Alle Jahre wieder: Feinstaubbelastung in Dehli Dieser Blogpost stammt aus einer Reihe von Artikeln, die im Rahmen des diesjährigen ZIN-Adventskalenders an den Adventssonntagen veröffentlicht wurden.


Anica Roßmöller / Montag, Dezember 23rd, 2019

Wenn wir unseren Blick von den alljährlichen Weihnachtszeittraditionen weg nach Osten bewegen, können wir ab Ende Oktober ZeugInnen einer anderen farbenfrohen und jahrtausendealten Tradition werden, vergleichbar mit Weihnachten und Silvester zusammen: Das Lichterfest Diwali, beruhend auf dem Sanskrit Wort Dipavali für Lichterkette, wird in Indien gefeiert und ist einer der größten Feiertage der Hindus. Bei dem über mehrere Tage andauernden Fest kommen Familien zusammen, um Zeit miteinander zu verbringen, gut zu essen, sich zu beschenken und dann mit Lichtern und Feuerwerk den Sieg von Gut gegen Böse zu feiern.

Vom Diwalifest bekommen wir hier in Deutschland mit unserer kleinen hinduistischen Minderheit nur sehr wenig mit. Doch was es in den vergangenen Jahren dann doch bis in unsere Schlagzeilen schaffte, war der nach dem Diwalifest einsetzende Smogalarm in der indischen Hauptstadt Neu-Delhi. Auch dieses Jahr war es wieder soweit: aktuell lag der klägliche Spitzenrekord am 4. November 2019, bei einer durchschnittlich gemessenen Feinstaubbelastung von 660 µg/m³ (Für einen Überblick über die Feinstaubbelastung werden die Werte dieser Seite genommen: http://aqicn.org/map/delhi/, die Seite des indischen Umweltministeriums misst nur bis 500 µg/m³, die Daten sind aber grundsätzlich ähnlich: https://app.cpcbccr.com/AQI_India/) Seitdem schwankte die Feinstaubbelastung in Delhi, erreichte aber nur an einem einzigen Tag einen Wert unter 100 µg/m³ (Stand 1. Dezember 2019) Zur Einordnung: Die EU hat einen jährlichen Mittelwert von 20 µg/m³ Feinstaubbelastung vorgesehen, die WHO empfiehlt sogar 10 µg/m³ Feinstaubbelastung. Ab 300 µg/m³ Feinstaubbelastung spricht man von einer äußerst gefährlichen Gesundheitsbelastung, bei der alle Menschen gesundheitliche Beeinträchtigungen riskieren und von einer generellen Tätigkeit „an der frischen Luft“ abgeraten wird.
In einer Stadt wie Delhi, mit einer offiziellen Bevölkerungszahl von ca. 21 Millionen (der letzte Zensus war 2011), mit Slums und allgegenwärtiger Armut auf der einen Seite, mit einer stark wachsenden Mittelschicht und jungen, ausgehfreudigen Menschen auf der anderen Seite, kommt der Rat, keine Zeit draußen zu verbringen, einem blanken Hohn dieser Lebensrealitäten gleich. Und selbst wenn die Menschen sich teure Luftfilter für Ihre Wohnungen leisten können, bedeutet das immer noch, dass man für jeden Raum eines Haushalts einen kaufen müsste oder mit seiner gesamten Familie überwiegend ein Zimmer bewohnt. Dazu müssen für den Arbeits- und Schulweg Atemmasken gekauft werden, in der Hoffnung, dass der Arbeitgeber oder die Schule das Gebäude auch ausreichend mit Filtern versehen hat. Kurz gesagt, New Delhi ist aktuell ein besorgniserregendes Beispiel für eine lebensfeindliche Umwelt.

Wie konnte es soweit kommen?

In Delhi kommen viele unterschiedliche Faktoren zusammen, die diese Feinstaubbelastung hervorbringen, einige seien hier genannt: Zunächst bildet die geographische Lage einer Tiefebene und das semi-aride Klima in der Hauptstadt die Grundlage für eine ausgeprägte Inversionswetterlage im Winter. Das bedeutet, dass die kalte Luft in unteren Schichten von der wärmeren Luft in oberen Schichten eingekesselt ist und kaum Luftaustausch stattfinden kann. Durch Feinstaub gebildeter Smog kann hier wochenlang hängen bleiben. Die Stadt ist dazu ein boomender und rasant wachsender Ballungsraum mit reger Bautätigkeit. Es gibt zwar ein gutes Metronetz, aber dieses ist nicht auf 21 Mio. Bewohner ausgerichtet. Ein Auto ist da nicht nur die einzige Art, sich fortbewegen zu können, sondern ist dazu auch ein Statussymbol der wachsenden Mittelschicht. Und für die, die sich kein Auto leisten können, gibt es immer noch den Roller, mit dem man schneller durch das Geflecht von verwinkelten Straßen, Staus und Menschen kommen kann. Zu diesen generell schon schwierigen Gegebenheiten kommen nun zwei weitere Aspekte: Diwali und das Ende der Erntezeit. Das zu Beginn erwähnte Diwali wird mit viel Licht gefeiert, dazu gehört auch Feuerwerk. Und das nicht nur wie zu Silvester in Europa eine begrenzte Zeit lang, sondern gerne mehrere Tage zu jeder Tageszeit. Mittlerweile wurde Feuerwerk zu Diwali in Delhi und in dem Ballungsgebiet um die Hauptstadt verboten, aber Böller und Pyrokracher sind davon ausgeschlossen. Eine Überwachung dieses Verbots wurde als zu schwierig angesehen (Vgl.). Dazu werden zu diesem Zeitpunkt auf den landwirtschaftlich genutzten Flächen rund um Delhi die Felder brandgerodet. Die schnellste und kostengünstigste Praxis, das Feld von unnützen Pflanzenresten und Schädlingen zu befreien, wenn man sich aus Geldmangel keinen teuren Traktor oder Pestizide leisten kann. Zudem verbrennt die ärmere Bevölkerung in Neu Delhi und in den Vororten Abfall und Laub, um zu heizen und zu kochen. All dieser Rauch zieht nach Delhi und bleibt dort bis Wind oder Regen aufkommt.

Warum gibt es dann noch keine Lösung?

Nun, grundsätzlich gibt es einige Lösungen, doch leider hapert es an der Umsetzung. Die Regierung von Neu-Delhi hat, wie bereits erwähnt, mittlerweile den Verkauf von den meisten Feuerwerkskörpern verboten und verhängt regelmäßig Fahrverbote. Dazu gibt es Gespräche zu finanziellen Anreizen, damit die Bauern ihr Land nicht Brandroden. Dies kann aber nur zusammen mit den angrenzenden Landesregierungen abgesprochen werden.
Was andererseits sehr auffallend ist, sind – einhergehend mit dem steigenden Bewusstsein der Bevölkerung für Umweltschutz – die boomenden technologischen Ideen, die man in Indiens Startup-Markt beobachten kann. Smarte Technologien zur Luftdatenabfrage, Verbindung dieser Daten mit dem Internet of Things und eine breite Palette an innovativen Luftfiltern und -masken, die das Leben in einer lebensunwirtlichen Stadt nicht nur möglich, sondern auch noch schöner machen (Vgl.). Das Engagement dieser jungen Menschen, die ihre Zeit und ihr Wissen in die Verbesserung der Situation in ihrem Heimatland stecken, ist faszinierend und sollte viel stärker, auch global, Beachtung finden. Nichtsdestotrotz sind sie ein Zeichen der Zeit: marktwirtschaftliche Versuche, effiziente Lösungen zu finden, um mit neuer Technologie der menschengemachten Umweltverschmutzung entgegenzuwirken. Doch was für eine Lösung ist eine App mit den aktuellsten Daten zur Luftverschmutzung, wenn man sich kein Smartphone leisten kann? Wie mag der Ratschlag, sich nur in geschlossenen Räumen aufzuhalten, auf Rikshawfahrer und Bauarbeiter wirken, die im Freien arbeiten müssen, um den Lebensunterhalt der Familien zu sichern? Wenn an erster Stelle das alltägliche Überleben gesichert werden muss und erst an zweiter Stelle ein möglichst langes gesundes Leben? Wie hilft einem ein Luftfilter in einer selbstgezimmerten Bude, die keine richtigen Fenster hat?
Um die Luftverschmutzung zu bekämpfen sind neben strikten Verboten und Regulierungen vor allem auch ein Fokus auf eine nachhaltige städtische sowie wirtschaftliche Entwicklung notwendig, einhergehend mit Verhaltensänderungen hin zu einem nachhaltigen Lebensstil – im Hinblick auf die Bevölkerung und vor allem auf die Politik.
Zu guter Letzt noch eine positive Anmerkung: Ende November forderte der Oberste Gerichtshof die Landesregierungen auf, innerhalb von sechs Wochen Maßnahmen für bessere Luft- und Wasserqualität vorzustellen. Sie waren hierbei sehr explizit, bezeichneten sie die Situation in Delhi doch schlimmer als Narak (die hinduistische Hölle). Es bleibt also zu hoffen, dass nun endlich mehr geschieht.

Zum Weiterlesen:

https://www.businessinsider.in/india/news/delhi-air-pollution-startups-working-for-clean-air/articleshow/71799803.cms
https://www.thebetterindia.com/185884/iit-hyd-studies-human-hair-shocking-discovery-mercury-india/
https://www.firstpost.com/india/delhi-air-pollution-top-apps-to-check-air-quality-and-air-pollution-in-your-city-7598411.html

 

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Nachweis Titelbild: https://pixabay.com/de