Klimazwischenverhandlungen der UNO-Klimarahmenkonvention (UNFCCC) in Bonn
Sarah Zimmermann
„June Climate Meetings“ oder auch SB64: Die Rolle von Zwischenverhandlungen in der internationalen Klimapolitik
„Das Glück ist mit mir!“, denke ich, als ich mich für mein Bewerbungsgespräch bei der Umwelt- und Menschenrechtsorganisation Germanwatch in Bonn (Zweitsitz Berlin) vorbereite und sehe, dass im Praktikumszeitraum vom 8. bis zum 18. Juni die Bonner UN-Klimaverhandlungen namens SB64 stattfinden. Sie gelten als größte regelmäßig stattfindende UN-Konferenz in Deutschland und als „wichtigster Verhandlungsschritt auf dem Weg zur COP31“ (Bundesministerium für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit 2026). Hierbei leisten zwei Gremien wissenschaftlich-technische Beratung und bereiten auf Arbeitsebene politische Entscheidungen zu Themen wie Klimaanpassung, gerechter Transformation oder Klimaschutzmaßnahmen für die kommende UN-Klimakonferenz vor. Nach Lesen dieses Blogartikels wisst ihr erstens, wofür der Name „SB64“ steht, wo der Unterschied zwischen „technischen“ und „politischen“ Verhandlungen liegt und wer an den Verhandlungen teilnimmt. Zweitens erhaltet ihr einen Einblick in Prozesse, Diskussionen und Ergebnisse der diesjährigen Bonner Klimaverhandlungen aus meiner Perspektive als Praktikantin bei Germanwatch und erstmalige Besucherin der Bonner Klimaverhandlungen. Drittens bekommt ihr einen Eindruck der Prioritäten der kommenden COP-Präsidentschaft.
Die diesjährigen Bonner Verhandlungen heißen SB64.Ein kryptischer Titel – er steht für die Subsidiary Bodies, die Nebenorgane der UN, welche immer im Juni für zwei Wochen in Bonn (dieses Mal zum 64. Mal) und einmal im zweiwöchigen COP-Zeitraum am jeweiligen Ausrichtungsort tagen. Anschließend gehen diese „technischen“ Verhandlungen in der zweiten Woche der COP dann in die „politischen“ Verhandlungen über. Diese Aufteilung in politisch und technisch wird häufig verwendet, ist aber nicht durch inhaltlich unterschiedliche Themen gekennzeichnet. Die Grenze verläuft auf der Ebene der Zuständigkeiten. Sie ist dort erreicht, wo die Verhandler*innen der technischen Verhandlungen keine Entscheidung mehr treffen können oder weitere Verhandlungen nicht mehr möglich erscheinen. In diesem Fall wird der Prozess an die höhere, „politische“ Ebene übergeben. Diese Grenze ist daher selbst Teil des Aushandlungsprozesses. Es kann also einerseits sein, dass durch schlechtes Vorankommen bei den SBs hochrangige politische Verhandler*innen noch technische Details verhandeln müssen. Andererseits kann durch guten Fortschritt bei den SBs schon vieles vorverhandelt werden, sodass die politischen Verhandler*innen im Prinzip nur noch zu bereits weit ausformulierten Texten zustimmen und wenige Klammern klären müssen. Diese politischen Verhandler*innen sind häufig Minister*innen und Staatschef*innen, während die technischen Verhandler*innen des Subsidiary Body for Scientific and Technological Advice (SBSTA) und des Subsidiary Body for Implementation (SBI) Regierungsvertretende aus den Ministerien der verschiedenen Länder sind.
Ich frage am Ende des Bewerbungsgesprächs, inwieweit die Bonner Klimaverhandlungen für die NGO relevant sind. Sehr relevant und sollte ich das Praktikum bekommen, könnte ich möglicherweise sogar ein Badge bekommen, ist die Antwort. Dass es dann tatsächlich dazu kommt, bedeutet mir viel. Ich darf in der zweiten Woche an dieser wichtigen Konferenz mit ihren ganz eigenen Abläufen und Logiken teilnehmen. Am Eingang bekomme ich ein „Observer“-Badge – es gibt daneben noch Delegations- , UN-, Media- und supportbezogene Badges. Insgesamt tummeln sich in Bonn über 9000 Teilnehmende, darunter über 4000 Delegierte, fast 3000 Observer und etwas mehr als 100 Medienangehörige (Bansard et al. 2026). Meine Zugehörigkeit zu einer NGO ermöglicht mir eine Teilnahme an vielen Verhandlungen, Side Events, Aktionen der Zivilgesellschaft und Empfängen. Thematisch präsentiert sich mir die gesamte Vielfalt internationaler Klimapolitik: es geht z.B. um Energiepolitik, um Klimaschutz und -anpassung, Implementierung und um Unterstützung (Finanzierung, Technologie und Kapazitätsaufbau) für die armen und am stärksten betroffenen Länder.
Es geht aber auch darum, das Schlagwort „Implementierung“ mit Bedeutung zu füllen – sind damit Finanzierungsflüsse, Finanzierungszusagen, Technologietransfer oder das tatsächliche Umsetzen von Versprechen gemeint? Und zuletzt geht es auch um die Rolle des wissenschaftlichen Fundaments: Bei den diesjährigen Zwischenverhandlungen gab es als Reaktion auf Streichungsversuche des 1,5-Grad-Ziels aus den Textentwürfen sogar eine vielbesuchte Gegenpositionierung einzelner Länder in einer Pressekonferenz.

Zu dem Zeitpunkt, wo ich mit diesem Blogbeitrag beginne, war gestern der letzte Verhandlungstag – meine Eindrücke von der Konferenz und den Ergebnissen der Verhandlungen lassen sich gut anhand dieses Tages skizzieren.
Der letzte Verhandlungstag: Eintauchen in einen Tag Klimazwischenverhandlungen
Morgens kann noch niemand genau sagen, was die Ergebnisse der Verhandlungen sein werden – oft platzt noch kurz vor Ende der Knoten und es wird eine Einigung gefunden, schlimmstenfalls verlässt man die Verhandlungen ohne Textgrundlage.
In meinem Praktikum fokussiere ich mich auf Klimaanpassung, daher verfolge ich die Verhandlungen zum Global Goal on Adaptation (kurz GGA). Morgens gehe ich davon aus, dass die Verhandlungen frühzeitig um 10 starten, damit noch viel Zeit im Laufe des Tages für informelle Gespräche und Weiterverhandlungen bleibt. Wie so häufig ist dem nicht so, oft, weil noch an Textdokumenten seitens des Sekretariats und anderen gearbeitet wird oder weil die Verhandler*innen sich in informellen Gesprächen besprechen. Daher werfe ich einen Blick in einen anderen Verhandlungsraum zum Thema Implementierung, in denen allerdings nur „gehuddled“ wird – ein Begriff, um zu beschreiben, dass bestimmte Länderdelegationen auf informeller Ebene vor dem Verhandlungsraum oder in einer Ecke des Verhandlungsraums versammeln und die Köpfe zusammenstecken, um ohne Mikro und Observer ihre Verhandlungspositionen zu klären. Diese Möglichkeit wird beispielsweise oft von der G77-Gruppe angefragt – der mit 134 Mitgliedern größten Vereinigung von Ländern des Globalen Südens. Als schließlich dann die Verhandlungen zu Klimaanpassung beginnen, erwartet mich das, was mir vielseitig bereits vorher angekündigt worden war: Warten. Die Verhandler*innen sollen informell weiter diskutieren, nachdem in den vorherigen Tagen erste Statements zum Thema gesammelt, ein Textvorschlag durch Klimasekretariat, Co-Chairs und Co-Facilitators zur Verfügung gestellt, diskutiert, und nach Diskussion erneut überarbeitet wurde.
Also weiter zu einem Side Event zu Anpassungsfinanzierung und Anpassung im Zusammenspiel mit Konfliktbetroffenheit. Hier fordern ein Verhandler der Afrikanischen Gruppe die Konkretisierung zugesagter Geldbeträge und die NGO Brot für die Welt einen weniger außenpolitisch-strategischen, und mehr bedarfsgerechten Ansatz in der Anpassungsfinanzierung. Letztere verdeutlicht dies durch einen Klimaanpassungsfinanzierungs-Index, in dem deutlich wird, welche Länder aktuell unterfinanziert sind.
Es folgen die Closing Plenary Statements der Länder und am späten Abend dann die bis in die Nacht gehenden Closing Plenaries, in denen die Verhandlungsergebnisse vorgestellt und beschlossen werden und auch hier Delegationen noch einmal die Möglichkeit haben, ein Statement dazu abzugeben.

Davor gibt es allerdings noch einmal einen letzten Verhandlungsslot für das Global Goal on Adaptation. Hier stelle ich etwas fest, was sich für mich die gesamte Woche als Erkenntnis durchgezogen hat: Um ein Gefühl dafür zu bekommen, was gerade eigentlich besagter Knoten ist, der gelöst werden muss, wer welche Positionen vertritt und warum, und welche gesamtgesellschaftliche Relevanz das alles hat, braucht es verschiedene Perspektiven und Hintergrundwissen. Dazu gehört Erfahrung in den Prozessen dieser Verhandlungen, inhaltliche Kenntnis der Länder und der inhaltlichen Themen sowie Gespräche und Medienberichte, die einem helfen, sich ein Bild zu machen, vielseitige Sichtweisen zu erhalten, und weitere Fragen aufwerfen. Diese Fragen zeigen einem, dass es gar nicht nur um Klimapolitik geht, sondern auch um die Frage, wessen Prioritäten eigentlich verhandelbar sind und wessen nicht, wer einen leichteren Zugang zu den Verhandlungen hat und wer durch Visa-Probleme überhaupt nicht einreisen kann. Ansonsten bleiben es für eine Neueinsteigerin wie mich häufig Diskussionen um Klammern, Paragraphen, Pokerfaces seitens der Delegierten und Unverständnis darüber, warum jetzt gerade alle schweigen und alle aber zu wissen scheinen, woran es liegt.
Dadurch, dass ich aber glücklicherweise Zugang zu erfahrenen Menschen und Medien wie dem täglichen ECO-Newsletter vom Climate Action Network (einem globalen Netzwerk von über 2500 umweltpolitischen NGOs aus mehr als 130 Ländern) hatte, habe ich einen Eindruck in zentrale Fragen gewinnen können.
Große Schritte, Ausweichen, Hinauszögern, Rückschritt? Ergebnisse der Verhandlungen
Doch welche Ergebnisse haben die Verhandlungen letzten Endes gebracht?
In seinem Statement kritisiert der Exekutivsekretär der UNFCCC Simon Stiell das erneute Diskutieren bereits verhandelter Entscheidungen sowie das Herauspicken derer Entscheidungen, die in diesem Moment taktisch gut passen (United Nations Climate Change 2026). In den Bereichen „Just Transition“ und Climate Empowerment sieht er gute Fortschritte, enttäuschend seien aber die Ergebnisse zu Klimaschutz und -anpassung (ebd.). Als generelle Beobachtung sieht er Ausweich- und Verzögerungstaktiken, das erneute Verhandeln bereits beschlossener Agenda-Punkte und geopolitischen Spannungen (ebd.). Die Autor*innen des Summary Reports der Verhandlungen vom International Institute for Sustainable Development (IISD) ziehen folgendes Resümee (Bansard et al. 2026): Positiv überrascht waren sie von der schnellen Annahme der Agenda (anders als in Vorjahren) und somit dem schnellen Einstieg in Verhandlungen am ersten Tag. Zudem heben sie positiv die Entscheidung hervor, das UN Environment Programme (UNEP) weiterhin als Gastgeber des Climate Technology Centre (CTC) zu benennen und somit die fortgesetzte Bereitstellung technologischer Unterstützung für Entwicklungsländer im Jahr 2027 zu gewährleisten. Auch sie sehen Fortschritte im Just Transition Work Programme, aber leider auch zähe Verhandlungen und Meinungsverschiedenheiten wie im Bereich Emissionsminderung (Migration Work Programme) und im Bereich Klimaanpassung im Rahmen des Global Goals on Adaptation und des Adaptation Funds.
Die GGA-Verhandlungen zu Klimaanpassung, die ich in meiner Zeit bei den Bonner Zwischenverhandlungen verfolgt habe, gingen unerfolgreich aus: Es gab Uneinigkeiten über die Zusammensetzung einer Taskforce, aber vor allem über Anpassungsfinanzierung und darüber, ob diese im Text konkretisiert werden sollte. Letztendlich wurde für die GGA-Verhandlungen die sogenannte Rule 16 angewendet. Das heißt, dass Agendapunkte, die nicht verhandelt werden können, automatisch ohne neue Textvorlage auf die Tagesordnung der nächsten UNFCCC-Sitzung – also bei der COP – übertragen und somit ohne weiterführende Ergebnisse der SBs vertagt werden. Keine Textgrundlage zu haben ist ein schlechtes Zeichen für Fortschritt in diesem Themenbereich auf der kommenden COP.
Die NGO Germanwatch bilanziert abschließend: „Insgesamt verliefen die Gespräche aber zu langsam und konfliktreich, um absehbar eine Grundlage für eine erfolgreiche Weltklimakonferenz zu schaffen.“ (Laura Schäfer, Leiterin des Bereichs Internationale Klimapolitik bei Germanwatch) (Germanwatch 2026).
„Was die Welt heute braucht, ist keine weitere Runde von Versprechen”: Ausblick auf die COP 31
Wie geht es jetzt weiter?
Nach den Zwischenverhandlungen finden Anfang Oktober Treffen der Verhandlungsführer*innen und teilweise auch Minister*innen im Rahmen der Pre-COP in Fidschi statt und dann ist auch schon die Klimakonferenz COP 31 vom 9.-20. November 2026 in Antalya mit der Türkei als Gastgeber und Australien als Verhandlungsvorsitz. Die COP 31 Präsidentschaft der Türkei hat drei zentrale Ziele für die Action Agenda der COP31 verkündet, die insgesamt zehn Prioritäten der COP-Präsidentschaft beinhaltet:
- das Elektrifizierungs-„35 by 35“-Goal (Ziel: den Anteil von Strom am weltweiten Endenergieverbrauch bis 2035 von derzeit etwa 20% auf 35% erhöhen)
- die Halbierung des weltweiten Abfallwachstums bis 2035
- die Senkung der Energieverbrauchsintensität im Gebäudesektor um mindestens 25% bis 2035
Die Klimazwischenverhandlungen haben die Möglichkeit zur schnellen Einigung, aber auch Stillstand und Rückschritte sowie Differenzen, vor allem in Debatten zur Finanzierung, aufgezeigt. Es bleibt zu hoffen, dass bei der kommenden Klimakonferenz mit mutigen Schritten über Differenzen hinweg geschritten wird und „Implementation“ nicht nur ein Schlagwort bleibt. Denn um Baboucarr Nyang, den Regional Coordinator von Climate Action Network Africa, zu zitieren: „Während die Verfahrensdiskussionen andauern, sind Gemeinschaften in ganz Afrika und im Globalen Süden bereits verheerende Auswirkungen von Dürren, Überschwemmungen, Ernährungsunsicherheit und dem Verlust ihrer Lebensgrundlagen. Afrika und die Länder des Globalen Südens verdienen Besseres als verzögerte Entscheidungen und nicht eingehaltene Zusagen.“ (Climate Action Network International 2026).
Lesetipps
Germanwatch (2026): From Bonn to Antalya: Reflections on SB64 and Priorities for COP31. Online verfügbar unter https://www.germanwatch.org/en/blog/bonn-antalya-reflections-sb64-and-priorities-COP31 (abgerufen am 27.07.2026).
Brot für die Welt (2026). Anpassungsindex. Dossier. Online verfügbar unter https://www.brot-fuer-die-welt.de/themen/anpassungsindex/ (abgerufen am 27.07.2026).
Quellen
Bansard, Jennifer; Akanle Eni-ibukun, Tomilola; Calabretta, Marc & Spence, Chris. (2026). Summary report, 8-18 June 2026. Bonn Climate Change Conference – June 2026. Online verfügbar unter https://enb.iisd.org/bonn-climate-change-conference-sb64-sbi64-sbsta64-summary (abgerufen am 19.07.2026).
Bundesministerium für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit (2026). UN-Klimakonferenz in Bonn bereitet COP31 vor. Online verfügbar unter https://www.bundesumweltministerium.de/pressemitteilung/un-klimakonferenz-in-bonn-bereitet-COP31-vor (abgerufen am 23.07.2026).
Climate Action Network International (2026). SB64 exposes growing gap between implementation rhetoric and delivery. Online verfügbar unter https://climatenetwork.org/2026/06/18/sb64-adaptation-deadlock-just-transition-progress/ (abgerufen am 20.07.2026).
Germanwatch (2026). Internationale Klimapolitik bleibt hinter den Herausforderungen der Klimakrise und Chancen der Energiewende zurück. Germanwatch warnt zum Abschluss der Bonner Klimaverhandlungen: Fortschritte bisher zu klein für erfolgversprechende Grundlage der kommenden Weltklimakonferenz. Online verfügbar unter https://www.germanwatch.org/de/93518 (abgerufen am 27.07.2026).
United Nations Climate Change (2026). Written statement of UNFCCC Executive Secretary on closing of UN June Climate Meetings (SB64). Online verfügbar unter https://UNFCCC.int/news/written-statement-of-UNFCCC-executive-secretary-on-closing-of-un-june-climate-meetings-sb64 (abgerufen am 20.07.2026).
Acknowledgments:
Ich bin sehr dankbar für die Ermöglichung meiner Teilnahme an den Zwischenverhandlungen sowie die inhaltliche Begleitung durch Germanwatch.
Autorin
Sarah Zimmermann ist Masterstudentin im Studiengang „Politikwissenschaft: Nachhaltigkeit und Demokratie“ an der Universität Münster. Sie beschäftigt sich über ihr Studium hinweg immer wieder mit der Frage, wie Klimaschutz erfolgreich gelingen kann, und ist durch das Planspiel im Masterstudium auf das Thema internationale Klimakonferenzen gekommen. In ihrem Praktikum bei Germanwatch arbeitet sie zu Klimaanpassung und hatte darüber die Möglichkeit, vier Tage an den Bonner Klimazwischenverhandlungen teilzunehmen.
