Das „nachhaltige“ Geschäft mit dem Palmöl – eine große Illusion?


Matthias Friedrich / Mittwoch, Mai 30th, 2018

Palmöl – dieses Pflanzenöl, das aus der Ölpalme gewonnen wird, ist heute ein nicht mehr wegzudenkender Inhaltsstoff in einer Vielzahl von Produkten, wie Biosprit, Kosmetik, Nahrungsmitteln und Haushaltsprodukten. Vielen Menschen mit ökologischem Bewusstsein ist bereits bekannt, dass Palmöl in vielerlei Hinsicht problematisch ist: Die Ölpalmen zur Gewinnung von Palmöl werden auf riesigen Monokultur-Plantagen vor allem in Indonesien und Malaysia angebaut. Für diese Plantagen wird Regenwald gebrandrodet und damit Artenvielfalt gefährdet, zum Beispiel durch die Vertreibung von Tieren wie dem roten Orang-Utan. Außerdem werden tonnenweise CO², Methan und Stickstoff freigesetzt, die in die Atmosphäre gelangen und dort klimaschädigend wirken. Das Land für die Plantagen wird oft von der lokalen Bevölkerung geraubt, deren Gesundheit zudem unter den starken Rauchbelastungen durch die Brandrodungen leidet.

Wie kommt es, das Palmöl trotz dieses schädlichen Anbaus heute das meist verwendete Pflanzenöl weltweit ist? Dies liegt darin begründet, dass Palmöl für die Industrie ein sehr günstiger Rohstoff und damit – aus ihrer Sicht – quasi unabdingbar ist. Die Chancen für eine Veränderung der Situation scheinen also schlecht zu stehen. Um der Nutzung von Palmöl durch die Industrie dennoch entgegenzuwirken, hat der World Wide Fund for Nature (WWF) im Jahr 2004 den „Roundtable for Sustainable Palmoil“ (RSPO), den Runden Tisch für Palmöl ins Leben gerufen. VertreterInnen von Nichtregierungs-Organisationen (NGOs) und Industrie kommen dort zusammen, um Richtlinien für eine „nachhaltige“ Palmölwirtschaft festzulegen und zu diskutieren. Produkte, die „nachhaltig“ erwirtschaftetes Palmöl enthalten, sollen mit dem Gütesiegel des WWF ausgezeichnet werden und erhalten die Aufschrift „Zertifiziert Nachhaltiges Palmöl“ – VerbraucherInnen könnten nun durch das gezielte Kaufen dieser Produkte zu einem nachhaltigeren Palmölanbau beitragen. Soweit die Idee – aber entstehen durch den RSPO und die Zertifizierung von Palmöl wirklich positive Veränderungen?

Ist „zertifiziert nachhaltiges Palmöl“ drin, wo „zertifiziert nachhaltiges Palmöl“ draufsteht?

Mit dem Siegel des WWF wird explizit nicht die Regenwaldrodung als Ganzes ausgeschlossen, sondern lediglich die Rodung von Primärwäldern und von Wäldern, die als besonders schutzbedürftig eingestuft wurden. Gebiete, die vor dem Jahr 2008 gerodet wurden, ob Primär- oder Schutzwald, können jedoch automatisch als nachhaltig zertifiziert werden – diese Regelung wird oft kritisiert. Ein weiterer Kritikpunkt besteht darin, dass durch Mitglieder des RSPO begangene Menschenrechtsverletzungen teilweise nicht geahndet oder aufgezeigt werden. Eine mögliche Ursache für diese Schwachstelle ist die Besetzung des Runden Tisches: In dem Gremium unter der Leitung des RSPO-Präsidenten und Unilever-Managers Jan Kees Vis sind 951 ProduzenInnen, HändlerInnen, InvestorInnen, VerabeiterInnen und Banken vertreten, aber lediglich 40 Nichtregierungsorganisationen – die Machtverhältnisse sind also klar zugunsten der Wirtschaft verteilt. Allein diese zwei Probleme werfen bereits Fragen auf: Dient der RSPO tatsächlich der Bekämpfung der Nachteile des Palmölanbaus oder profitiert vielmehr die Palmölindustrie und mit ihr große multinationale Unternehmen wie Nestlé, Unilever, Procter & Gamble? Findet hier eine Irreführung von Käufer*innen statt, die Produkte mit der Aufschrift „Zertifiziert Nachhaltiges Palmöl“ wahrscheinlich niemals mit den soeben angesprochenen Problemen in Verbindung setzen würden? Der WWF führt zu seiner Verteidigung lediglich an, dass er ja nur von einer Einhaltung von Mindeststandards und nicht von einem ökologischen Siegel spricht.

Hier kann leicht der Eindruck entstehen, dass Profitsteigerung großer Konzerne mit einem grünen Gewissen der KäuferInnen in Einklang gebracht wird, der eigentlich Zweck des RSPO und seiner Zertifizierung – ein nachhaltigerer Anbau von Palmöl- dabei aber gänzlich bedeutungslos wird und somit eine „grüne Lüge“ vorliegt.

Was tun gegen die „grünen Lügen“?

Dokumentarfilmer Werner Boote, der u.a. „A Plastic Ocean“ gedreht hat, spricht in seinem neu erschienenen Film „Die grüne Lüge“ ebenfalls diese Frage an. Seine Antwort lautet genauso wie die Antwort, die wir in diesem Artikel geben möchten: Empört euch!

Das Beispiel des RSPO zeigt etwas auf, dass uns nicht überraschen sollte: Wirtschaftsakteure sind an wirtschaftlichem Erfolg interessiert. Wenn sie Engagement für Nachhaltigkeit zeigen, muss also kritisch hinterfragt werden, ob hier tatsächlich Nachhaltigkeit um ihrer selbst willen gefördert wird, oder als Kaufanreiz für Käufer*innen, die selbst durch den Kauf „grüner“ Produkte zu mehr Nachhaltigkeit beitragen möchten. Produkte wie Palmöl belasten Menschen durch ihre umweltschädliche und menschenrechtsverletzende Produktionsweise – es sind damit auch die Produzent*innen, wie bspw. große multinationale Konzerne, die dafür die Verantwortung übernehmen und sich ändern müssen! Um das zu erreichen, braucht es energisches Nachfragen bei Unternehmen, Mitgestaltung von großen Aufklärungskampagnen, wie beispielweise von Campact, Nachhaken bei der Politik und letztlich den Schritt raus aus dem Supermarkt zum Protest auf die Straße!

 

Zum Weiterlesen:

Hartmann, Kathrin (2018): Die Grüne Lüge. Weltrettung als profitables Geschäftsmodell. Blessing Verlag.

Monsanto und der WWF – Der Pakt mit dem Panda (Doku). https://vimeo.com/51980676

https://www.zeit.de/wissen/umwelt/2016-08/palmoel-plantagen-regenwald-umweltschutz-studie-wwf

http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/palmoel-aus-indonesien-das-schmutzige-geschaeft-der-produzenten-a-1011854.html

https://netzfrauen.org/2015/07/08/palmoel-greenwashing-durch-unterstuetzung-von-wwf-und-greenpeace-warum-wir-zum-nutella-boykott-auffordern/

 

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