Wachstum, Umwelt und Frieden: Warum wir starke Institutionen für eine nachhaltige Zukunft brauchen

Dr. Andrea Beccarini

Habt Ihr Euch schon einmal gefragt, ob das allgegenwärtige Streben nach wirtschaftlichem Wachstum wirklich mit Umweltschutz und Frieden zusammenpasst – und ob es tatsächlich mit unserem Wohlstand im Einklang steht?

In Zeiten von Klimakrise, Ressourcenknappheit und geopolitischen Spannungen braucht die Menschheit neue Lösungen. Dieser Beitrag zeigt, wie Innovationen und starke Institutionen entscheidend dazu beitragen können, dass Wachstum die Lebensqualität aller Menschen – heute und in Zukunft – fördert und nicht gefährdet. Darüber hinaus wird deutlich, dass Lebensqualität auch unabhängig von ständigem materiellem Wachstum möglich ist – zum Beispiel durch soziale Innovationen, Zusammenhalt und Engagement im sozialen Bereich.

Wachstum – Motor unseres Wohlstands?

Wirtschaftswachstum ist ein zentrales Ziel vieler politischer und ökonomischer Programme. Damit verbinden sich Hoffnungen auf mehr Wohlstand, mehr Arbeitsplätze und größere Stabilität. Kurz gesagt: Wenn die Wirtschaft wächst, profitieren (zumindest auf den ersten Blick) alle. Gleichzeitig stellen sich aber drängende Fragen: Woher werden die Ressourcen für stetiges Wachstum genommen? Wer trägt die Folgen, und was hat das alles mit Frieden zu tun? Besteht tatsächlich ein so enger Zusammenhang zwischen Wachstum und Wohlstand?

Ressourcen: Endlich, aber nicht alternativlos

Die Produktion von Gütern und Dienstleistungen benötigt natürliche Ressourcen, wie Öl, Gas oder Metalle – viele davon sind nicht erneuerbar. Die klassische Produktionsformel der Wirtschaftswissenschaft zeigt, dass Output (also das, was Menschen produzieren) von Kapital, Arbeit, Technologie und eben diesen Ressourcen abhängt.

Dabei gilt: Je effizienter eine Volkswirtschaft arbeitet und je mehr in Forschung, Entwicklung und Innovation investiert wird, desto besser kann sie mit begrenzten Ressourcen umgehen. Neue Technologien und clevere Ideen ermöglichen es, mehr mit weniger zu erreichen – zumindest eine Zeit lang. Doch der Zielkonflikt bleibt: sollten wir heute konsumieren oder lieber in Innovation für morgen investieren? Wie lange kann technischer Fortschritt die Grenzen des Wachstums verschieben? Und was passiert, wenn Rohstoffe dennoch knapp werden?

Wachstum und Umwelt: Kein „Weiter so“ ohne Preis?

Mit steigendem Wachstum steigt meist auch die Umweltbelastung. Negative Externalitäten entstehen: Das heißt, die Schäden – zum Beispiel durch CO₂-Emissionen oder Luftverschmutzung – treffen oft andere Menschen als die, die vom Konsum profitieren.

Ein einfaches Beispiel: Wenn ein landwirtschaftlicher Betrieb Pflanzenschutzmittel verwendet, gelangen Rückstände davon ins Grundwasser, das auch von anderen Menschen genutzt wird.

Ohne Regulierung rechnet sich Rücksichtnahme auf die Umwelt für Unternehmen und Konsument*innen selten. Es stellt sich die Frage: Wie können Politik und Gesellschaft es schaffen, dass „Verursacher*innen“ für die Schäden aufkommen – und wie können diejenigen geschützt werden, die sonst auf der Strecke bleiben?

Märkte alleine helfen selten: Die Macht der Institutionen

Viele Umweltprobleme entstehen, weil Märkte keine Rücksicht auf sogenannte negative Externalitäten nehmen: Ohne staatliches Eingreifen bleiben sie unberücksichtigt, das heißt, es kommt zu keiner effizienten oder fairen Verteilung von Kosten und Ressourcen. Hier kommen Institutionen ins Spiel: Sie schaffen Regeln und Rahmenbedingungen, die festlegen, was erlaubt ist und was nicht. Starke Institutionen, wie ein funktionierender Rechtsstaat, demokratische Beteiligung und internationale Abkommen, sind daher unverzichtbar, wenn wir Klima und Umwelt schützen wollen – und sorgen zugleich für mehr Stabilität und Sicherheit. Institutionen sind in diesem Zusammenhang feste Regeln, Gesetze oder Organisationen, die das Verhalten von Menschen und Unternehmen lenken und die Rahmenbedingungen für das Zusammenleben in einer Gesellschaft schaffen.

Besonders relevant wird das auf internationaler Ebene: Klimawandel und Umweltverschmutzung kennen keine Grenzen, ihre Folgen betreffen alle. Lösungen, wie der globale Emissionshandel, funktionieren nur, wenn internationale Institutionen verbindliche und gerechte Regeln durchsetzen – und alle ihren Teil dazu beitragen.

UN-Nachhaltigkeitsziel 16 (SDG 16); Quelle: United Nations

Der Konsum in einigen Ländern verursacht Umweltbelastungen, die andere Länder betreffen. Negative Externalitäten werden somit international verteilt – und das Trittbrettfahrerproblem entsteht. Es bezeichnet die Situation, dass einige Länder, Unternehmen oder Personen Vorteile von gemeinsamen Ressourcen oder Maßnahmen nutzen, ohne selbst angemessen zu den Kosten beizutragen. Im Umweltschutz bedeutet das, dass manche Länder sich nicht beteiligen, aber dennoch von den Anstrengungen anderer profitieren.

Die prognostizierten Einkommensveränderungen im Jahr 2050 werden im Vergleich zu einer Welt ohne Klimawandel dargestellt.  Potenzielle Trittbrettfahrer sind diejenigen, die von diesen Veränderungen profitieren werden.

Abbildung nach Kotz et al., Nature;
Quelle: Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, PIK

Prädation oder Kooperation? Frieden als Grundlage für Entwicklung

Die Geschichte lehrt: Frieden ist eher Ausnahme als Regel. Staaten stehen stets vor der Wahl, Ressourcen auf den Ausbau von Produktion und Zusammenarbeit zu verwenden – oder auf militärische Stärke und Konflikt (Fachbegriff: Prädation). Ohne starke Institutionen wäre jedes friedliche Land gezwungen, viel in Verteidigung zu investieren. Das bindet gewaltige Ressourcen – Geld, Arbeitskraft, Innovation – die produktiver eingesetzt werden könnten. Starke, faire und verlässliche Institutionen reduzieren die Versuchung zur Prädation und fördern Kooperation.

Quelle: Eigene Darstellung

Die aktuelle europäische Aufrüstung, wie im „ReArm Europe“-Programm, wirft Fragen auf: Geht es dabei um notwendige Verteidigung, um Sicherheit durch Abschreckung – oder um einen Rückfall in ein Denken, bei dem Aufrüstung wichtiger ist als gemeinsame Problemlösung und Institutionenaufbau?

Postwachstum: Wohlstand neu denken

Während die politische Debatte derzeit stark von Verteidigung und Aufrüstung geprägt ist, wächst gleichzeitig die Erkenntnis, dass echte Lebensqualität nicht nur durch mehr Produktion, sondern vor allem durch Kooperation und soziale Innovation entsteht. An diesem Wendepunkt setzt die Postwachstumsökonomie an.

Kritiker*innen bezweifeln, dass „immer mehr“ auch „immer besser“ bedeutet. Zu viel Wachstum kann sogar belasten: Stress, Umweltzerstörung, Ungleichheit. Die Postwachstumsökonomie stellt die Frage, ob Lebensqualität nicht jenseits von materiellem Wachstum möglich ist: Mehr Zeit für Gemeinschaft, Bildung, Gesundheit und Selbstverwirklichung – wie sie auch die berühmte Maslow-Pyramide beschreibt.

Quelle: Eigene Darstellung

Was nützt uns mehr Konsum, wenn die wirklich wichtigen Bedürfnisse – soziale Bindungen, Sicherheit, Sinn – doch immateriell und kaum käuflich sind?

Psychopolitik: Wie Wirtschaftswachstum unser Denken prägt

Moderne Macht wirkt subtil. Durch Big Data und digitale Technologien werden unsere Wünsche, Angst und Verhaltensweisen immer besser verstanden – und beeinflusst. Der Philosoph Byung-Chul Han nennt das Psychopolitik: Nicht mehr nur Disziplin, sondern Steuerung unseres Bewusstseins. Ständiger Konsumdruck und Selbstoptimierung erschweren eine Abkehr vom Wachstumsdogma.

Soziales Kapital und die Zukunft der Nachhaltigkeit

Wirtschaftlicher, sozialer und ökologischer Fortschritt sind keine Gegensätze, sondern bedingen einander. Die Herausforderung: Unsere Ressourcen – Geld, Zeit, Energie, Aufmerksamkeit – sinnvoll einzusetzen. Starke Institutionen, eine lebendige Demokratie und gesellschaftlicher Zusammenhalt sind das Fundament für dauerhaften Wohlstand, Umweltschutz und Frieden. Denn oft sind es nicht materielle Investitionen, sondern Engagement im sozialen Bereich und echte Mitgestaltung, die am meisten bewirken.

Literatur und Lesetipps

  • Acemoglu, Daron/Robinson, James (2012). Why Nations Fail. The Origins of Power, Prosperity, and Poverty. Crown, New York.
  • Hall, Robert E./Jones, Charles I. (1999). Why Do Some Countries Produce So Much More Output per Worker than Others? Quarterly Journal of Economics 114(1), 83–116.
  • Han, Byung-Chul (2014). Psychopolitik: Neoliberalismus und die neuen Machttechniken. Matthes & Seitz, Berlin.
  • Jackson, Tim (2009). Prosperity without Growth. Earthscan.
  • Maslow, Abraham H. (1943). A Theory of Human Motivation. Psychological Review.
  • Paech, Niko (2012). Befreiung vom Überfluss. Auf dem Weg in die Postwachstumsekonomie. oekom, München.
  • Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (2024). „38 Billionen Dollar Schäden pro Jahr: 19 Prozent Einkommensverlust weltweit durch Klimawandel“ Online verfügbar unter https://www.pik-potsdam.de/de/aktuelles/nachrichten/38-billionen-dollar-schaeden-pro-jahr-19-einkommensverlust-weltweit-durch-klimawandel (abgerufen am 23.08.2025).

Autorbeschreibung: