(Wie) weitermachen in Zeiten der Krisen?!

Blogbeitrag begleitend zum Klimagespräch „Kriege, Krisen, Kollaps – Wie kommen wir klar in dieser Welt?“

von Dr. Daniela Pastoors

Vom ‚Kopf in den Sand‘ stecken bis hin zum ‚kopflosen Aktionismus‘ sind viele der gesellschaftlichen und persönlichen Antworten auf die Krisen dieser Zeit Affekthandlungen, die zeigen, wie schwer es für uns ist, mit Gefühlen von Angst, Ohnmacht und Wut umzugehen. Gleichzeitig sind diese Reaktionen auch durch dieselben Muster geprägt, die diese Krisen hervorrufen – und sie dadurch wiederum verstärken. Regenerative Ansätze, die die Verwobenheit von allem Lebendigen in Erinnerung rufen und zur Erhaltung und Entfaltung unseres Lebens auf der Erde beitragen, können hingegen beim „Kompostieren und Transformieren helfen und dazu beitragen, der Welt und uns selbst mit kühlem Kopf, warmem Herz und offener Hand zu begegnen.

Wenn ich mich dem Weltgeschehen zuwende, wird mir manchmal eiskalt zu Mute. Verzweiflung, Ohnmacht, Trauer und Angst fühlen sich frostig an und sorgen für innere Lähmung, Starre, freeze. Zu anderen Zeiten glühe ich regelrecht vor Wut, spüre sie lodern in mir und ich brenne vor ungläubigem Zorn über die Zustände. Das kann doch nicht wahr sein, dass wir weiter ungebremst auf den Abgrund zurasen!

Natürlich gibt es auch Momente, in denen mich die Nachrichten kalt lassen. Momente, in denen ich mich – mal bewusst, mal unbewusst – von all dem abwende und die Informationen gar nicht an mich ranlasse. Immer wieder steigt das Bild eines Thermometers vor mein inneres Auge. Ich denke an Demo-Plakate mit der Aufschrift „Die Erde hat Fieber!“ und ich frage mich, was auf dem Gradmesser stehen würde, wenn ich bei unserer Gesellschaft Fieber messen könnte. Denn nicht nur bei den sich zuspitzenden und beschleunigenden Krisenphänomenen, sondern auch in der Art und Weise wie Menschen – individuell und kollektiv in Gruppen und Gesellschaften – mit den Krisen umgehen, werden die Temperaturen extremer. Das Thermometer scheint in beide Richtungen weit ‚auszuschlagen‘, es gibt Froststarre und völlige Überhitzung zugleich.

Die Krisenhaftigkeit der Verhältnisse und unserer Antworten

Die Liste der Krisen ist lang und sie sind vielfältig miteinander verflochten, was u.a. durch Begriffe wie ‚multiplen Krisen‘, ‚Poly-, Omni- und ‚Metakrise‘ verdeutlicht wird. Durch aktuelle technische und mediale Entwicklungen bekommen wir mehr von den Prozessen der Beschleunigung und Verdichtung mit. „Höher, schneller, weiter“ durchzieht unsere Welt in Moderne, Anthropozän und Kapitalismus (Escobar 2020). Einerseits spitzen sich viele Phänomene immer mehr zu, gleichzeitig zeigt die Analyse der Krise(n) und ihrer Ursachen, dass die „Zeiten der Krise“ schon lange andauern und es sich um eine grundlegende „Krisenhaftigkeit der Verhältnisse“ handelt. Denn die Moderne baut auf gewaltvollen und nicht-nachhaltigen Strukturen und Systemen auf (Machado de Oliviera 2021). Ausbeutung von Menschen und mehr-als-menschlicher Welt (oft ‚Natur‘ genannt und als Gegensatz zum Menschen dargestellt) fußt auf Herrschaftssystemen, die diese Ausbeutung durch Ideologien der Ungleichwertigkeit legitimieren (Patriarchat, Rassismus etc.).

Es gibt viele treffende Analysen zu den Krisen, Konflikten, Problemen und ihren Zusammenhängen und wir haben das Wissen vorliegen. Aber wie antworten wir darauf, wie gehen wir mit den Krisen um? Oder anders ausgedrückt…

„Was ist, wenn die Art und Weise, wie wir auf die Krise reagieren, Teil der Krise ist?“[1]

Wenn wir uns selbst (persönlich und gesellschaftlich) beobachten, können wir bestimmte, häufig vorkommende Reaktionsmuster ausmachen. Ich benenne und fasse im Folgenden exemplarisch zusammen:

Insbesondere in als akut wahrgenommenen Krisen (meist verbunden mit direkter, physischer Gewalt), in denen sich Menschen bedroht und unsicher fühlen, greifen bestimmte Reiz-Reaktions-Muster. „Agieren aus Angst lässt sich vielfach im öffentlichen, politischen Diskurs beobachten: Getrieben von Angst und Panik werden der Wahrnehmungs- und Handlungsspielräume immer kleiner und kurzsichtiger. Tiefsitzende Stressreaktionen auf Gefahrensituationen („Fight“, „Flight“, „Freeze“, „Fawn“)[2] sind am Werk und halten uns von umsichtigen, konstruktiven Umgangsweisen ab.

Häufig vermeiden wir, uns mit den Krisen auseinanderzusetzen. Wir wenden uns von den Nachrichten ab, nehmen Entwicklungen nicht zur Kenntnis und lenken uns stattdessen ab. Und selbst wenn wir ein einzelnes Thema an uns heranlassen, lassen wir uns meist nicht auf das Ausmaß, die Komplexität und die Tragweite der Zusammenhänge ein. Das „Kopf in den Sand stecken“ kann unterschiedlich aussehen: Manche ziehen sich stark ins Private zurück, manche verbannen schlechte Nachrichten aus ihrer Wahrnehmung („toxische Positivität“, betäubendes Suchtverhalten u.a.), manche sehen hin, aber meinen, dass „man ja eh nichts machen kann“.

Manchen Menschen gelingt es auch, sich gar nicht durch die Krisen beirren zu lassen. Sie machen einfach weiter wie bisher, „Business as usual“. Das hat einerseits eine gesunde Facette: sich nicht aus der Bahn werfen lassen. Andererseits ist es auch gefährlich, wenn Menschen gar nicht mitbekommen, dass eine Krise bedrohlich ist und keinerlei Reaktion darauf zeigen. Zudem ist das gesellschaftliche „Business as usual“ unserer Zeit mit vielen zerstörerischen Praktiken verbunden, die dann ebenfalls weitergeführt werden.

In kritischen politischen Diskursen gibt es hingegen oft differenzierte Kritik und umfangreiche (und teils kostspielige) Problemanalysen. Allerdings bleibt es zum Teil bei „Analyse und Kritik“, es folgt kein konstruktives Handeln. Möglicherweise auch deshalb, weil das Ausmaß der Probleme und die Komplexität der Krisen so überwältigend groß ist. Denn gerade wenn wir die Augen nicht vor den Problemen verschließen, ist das Gefühl der Ohnmacht nicht weit – und das wollen wir vermeiden.

Wenn wir ein „Wettrennen gegen die Zerstörung antreten sind wir hingegen in Aktion. Gerade weil es so schlimm ist, die Krisen immer extremer werden und schneller voranschreiten, muss mehr dagegen getan werden. Das Credo der Moderne – „mehr, höher, schneller, weiter“ – findet hierin sein Echo. Dabei brennen sich Aktive immer wieder aus und müssen oftmals erleben, wie unfair die Mittelverteilung in diesen Kämpfen ist, wie es weiter bergab geht und dass sich ihre Bemühungen oftmals wie ein Tropfen auf den heißen Stein anfühlen.

Beim „Abarbeiten am Status Quo“ dreht es sich vielfach um Abwehrkämpfe, um ein Dagegenhalten und um ein Re-Agieren. Der Fokus liegt weiterhin auf der Gefahr, auf der Abwehr der Bedrohung, manchmal auch auf der Minderung der Folgen, jedoch viel seltener auf der Prävention. Ständig fordern neue Reize unsere Aufmerksamkeit (neue Posts, Rekorde, Schlagzeilen usw.) und wir sind damit beschäftigt „die auf uns zufliegenden Bälle zurückzuschlagen“. Die Gegenwärtigkeit der Krisen und ihrer Folgen machen es schwer, uns auf die Welt zu konzentrieren, die wir ersehnen, erträumen und uns wünschen – selbst wenn wir nur eine leise Ahnung von ihr haben. Und es hält uns davon ab, unsere Energie aktiv in ihren Aufbau fließen zu lassen.

Und dann geht es noch darum „Fit für die Katastrophe“[3] zu werden, ganz im Sinne eines ‚Preppings‘: Die Krisen kommen, und wenn wir schon nicht dagegen ankommen, sollen wir uns präventiv darauf vorbereiten. Gegen Widerstandsfähigkeit ist nichts einzuwenden, jedoch hat der vorherrschende Diskurs, der Resilienz vor allem als „Bouncing Back“ – Zurückspringen in den Urspungszustand versteht, starke Nebenwirkungen: So liegt der Fokus viel zu oft auf dem Individuum, das sich gut „aufstellen“ soll. Das verschärft einerseits Ungerechtigkeiten, weil sich nur Wenige diese Vorbereitung leisten können. Zudem geht es oft mit einem Fatalismus einher, der die Verantwortung auf die Individuen schiebt, anstatt die systemischen und strukturellen Ursachen zu beachten, anzugehen und zu beheben (was Transformative Resilienzverständnisse als „Bouncing Forward“ hingegen einbeziehen).

Damit verbunden sind weitere Verhaltensweisen, die ebenso auf der individuellen Ebene verbleiben. So dient vieles, was wir tun, (unterbewusst) dazu „Schuld und Scham abzuwehren. Mit dem Blick für gewaltvolle Strukturen und Problemursachen wächst oftmals auch das Bewusstsein für unsere eigenen Verstrickungen und dafür, wie wir selbst daran teilhaben und davon profitieren. Das kann mit Schuld- und Schamgefühlen einhergehen, die so unangenehm sein können, dass wir viel dafür tun, sie loszuwerden. Da es jedoch für systemische und strukturelle Ungerechtigkeiten keine schnellen und einfachen Lösungen gibt, stecken manche Menschen viel Energie in ihren Lebensstil oder in ein Hilfsprojekt – was zumindest Symptome lindert und eine Zeit lang für Besserung sorgt.

Die Liste ließe sich weiter fortführen, aber die beschriebenen Reaktionsweisen verdeutlichen bereits, dass unsere Formen des Krisenumgangs ebenfalls Teil der Krise sind. Nur warum verhalten wir uns so? Warum hören wir nicht damit auf und handeln stattdessen anders, konstruktiver?

Welche Überzeugungen unserem Verhalten zu Grunde liegen

Viele grundlegende Elemente von Kultur können wir nicht sehen: Was wir wissen, was wir glauben und wie wir die Welt verstehen, bildet Fundamente unseres Daseins (Episteme=Wissenssysteme; Paradigmen=Denkweisen, Glaubenssätze usw.), ist aber nicht leicht zu greifen. Wir wachsen mit und in diesen Überzeugungen auf – sie sind wie die Luft, die wir atmen und deshalb ist es schwer sie uns bewusst zu machen. In Narrativen geben wir all das weiter, erzählen uns, wer wir sind und wie die Welt „funktioniert“. Unser Verhalten – und speziell auch unser Umgang mit Krisen – wird durch die so entwickelten Haltungen und Annahmen beeinflusst und verfestigt sich über die Zeit.

Menschen in modernen Gesellschaften wachsen in dem Verständnis auf, dass Mensch und Natur voneinander getrennt sind und wir sehen uns selbst nicht als Teil von Natur. Mit dieser Vorstellung von Getrenntheit geht auch das anthropozentrische Selbstbild des Menschen als „Krone der Schöpfung“ einher, welches das menschliche in-der-Welt-sein fundamental prägt. Es führt zu Allmachtsphantasien, in denen Menschen sich als die zentralen Akteur*innen sehen, die das Meiste in der Welt als „Change Manager*innen“, „Welt-Retter*innen“ oder „Held*innen der Geschichte“ steuern und managen könnten.

Der Stein symbolisiert die schweren Umstände, die es herausfordernd machen, in, auf und um sie herum lebendig zu wachsen. Der Baum hat dennoch – oder gerade deswegen? – Wege gefunden, sich fest zu verwurzeln. 
Bildrechte: @ pixabay, freie Lizenz
Der Stein symbolisiert die schweren Umstände, die es herausfordernd machen, in, auf und um sie herum lebendig zu wachsen. Der Baum hat dennoch – oder gerade deswegen? – Wege gefunden, sich fest zu verwurzeln.
Bildrechte: @Pixabay, freie Lizenz

Und was nun?

Für uns Menschen der Moderne ist es schwer, uns eine andere Welt vorzustellen und anders zu handeln. Daher ist die Auseinandersetzung mit den vielen Gewaltformen, der grundlegenden Nicht-Nachhaltigkeit der Moderne und damit, wie diese unser Sein, Denken, Fühlen und Handeln durchwebt und beeinflusst, ein zentraler Schritt. Diese Einsichten sind oftmals schmerzhaft und nicht einfach zu „verdauen“. Doch gerade darum geht es: um das Verdauen, das „Kompostieren“, das (Ver)lernen, das Aufhören und das „Sterben lassen“.[4]  

Die beiden oben genannten Überzeugungen – die Illusion des Getrenntseins und die Illusion der Allmacht – gehen mit einer Arroganz und einer Haltung einher, dass Menschen über dem ‚Rest‘ der Welt stehen und ihnen alles andere untergeordnet ist. Wenn wir uns dessen gewahr werden, können wir erkennen, dass wir als „Leben, inmitten von Leben, das leben will“ (Albert Schweitzer) Teil von Kreisläufen, Stoffwechseln und „Gezeiten“ (Redecker 2023) sind. Wenn wir feststellen, dass wir im Netz des Lebens mit allen und allem auf dem Planeten Erde verbunden, verwoben und voneinander abhängig sind – also eine Einsicht in unser („Interbeing“ entwickeln –), dann bröckelt die Arroganz und eine demütige Haltung kann wachsen. Und auf dieser Basis stellt sich auch die Frage der Handlungsmacht anders.[5]

Mit kühlem Kopf, warmem Herz und offener Hand

Uns als selbstwirksam zu erleben ist ein wichtiger Antreiber und ein gutes Mittel gegen Ohnmachtsgefühle. Wenn das Handeln jedoch aus einer anthropozentrischen Überzeugung heraus geschieht, wird der Mensch und – sein Wissen und Wirken, überhöht.

Je ungewisser und unsicherer wir die Zeiten erleben, desto stärker wird unser Streben nach Sicherheit und Gewissheit. Doch was ist, wenn wir der Tatsache ins Auge blicken, dass es keine existenzielle Sicherheit gibt? Was ist, wenn wir erkennen, dass wir die Zukunft nicht vorhersagen können und wenn wir bereit sind, das auszuhalten? So schlimm die Krisen auch sind, es ist möglich, ihnen mit einer offenen Haltung zu begegnen: Gerade, weil wir nicht wissen, wie es „ausgeht“, lohnt es sich, loszugehen und das „Abenteuer“ zu wagen.

Der Ansatz der „Active Hope“ (Macy und Johnstone 2024) – auch bekannt als „Tiefe Ökologie“ und mittlerweile treffend als die „Arbeit, die wieder verbindet“ bezeichnet – setzt genau hier an und ermutigt zum Handeln aus der Verbundenheit mit dem Leben. „Active Hope“ motiviert dazu, unsere Gefühle angesichts des Zustands der Welt als wichtige Resonanzen anzuerkennen: Wenn wir der Realität ins Auge sehen und uns emotional darauf einlassen, können wir angemessen reagieren. Wenn wir uns der Tatsache stellen, wie unser Schmerz mit dem Schmerz der Welt verbunden ist, dann können wir daraus Kraft und Tiefe für unser Handeln gewinnen. Mit der Einsicht in die Verwobenheit allen Lebens auf dem Planeten können wir einen kühlen Kopf bewahren und die Probleme und ihre Ursachen in der Tiefe angehen, ohne dabei in Panik zu geraten.

Wenn diese Einsicht nicht nur mental, sondern auch emotional ist, wenn wir unsere eigene Lebendigkeit und unsere Liebe zum Leben tief in uns spüren und mit allem Lebendigen mitfühlen, dann sorgen wir für ein warmes Herz. Und auch wenn wir (innere und äußere) Räume schaffen, um zu träumen, zu visionieren und Utopien zu entwickeln, dann nähren wir in uns die Flamme, die uns am Leben erhält. Dann ist es möglich, aus der tiefen Sehnsucht nach persönlichem, kollektivem und planetarem Wohlergehen herauszuhandeln – aus dem Wunsch nach einem „Guten Leben für alle“ („Buen Vivir“)!

Die Hand ist das Symbol für das Handeln. Mit offenen Händen haben wir noch nicht die vermeintlich passenden Werkzeuge und Lösungen parat, sind aber bereit, dem zu begegnen, was ist und darauf verANTWORTungsvoll zu antworten: „Response-Ability“ als die Fähigkeit angemessen zu antworten. Mit offenen Händen können wir einladen und Verbindungen herstellen, aber auch ein klares „Stopp“ signalisieren. Genau jetzt, in der Zeit der sich zuspitzenden Krisen, können wir mit offenen Händen lernen, „Sterbebegleiter*innen“ einer zerstörerischen Welt (Machado de Oliviera 2021) und zugleich „Geburtshelfer*innen“ einer lebensfördernden Lebensweise (Macy und Johnstone 2024) zu werden.

Im Zusammenspiel dieser beiden existentiellen Fürsorge-Praktiken – Sterbe- und Geburtsbegleitung – wird einerseits die enorme Tragweite des Wandels deutlich, den es braucht, und andererseits die tiefgehend andere, regenerative Haltung, die sich in diesen Formen der Begleitung ausdrückt (Pastoors 2022). Die Ansätze von „Interbeing“ und „Active Hope“ sind Beispiele für regenerativen Aktivismus (Luthmann 2021) und regenerative Friedensarbeit[6], die Zusammenhänge aufzeigen und dazu beitragen, die Verbindung zwischen Innen und Außen, zwischen uns und der Welt zu halten und zu vertiefen – mit kühlem Kopf, warmem Herz und offener Hand.

Abbildung Hand Heart Mind henri1407 (Hand) @Pixabay stux (Heart) @Pixabay elisariva (Brain) @Pixabay Hamstring (Sprout) @NounProject

In der Metapher von Kopf, Herz und Hand stecken zudem weitere Hinweise für regenerative Ansätze. Einerseits klingt darin die ganzheitliche und verkörperte Praxis an, die den Menschen nicht in Geist und Körper aufspaltet, sondern im Sinne des „Denkfühlenden“ („Sentipensar“, Escobar 2020) anerkennt, dass der Mensch durch Wahrnehmen, Fühlen und Denken mit der Welt interagiert und existentiell mit ihr verbunden ist.[7]

Andererseits dient die Metapher auch als Sinnbild für das Zusammenspiel verschiedener Bemühungen für den sozial-ökologischen Wandel, die als „Block“, „Build“ und „Be“ beschrieben werden können (Macy und Johnstone 2024). Bei „Block“, den „Holding Actions“, geht es darum, Leben zu erhalten und Widerstand gegen Gewalt und Zerstörung zu leisten (symbolisiert durch die ausgestreckte Hand, die Stopp sagt). Bei „Build“ steht im Mittelpunkt, lebensfördernde Strukturen, sogenannte „Gaian Structures“ (wie z.B. solidarische Landwirtschaften), zu entwickeln und aufzubauen (symbolisiert durch den Kopf, der Alternativen erträumt und Pläne schmiedet). Und im Bezug auf das Sein („Be“), wird ein Bewusstseinswandel („Shift in Consciousness“), angestrebt, um zu erkennen, dass (bereits rein stofflich) Alles mit Allem verwoben ist (symbolisiert durch das Herz, das sich durch Mitgefühl verbindet). Und mit „Nurturing Life“ stehen alle Praktiken, die das Leben nähren, erhalten und entfalten, verbindend im Mittelpunkt, da Fürsorge/Care die Grundlage allen Lebens ist. Wenn „Herz, Kopf und Hand“, durch das „Blut“ gut versorgt als ganzer Organismus zusammenspielen, können die verschiedenen Beiträge zur Transformation besonders stark ihre Wirkung entfalten. Die Anerkennung und Verknüpfung dieser unterschiedlichen Aktionsfelder ist entscheidend dafür, dass der Wandel gelingen kann.

Sowohl für den großen Organismus – Planet Erde –, als auch für uns – die einzelnen Organismen, die ihn bewohnen und Teil von ihm sind –, spielt die Temperatur eine entscheidende Rolle: Der exakt passende Abstand zur Sonne macht unseren Planeten lebensfähig. Das Leben braucht Bedingungen, in denen es weder verglüht noch erfriert. Und das Gleiche gilt letztlich immer auch für unser Handeln: Für das Handeln in Zeiten der Krisen und grundsätzlich für unseren für das Leben braucht es ein wohltemperiertes, regeneratives Aktiv sein, das unser eigenes Wohlergehen genauso stärkt wie das der Welt.

Viele regenerative Praktiken unterstützen uns darin, uns „im guten Abstand zur Sonne auszurichten“: Um dafür zu sorgen, dass wir nicht ausbrennen, können wir lernen, innezuhalten, innerlich und äußerlich „runterzukühlen“: Pausen machen, uns orientieren und uns „erden“. Und um uns aus der Kälte und Schockstarre zu befreien, können wir uns an all dem erwärmen, was uns „nährt“: Wenn wir aus Freude heraus handeln und viel von dem in die Welt bringen, was uns, Anderen und dem Planeten guttut, wenn wir aus der Verbundenheit miteinander solidarisch handeln und füreinander sorgen, dann erzeugen wir wohlige Wärme, in der eine lebensfähige Welt wachsen und gedeihen kann.

Ankündigungsflyer Münsteraner Klimagespräche am Donnerstag, 5.2.2026, 19 Uhr, Forum der VHS Münster (Erdgeschoss, Aegidiistraße 70, 48143 Münster)

Was kann uns also dabei helfen, uns den Krisen der Menschheit und des Planeten zu stellen? Wie können wir mit den Gefühlen umgehen, die dabei entstehen? Und wie können wir handeln, wenn wir weder den Kopf in den Sand stecken, noch in kopflosen Aktionismus verfallen wollen?

Daniela Pastoors lädt dazu ein, diesen Fragen gemeinsam Raum zu geben. Das Münsteraner Klimagespräch am 5.2.2026 verbindet Vortragsimpulse mit interaktiven und erfahrungsorientierten Elementen. Der Abend richtet sich an alle, die die Hoffnung nicht aufgeben wollen. Egal ob aus Zivilgesellschaft, Wissenschaft, Politik oder Aktivismus – alle Interessierten sind herzlich eingeladen.

Literatur

Akomolafe, Bayo (2019). What climate collapse asks of us. The Emergence Network.

Albert, Michael J. (2024). Navigating the Polycrisis: Mapping the Futures of Capitalism and the Earth. MIT Press

Escobar, Arturo (2020). Pluriversal politics: The real and the possible. Durham, Duke University Press.

Gudynas, Eduardo (2011). Buen Vivir: Today’s tomorrow. Development 54(4), 441-447.

Luthmann, Timo (2021). Politisch aktiv sein und bleiben. Handbuch Nachhaltiger Aktivismus. Münster, Unrast Verlag.

Machado de Oliveira, Vanessa (2021). Hospicing Modernity: Facing Humanity’s Wrongs and the Implications for Social Activism. Berkeley, North Atlantic Books.

Macy, Joanna/ Johnstone, Chris (2024). Active Hope: Der ökologischen Krise mit kreativer Kraft und Resilienz entgegentreten. Paderborn, Junfermann.

Or, Yari (2023). Praxisbuch Transformation dekolonisieren: Ökosozialer Wandel in der sozialen und pädagogischen Praxis. Weinheim; Basel, Beltz Juventa.

Pastoors, Daniela (2022). Friedensarbeit braucht Begleitung oder „How to face the mess we’re in without going crazy?! W&F 2022(1), 41-43.

Von Redecker, Eva (2023): Revolution für das Leben: Philosophie der neuen Protestformen. Frankfurt am Main, S. Fischer.

Autor*inbeschreibung

Dr. Daniela Pastoors arbeitet am Zentrum für Interdisziplinäre Nachhaltigkeitsforschung (ZIN) der Universität Münster und baut dort im Rahmen der europäischen Hochschulallianz ULYSSEUS einen Innovation Hub zu sozial-ökologischer Nachhaltigkeit auf. Der inhaltliche Schwerpunkt von Danielas Arbeit liegt auf regenerativer Friedensarbeit und der Verbindung von innerer (psychosozialer) und äußerer (sozialökologischer) Transformation für das Leben.


[1] Direkte Übersetzung des Leitmotivs des Emergence Networks, siehe emergencenetwork.org und Akomolafe 2019.

[2] Auf deutsch: Kämpfen, Flüchten, Einfrieren und Unterwerfen. Vanessa Machado de Oliviera (2021, S. 178) überträgt die affektiven Reaktionsschemata auf Umgangsweisen bei wahrgenommener Bedrohung des Selbstbildes.

[3] Das gleichnamige Buch von medico international gibt einen guten Überblick über die Kritik am vorherrschenden Resilienzdiskurs.

[4] Zentrale Konzepte hierzu finden sich in der »Sterbebegleitung für die Moderne“ (Machado de Oliviera 2021), im »Postaktivismus“ (Akomolafe 2019) und weiteren dekolonialen (siehe z.B. Or 2023), emanzipatorische Bemühungen darum, all diese Zusammenhänge aufzudecken und ans Licht kommen zu lassen. Das Gesturing Towards Decolonial Futures Collective (decolonialfutures.net) und das Emergence Network (emergencenetwork.org) geben hierzu gute Einblicke.

[5] Dann wird klar, dass letztlich alle Prozesse ko-kreativ ablaufen und wir Menschen nicht die einzigen handelnden Subjekte und Akteur*innen sind (siehe hierzu z.B. das Werk von Donna Harraway).

[6] Regenerative Friedensarbeit geht über Environmental Peacebuilding hinaus, da sie die mehr-als-menschliche Welt nicht als Umwelt versteht, sondern vom »Interbeing“ ausgeht und zudem die psychosozialen Prozesse und inneren Dimensionen einbezieht. Das Konzept befindet sich in Entwicklung, baut auf meiner Dissertation auf und denkt innere und äußere Transformation zusammen (siehe Pastoors 2022).

[7] Körperorientierte Zugänge, wie z.B. das »Theater der Befreiung“ (bzw. »Theater der Unterdrückten“), traumasensible Methoden wie »Somatic Experiencing“ und ganzheitliche-gestaltende Ansätze, wie z.B. soziales Permakultur-Design u.v.m., bieten ebenfalls wichtige Zugänge für regenerative Arbeit.