Kompromisse: Was für eine schöne Bescherung!


Anica Roßmöller / Sonntag, Dezember 16th, 2018

„Oh du fröhliche, oh du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit…“. Es ist soweit, wie üblich, alle Jahre wieder, kann ich mich auch diesmal nicht dem Ohrwurm entziehen. Und der Frage, warum mein Weihnachtsfest nicht immer so selig ist. Es sei vorweggenommen: ich vergleiche meine Familie und mich schon lange nicht mehr mit den Hochglanzfamilien aus Film und Fernsehen. Ich vergleiche meine Familie und mich mit anderen Familien von Freunden, was mich doch zutiefst beruhigt. Es hat zwar bis jetzt niemand wirklich exakt die gleichen Erlebnisse, aber die Grundstimmung ist doch dieselbe: viele Personen, die alle eigene Leben führen, kommen zusammen. Mit ihren eigenen Bildern von Weihnachten, Harmonie, festlicher Stimmung und bei mir: von einem Weihnachtsessen.

Noch eine Vorwegnahme: ich bin keine Vegetarierin, aber ich kann mich dem Wissen von den Zuständen um mich herum nicht verschließen. Und so sind meine Familienmitglieder die Leidtragenden von appetitfeindlichen Geschichten über Massentierhaltung, Kükenschreddern und was da sonst noch alles ist und einem den Geschmack vermiest. Gleichzeitig bin ich mir bewusst, dass der moralische Zeigefinger manchmal nicht wirklich hilfreich ist.

Aber zurück zu meiner Familie und unserem Weihnachtsessen. Sagen wir es so: mein privater Fleischkonsum steigt über die Feiertage exponentiell an. Mein Vorschlag, einfach mal vegetarisch zu essen, war aber für die meisten in meiner Familie nicht wirklich eine Option. Meinen Horrorgeschichten zum Trotz vielleicht.

Meine kleine Familiengeschichte hat, so kam mir der Gedanke, Symbolcharakter für den Umbruch, in dem wir uns aktuell gesellschaftlich befinden: Viele Individuen, geprägt von Kultur und eigenen Bildern von einem guten Leben, versuchen zuallererst, ihr Leben zu leben. Und dazu kommt nun die Erkenntnis, dass es nicht so weitergeht, wie zuvor. Sich von alten Mustern zu lösen, sich selbst und sein Handeln in Frage zu stellen, ist nicht einfach. Auch die Frage, ob der eigene, schwer abgerungene Verzicht, überhaupt etwas ändert, ist berechtigt.

Also weitermachen wie zuvor, weil die große, radikale Wende nicht möglich ist? Besser nichts ändern als einem verwässerten Kompromiss zuzustimmen? Ein Kompromiss, bei dem hinterher, so doch die allgemeine Vorstellung, alle Parteien gleich unglücklich sind? Koalitionsverhandlungen, internationale Übereinkünfte, große Reden auf den Klimakonferenzen – was bleibt, ist das ungute Gefühl, das niemand wirklich das erreicht hat, was er oder sie sich vorgenommen hatte.

Dabei ist ein (richtig vollzogener) Kompromiss doch eine enorme Leistung. Es bedeutet, dass sich alle bewegt haben und dabei über die Position des anderen nachgedacht haben. Sich auf den jeweils anderen eingelassen haben. Und somit sich selbst ein wenig zurückgenommen haben. Sicherlich gibt es Themen, in denen man keinen Schritt von seiner Position zurückweichen sollte, du sollst nicht töten wäre da ein radikales Beispiel. Aber um eine Transformation der Kultur und Traditionen voranzubringen, sind Kompromisse ein wichtiger Teil des Weges. Wenn wir alle in der Gesellschaft mitnehmen möchten, müssen wir den schwierigen Prozess des Kompromisses gehen. Immer und immer wieder neu verhandeln. Die Grenzen neu ausloten und auch akzeptieren, dass das eigene Bild von einem guten Leben nicht das gleiche ist wie von den Nachbarn. Dies löst nicht die großen globalen Fragen, aber es bereitet uns im Kleinen auf die anstehenden Veränderungen vor. Um eben alle mitzunehmen.

Ein globales Problem kann nicht von nur einer einzigen Gruppe gelöst werden. Und keine Gruppe muss den Anspruch an sich haben, ganz allein die Welt zu retten. Aber wir müssen in Bewegung bleiben und nicht den Mut verlieren. Schon gar nicht den Mut zu Kompromissen.

Kehren wir also nun zurück zu meinem kleinen Weihnachtsessen. Meine Familie hat den Mut zu einem Kompromiss gehabt: an einem der Weihnachtstage gibt es ein komplett vegetarisches Weihnachtsmenü. Und während ich dann an den anderen Tagen mit meiner Familie den Festtagsbraten ohne jegliche Horroranekdoten zur Schweinemast esse und wir in Traditionen schwelgen, bin ich selig. Denn ich freue ich mich über meinen kleinen Kompromiss. Er ist klein und vielleicht im großen Ganzen unbedeutend, aber meine Familie und ich öffnen sich nun gemeinsam. Nicht so schnell wie gedacht, aber ganz langsam fangen wir an, neue Traditionen aufzubauen. Das ist nicht einfach, aber sehr, sehr schön.