielfältige Ausbildung von Landwirtinnen und Landwirten, die Förderung von „Best Practices“, eine diverse Gestaltung des landwirtschaftlichen Portfolios Münsters (z.B. die Förderung von Öko-Landbau) und den Dialog zwischen Bürgerinnen und Bürgern, Landwirtschaft und Politik

4. Weniger ist mehr!

Es braucht neue, quartiersbezogene und Stadt-übergreifende Initiativen und Projekte zum Mitmachen, gebündelte Informationen zu bestehenden Angeboten und Anreize für Verbraucher*innen und Unternehmen, um Verpackungsmüll und Lebensmittelverschwendung zu reduzieren und wichtige Ressourcen zu schonen

5. Gut versorgt aufwachsen – gesunde Schul- und Kitaverpflegung für alle

In allen Schulen und Kitas, sowie in Krankenhäusern und Senioren- und Pflegeeinrichtungen müssen Essens-Angebote, die Qualitätsstandards gesunder und nachhaltiger Ernährung entsprechen, angeboten werden und auch für sozial schwächere Gruppen zugänglich sein

6. Work-Life-Balance in Gemeinschaft

Gemeinschaftliche Quartiersprojekte zur Förderung einer nachhaltigen und vielfältigen Esskultur, einschließlich Bildungs- und Kochangeboten und konkreten Lösungsangeboten für eine nachhaltige und gesunde Ernährung bei begrenzter Zeit und begrenztem Budget, sollen geschaffen und ausgebaut werden

7. Aufklärung und Transparenz: Vom Keim bis zur Kelle

Der niedrigschwellige Zugang von Verbraucherinnen und Verbrauchern zu verlässlichen Informationen hinsichtlich der sozial-ökologischen Auswirkungen ihres Lebensmitteleinkaufs und -konsums muss gefördert werden. Denkbar sind hier z.B. „offene“ Höfe und Küchen oder aussagekräftige Informationen auf Kassenzetteln

8. Bildung geht durch den Magen – von Kleinauf

Bildungsangebote für Kinder ab der Kita, aber auch Erwachsene müssen ausgebaut werden, um die Neugierde für die Auseinandersetzung mit dem Thema „nachhaltige und gesunde Ernährung“ zu wecken und das Wissen der Bürgerinnen und Bürger in diesem Bereich zu erweitern.

Zentral für die Umsetzung aller Leitplanken sind quartiersbezogene und Stadt-übergreifende Initiativen, Hilfe zur Selbsthilfe (Stadt Münster als Rahmengeberin), niedrigschwellige Angebote und alltagstaugliche Anreize, Vernetzung relevanter Akteure und die Bündelung von Kompetenzen und Informationen.

Über die Autorinnen:

Lena Siepker, M.Sc. Mag. theol., ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Internationale Beziehungen und Nachhaltige Entwicklung des Instituts für Politikwissenschaft der Universität Münster.

Lilli Möller, B.A., studiert im Master Humangeographie und arbeitet als studentische Hilfskraft am Lehrstuhl für Internationale Beziehungen und Nachhaltige Entwicklung des Instituts für Politikwissenschaft der Universität Münster.

Beitragsbild:

Copyright: Universität Münster, Martha Bösch