Nachhaltige Jeans – Utopie oder Wirklichkeit?

Lena Trierweiler

Jeans – Die ursprünglich als Arbeitskleidung konzipierte Hose zählt heute zu den beliebtesten Kleidungsstücken weltweit. Nahezu jede Person, egal ob alt oder jung, arm oder reich, besitzt eine Jeanshose. Doch unsere treue Begleiterin ist in den letzten Jahren aufgrund schlechter Arbeitsbedingungen und negativen Umweltauswirkungen bei ihrem Herstellungsprozess in Kritik geraten. Vor diesem Hintergrund erobern nach und nach immer mehr nachhaltige Modemarken den Markt. Doch können Jeans wirklich „nachhaltig“ produziert werden? Dieser Blogbeitrag zeigt auf, welche Hürden es zu überwinden gilt und welche Lösungsansätze es bisher gibt.

Weshalb sich die Jeansproduktion ändern sollte

Jeanshosen bestehen hauptsächlich aus Baumwolle. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen wird für ein einziges Paar Jeans etwa 1 kg benötigt. Da Baumwolle in der Regel in trockenen Gebieten angebaut wird, werden für die Herstellung dieses Kilos etwa 7.500 bis 10.000 Liter Wasser benötigt. Das entspricht dem Trinkwasserbedarf einer Person für etwa zehn Jahre. Dieser große Wasserverbrauch ist ein Problem. Eines der bekanntesten Beispiele hierfür ist die Austrocknung des Aralsees. Beim konventionellen Anbau von Baumwolle werden außerdem Chemikalien als Düngemittel, Pestizide oder Herbizide eingesetzt, wodurch die Böden versalzt und das Trinkwasser verschmutzt werden. Ferner sind die Arbeitsbedingungen bei der Jeansherstellung prekär: Niedriglöhne, Überstunden sowie Zwangsarbeit ähnelnde Verträge sind keine Seltenheit. Für die Arbeit an großen Maschinen und mit gesundheitsschädlichen Chemikalien fehlt zudem oft passende Schutzkleidung. Doch nicht nur die Produktion ist ein Problem, jährlich fallen etwa 2,16 Millionen Tonnen Jeansabfälle an. Ein Großteil davon landet auf Mülldeponien oder wird verbrannt (Uncu Akı et al., 2020).

Wie nachhaltig sind „nachhaltige Jeans“?

Nudie Jeans, Armedangels, Kings Of Indigo – zahlreiche Jeanshersteller setzen auf eine nachhaltigere Produktionsweise. Durch die Nutzung von Bio- an Stelle von konventioneller Baumwolle und alternativen, natürlichen Färbe- und Waschungsverfahren wird auf den Einsatz chemischer Stoffe verzichtet. Teilweise wird auch schon zu geringen Teilen recycelte Baumwolle eingesetzt, wodurch der Wasserverbrauch deutlich reduziert werden kann. Nachhaltige Marken setzen sich ferner für faire und sichere Arbeitsbedingungen in den einzelnen Schritten des Herstellungsprozesses ein. Mitgliedschaften in gemeinnützigen Organisationen wie der Fair Wear Foundation sowie Labels von Zertifizierungsprogrammen wie der Better Cotton Initiative und der Global Organic Textile Standard sind Indizien für eine nachhaltige Produktion und regelmäßige Überprüfung dieser. Dennoch bieten sie keine hundertprozentige Garantie für eine nachhaltige Produktion, denn die Lieferkette einer Jeans ist sehr lang, sodass die Einhaltung ökologischer und sozialer Standards häufig schwer sicherzustellen ist. Bevor die fertige Hose in unserem Kleiderschrank landet, durchläuft sie viele Bearbeitungsprozesse an diversen Orten: Baumwollan- und -abbau, Spinnen, Färben, Weben und Zusammennähen der Hose finden meist in unterschiedlichen Ländern statt. Auch die Einzelteile, mit denen die Hose bestückt wird, von Reisverschluss über Pflegeetikett, stammen aus unterschiedlichen Produktionsstätten. Durch die vielen unterschiedlichen Zulieferer wird häufig mit Vermittlungsplattformen gearbeitet, was die Kontrolle, insbesondere der Arbeitsbedingungen, erschwert.

Vom linearen System zu einer Kreislaufwirtschaft?

Zwar ist in den letzten Jahren das Bewusstsein für die Notwendigkeit einer nachhaltigeren Textil- und Modeindustrie gewachsen und viele Marken und Einzelhändler*innen haben damit begonnen, fairere Arbeitsbedingungen und eine umweltfreundlichere Produktion zu schaffen. Die meisten dieser Bemühungen konzentrieren sich jedoch auf die Reduzierung der negativen Auswirkungen des aktuellen Systems der Modebranche. Der Ursprung der Auswirkungen, Überproduktion und geringe Wiederverwertung, wird dabei kaum angegangen. Wusstet ihr, dass nur etwa ein Prozent der Textilabfälle zu neuer Kleidung recycelt wird? Oder, dass die Branche für mehr CO2-Emissionen verantwortlich ist als die internationale Luft- und Seeschifffahrt zusammen? Als Lösung wird zunehmend das Modell einer Kreislaufwirtschaft geäußert (Norris, 2019). Dieses stellt den Gegensatz zum aktuellen „linearen System“ (herstellen – nutzen – entsorgen) der Modeindustrie dar. Die Grundprinzipien einer Kreislaufwirtschaft sind Umweltverschmutzungen und Abfall zu vermeiden, Produkte und Materialien möglichst lange in Gebrauch zu halten und natürliche Systeme zu regenerieren. Entstehende Abfälle werden zum Ursprungsprodukt recycelt, sodass weniger Ressourcen verbraucht werden und kein Müll mehr entsteht. Die Ellen MacArthur Foundation bietet mit ihrem Bericht von 2017 eine Richtschnur für die Umsetzung einer Kreislaufwirtschaft in der Textil- und Modeindustrie und zählt die vielen Chancen einer solchen Transformation auf. So vielversprechend das klingt, einfach umzusetzen ist eine solche Systemumstellung nicht. Die Umsetzung einer Kreislaufwirtschaft erfordert Maßnahmen entlang der gesamten Lieferkette. Alle in der Textil- und Modeindustrie beteiligten Akteure müssen in einen solchen Transformationsprozess miteingebunden werden. Bisher fehlt zudem ein einheitliches Konzept für die Sammlung von Textilabfällen, das ein effizientes Recyclingverfahren ermöglichen würde. Einen ersten Lichtblick gibt es trotzdem: Mit Hilfe von neuen Technologien wie Re:newcell, Refibra oder Infinited Fiber können Baumwollabfälle zu neuen Zellulosefasern recycelt werden, ohne dass neue Rohstoffe hinzugemischt werden müssen. Dies ist aufgrund des hohen Baumwollanteils der Hosen insbesondere für den Jeanssektor eine große Chance. Jeans können so aus hundert Prozent recycelten Materialien hergestellt werden.

Was kann ich tun?

Auch wir als Konsument*innen können einen Teil dazu beitragen, die negativen Auswirkungen der Modebranche zu reduzieren. Dafür gibt es eine einfache Regel: Weniger kaufen – länger tragen – flicken anstatt entsorgen. Durch das Fast-Fahion-Phänomen fühlen wir uns ständig gezwungen, mehr Kleidung zu kaufen, damit wir den neuesten Trends folgen können. Zum Glück ist die gute alte Jeanshose zeitlos. Gefällt sie uns doch nicht mehr, finden sich im Internet inzwischen zahlreiche Ideen, wie die Hose durch sogenanntes „Upcycling“ aufgehübscht werden kann. Zudem sind Trödel und Kleidertauschpartys gute Möglichkeiten, um nachhaltig neue Lieblingsstücke zu kaufen und aussortierter Kleidung ein zweites (oder drittes oder viertes) Leben zu schenken. Möchte man doch unbedingt eine neue Hose kaufen, so zählt Qualität anstatt Masse. Nachhaltige Mode ist schon lange nicht mehr „uncool“ und faire, umweltfreundliche Jeans sind zwar teurer als bei H&M, Zara und Co., kosten jedoch nicht mehr als beliebte Markenjeans. Wichtig ist insbesondere, dass die Kleidung lange in Gebrauch bleibt. Dafür erfordert es die richtige Pflege. Jeanshosen länger zu tragen, nicht zu heiß zu waschen und auf die Leine zu hängen, anstatt in den Trockner zu werfen, sind einfache Umstellungen mit großer Wirkung. Sie sorgen nicht nur dafür, dass die Hose nicht so schnell abnutzt, sondern verringern zudem den CO2-Fußabdruck deutlich. Allein ein Kleidungsstück doppelt so lang zu tragen als gewöhnlich, verringert den CO2-Ausstoß bereits um etwa 44 Prozent. Zwar können wir selbst das System der Modeindustrie nicht umstellen, unseren Umgang mit unserer Kleidung aber schon.

Über die Autorin:

Lena Trierweiler studiert den Masterstudiengang „Internationale und Europäische Governance“ an der Universität Münster und Sciences Po Lille. Sie hat sich im Laufe ihres Studiums näher mit der Thematik Nachhaltigkeit in der Textil- und Modeindustrie befasst.

Literatur:

Uncu Akı, S.; Candan, C.; Nergis, B.; Sebla Önder, N. (2020): Understanding Denim Recycling: A Quantitative Study with Lifecycle Assessment Methodology. In: Ayşegül Körlü (Hg.): Waste in Textile and Leather Sectors: IntechOpen. DOI: 10.5772/intechopen.92793

Norris, L. (2019): Urban prototypes. Growing local circular cloth economies. In: Business History 61 (1), S. 205–224. DOI: 10.1080/00076791.2017.1389902

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