„wissen(schafft)zukunft – 10 Jahre interdisziplinäre Forschung zu Nachhaltigkeit“
Zehn Jahre interdisziplinäre Nachhaltigkeitsforschung – ein Anlass, der nicht nur zum Feiern ein lud, sondern auch zum Zurückschauen und nach vorne blicken. Am 15. April 2026 feierte das Zentrum für Interdisziplinäre Nachhaltigkeitsforschung (ZIN) der Universität Münster dieses Jubiläum mit einem Festsymposium unter dem Titel „wissen(schafft)zukunft – 10 Jahre interdisziplinäre Forschung zu Nachhaltigkeit“. Mit dabei waren nicht nur die heutigen Mitglieder des ZIN, sondern auch Ehemalige, andere Wissenschaftler*innen der Universität Münster und Vertreter*innen aus Stadt und Zivilgesellschaft. Die Veranstaltung bot Raum, um zentrale Erkenntnisse, Entwicklungen und gemeinsame Erfolge der vergangenen Jahre zu reflektieren und miteinander ins Gespräch zu kommen. Durch das bunte Programm wurde die Bandbreite und Relevanz der Arbeit des ZIN sichtbar: „Wie gestalten wir Stadt?“ und „Wie lernen wir Zukunft?“ waren nur zwei der Fragen, die Wissenschaftler*innen aus insgesamt 18 Disziplinen im Anschluss an Grußworte des ZIN-Vorstandes und des Prorektors und ZIN-Mitgliedes Prof. Dr. Michael Quante sowie eine Keynote von Prof. Dr. Andreas Löschel (Ökonom und ehemaliges ZIN-Mitglied) diskutierten. Insgesamt eröffneten sechs Panel den Raum für tiefgehenden und angeregten Dialog über Bioökonomie, Bildung und Stadtgestaltung sowie Digitalisierung, Resilienz und das Mensch-Tier-Verhältnis – zentrale Themen der Transformation zur Nachhaltigkeit. Das gesamte Symposium war dabei von einer Atmosphäre der Dialogbereitschaft und interessierter Offenheit geprägt, die schon ganz zu Beginn des Tages spürbar wurde, als ZIN-Sprecher Prof. Dr. Tillmann Buttschardt reflektierte, wie es eigentlich dazu kam, dass das ZIN am 15. April sein zehnjähriges Jubiläum feiern konnte…
ZIN als Graswurzelbewegung
„Warum bin ich hier?“ fragte er im Rahmen der Begrüßung durch ihn und Prof’in Dr. Sigrid Kannengießer (Vorstandsmitglied des ZIN) und nahm das Publikum gedanklich mit auf eine kleine Zeitreise zurück zu den Ursprüngen des ZIN. Es war eine kurze E-Mail von Prof’in Dr. Doris Fuchs (ehemalige Vorstandssprecherin des ZIN), die 2014 den Anstoß zur Gründung des ZIN gab und auf merklich große Resonanz traf. Doris Fuchs selbst berichtete von offenen Türen und großem Interesse ohne finanzielle Gegenerwartungen. Insgesamt zwölf Wissenschaftler*innen aus sechs unterschiedlichen Fachbereichen kamen damals so zusammen. Alle mit dem gemeinsamen Wunsch, Nachhaltigkeit nicht isoliert aus ihrer disziplinären Perspektive zu betrachten, sondern im Austausch inter- und transdisziplinär weiterzudenken. So entstand das ZIN als – so beschrieb es Michael Quante – eine Art Graswurzelbewegung innerhalb der Hochschule. Die Antwort auf die Frage „Warum bin ich hier?“ bestünde also vor allem in dem Antrieb gemeinsam Nachhaltigkeitsprobleme zu lösen und eine gute Zukunft zu schaffen. Die Stimmung beim Festsymposium ließ definitiv keinen Zweifel daran, dass viele diesen Wunsch teilen.
Von Beginn an war das also ZIN von einem offenen und vernetzenden Ansatz geprägt, der darauf setzte, unterschiedliche Perspektiven zusammenzubringen. Denn schon 2014 war klar, dass große Zukunftsfragen der Nachhaltigkeitsforschung, wie z.B. der Klimawandel, sich nicht aus der isolierten Perspektive einer Disziplin heraus beantworten lassen. Im Laufe der folgenden Jahre dann entwickelte sich das, was einst als kleine, engagierte Initiative begann, zu einer stetig größer werdenden Gemeinschaft, die auch innerhalb der Universität eine immer bedeutendere Rolle einnahm. Während viele Institutionen erst unter dem Druck der Fridays for Future begannen, Nachhaltigkeitsfragen strukturell anzugehen, konnte die Universität Münster auf Forderungen der Protestierenden nach mehr Bemühungen um Nachhaltigkeit bereits auf das etablierte Netzwerk des ZIN verweisen. In diesem Sinne wurde das ZIN zu einer treibenden Kraft, die bspw. bei der bei der Entwicklung der Nachhaltigkeitsstrategie der Universität Münster unterstützte und aktuell weiter auf mehr Interdisziplinarität in der Lehre hinwirkt. Mit Verweis auf Beispiele wie diese wurde mehrfach betont, dass am ZIN Wissenschaft betrieben wird, die nicht nur beobachtet und analysiert, sondern auch ihre gesellschaftliche Verantwortung ernstnimmt.
inter- und transdisziplinär arbeiten – aber wie?
Ein zentrales Thema der Jubiläumsveranstaltung war die Frage, was inter- und transdisziplinäre Nachhaltigkeitsforschung eigentlich konkret bedeutet und welche Herausforderungen sie mit sich bringt. In der diesen Grundsatzfragen gewidmeten Podiumsdiskussion „Mehr als die Summe der Teile? Inter- und Transdisziplinarität in der Nachhaltigkeitsforschung“ mit den Politikwissenschaftlerinnen und ZIN-Mitgliedern Prof’in Dr. Doris Fuchs und Prof’in Dr. Antonia Graf Jutta Höper (Leiterin der Fachstelle Nachhaltigkeit am Amt für Grünflächen, Umwelt und Nachhaltigkeit der Stadt Münster) und Prof. Dr. Andreas Löschel wurde deutlich, dass Zusammenarbeit über die Grenzen der Fächer hinweg und die Universität hinaus kein Selbstläufer ist. Es treffen unterschiedliche Perspektiven, Fachsprachen und Herangehensweisen aufeinander; das kann durchaus herausfordernd sein. Andreas Löschel sprach im Kontext der inter- und transdisziplinären Forschung von der Notwendigkeit von „Köpfen, die sich auf verschiedene Systeme einlassen können und einen guten Willen haben“. Dazu müsse auch besonders ein Umgang mit verschiedenen Demokratie- und Nachhaltigkeitsverständnissen gefunden werden.
Inter- und transdisziplinäre Zusammenarbeit brauche daher oft Zeit, Ressourcen und geeignete Rahmenbedingungen, die – laut Antonia Graf – in Wissenschaftssystemen häufig fehlen. Dadurch sei auch die Einbindung von Akteur*innen außerhalb der Wissenschaft nicht immer einfach umzusetzen. Die Strukturen der Forschungsförderung ermöglichten selten eine Mitförderung von zivilgesellschaftlichen Organisationen und grenzten Projektlaufzeiten ein. Aber selbst unter idealen Bedingungen brauche es gezielte Phasen der Befähigung, ein gemeinsames Verständnis von Prozessen sowie die Bereitschaft, sich mit Machtstrukturen auseinanderzusetzen. Doris Fuchs betonte in diesem Kontext zudem, dass die Involvierung der wirkmächtigsten Akteur*innen aktuell nur sehr begrenzt gelinge, während genau diese Akteur*innen für Projekte mit tiefgreifender Wirkung unbedingt einbezogen werden müssten. Unterm Strich wurde sowohl in dieser Podiumsdiskussion als auch über den gesamten Tag sehr bewusst reflektiert, dass die inter- und transdisziplinäre Forschungsarbeit besonderes Potenzial birgt, aktuell aber (noch) durch viele strukturelle Herausforderungen und Systemprobleme erschwert wird.

„Jetzt erst recht!“
Trotz allem war die Grundstimmung nicht von Skepsis geprägt, sondern von Zuversicht! Gerade die Erkenntnis, dass viele der angesprochenen Probleme komplex sind, machte deutlich, wie wichtig die Vernetzung des Wissens aus einzelnen Disziplinen ist. Das ZIN wurde dabei immer wieder als Gemeinschaft beschrieben, die genau das ermöglicht. Die spätere Zusammenfassung der Panels (s.o.) zeigte außerdem, dass es für das Gelingen dieser Vernetzung vor allem auf die Haltung ankommt: offen zuhören und andere Perspektiven ernst nehmen, ohne sofort mit Gegenargumenten zu reagieren. Inter- und Transdisziplinarität bedeuten eben nicht nur, Wissen zusammenzutragen, sondern wirklich gemeinsam zu – innerhalb der akademischen Sphäre und über die Grenzen dieser hinaus. Genau dahin leisten die Arbeit des ZIN und die dahinterstehenden Menschen einen wichtigen Schritt – das zeigte sich nicht nur auf der Bühne, sondern auch in den vielen angeregten Gesprächen „zwischendurch“.
Insgesamt zeigte sich das ZIN beim Symposium als eine echte Solidargemeinschaft. Sie lebt von einem wissenschaftlich kritischen und qualitativ exzellenten Austausch und gleichzeitig auch von einem neugierigen, konstruktiven und empathischen Miteinander. In den Gesprächen zeigte sich immer wieder die Bereitschaft, gemeinsam Lösungen zu entwickeln und auch unterschiedliche Perspektiven auszuhalten. Trotz der aktuell großen gesellschaftlichen Herausforderungen und einiger struktureller Begrenzungen in der Zusammenarbeit überwog dadurch ein hoffnungsvoller Ausblick den Tag. Jutta Höper betonte, wie gewinnbringend es ist, wenn Menschen aus verschiedenen Fachrichtungen innerhalb einer Universität zusammenkommen – und dass die gewonnene Energie solcher Veranstaltungen, im Sinne von: „Jetzt erst recht!“, spürbar motiviert. Auch beim gemeinsamen Abschluss wurde dieses Miteinander und die Verbundenheit untereinander sichtbar, als prägende Personen aus der Geschichte und Gegenwart, ohne deren Engagement die Entwicklung des ZIN so nicht möglich gewesen wäre, gewürdigt wurden. Womöglich konnten zum Ende des Tages alle Anwesenden noch einmal mehr verstehen, weshalb Doris Fuchs auf eine Frage im Podium antwortete: „Das schönste am ZIN ist die Atmosphäre“.
