Held auf dem Rad, Schurke im SUV?

Nachhaltige Mobilitätsnarrative in filmischen Darstellungen

Wie oft haben Sie schon einen heldenhaften Protagonist*in in einem Film bei atemberaubenden Verfolgungsjagden auf dem Fahrrad gesehen? Vermutlich eher selten. Denn in den meisten Filmen und Serien bleibt die Realität der Klimakrise immer noch weitgehend ausgeblendet, und nachhaltige Mobilität ist kein selbstverständlicher Bestandteil des Alltags fiktionaler Figuren (Dordel et al. 2025). Dabei besitzt gerade die filmische Darstellung von Nachhaltigkeit ein großes Potenzial, gesellschaftliche Veränderungen anzustoßen und Transformationsprozesse zu fördern (ebd.). In diesem Kontext ist Nachhaltigkeit nicht als ein rein technisches oder wissenschaftliches Problem zu verstehen, sondern vielmehr als ein kultureller Aushandlungsprozess, in dem Kunst und Kultur dazu beitragen können, etablierte Routinen, Denkweisen und Gewohnheiten infrage zu stellen und neue Perspektiven erfahrbar zu machen (Baedecker et al. 2022). Doch wenn Nachhaltigkeit und entsprechende Alltagspraktiken in Film und Serie nicht dargestellt werden, verlieren diese Erzählungen an Realitätsnähe. Indem sie weiterhin auf fossilen Lebensweisen aufbauen, zeigen sie eine Welt, die mit den aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen nur noch wenig zu tun hat und selbst zunehmend wie Science Fiction wirkt (Dordel et al. 2025).

Green Storytelling als Hebel

An dieser Stelle setzt (implizites) Green Storytelling an: Aspekte der Nachhaltigkeit sind nicht zentraler Bestandteil der Handlung, sondern werden beiläufig in die erzählte Welt integriert, etwa durch umweltfreundliche Lebensweisen der Figuren oder durch gesellschaftliche Strukturen, in denen nachhaltiges Handeln als selbstverständlich gilt (Dordel et al. 2025). Gesten wie die Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs oder des Fahrrads anstelle des Autos werden so zu einer unhinterfragten Praxis innerhalb der Figurenwelten. Green beziehungsweise Sustainable Storytelling weist dabei die gleichen grundlegenden Charakteristiken wie klassisches Storytelling auf, ist jedoch stärker normativ ausgerichtet. Es verfolgt das doppelte Ziel, das Publikum zu sensibilisieren und Veränderungen hin zu einer nachhaltigeren Entwicklung anzustoßen. Dabei bietet Storytelling das Potenzial, menschliche Alltagserfahrungen darzustellen und zugleich komplexe, auch moralische Fragestellungen zu verhandeln (Fischer 2023).

Theoretisch wird der Zusammenhang zwischen Storytelling und gesellschaftlichen Transformationsprozessen in der Literatur vielfach betont. So argumentiert Ahrens (2020), dass kulturelle Narrative dazu beitragen, bestehende Routinen und Vorstellungen von Normalität zu hinterfragen und die Bereitschaft für Verhaltensänderungen zu fördern. Auch Joosse et al. (2024) heben hervor, dass wissenschaftliche Fakten allein selten ausreichen, um gesellschaftliche Transformationen anzustoßen. Erst Geschichten verleihen Nachhaltigkeit Bedeutung, machen alternative Zukunftsbilder vorstellbar und
können Menschen Orientierung für ihr eigenes Handeln geben.

Empirisch besteht dagegen noch Forschungsbedarf, insbesondere zur Frage, wie nachhaltige Narrative tatsächlich auf ein Publikum wirken (Fischer 2023). Das deutsche Forschungsprojekt Visionen der Nachhaltigkeit liefert hierzu erste vielversprechende Erkenntnisse. Es zeigte, dass Filme das Bewusstsein für den Klimawandel schärfen können, wobei besonders Produktionen, die konkrete und lokal umsetzbare Ideen für mehr Klimaschutz vermitteln, positiv aufgenommen wurden.

Tatort Münster: Mobilität im Fokus

Das Konzept des Green Storytellings lässt sich auf viele Bereiche des Konsums übertragen, etwa auf vegetarische Mahlzeiten, wiederverwendbare Becher oder Jutebeutel anstelle von Plastiktüten. Auch der Bereich Mobilität gehört dazu. Der Tatort Münster kann hierbei als beispielhaftes Modell dienen. Denn dort integriert der Regisseur Lars Jessen nachhaltige Gesten beiläufig in den Alltag der Figuren. So bewegt sich der Protagonist Kommissar Thiel konsequent mit dem Fahrrad durch Münster, was ihn als bodenständigen und gut nachvollziehbaren Helden erscheinen lässt. Im Gegensatz dazu fährt Professor Boerne einen Sportwagen, dessen lautes Motorengeräusch seine Exzentrik und seinen sozialen Status betont. Diese Gegenüberstellung zeigt das Fahrrad als emissionsarme Selbstverständlichkeit, während das Auto bei Boerne Fossile Privilegien überspitzt darstellt. Solche
Darstellungen können somit gängige Klischees wie „Auto gleich Freiheit“ infrage stellen und post-Fossile Alternativen vorstellbar machen. Allerdings bleibt dieser Ansatz bislang vereinzelt. Szenen mit Flugreisen oder positiv dargestellte Kreuzfahrten im Happy End bremsen den angestrebten Wandel. Zudem wird gefordert, nachhaltige Mobilität auch in anderen Tatort-Reihen stärker zu zeigen, etwa indem Kommissar*innen auch in anderen Städten Carsharing oder das Fahrrad selbstverständlich nutzen.

Nicht nur Green Storytelling, sondern auch Green Production

Nachhaltigkeit spielt jedoch nicht nur vor der Kamera eine Rolle. Auch die Filmbranche selbst setzt sich zunehmend mit der ökologischen Bilanz ihrer Produktionen auseinander. Tatsächlich steht die sog. Green Production derzeit stärker im Fokus der Debatte als Green Storytelling. Das liegt unter anderem daran, dass bereits die Produktion eines herkömmlichen Tatorts rund 100 bis 140 Tonnen CO₂ und CO₂-Äquivalente verursacht; etwa so viel, wie zehn Menschen in Deutschland innerhalb eines Jahres emittieren (Acht Grad Ost o.J.).


Zu diesem ökologischen Fußabdruck tragen unter anderem Transport- und Reisewege, die genutzten Verkehrsmittel, Catering, strombetriebene Technik, Beleuchtung sowie Bühnen-, Kostüm- und Maskenbild bei (Keilbach/Loist 2023). Um diese Emissionen zu reduzieren, gelten in Deutschland seit 2023 im Rahmen des Filmförderungsgesetzes einheitliche ökologische Standards. Sie machen ein Mindestmaß an Nachhaltigkeit zur Voraussetzung für öffentliche Filmförderung.


Einzelne Produktionen gingen diesen Weg jedoch schon deutlich früher. So führte der Regisseur Lars Jessen bereits 2013 beim Dreh des Tatort Münster „Die chinesische Prinzessin“ ökologische Maßnahmen ein und gilt damit nicht nur beim Green Storytelling als einer der Vorreiter nachhaltiger Filmproduktion.

Green Storytelling weiterdenken

So wichtig nachhaltige Produktionsbedingungen auch sind – letztlich entscheidet auch das, was auf der Leinwand oder dem Bildschirm zu sehen ist. Zwar muss die tatsächliche Wirkung von Green Storytelling auf das Publikum noch weiter erforscht werden (Fischer 2023). Dennoch zeigt das Beispiel des Tatort Münster, welches Potenzial in beiläufig erzählten nachhaltigen Mobilitätspraktiken stecken könnte.

Daraus ergeben sich gleich mehrere Perspektiven: Für die Medienproduktion bedeutet Green Storytelling, nachhaltige Lebensweisen und gesellschaftliche Rahmenbedingungen noch selbstverständlicher in fiktionale Welten zu integrieren, anstatt sie als Ausnahme oder moralische Botschaft zu inszenieren. Für die Transformationsforschung stellt sich die Frage, welche Formen des Storytellings überhaupt wirksam sind und in welchem Maße sie Einstellungen, Vorstellungen und Handlungen beeinflussen können. Und für gesellschaftliche Transformationsprozesse insgesamt liegt die Chance darin, neue Vorstellungsräume zu eröffnen; etwa indem Filme und Serien nicht nur nachhaltiges Verhalten einzelner Figuren zeigen, sondern auch Städte, Infrastrukturen und politische Rahmenbedingungen, die nachhaltiges Handeln erleichtern. So kann Green Storytelling dazu beitragen, eine nachhaltige Zukunft nicht nur abzubilden, sondern überhaupt erst vorstellbar zu machen. Vielleicht wird sich dann tatsächlich die Hoffnung mancher erfüllen, dass Fossile Autos beim Wiedersehen alter Tatort-Folgen in zwanzig Jahren vor allem eines wirken: erstaunlich rückständig.

Literaturverzeichnis

Acht Grad Ost. (o.J.). Grüner drehen – Nachhaltigkeit am Filmset; https://tolleidee.net/sites/default/files/downloadpdf/magazin_achtgradost_18bis21_red.pdf (abgerufen am 17.07.2026).

Ahrens, J. (2020). Der Mensch im Klima: Klimawandel und Kultur, Paragrana. 29.

Baedecker, C. et al. (2022). Kunst und Kultur als Hebel für die große Transformation, Deutscher Kulturrat; https://www.kulturrat.de/themen/nachhaltigkeit-kultur/klimakultur/kunst-und-kultur-als-hebel-fuer-die-grosse-transformation/ (abgerufen am 30.01.2026).

Dordel, J. et al. (2025). Geschichtenerzählen in der Klimakrise: Verantwortung oder Verdrängung?, Vedra; https://dramaturgieverband.org/fachmagazinwendepunkt/artikel/geschichtenerzahlen-in-derklimakrise-verantwortung-oderverdrangung(abgerufen am 15.01.2026).

Fischer, D. (2023). Narrating Sustainability through Storytelling, Abingdon, Oxon, England; Routledge.; https://doi.org/10.4324/9781003326144 (abgerufen am 06.01.2026).

Joosse, S., Westin, M., Möckel, F., Keasey, H., & Lorenzen, S. (2024). Storytelling to save the planet: who gets to say what is sustainable, who tells the stories, and who should listen and change? Journal of Environmental Planning and Management, 67(9), 1909–1927.

Keilbach, J., Loist, S. (2023). Green Media: Von Green Production zu nachhaltiger Medienwissenschaft, Nach dem Film, vol. 21.;https://nachdemfilm.de/issues/text/green-media (abgerufen am 17.07.2026).

Autorin

Julika Terpitz studiert im Masterstudiengang „Internationale und Europäische Governance“ an der Universität Münster und der Sciences Po Lille. Im Rahmen ihres Studiums beschäftigt sie sich insbesondere mit Themen rund um nachhaltige Entwicklung, gesellschaftlichen Transformationsprozessen und Fragen der Klimagerechtigkeit.