Durch einen Besuch im Zoo umweltfreundlicher werden – geht das? 

Gesche Barg

Moderne Zoos haben sich der Forschung, dem Artenschutz, der Erholung und der Bildung verschrieben. Der Allwetterzoo Münster dient in diesem Artikel als Beispiel eines außerschulischen Lernorts, in dem nachhaltigkeitsbezogene Themen adressiert werden. Dieser Blogbeitrag schaut aus einer pädagogisch-psychologischen Perspektive auf die Wirksamkeit dieser Bildungsangebote. Auch wenn zooethische und tierrechtliche Fragestellungen nicht diskutiert werden, ist eine kritische Auseinandersetzung damit wichtig. Weiterführende Literatur zu diesen Themen finden Sie unter anderem auf den Seiten der Bundeszentrale für politische Bildung:  https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/zoo-2021/327652/zooethik-und-tierrechte

Menschen zum zukunftsfähigen Denken und Handeln zu befähigen, ist das Ziel der sogenannten Bildung für nachhaltige Entwicklung, kurz BNE. Sie ist eng verknüpft mit den 17 Zielen der nachhaltigen Entwicklung (kurz SDGs), die 2015 von den Vereinten Nationen beschlossen wurden und weltweit ökologische, soziale und ökonomische Nachhaltigkeit voranbringen sollen. Dazu gehört beispielsweise der Kampf gegen Armut und Hunger (SDGs 1 & 2), die Schaffung menschenwürdiger Arbeit und Wirtschaftswachstum (SDG 8) oder Maßnahmen zum Klimaschutz (SDG 13). 

Die Vereinten Nationen sind sich also einig, dass große Veränderungen nötig sind, damit die Menschheit jetzt und auch in Zukunft gut leben kann. Um diese Transformation möglich zu machen, müssen unter anderem jungen Menschen entsprechende Werkzeuge an die Hand gegeben werden. Doch obwohl die BNE immer mehr Einzug in deutschen Schulen erhält (Singer-Brodowski & Kminek 2023), wünschen sich viele Lehrkräfte mehr Unterstützung in der Umsetzung von BNE, z.B. in Form von konkreten Lehrmaterialien, Kooperationen mit außerschulischen Lernorten und Fortbildungen (Waltner et al., 2020). 

Ein außerschulischer Lernort, der Lehrkräfte bei der Umsetzung von BNE unterstützen kann, ist der Allwetterzoo Münster. Dort sind Themen der ökologischen Nachhaltigkeit, wie der Artenschutz, schon seit vielen Jahren Teil des pädagogischen Programms. Seit 2020 bietet Münsters Zoo außerdem eine eigene BNE-Zooführung an. In dieser 90-minütigen Führung dienen Tierarten als Botschafter ihrer Ökosysteme. Beim Besuch der Brillenpinguine können Probleme wie die Überfischung und Vermüllung der Ozeane besprochen werden. Der Besuch der Gänsegeier-Ausstellung vermittelt, dass gefährliche Krankheiten bei Menschen in Ländern wie Indien und Pakistan durch eine Abnahme der Geierpopulationen immer häufiger auftreten können. Gespräche über erfolgreiche Auswilderungsprogramme der Przewalski-Pferde, der Gänsegeier, sowie der europäischen Wisente können Hoffnung schenken. 

Überprüfung von zoopädagogischen Angeboten 

Spätestens seit Veröffentlichung der neuen WAZA[1]-Bildungsstrategie (Thomas, 2020) verschreiben sich moderne zoologische Gärten der Nachhaltigkeitsbildung. Erkennbar sind die Bemühungen beispielsweise daran, dass die Zooschule des Zoos Nordhorn, der Aquazoo Düsseldorf, die Zooschule im Tierpark Bochum, der Zoo Heidelberg und der Allwetterzoo Münster von der UNESCO[2] für ihre nachhaltigkeitsbezogenen Bildungsprogramme mit BNE-Auszeichnungen geehrt wurden. Auch die diesjährige Tagung des Vereins deutschsprachiger Zoopädagogen steht unter dem Motto „Von BNE bis Zookritik – aktuelle Themen der Zoopädagogik“. 

Die Verpflichtung zu einer starken Nachhaltigkeitsbildung endet nicht mit der Entwicklung und Durchführung entsprechender Bildungsprogramme. Der Ruf nach einer empirischen Überprüfung der Wirksamkeit von zoopädagogischen Angeboten wird auch innerhalb zoologischer Interessensverbände immer lauter (Thomas, 2020). Zur Überprüfung der Wirksamkeit der BNE-Zooführung des Allwetterzoos Münster wurde im Schuljahr 2022/23 eine Evaluationsstudie in Zusammenarbeit mit dem Institut für Psychologie in Bildung und Erziehung der Universität Münster durchgeführt. 656 Schülerinnen und Schüler aus dem Stadtgebiet Münster konnten im Rahmen der Studie kostenlos an der BNE-Zooführung teilnehmen. Im Gegenzug mussten alle Schülerinnen und Schüler an drei Befragungen teilnehmen.

Wie misst man den Lernerfolg zoopädagogischer Angebote?

Der Lernerfolg der BNE-Zooführung wurde mithilfe von Fragebögen erfasst. Diese Fragebögen enthielten mehrere Skalen[3], die jeweils einen Teilaspekt des Lernerfolgs in Form von verschiedenen psychologischen Konstrukten erfragen. Die Entscheidung darüber welche Konstrukte erfasst werden sollten, wurde auf der Grundlage von BNE-Kompetenzmodellen (Haan, 2010; Rost et al., 2003), sowie der Theorie des geplanten Verhaltens (Ajzen, 1991) getroffen. So wurde das Umweltwissen, das systemische Denken, die umweltbezogenen Einstellungen sowie umweltschützende Verhaltensabsichten der Teilnehmenden gemessen. 

Die Messung des Umweltwissens und des systemischen Denkens, also der Fähigkeit komplexe Zusammenhänge und Funktionen von Systemen zu analysieren, sollte überprüfen, ob Schülerinnen und Schüler durch den Zoobesuch tatsächlich zu zukunftsfähigem Denken befähigt wurden. Um die Frage zu beantworten, ob die BNE-Zooführung Menschen zu zukunftsfähigem Handeln befähigt, sollten sich die umweltbezogenen Einstellungen, die umweltfreundlichen Verhaltensabsichten, sowie das tatsächliche umweltfreundliche Verhalten angeschaut werden.

All diese psychologischen Konstrukte wurden mehrfach gemessen. Schülerinnen und Schüler, die an der Befragung teilnahmen, wurden ungefähr eine Woche vor dem Zoobesuch für eine erste Befragung in der Schule besucht. Mit dieser ersten Befragung sollte gemessen werden wie viel Vorwissen die Befragten bereits haben, wie wichtig ihnen beispielsweise der Umweltschutz ist und wie sehr sie sich nachhaltig verhalten. Diese Messung war besonders wichtig um die Ergebnisse der folgenden Befragungen richtig verstehen zu können. Eine Woche nach der ersten Befragung nahmen die Klassen an der BNE-Zooführung im Allwetterzoo Münster teil und wurden direkt am Anschluss wieder mit ähnlichen Fragebögen befragt. Dadurch sollte erfasst werden, ob die BNE-Zooführung direkt einen Einfluss auf die beschriebenen Konstrukte hatte. Die Befragung wurde einen Monat danach ein drittes Mal wiederholt, um zu schauen, ob die Teilnahme an der BNE-Zooführung auch einen langfristigen Effekt hat. 

An dieser Stelle ist es wichtig zu erwähnen, dass es auch eine Kontrollgruppe gab. Es gab also auch Klassen, die nicht innerhalb der Befragungszeit an der BNE-Zooführung teilnahmen. Diese Klassen wurden dreimal hintereinander für die Befragungen in den Schulen besucht. Erst nachdem die Schülerinnen und Schüler an allen Befragungen teilgenommen hatten, ging es gemeinsam in den Zoo. Diese Gruppe war für die Studie besonders wichtig, da gesehen werden konnte, ob sich die Ergebnisse der Fragebögen auch spontan, ohne einen Zoobesuch verändern können. 

Was kam dabei heraus?

Durch diese Befragungen konnte herausgefunden werden, dass Schülerinnen und Schüler durch die Teilnahme an der BNE-Zooführung deutlich dazulernen können. Besonders stark war der Zuwachs im Umweltwissen der Schülerinnen und Schüler. Im Vergleich zur Kontrollgruppe konnten die Experimentalgruppen direkt im Anschluss an die Führung, aber auch noch einen Monat später signifikant mehr Fragen richtig beantworten. Das mag vielleicht die eine oder andere Lehrkraft erstaunen, da während dem Gang durch den Zoo die Aufmerksamkeit nicht immer auf den Vorträgen der Zoopädagog*innen lag. 

Es konnten auch positive Entwicklungen des systemischen Denkens und der umweltbezogenen Einstellungen durch die Teilnahme an der BNE-Zooführung beobachtet werden. Im Vergleich zum Umweltwissen fielen diese Veränderungen jedoch viel geringer aus. Trotzdem sind das bemerkenswerte Ergebnisse, da sich besonders Einstellungen nur sehr langsam verändern (Kaiser et al., 2014). Die umweltfreundliche Verhaltensintention und das tatsächliche umweltfreundliche Verhalten der Schülerinnen und Schüler veränderte sich durch die Teilnahme an der BNE-Zooführung nicht. 

Auf Basis dieser Ergebnisse kann davon ausgegangen werden, dass die Teilnahme an der BNE-Zooführung das zukunftsfähige Denken von Schülerinnen und Schülern verbessert. Die Veränderungen in den umweltbezogenen Einstellungen legen nahe, dass die BNE-Zooführung auch einen Beitrag zu zukunftsfähigem Handeln leistet. Große Effektstärken bleiben jedoch aus. 

Neben der Evaluation der Zooführung konnte mit den gesammelten Daten auch Zusammenhänge zwischen den gemessenen psychologischen Merkmalen untersucht werden. Besonders interessant erschien die Frage, ob das gemessene Umweltwissen mit der umweltfreundlichen Handlungsabsicht der Befragten zusammenhängt. Anders gesagt: verhalten sich Menschen, die viel über Zusammenhänge in Ökosystemen und ökologische Probleme wissen, umweltfreundlicher? Dieser Zusammenhang konnte mit unseren Daten nicht gezeigt werden. Auch bei unserer Stichprobe gab es eine Kluft zwischen Wissen und Verhalten. Diese Kluft wurde bereits von vielen Umweltschutzpsycholog*innen als Knowledge-Action-Gap beschrieben (bspw. Kollmuss & Agyeman, 2002). Doch obwohl sie in der Forschung bekannt ist, wird sie bei der Entwicklung von modernen BNE-Bildungsprogramme noch oft nicht berücksichtigt. 

Was kann man daraus lernen?

Die Ergebnisse dieser Evaluationsstudie zeigen, dass außerschulische Lernorte wie der Allwetterzoo Münster einen wichtigen Beitrag zur BNE leisten können. Die Teilnahme an einer BNE-Zooführung kann das zukunftsfähige Denken schulen und erste Reflexionsanstöße in Richtung zukunftsfähigem Handeln bieten. Diese Erfahrungswerte können auch in Kooperationen zwischen Schulen und außerschulischen Bildungseinrichtungen einfließen. Auf der Grundlage dieser Ergebnisse werden in den kommenden Jahren die BNE-Bildungsangebote des Allwetterzoos Münster überarbeitet. In Zukunft soll ein stärkerer Fokus auf die Adressierung von empirisch belegten Einflussfaktoren auf umweltfreundliches Verhalten gelegt werden. 

[1] Die World Association of Zoos and Aquariums ist der internationale Dachverband aller größeren Zoos und Aquarien der Welt 

[2] Die United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization ist ein Forum für die internationale Zusammenarbeit und für den Austausch von Informationen, Erfahrungen und Ideen zu den Themen Bildung, Wissenschaft und Kultur

[3] also eine Sammlung von Fragen zum selben Thema


Kurzbeschreibung der Autorin
Gesche Barg forscht in der Arbeitseinheit Diagnostik und Evaluation im schulischen Kontext am Institut für Psychologie in Bildung und Erziehung. Dort beschäftigt sie sich mit der Evaluation und Optimierung von außerschulischen Bildungsangeboten im Kontext der Bildung für nachhaltige Entwicklung. 


Literatur 

Ajzen, I. (1991). The theory of planned behavior. Organizational Behavior and Human Decision Processes, 50(2), 179–211. https://doi.org/10.1016/0749-5978(91)90020-T

Haan, G. de (2010). The development of ESD-related competencies in supportive institutional frameworks. International Review of Education, 56(2-3), 315–328. https://doi.org/10.1007/s11159-010-9157-9

Kaiser, F. G., Brügger, A., Hartig, T., Bogner, F. X., & Gutscher, H. (2014). Appreciation of nature and appreciation of environmental protection: How stable are these attitudes and which comes first? European review of applied psychology, 64(6), 269-277. https://doi.org/10.1016/j.erap.2014.09.001.

Kollmuss, A. & Agyeman, J. (2002). Mind the Gap: Why do people act environmentally and what are the barriers to pro-environmental behavior? Environmental Education Research, 8(3), 239–260. https://doi.org/10.1080/13504620220145401

Rost, J., Lauströer, A. & Raack, N. (2003). Kompetenzmodelle einer Bildung für Nachhaltigkeit. Praxis der Naturwissenschaften – Chemie in der Schule(52), Artikel 8, 10–15.

Singer-Brodowski, M. & Kminek H. (2023). Zu den Zielen von Bildung für nachhaltige Entwicklung und dem Stand der Implementierung im deutschen Schulsystem. DDS – Die Deutsche Schule, 115(2), 94-104. https://doi.org/10.31244/dds.2023.02.03.

Thomas, S. (2020). Social Change for Conversation: The World Zoo and Aquarium Conservation Education Strategy. https://izea.net/the-waza-education-strategy/ (abgerufen am 17.01.2024)

Waltner, E. M., Scharenberg, K., Hörsch, C., & Rieß, W. (2020). What teachers think and know about education for sustainable development and how they implement it in class. Sustainability, 12(4), 1690. https://doi.org/10.3390/su12041690.