Mehr Zeit, weniger Arbeiten – Will das jemand?


Doris Fuchs / Donnerstag, April 19th, 2018

Als Kind hört man oft von Erwachsenen, dass die Zeit dahinrase, dass die Jahre immer schneller vergingen, und man kann noch gar nicht so richtig verstehen, was damit gemeint ist. In der Lebensmitte versteht man es sehr gut. Man ist schon am Ende des ersten Drittels von 2018 und hat das Gefühl, mit 2017 noch gar nicht richtig fertig, ja vielleicht sogar noch nicht mal halb durch gewesen zu sein. Woran liegt das?

Ein Grund sind sicherlich die mannigfaltigen Anfragen an unsere Zeit im Alltag. Die Arbeit mit ihren Aufgaben und den von Vorgesetzten, Kolleginnen und oder Kundinnen an uns gerichteten ständig steigenden Bedarfen, fordert zusammen mit Budget- bzw. Stellenkürzungen und der Digitalisierung ihren Tribut. Kinder brauchen (noch) Unterstützung, Eltern brauchen sie zunehmend auch. Haus (und Garten) fressen mehr Zeit als noch das WG-Zimmer oder die kleine Wohnung während Studium oder Ausbildung, vor allem wenn wir uns von den auch durch die Medien transportierten Wohn- und Gartenperfektionen beeinflussen lassen.

Das Resultat ist das viel zitierte Gefühl eines Lebens im Hamsterrad, das insbesondere aber bei weitem nicht nur die „Sandwichgeneration“ trifft. Das ist wiederum weder eine Basis für Zufriedenheit noch für eine gute Gesundheit. Es ist aber nicht nur ein individuelles Problem. Eine Gesellschaft, in der unzählige Hamsterräder nebeneinander herlaufen, ist nicht belastbar, nicht resilient und damit nicht zukunftsfähig. Wenn es im täglichen Leben keine Puffer mehr gibt, dann scheitert die Möglichkeit zur gegenseitigen Unterstützung im Familien- und Freundeskreis und in der Nachbarschaft an nicht vorhandenen Ressourcen. Außerdem fehlen zunehmend Kapazitäten in Zeit und Energie für Austausch und erst recht für Engagement in drängenden gesellschaftlichen Fragen. Auch in der Wirtschaft entstehen immer höhere Kosten, nicht nur durch krankheitsbedingte Ausfälle von Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen, sondern vor allem auch durch die ständige Notwendigkeit der Hastigkeit geschuldete Fehler wieder auszubügeln. Ein Arbeiter in der Automobilproduktion sagte mir einmal, dass seine Haupttätigkeit darin bestände, das Material, das die Arbeiter in der Produktionsreihe vor ihm zuviel an die Karossen geschweißt hätten, wieder abzuschleifen. Und auch im täglichen Leben trifft das Sprichwort „was man nicht im Kopf hat, hat man in den Beinen“ doch immer wieder zu.

Entschleunigung – ein (schwieriger) Ausweg aus dem Hamsterrad?

Als Lösung wird uns dafür immer wieder Entschleunigung angeboten. Die slow food und slow fashion Bewegungen thematisieren diese Entschleunigung schon im Namen. Der Nutzten solcher Praktiken, des sich Zeit-Nehmens für Auswahl, Zubereitung und Verzehr unserer Nahrung und des Aussteigens aus der Mode im Durchlauferhitzer ist insbesondere vor dem Hintergrund der negativen Auswirkungen von fast food und fast fashion auf Gesellschaft und Umwelt klar. Auch unzählige Angebote zur Förderung von Achtsamkeit zielen darauf, dass wir generell einen anderen Umgang mit unserer Lebenszeit lernen.

Nur: In der Theorie ist das alles gut und schön. Die Praxis ist die Herausforderung! Wie können wir denn dahin kommen, dass wir unsere Geschwindigkeit in all dem, was wir tun, reduzieren?

Nun, zum Teil haben wir da wirklich Möglichkeiten. Julian Nida-Rümelin, Professor für Philosophie und früherer Staatsminister für Kultur, weist zum Beispiel in Interviews schon mal darauf hin, dass er so viel schaffe, weil er kein Fernsehen schaue (eine nette Ironie dabei ist, dass er natürlich sehr wohl im Fernsehen auftritt, zum Beispiel hier). Wenn wir unseren Medienkonsum einschränken, egal ob die Nutzung moderner Medien wie Facebook, Instagram, etc. oder den traditionellen Fernsehkonsum, können wir natürlich Zeit gewinnen. Auch andere „Zeitfresser“, d.h. Aktivitäten die uns mehr Zeit rauben als notwendig oder nutzenbringend ist, lassen sich wahrscheinlich identifizieren und durch Aktivitäten ersetzen, die deutlich mehr zu unserer Vorstellung eines guten Lebens beitragen. Solche Vorhaben umzusetzen ist vielleicht nicht so einfach, wie es scheint – um schlechte Angewohnheiten loszuwerden braucht man Entschlossenheit und sehr viel Disziplin. Aber wir haben hier ein beträchtliches Maß an (Selbst-)Kontrolle!

Sorge für die Familie und das Arbeitsumfeld – Grenzen der Entschleunigung?

In anderer Hinsicht ist es schwieriger. Steigenden Unterstützungs- wenn nicht gar Pflegebedarf der Eltern oder anderer Familienmitglieder können wir schlecht entschleunigen. Und die Pflegekrise in Deutschland versteht man, auch wenn sie immer wieder durch die Medien geistert, erst richtig, wenn man drinsteckt. Demente Angehörige kann man, wenn man berufstätig ist, schlicht nicht selbst pflegen. Pflegeplätze aber, ob ambulant oder stationär, sind kaum zu bekommen, und da wo es sie gibt, sehen die Abrechnungsmodalitäten der Krankenkassen oft eine Taktung der Pflegekräfte vor, die mit dem Konzept einer „Betreuung“ nicht vereinbar ist. (Der überall existierende Mangel an qualifiziertem Personal in der Pflege wird vor dem Hintergrund solcher Arbeitsbedingungen bei schlechter Bezahlung sehr schnell verständlich.) Die Sorge bleibt den Kindern erhalten.

Auch das Arbeitsumfeld können viele, wie das Pflegepersonal, nur begrenzt beeinflussen und haben daher kaum eine Chance hier von sich aus zu entschleunigen. Arbeitsumfelder werden von strukturellen Bedingungen gestaltet, die wir als Einzelpersonen oft nur wenig verändern können. Im politischen Kontext werden deshalb auch Fragen von Arbeitszeitverkürzungen diskutiert. Die Annahme hinter Argumenten, die solche Arbeitszeitverkürzungen mit sozial- oder auch umweltpolitischen Zielsetzungen verbinden, ist dabei immer, dass die gewonnene Zeit auch sinnvoll eingesetzt wird, zum Wohle der Mitmenschen und gerade nicht durch eine weitere Steigerung von Medien- oder materiellem Konsum – eine Annahme, die noch der empirischen Bestätigung bedarf.

Auch finanziell ist noch vieles abzuklären. Arbeitgeber und Arbeitgeberinnen sehen – das überrascht nicht – keine Chance für eine Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich; einige zivilgesellschaftliche Akteure, z.B. Gewerkschaften, fordern dies aber. Tatsächlich können ja auch nicht alle Einkommensgruppen leicht auf einen Teil ihres Einkommens verzichten, siehe zum Beispiel die meisten in der praktischen Pflege tätigen Personen. Insofern ist die Frage von Arbeitszeitverkürzungen auch mit Fragen des Lohngefälles und der sozialen Gerechtigkeit in Gesellschaften verbunden.

Weniger arbeiten – will das jemand? Warum (nicht)?

Darüber hinaus scheint sich aber auch die Frage zu stellen, ob wir denn Arbeitszeitverkürzungen überhaupt wollen. Den kürzlich in den Medien diskutierten Ergebnissen einer Studie des Instituts für Arbeit und Berufswahl in Deutschland zufolge will die Mehrheit von uns das wohl gar nicht. Ein Trend zu mehr Freizeit ließe sich nicht feststellen, so Weber und Zimmert, die Autoren der Studie. Im Gegenteil! Einige von uns, insbesondere Frauen in Teilzeit, denen man ja oft eine besondere Belastung durch Beruf und Familie/Haushalt bescheinigt, haben wohl mehrheitlich den Wunsch geäußert, mehr zu arbeiten.

Allerdings sind die Ergebnisse der Studie nicht so eindeutig, wie es scheint. Zum einen muss man wissen, dass gefragt wurde, ob man weniger arbeiten wolle, wenn man dann auch entsprechend weniger verdienen würde. Diese Option ist für signifikante Teile der arbeitenden Bevölkerung eben nicht gut möglich, wenn es nicht zu gravierenden Einschnitten im Lebensstandard kommen soll. Auch zeigt eine genaue Betrachtung der Arbeitszeitwünsche, dass es bei bestimmten gesellschaftlichen Gruppen den Wunsch kürzerer Arbeitszeiten gibt. Darüber hinaus lässt die kurze Veröffentlichung der Studienergebnisse im Wirtschaftsdienst (s.u.) einiges an Fragen offen.

Bei aller Notwendigkeit, vereinfachte Interpretationen der Ergebnisse dieser Studie zu hinterfragen, kann sie jedoch vor allem ein Anstoß für uns sein, uns einmal selbst zu fragen:

Würden wir eigentlich weniger arbeiten wollen? Wenn das nicht der Fall ist, dann schließt sich die Frage an, was wir an unserer Arbeit besonders schätzen und die diesbezügliche Antwort kann man sich durchaus öfter bewusstmachen. Falls wir aber doch gerne weniger arbeiten würden, schließen sich die Fragen an, wie wir das vielleicht möglich machen können, was wir mit der gewonnenen Zeit tun würden und wie wir es auch für andere möglich machen können. Da wären wir dann wieder bei der Frage struktureller Veränderungen, die auch politisches Engagement und damit Zeit erfordern.

Quellen:

Bündnis90/Die Grünen. 2015. Raus aus dem Hamsterrad. Grüne Ideen gegen den Dauerstress. Schrägstrich 02/2015. https://www.gruene.de/fileadmin/user_upload/Dokumente/20150624_Schraegstrich_02_15_Zeitpolitik.pdf

Kopatz, Michael. Arbeit, Glück und Nachhaltigkeit. 2012. Warum kürzere Arbeitszeiten Wohlbefinden, Gesundheit, Klimaschutz und Ressourcengerechtigkeit fördern. Impulse zur Wachstumswende, Bd. 3. Wuppertal Institute für Klima, Umwelt, Energie. https://epub.wupperinst.org/frontdoor/deliver/index/docId/4181/file/ImpW3.pdf

Weber, Enzo, und Franziska Zimmert. 2018. Der große Trend zur Freizeit? Wirtschaftsdienst 98(4): 296-298. https://archiv.wirtschaftsdienst.eu/jahr/2018/4/der-grosse-trend-zur-freizeit/

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