Müll als Ressource – warum wir ihn nicht mehr loswerden (wollen)


Nadine Gerner / Mittwoch, Mai 23rd, 2018

Unsere Assoziationen mit Müll sind vielfältig, jedoch meist negativ. Nehmen wir ihn aber als eine Ressource oder Ware wahr, ändert das einiges: Müll wird zu einem wertvollen Gut. Somit entledigen wir uns des Abfalls nicht mehr frei nach dem Motto „aus den Augen aus dem Sinn“. Im Gegenteil: Sein Verbleib, seine Verwertung oder sogar seine Wiederverwendung in Produktionszyklen muss gemanaget werden. Die neue Devise lautet: Um das Müllproblem in den Griff zu bekommen, müssen wir den Abfall wertschätzen und ihn bestenfalls recyceln. Doch sobald Müll zur wertvollen Ressource und somit nach den Regeln der Wirtschaft behandelt wird, entsteht Nachfrage: Steht dies nicht im Gegensatz zu dem eigentlich dringenden Handlungsbedarf in Anbetracht des globalen Müllproblems, das geradezu nach Abfallreduktion schreit?

Abfallwirtschaft soll sich rentieren

Die Abfallvermeidung steht zwar an der Spitze der sogenannten Abfallhierarchie, doch der Recyclingdiskurs dominiert politische Programme und Richtlinien. So spricht zum Beispiel die Europäische Union in einem zu Beginn des Jahres aktualisierten „Circular Economy Package“ davon, mehr Abfall recyclingfähig zu machen – also schon beim Produktdesign sowie in der Produktion an das spätere Recycling zu denken. Dadurch soll besseres Ausgangsmaterial für das Recycling geschaffen werden. Wie bei einer Ressource geht es nun darum, die Qualität zu steigern, um Handhabung und Wertschöpfung zu verbessern. Vor allem EU-weit soll das Recycling standardisiert werden. Der Müllsektor wird wettbewerbsfähig, sorgt für Arbeitsplätze und generiert Wohlstand und Innovation – so verspricht es sich die EU.

Abfall kann nicht abgeschafft werden

Auch im deutschen Kreislaufwirtschaftsgesetz verliert Abfall seine ursprüngliche Bedeutung. Nannte sich der Gesetzestext 1996 noch „Kreislaufwirtschafts und Abfallgesetz“, so wurde 2012 daraus das Kreislaufwirtschaftsgesetz (KrWG). Doch nicht nur der Titel suggeriert, dass es Abfall nicht mehr geben soll. Das kreislaufhafte Denken der Wirtschaft geht davon aus, dass unsere Wirtschaft wie ein Ökosystem funktionieren soll, in dem der Abfall der Einen zur Ressource für Andere wird und, dass alles wieder in den Kreislauf aufgenommen werden kann. So ein Ansatz schließt aber aus, dass es immer wieder Abfälle gibt, die nicht wieder Teil eines Kreislaufs werden können, so zum Beispiel Atommüll oder chemische Abfälle.

Warum mehr Recycling nicht weniger Müll bedeutet

 Auch wenn die Kreislaufwirtschaft einen ersten Schritt weg von der Wegwerfgesellschaft darstellt: Der Reduktionsgedanke fällt dabei unter den Tisch. Letzteres spiegelt sich vor allem in aktuellen Zahlen zum Abfallaufkommen wieder. Diese sprechen geradezu gegen die Erfolge der Kreislaufwirtschaft. Auch wenn Deutschland gerne als Recyclingvorreiter hervorgehoben wird, produzierte es im Jahr 2015 20% mehr Verpackungsmüll als der europäische Durchschnitt (Deutsche Umwelthilfe). Warum mehr anstatt weniger, wo die Papiertüte die Plastiktüte so gut wie ersetzt hat? Den Fokus auf Recycling zu legen anstatt auf Abfallvermeidung, erweckt den Eindruck, dass weiter konsumiert und produziert werden kann wie bisher, denn es wird schließlich alles recycelt. Dieses Spannungsverhältnis zwischen der guten Intention Müllaufkommen zu reduzieren und der Art und Weise wie mit Müll umgegangen wird, kann indes nur aufgelöst werden, indem wir unser Verhältnis zu Müll grundlegend umdenken.

Ein typisches Supermarktregal: Voll mit verpackten Lebensmitteln.

Der Verpackungstrend als Hemmschuh für eine echte Müllwende

Die in Plastik verpackte Wassermelone im Supermarktregal spricht Bände: Der To-Go Trend macht es Verbraucher*innen nicht leicht, nachhaltige Konsumentscheidungen zu treffen und zu leicht, die Butterbrotdose zu Hause zu lassen. Wer schnibbelt sich am Vorabend noch einen frischen Salat, wenn es diesen beim Supermarkt um die Ecke fertig zubereitet gibt? Der mit solchen Lebensstilentscheidungen verbundene Verpackungstrend reflektiert den Puls der Zeit. Gleichzeitig kommt er nicht zuletzt den Unternehmen zugute. Diese können mit vorportionierten, einzeln verpackten Produkten höhere Gewinne erzielen als mit Großverpackungen. Ein Paradebeispiel hierfür stellt die Kaffeekapsel dar (ein Artikel dazu findet sich hier). Verpackungen sind auch grundsätzlich zentraler Bestandteil von Marketingstrategien, bei denen oft bunt und aufregend Produkte in Szene gesetzt werden.

Produktion und Konsum als Stellschrauben

So romantisch und emanzipatorisch die Vorstellung auch ist, die Nachfrage könne das Angebot bestimmen und jeder Einkauf sei wie wählen zu gehen – im Supermarkt meines Vertrauens prallen Realität und Idealvorstellungen aufeinander, denn 63% des Obsts und Gemüses sind in Plastik vorverpackt (NABU). Hier wird der Kampf zwischen Produzierenden und Konsumierenden ausgetragen, der zu Gunsten derer ausgeht, die über die höhere Entscheidungsmacht oder die meisten Ressourcen verfügen. So kann eben nicht jede*r zum Unverpackt-Laden seines Vertrauens fahren und Reis in Baumwollsäckchen abfüllen. Es braucht eine echte gesamtgesellschaftliche „Müllwende“, die einen ganzheitlichen Ansatz verfolgt – sprich Konsumierende, Industrie, Handel und Unternehmen müssen gleichmäßig zur Verantwortung gezogen werden.

Notwendig! – Entschlossene politische Maßnahmen zur Müllvermeidung

Die oben genannte Abfallhierarchie ist sowohl im deutschen als auch europäischen Kontext ein beliebtes Bild. Doch ihre Einhaltung ist weder bindend noch überprüfbar. Um eine Müllreduktion durchzusetzen, müssten verbindliche Grenzwerte greifen. Zielsetzungen gibt es zwar unter anderem in Bezug auf Recycling, Deponierung oder Verpackungsmüll (siehe European Commission), aber ein starkes, durchschlagendes Programm zur Vermeidung von Müll steht noch aus.

Dabei kommt dem Handel eine Schlüsselrolle in Verpackungsfragen zu. Supermarktketten fungieren sozusagen als Flaschenhals zwischen Konsument*innen und Zulieferern. Durch ihre Entscheidungsmacht über das, was letztendlich in ihren Regalen steht, könnten sie den nötigen Druck auf Zulieferer ausüben und so deren Verpackungspraxen beeinflussen. Politische Strategien zur Müllvermeidung sollten also diese Akteure besonders in den Blick nehmen.

Insgesamt fehlt es an ökonomischen Anreizen, um Abfall konsequent zu vermeiden. Mehr Verpackung müsse auch mehr kosten, sagt die Deutsche Umwelthilfe: Das Herstellen und Inverkehrbringen von Verpackungen sei bislang zu günstig. Außerdem müsse die gesetzlich festgeschriebene Mehrwegquote umgesetzt werden, um endlich einen Großteil des Abfalls zu vermeiden. Ein Schritt in die richtige Richtung ist die sogenannte Herstellerverantwortung, die sich sowohl im deutschen KrWG als auch in europäischen Texten wiederfindet. Spezielle Rücknahmepflichten der Produzent*innen und die Verpflichtung die Kosten der Entsorgung zu tragen, sind einige Elemente. Aber auch eine Besteuerung wird immer wieder ins Gespräch gebracht, so wie zuletzt durch Robert Habeck (Spiegel.de). Allerdings können solche wirtschaftlichen Anreize nur eine Teillösung sein.

Reduction first – Konsum- und Produktionsweisen tiefgreifend ändern

Mit dem Fokus auf Recycling entziehen sich politische Akteure der viel größeren Herausforderung Abfall zu vermeiden oder gar die Notwendigkeit einer Veränderung der Konsummuster zu akzeptieren. Maßnahmen wie „Papiertüte statt Plastiktüte“ mögen zwar sinnvoll sein, lenken aber vom eigentlichen Kern des Problems ab: unserer Art zu konsumieren. Müll stellt die Kehrseite unseres Konsums dar. Erfolge des Abfallmanagements sind durchaus wertzuschätzen, jedoch ändern sie wenig an den vorherrschenden Verhaltensmustern, wenn sich anstelle der Plastiktüten fortan Papiertüten zu Hause stapeln. Das Austauschen von Produkten durch recycelte oder recyclebare Materialien und das Wirtschaften mit Abfall als Ressource verdeckt die Tatsache, dass es hier um unsere Art zu konsumieren und zu produzieren geht. Sofern diese nicht ganzheitlich gestaltet ist, werden lediglich Inhalte ausgetauscht, aber Mechanismen nicht verändert.

 

Zum Weiterlesen:

Moore, S. A. (2012). Garbage matters: Concepts in new geographies of waste. Progress in Human Geography, 36(6), 780-799.

 

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