Ein Ausweg aus dem Hamsterrad? Wie wir mit “Slow Science” Arbeit in der Wissenschaft neu denken und anders gestalten können

Julia Wiethüchter & Fynn Schmidt

Max Mustermann dröhnt der Kopf. Es ist Donnerstagabend, und er hat in dieser Woche noch drei Deadlines. Max weiß, dass er sich nach dem Abendessen noch einmal an den Schreibtisch setzen wird. Den Wanderausflug, den er für dieses Wochenende mit seiner Schwester geplant hatte, wird er absagen müssen. Max hat eine 50%-Stelle, dennoch arbeitet er fast in jeder Woche circa zehn Stunden mehr als vertraglich vereinbart. Er hat noch 22 Urlaubstage aus dem letzten Jahr übrig, doch er kommt nicht dazu, sie zu nehmen. Sein Arbeitsvertrag läuft nur noch acht Monate, und er weiß noch nicht, wo er danach arbeiten wird.

Max arbeitet als promovierter Wissenschaftler an einer Universität in Deutschland. Er forscht, unterrichtet Studierende, schreibt Projektanträge, hält Vorträge, reist zu Konferenzen und engagiert sich in der akademischen Selbstverwaltung an seinem Institut. Von ihm wird eine durch intrinsische Motivation und starke Identifikation mit der Arbeit getriebene hohe Leistungsbereitschaft erwartet. Er ist hochqualifiziert und hat viele Jahre Berufserfahrung, und dennoch zählt Max mit 40 Jahren immer noch zum „wissenschaftlichen Nachwuchs“ und muss sich immer wieder auf befristeten Stellen beweisen.

Im Rahmen des Forschungsprojektes „LATERNE“ haben wir uns mit wissenschaftlichem Personal verschiedener Karrierestufen an drei deutschen Universitäten beschäftigt und Interviews geführt, um herauszufinden, wie Universitäten und ihre Arbeitsbedingungen sozial gerechter und ökologisch nachhaltiger gestaltet werden können. Wir haben schnell festgestellt: Vielen geht es so wie Max. Stress, Leistungsdruck und unsichere berufliche Perspektiven sind zwar keine Alleinstellungsmerkmale des wissenschaftlichen Betriebs – sind sie doch Alltag für prekär Beschäftigte in zahlreichen anderen Sektoren – sie treten hier jedoch mit speziellen Faktoren und Folgen auf. Das hohe Arbeitstempo und der Druck, schnell (veröffentlichbare) Ergebnisse zu produzieren, belasten Wissenschaftler*innen und beeinflussen die Ausrichtung und Qualität der Forschung. Neue Formen des Arbeitens und damit einhergehende Phänomene wie das “work-life-blending” können die hohe Arbeitsbelastung noch verstärken. Diese Missstände zu benennen und auf ihre Veränderung hin zu tragfähigen akademischen Arbeitsweisen zu wirken, sind die Anliegen dieses Textes.

Was läge näher, als der überarbeiteten Belegschaft zuzurufen “Wissenschaftler*innen aller Universitäten – Entschleunigt euch!”? (Siehe dazu auch den Beitrag von Doris Fuchs). Entschleunigung unter Bedingungen unsicherer beruflicher Zukunftsperspektiven und einer ausgeprägten Leistungs- und Ergebniskultur – auf den ersten Blick ist das ein Widerspruch. In einem achtwöchigen Slow-Science-Experiment haben wir Handlungsstrategien erarbeitet, mit denen Nachwuchswissenschaftler*innen ihre Spielräume für Entschleunigung im Arbeitsalltag individuell und kollektiv nutzen können.

Das Problem von Konkurrenz und Wettbewerb in der Wissenschaft

Die Art und Weise, wie Wissenschaft betrieben wird, hat sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert. In den 1990er und 2000er Jahren prägte der neoliberale Zeitgeist wissenschaftspolitische Reformen, die die Forschungslandschaft zunehmend an Prinzipien von Konkurrenz, marktförmigem Wettbewerb und kurzfristiger wirtschaftlicher Verwertbarkeit ausrichteten. So setzt beispielsweise die seit 2005 ausgelobte „Exzellenzinitiative“ deutsche Hochschulen in Konkurrenz um attraktive Fördermittel und Ansehen. Die Förderung sorgt für ein zunehmendes Ungleichgewicht zwischen Hochschulen: bei sinkender Grundfinanzierung gestaltet es sich für “nicht-exzellente” Universitäten zunehmend schwieriger, die Finanzmittel aufzubringen, die es für die erfolgreiche Exzellenzstrategie braucht (Moser, 2024).

Die Prinzipien von Wettbewerb, Konkurrenz und ökonomischer Verwertbarkeit prägen heute den Arbeitsalltag von Wissenschaftler*innen. Wegen der schwindenden Grundfinanzierung ist es wichtig, Drittmittel einzuwerben. Forschende unterliegen deshalb dem Anreiz, ihre Forschungsthemen strategisch zu wählen und Forschungsprozesse an der Umsetzbarkeit in zeitlich begrenzten Forschungsprojekten auszurichten. Durch die Anstellung in Drittmittelprojekten sind unbefristete Verträge im wissenschaftlichen Mittelbau eine Seltenheit, und Nachwuchsforschende müssen unfreiwillige Teilzeitstellen aushalten und über viele Jahre einen hohen Aufwand betreiben, um ihre Lebensgrundlage auch über das immer wiederkehrende Vertragsende hinaus zu sichern. In Auswahl- und Berufungsverfahren für Professuren ist neben eigens eingeworbenen Drittmitteln auch ein hohes Impact-Rating wichtig. Forschungsergebnisse werden deshalb lieber heute als morgen und in möglichst hochrangigen Fachzeitschriften veröffentlicht.

Angesichts der geschilderten Anforderungen bleibt Wissenschaftler*innen kaum noch Zeit für die tiefe Auseinandersetzung mit den Texten anderer, für Ausprobieren und Irrwege, für gute Lehre, für Engagement in der akademischen Selbstverwaltung, und für die nötige Regeneration. Dies stellt eine Belastung für das mentale Wohlbefinden der Forscher*innen dar, und beschränkt sie in der Möglichkeit, in ihrer Forschung der eigenen Neugier und ihrem ambitionierten Forscher*innengeist zu folgen. Dies ist auch ein Problem für die Hochschulen, die nicht nur auf kluge, sondern auch auf gesunde und zufriedene Köpfe angewiesen sind.

Slow Science als Gegenentwurf

Der Begriff Slow Science ist der “Slow Food”-Bewegung entlehnt, die sich zu Beginn der 2000er-Jahre formiert hat. Ausgehend von der Beobachtung, dass Tendenzen der Beschleunigung und Qualitätsverlust auch viele andere Sphären der modernen Gesellschaften prägen, ist aus „Slow Food“ eine größere Bewegung entstanden, die sich für einen Wertewandel gemäß dem Prinzip „Qualität statt Quantität“ und für eine Entschleunigung aller Lebensbereiche einsetzt (Rosa, 2005; Honoré, 2005). Auch auf das Wissenschaftssystem wurde jenes Prinzip übertragen: Mit der Forderung nach “Slow Science” kritisieren Wissenschaftler*innen die oben geschilderten Entwicklungen und fordern Maßnahmen, die das Wissenschaftssystem wieder stärker am Gemeinwohl ausrichten als an den kommerziellen Interessen der Industrie (Stengers, 2018).

Slow Science steht auch für die Vorstellung einer Wissenschaftspraxis, die sich der gegenwärtigen an Kennzahlen und kurzfristigem Ergebnis orientierten Hochdruck-Wissenschaft entgegensetzt (Müller, 2014). Slow Science steht damit für einen Modus des Forschens, in dem Zeit für tiefes Nachdenken über große Fragen, bedeutungsvollen Austausch mit Kolleg*innen und Studierenden sowie die notwendige Regeneration bleibt. Kurz gesagt: “Slow Science” steht also für ein Wissenschaftssystem, in dem Wissenschaftler*innen ihrer Neugierde folgend an gesellschaftlich relevanten Themen forschen können, ohne dafür ihr mentales Wohlbefinden zu gefährden.

Slow Science in der Praxis? Ein Versuch

Inspiriert von der Literatur und Praxisberichten zu Slow Science haben wir einen achtwöchigen Werkstattprozess organisiert, um die Handlungsspielräume für Entschleunigung von Nachwuchsforschenden zu erkunden und eine Veränderung Richtung Slow Science an unserer Universität anzustoßen. Unser Ansatz war keiner der radikalen Transformation, sondern einer, der das Bestehen im System ermöglicht. Wir wollten aber auf der Mikroebene Änderungen anstoßen, die das Potenzial haben, das System langfristig zu verändern durch die veränderte Haltung von uns selbst.

Wir haben zunächst einen offenen Workshop durchgeführt, um einen Gesprächsraum über die Arbeitsbedingungen in der Wissenschaft zu eröffnen. Darauf aufbauend haben wir mit einer kleinen Gruppe von Forschenden aus unterschiedlichen Disziplinen – Doktorand*innen und Postdocs – einen 8-wöchigen Werkstattprozess gestaltet. Dieser bestand aus diesen Phasen: Mithilfe der Photovoice-Methode haben wir visuell erfasst, welche Faktoren unser Wohlbefinden in unserem Arbeitsalltag positiv oder negativ beeinflussen. Dann hatten wir einen Austausch mit Forschenden am Karlsruher Transformations­zentrum für Nachhaltigkeit und Kulturwandel, die zu der Zeit selbst ein Entschleunigungsexperiment unternahmen, um anschließend in einer Ausprobierphase 2 Wochen lang verschiedene kleine Veränderungen auszuprobieren. Am Ende hat jede Person für sich entschieden, was sie davon in ihrem Arbeitsalltag beibehalten möchte.

Grafik: Die Phasen des Experiments, eigene Darstellung.

In der Beobachtungsphase haben die Teilnehmenden folgende Faktoren festgestellt, die ihren Forschungsalltag belasten:

  • Befristete Verträge
  • Viele unterschiedliche Rollen und Anforderungen
  • Abhängigkeit von Vorgesetzten (doppelt, wenn Vorgesetzte*r auch Promotionsbetreuer*in ist)
  • Pendeln
  • Isolierte Arbeitsbedingungen
  • Mangel an Orientierung und Struktur
  • Hohes Arbeitspensum

Abgrenzung von Arbeitszeit und Freizeit schwierig

Diese daraus resultierenden Bedürfnisse lassen sich in drei Bereiche zusammenfassen:

  1. Arbeitsumfeld und Infrastruktur
  2. Community
  3. Resilienz und Regeneration

Im Laufe der Werkstatt haben sich verschiedene Strategien entwickelt. Hierbei ist zu bedenken, dass diese innerhalb von zwei Wochen ausprobiert wurden. Sie können jedoch einen ersten Schritt Richtung Veränderung darstellen.

Prinzip Beispiele aus der Werkstatt
Individuelle Handlungsstrategien
Existierende Infrastruktur nutzen und sich zu eigen machen Blick aus dem Fenster wertschätzen und bewusst innehalten, oder Zugfahrt für eine extern regulierte Pomodoro-Methode verwenden
Flexibilitäten und Handlungsspielräume ausnutzen Eine Pause einlegen, wenn sie gebraucht wird.
Offene Kommunikation und Allianzen Das Gespräch mit Vorgesetzten suchen, beispielsweise um die Priorisierung von Aufgabenfeldern zu klären.
Auf belastende Phasen vorbereiten Ein “First Aid Kit” erstellen, welches bspw. mit aufmunternden Nachrichten an sich selbst, Telefonnummern von Vertrauenspersonen oder comfort food gefüllt wird.
Kollektive Handlungsstrategien
„Peer Support“-Strukturen schaffen In Kleingruppen oder Tandems organisieren, um einen Safe(r) Space für den Austausch zu Belastung und Wohlbefinden am Arbeitsplatz zu schaffen.
Verbindliche Zeiträume für ungestörtes Arbeiten einplanen (Virtuelles) Treffen zu gemeinsamen Fokusarbeitszeiten, in denen das Telefon stumm und das Mailpostfach geschlossen bleibt. Die Treffen begannen mit einem gemeinsamen Ein- und Ausstieg, in dem geteilt wurde, was die Teilnehmenden sich vornehmen, um die Verbindlichkeit zu erhöhen.
  Organisation eines einwöchigen Schreib- und Denkretreats mit viel Zeit für fokussiertes Arbeiten und Austausch.

Systemwandel oder Wandel im System?

Als Nachwuchsforschende haben wir versucht, Spielräume zur Veränderung unserer Arbeitserfahrung zu finden und mussten dabei mit den genannten Strukturen umgehen. Die Idee von “Slow Science” hat uns inspiriert, normalisierte Praktiken zu hinterfragen und Umgangsweisen mit den Beschleunigungstendenzen des Wissenschaftssystems zu finden. Innerhalb des Experimentes hat sich immer wieder die Spannung gezeigt, die darin besteht, dass wir einerseits unsere Arbeitserfahrung verändern und gleichzeitig unsere Positionen in dem System nicht in Gefahr bringen wollten. Das Experiment hat deshalb auch unterstrichen, dass systemischer Wandel über Entfristungsperspektiven, neue Bewertungsstandards und eine andere Arbeitskultur nötig ist. Denn, wie es die Verfasser*innen des Slow Science Manifesto bereits vor 15 Jahren treffend formulierten:

“We do need time to think. We do need time to digest. We do need time to misunderstand each other, especially when fostering lost dialogue between humanities and natural sciences. We cannot continuously tell you what our science means; what it will be good for; because we simply don’t know yet. Science needs time.
—Bear with us, while we think.”

„Wir brauchen Zeit zum Nachdenken. Wir brauchen Zeit, um zu verarbeiten. Wir brauchen Zeit, um einander misszuverstehen, besonders wenn es darum geht, den verlorenen Dialog zwischen Geistes- und Naturwissenschaften wiederzubeleben. Wir können euch nicht ständig erklären, was unsere Wissenschaft bedeutet und wozu sie gut sein wird, denn das wissen wir einfach noch nicht. Wissenschaft braucht Zeit.

—Habt Geduld mit uns, während wir nachdenken.“(Eigene Übersetzung)

Ressourcen

Wenn ihr selbst von den in diesem Artikel genannten Aspekten betroffen seid, möchten wir euch ermutigen, selbst mal etwas auszuprobieren – vielleicht eines von den oben gelisteten Beispielen. Außerdem gibt es hier Ressourcen zum Weiterlesen und Angebote:

Autor*innenbeschreibung

Julia Wiethüchter ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Interdisziplinäre Nachhaltigkeitsforschung und in der europäischen Hochschulallianz Ulysseus für die Entwicklung transnationaler Bildungsformate und Reallabore im Nachhaltigkeitskontext zuständig. Sie forscht zu sozial-ökologischen Transformationsprozessen im Hochschul- und Wissenschaftssystem, insbesondere mit Blick auf Fragen von Gerechtigkeit und Verantwortung. Sie hat zu epistemischer Gerechtigkeit in Forschungsprojekten für nachhaltige Entwicklung an der Universität Speyer promoviert.

Fynn Schmidt ist Ulysseus Cooperation Manager am Zentrum für Interdisziplinäre Nachhaltigkeitsforschung (ZIN) der Universität Münster und Doktorand am Heidelberg Center for Iberoamerican Studies. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen organisationale Transformationsprozesse für Nachhaltigkeit an Hochschulen sowie die Politische Ökologie von Nachhaltigkeitspolitiken und grünen Technologien in Lateinamerika, insb. Mesoamerika.

Quellen

Honoré, Carl (2005). In praise of slowness: Challenging the cult of speed (First paperback edition). Harper One.

Müller, Ruth (2014). Racing for What? Anticipation and Acceleration in the Work and Career Practices of Academic Life Science Postdocs. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, Vol 15, No 3 (2014). https://doi.org/10.17169/FQS-15.3.2245

Moser, Johannes (2024). Trügerische Imaginationen: Die „Restrukturierung“ der deutschen Universitäten aus der Perspektive der Europäischen Ethnologie. University of Graz, p. 169 KB, 18 Seiten. https://doi.org/10.25364/978390337430005

Ritschel, Gregor (2023). Pragmatische Arbeitsmoral? Die Social-Media-Trends Quiet Quitting und Tang Ping. bpb. https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/new-work-2023/542503/pragmatische-arbeitsmoral/. (Letzter Zugriff am 17.11.2025)

Rosa, Hartmut (2005). Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne. Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Steffens, Katharina; Sutter, Christina; Sülzenbrück, Sandra (2023). The concept of “Work-Life-Blending”: a systematic review. Frontiers in Psychology (14). doi: 10.3389/fpsyg.2023.1150707

Stengers, Isabelle (2018). Another science is possible: A manifesto for slow science (S. Muecke, Übers.; English edition). Polity.