„Es muss mehr Raum für Interdisziplinarität geben, wenn wir als Wissenschaft unserer Verantwortung gerecht werden wollen“

Interview mit Doris Fuchs anlässlich des zehnjährigen ZIN-Jubiläums

Anlässlich des zehnjährigen Bestehens des Zentrums für Interdisziplinäre Nachhaltigkeitsforschung erscheint auf dem Blog nach(haltig)gedacht ein Interview mit der Politikwissenschaftlerin Prof’in Doris Fuchs. Die Gründung des ZIN im Jahr 2015 geht auf ihre Initiative zurück; dem Vorstand gehörte sie über viele Jahre an und prägte ihn als Sprecherin maßgeblich. Seit dem Jahr 2023 ist Doris Fuchs Direktorin des Research Institute for Sustainability (RIFS) in Potsdam, das über das Geoforschungszentrum Teil der Helmholtz Gemeinschaft ist. Im Gespräch blickt sie zurück auf die Anfangszeit und die Entwicklung des ZIN in der vergangenen Dekade, sowie auf Fortschritte und Herausforderungen der interdisziplinären Zusammenarbeit im Kontext von Nachhaltigkeitstransformationen.

Das Interview führte Fynn Schmidt.


Liebe Doris, zehn Jahre ZIN – das ist ein echter Meilenstein, zu dem es sich lohnt innezuhalten und zurückzublicken. Wenn Du dem ZIN eine Überschrift für seine ersten zehn Jahre geben müsstest – wie würde sie lauten?

Gar nicht so einfach, diese Zeit in ein paar Worten zusammenzufassen! Mir gefällt das Bild, dass sich das ZIN von einer zarten, aber bunt blühenden Knospe zu einem kräftigen Busch entwickelt hat. In der Anfangszeit ist durch das große Engagement der Beteiligten so viel im wahrsten Sinne aufgeblüht, wovon wir als mittlerweile gewachsene und gut verankerte Institution jetzt noch zehren können. Natürlich geht mit dem Wachsen auch einher, dass nicht mehr alle Mitglieder in so hohem Maße engagiert sind, wie es die Gründungsgemeinschaft war. Aber das ZIN geht trotzdem lebendig weiter, weil es viele aktive und einige eben sehr aktive Mitglieder hat.

Insofern wäre vielleicht eine passende Überschrift: „Von der Knospe zum Verwurzelt Sein“

„Gemeinsam sind wir auf offene Türen gestoßen“

Gab es in der Anfangsphase einen Moment, in dem Du dachtest: Ja, dieses Zentrum könnte wirklich funktionieren? Und gab es umgekehrt auch Momente, in denen Du dachtest: Das wird nie etwas mit dieser interdisziplinären Zusammenarbeit?

Als ich die Idee hatte, dass es an der Uni Münster ein dezidiertes Zentrum für Nachhaltigkeitsforschung braucht, habe ich meinen damaligen Kollegen Markus Lederer (jetzt TU Darmstadt) ins Boot geholt, und gemeinsam sind wir damit bei Kolleg*innen auf offene Türen getroffen. Das war eine sehr bestärkende Erfahrung und daher habe ich von Beginn an gedacht, dass diese Initiative funktionieren wird. Davon habe ich mich auch nie abbringen lassen, weil ich so viele positive Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit allen ZIN-Beteiligten gemacht habe.

Interdisziplinarität war und ist ja das zentrale Prinzip für die Zusammenarbeit am ZIN. Wie sieht sie im Alltag tatsächlich aus?

Das hängt ehrlich gesagt immer davon ab, wer an der Zusammenarbeit beteiligt ist. Interdisziplinarität kann nur funktionieren, wenn man Lernräume schafft, offen für die Perspektiven der anderen ist und Lust hat, die Berührungspunkte und das Ergänzende aufzuspüren. Das ist nicht immer offensichtlich, aber meine Erfahrung ist, dass man mit Personen aus den unterschiedlichsten Disziplinen hervorragend zusammenarbeiten kann, wenn diese Voraussetzungen auf der persönlichen Ebene gegeben sind.

Am ZIN hat das konkret darin gemündet, gemeinsam Forschungsanträge zu schreiben und dann auch gemeinsam Forschung durchzuführen. Aber auch Lehre kann interdisziplinär gestaltet sein. Bodo Philipp und ich haben beispielsweise im Sommersemester 2025 einen Kurs gegeben, der natur- und sozialwissenschaftliche Perspektiven auf das Thema Wachstum verbunden hat und sich auch an Studierende aus beiden „Domänen“ gerichtet hat.

Auch in anderen Initiativen, wie Arbeitskreisen der Wissenschaftsallianz der Stadt Münster oder dem Beirat Global Nachhaltige Kommune der Stadt, sind wir oft mit diversen disziplinären Brillen vertreten gewesen und konnten so möglichst vielfältige Perspektiven einbringen, um der Komplexität der verhandelten Themen gerecht zu werden.

Kannst du ein Beispiel nennen, bei dem die Zusammenarbeit verschiedener Disziplinen zu überraschenden Erkenntnissen geführt hat?

Ein Highlight der interdisziplinären Forschung am ZIN war das Projekt BIOCIVIS, das ich ebenfalls gemeinsam mit Bodo Philipp durchgeführt habe. Bodo ist Mikrobiologe und als solcher disziplinär sehr weit von meinem sozialwissenschaftlichen Hintergrund weg. Aber in diesem Projekt haben wir über disziplinäre Grenzen hinweg und gemeinsam mit Bürger*innen Empfehlungen für die Bioökonomie entwickelt, die wir dann auch an den deutschen Bioökonomierat kommuniziert haben.

Foto 1: Interdisziplinäre Zusammenarbeit im BIOCIVIS-Projekt.

„Disziplinäre Strukturen müssen stärker aufgebrochen werden“

Was müsste sich im Wissenschaftssystem ändern, damit solche interdisziplinäre Nachhaltigkeitsforschung besser unterstützt wird?

Dafür müssten die disziplinären Strukturen, die im Wissenschaftssystem vorherrschen, stärker aufgebrochen werden – beispielsweise die disziplinär organisierten Fachbereiche oder auch die disziplinären Fachkollegien, die bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft die Begutachtung von Forschungsanträgen übernehmen. Wenn auch in diesen Strukturen Interdisziplinarität besser bzw. überhaupt gelebt wird, haben auch interdisziplinäre Forschungsprojekte eine bessere Chance, sich zu entwickeln. Hier sind auch einige Exzellenzuniversitäten sowohl in Deutschland als auch im Ausland sehr zukunftsorientiert unterwegs. Das bedeutet natürlich nicht, dass es dann keine disziplinäre Forschung mehr gibt oder geben soll. Aber es muss mehr Raum und Unterstützung für Interdisziplinarität geben, wenn wir als Wissenschaft unserer Verantwortung der Gesellschaft gegenüber gerecht werden und zur Lösung der gesellschaftlichen Herausforderungen effektiv beitragen wollen.

Gibt es wissenschaftliche oder gesellschaftliche Beiträge des ZIN, auf die Du besonders stolz bist?

Das ist zum einen unsere interdisziplinäre Arbeit zum Thema Grenzen, in der wir uns mit natürlichen und gesellschaftlichen Grenzen und ihrer Beziehung zu einer sozial-ökologisch gerechten Zukunft auseinandergesetzt haben. Meine Perspektive liegt dabei auf Grenzen des Konsums und der gesellschaftlichen Beschäftigung mit der Frage, wie ein gesellschaftlicher Prozess aussehen kann, der es allen ermöglicht, so zu konsumieren, dass alle Menschen, jetzt und in der Zukunft, in der Lage sind, ein gutes Leben führen zu können. Tillman Buttschardt wiederum trägt hier als Landschaftsökologe die Erdsystemperspektive auf die Rolle der Menschen in ihrer (Um)welt bei, Bodo Philipp die Perspektive der Mikro- und Molekulkarbiologie auf Zellen und kleinste Organismen und Anne Käfer die ethische bzw. theologische Perspektive auf die gesellschaftlichen Werte im Umgang mit anderen Lebewesen.

Hat Deine langjährige Arbeit als Sprecherin des ZIN Deinen eigenen Blick auf Nachhaltigkeit verändert?

Dass ich Sprecherin war, hat an sich meine Perspektive auf Nachhaltigkeit nicht verändert. Aber der Austausch mit Kolleg*innen innerhalb und außerhalb des ZIN in dieser Zeit hat durchaus meinen Blick auf Nachhaltigkeitsfragen beeinflusst. Ich bin mir der Nachhaltigkeitsherausforderungen und der gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Barrieren für eine sozial-ökologische Transformation mittlerweile noch bewusster. Das hat mich auch dazu gebracht, meine eigenen Annahmen, wie eine Nachhaltigkeitstransformation gelingen kann und sollte, zu hinterfragen. So bin ich immer noch der Meinung, dass wir mit den Bürger*innen über die Möglichkeiten und Vorteile einer nachhaltigen Zukunft reden müssen. Gleichzeitig sind mir die politik-ökonomischen Barrieren der Transformation, die sich aus den wirtschaftlichen Interessen und der politischen Macht derer ergeben, die von der Nicht-Nachhaltigkeit des aktuellen Systems profitieren, klarer denn je. Deshalb muss ein größerer Teil unserer Arbeit darauf fokussieren, diese Einflüsse und Interessen sichtbar zu machen. Insofern steht für mich die Frage der sozialen Gerechtigkeit der Transformation mehr denn je im Zentrum meiner Forschung und Kommunikation. Wichtig ist dabei, dass diese Gerechtigkeitsfrage nicht erst erörtert werden muss, wenn eine bestimmte politische Lösung im Raum steht (z.B. Benzinsteuern), sondern schon bei der Analyse des Status Quo. Denn die aktuelle Situation ist (auch) in Bezug auf Nachhaltigkeit extrem ungerecht. Von mangelnder Klimapolitik zum Beispiel profitieren vor allem die mit einem großen ökologischen Fußabdruck und das sind die wohlhabenden Teile unserer Gesellschaften. Die Kosten des Klimawandels aber tragen alle, und die Ärmsten können sich am wenigsten vor ihnen schützen. Auch insgesamt wäre eine gut gestaltete Klimapolitik sehr viel günstiger für unsere Gesellschaften als es die Kosten des Klimawandels wie auch der Krisen im Bereich von Biodiversität, Wasser und Böden sind und sein werden.

„Die Zusammenarbeit über disziplinäre Grenzen hinweg funktioniert – wenn beide Seiten es wollen“

Vor bald drei Jahren bist Du als wissenschaftliche Direktorin ans RIFS nach Potsdam gewechselt. Welche Erfahrungen und Perspektiven aus deiner Zeit mit dem ZIN hast du in deine neue Tätigkeit am RIFS mitgenommen?

Die Erfahrungen aus der interdisziplinären Zusammenarbeit, die ich am ZIN gemacht habe, erlebe ich auch am RIFS und in der Helmholtz Gemeinschaft. Auch hier stelle ich immer wieder fest, dass die Zusammenarbeit über disziplinäre Grenzen hinweg funktioniert – wenn beide Seiten es wollen. Dann schafft man es auch, gemeinsam gesellschaftlich relevante, zukunftsorientierte Forschungsfragen zu entwickeln. Neben der grundsätzlichen Offenheit hilft dabei schon auch die Erfahrung, welche Missverständnisse es zwischen unterschiedlichen Disziplinen geben und wie man diese gut auflösen kann, und ganz grundsätzlich wie man einen konstruktiven und produktiven Austausch über disziplinäre Grenzen hinweg gut führt.

Das Festsymposium steht unter dem Motto „wissen(schafft)zukunft“ – wenn Du auf die kommenden Jahre blickst: Was stimmt dich zuversichtlich?

In Anbetracht der gegenwärtigen politischen Entwicklungen fällt es mir tatsächlich manchmal schwer, zuversichtlich zu sein. Sicher bin ich mir aber darin, dass Wissen allein noch keine (gute) Zukunft schafft. Wir wissen so viel über die sozial-ökologischen (und auch geopolitischen und -ökonomischen) Krisen, die gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten und deren Zusammenhänge seit so langer Zeit und schaffen es trotz allem nicht, ausreichend tiefgreifende Veränderungen in Gang zu bringen. Was mich aber zuversichtlich stimmt, ist, wenn ich auf Menschen treffe, die ebenfalls bereit sind, sich für Veränderungen einzusetzen, die die Krisen und ihre Treiber ebenfalls wahrnehmen, und die auch nach Lösungen suchen. Das ZIN ist ein Ort, wo genau diese Begegnungen stattfinden und uns zuversichtlich stimmen können, dass wir gemeinsam etwas bewegen werden. Ich glaube, nur gemeinsam schaffen wir Zukunft.


Autor*innenbeschreibung

Prof’in Dr’in Doris Fuchs ist Direktorin am Forschungszentrum für Nachhaltigkeit (RIFS) | am GFZ und Inhaberin der Professur für Nachhaltige Entwicklung an der Universität Münster. Dort ist sie außerdem als Gründungsmitglied und ehemalige Vorstandssprecherin im Zentrums für Interdisziplinäre Nachhaltigkeitsforschung (ZIN) aktiv. Ihre Forschung umfasst Fragen zum Verhältnis von Demokratie und Nachhaltigkeit, des nachhaltigen Konsums und der transnationalen Nachhaltigkeitsgovernance.

Fynn Schmidt ist stellvertretender Geschäftsführer am Zentrum für Interdisziplinäre Nachhaltigkeitsforschung (ZIN) der Universität Münster und Doktorand am Heidelberg Center for Iberoamerican Studies. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen organisationale Transformationsprozesse für Nachhaltigkeit an Hochschulen sowie die Politische Ökologie von Nachhaltigkeitspolitiken und grünen Technologien in Lateinamerika, insb. Mesoamerika.