Interkulturelle Kooperation für die Nachhaltigkeit: Was Walter von Vinod und Vinod von Walter lernen kann


Anica Roßmöller / Dienstag, August 18th, 2020

Interkulturelle Sensibilität ist eines dieser Modewörter, die immer gerne angebracht werden, wenn über die sogenannten Soft Skills reflektiert wird. Es ist eines dieser Konzepte, die alle wohl als wichtig erachten, in der Arbeitswelt und sowieso in der globalisierten Gesellschaft. Doch genauso wie beim Begriff der Nachhaltigkeit verbergen sich dahinter mehrere Schichten und Aspekte, deren Bedeutungen sich erst bei näherer Betrachtung herausstellen und die Definition benötigen. Im Folgenden soll es darum gehen, wie ein interkultureller Blickwinkel auf die nachhaltige Transformation unserer Gesellschaft diverse Verständnisse von Herausforderungen offenlegen kann und dass dies notwendig ist, um diese Herausforderung auch gesamtgesellschaftlich zu meistern. Dies würde sich tatsächlich schon anhand der Differenzen zwischen rheinländischer und schwäbischer Kultur erklären lassen, aber, um es noch offensichtlicher zu machen, nutzen wir hier die Kulturstereotype Deutschlands und Indiens und das Fallbeispiel des peri-urbanen Raums mit Fokus auf die indischen Besonderheiten. Stellen wir uns also einmal ein Arbeitstreffen zur deutsch-indischen Kooperation zu dem bekanntermaßen breiten Thema der Nachhaltigkeit vor:

Der Deutsche, nennen wir ihn doch hier Walter, ist fünf Minuten vor Terminbeginn schon auf seinem Platz. Der Inder, nennen wir ihn Vinod, lebt getreu dem Motto, das Zeit ja etwas sehr Dehnbares ist und kommt nur gefühlt pünktlich. Walter hat seine Tagesordnungspunkte vorher schon rumgeschickt und will diese auch sofort durcharbeiten. Vinod beginnt das Geschäftsgespräch mit der Frage nach Familie und Kindern. Etwas, das bei Walter ein gewisses Befremden auslöst. Das deutsche Tafelwasser – Typ Klassik – ist für Vinod viel zu sprudelig, doch Walter trinkt beherzt davon, da die gereichten indischen Snacks in seiner Kehle ein Feuer ausgelöst haben.  

Irgendwie gelangen die beiden dann doch noch zur Besprechung ihrer Tagesagenda. Walter möchte Möglichkeiten diskutieren, den alltäglichen Konsum einzuschränken, doch Vinod fragt sich, wie man langfristig alle satt bekommen kann. Walter hadert mit der Geschwindigkeitsbegrenzung auf Autobahnen und Vinod sucht nach Lösungen, sich in der Stadt zu Rushhour-Zeiten schneller als 5 km/h fortzubewegen. Es geht so weiter und als sich das Gespräch in Richtung Klimagerechtigkeit bewegt, wird es laut: Walter kann das Argument von Vinod nicht akzeptieren, dass Indien doch gar kein C02 einsparen müsste, da es pro Kopf auch gar nicht viel ausstoßen würde. Vinod verteidigt das Argument hingegen inbrünstig, denn schließlich würden die Industrieländer schon viel länger verschmutzen als Indien…

Wenn man diese verschiedenen Blickwinkel mit ihren markanten Unterschieden betrachtet, kommt die Frage auf, was überhaupt gesellschaftsübergreifend erreicht werden kann, wenn InderInnen und Deutsche zusammen zu Nachhaltigkeitsfragen kooperieren. Schauen wir uns dafür einen Bereich der anstehenden Herausforderungen in diesem Gebiet genauer an.

Wie prägt Kultur die Herausforderungen einer nachhaltigen Transformation?

Die Peri-cene (in der wissenschaftlichen Literatur gibt es für das Konzept viele Begriffe unter anderem auch peri-urban, urban fringe oder auch Zwischenstadt, siehe Adell, Germán (1999)) ist ein Begriff für die angrenzende Umgebung von städtischen Räumen, die den Übergang zum ländlichen Raum beschreibt. Diese ‚Übergangsräume‘ sind generell von Wandel und Heterogenität geprägt: Die vormals ländlichen Räume, die ursprünglich landwirtschaftlich geprägt waren, sind durch die Ausbreitung des urbanen Raums einem dynamischen Transformationsprozess ausgesetzt. Die nahende Stadt verändert die Erwerbsmöglichkeiten, etwa indem sie ein Pendeln der Erwerbstätigen in die Stadt ermöglicht, sie neue Industrien lockt oder sich in ein Naherholungsgebiet für StadtbewohnerInnen verwandelt. Die Preise für Immobilien und Land steigen und die Charakteristika der BewohnerInnen dieser Umgebung werden diverser, so ergänzen beispielsweise Zugezogene alt angesiedelte Bevölkerungsgruppen. In Deutschland sind klassische Themen dieses Raums unter anderem die infrastrukturelle Anbindung durch den Nahverkehr oder auch des Internetnetzes sowie die steigenden Miet- und Grundstückspreise. In Indien gibt es sicherlich ähnliche Herausforderungen, aber dazu hat diese Transformation in einem Land von 1,3 Milliarden Menschen eine andere Dimension. Die urbanen Räume sind zum Teil Megastädte, die ausgehend von den Wirtschaftsreformen der 90er-Jahre innerhalb der letzten 30 Jahre um ein Vielfaches gewachsen sind. Diese urbanen Räume sind Tore zur globalisierten Welt, während der ländliche Raum wesentlich mehr indische Traditionen und gesellschaftliche Konventionen aufrechterhält. Die Lebensrealität eines ‚Stadtinders‘ oder einer ‚Stadtinderin‘ unterscheidet sich somit radikaler von dem Leben der ‚LandinderInnen‘, als es das deutsche Stadt-Land-Verhältnis erahnen lässt. Und gerade die Peri-cene ist nun der Ort, an dem diese städtischen und ländlichen Lebensrealitäten aufeinandertreffen, sich vermischen oder auch im Kontrast zueinanderstehen.

Ausgehend von diesen vielfältigen Lebensrealitäten, die in der Peri-cene in Indien zusammentreffen, betrachten wir diesen Raum nun aus der Perspektive der Nachhaltigkeit. Hier können wir Herausforderungen im sozialen, wirtschaftlichen wie auch im ökologischen Bereich erkennen: Migration, prekäre Arbeitsverhältnisse und Transformation der Arbeitsmöglichkeiten sowie Umweltverschmutzung durch Raubbau oder mangelnde Abwasser- und Entsorgungsnormen seien hier nur als Beispiele genannt. Doch was für einen Stellenwert hat hierbei die zu Beginn angekündigte Kultur?
Tatsächlich wird diese besonders dann relevant, wenn wir Lösungsstrategien entwickeln. Die oben beschriebene Diversifizierung der dort lebenden Bevölkerung hat besonders dann eine Brisanz, wenn die indischen Konzepte der jati, communities und tribes mitgedacht werden. (Anmerkung der Autorin)

Nachhaltigkeitsrelevante Strategien, wie eine gerechtere Verteilung der (Wirtschafts-)Güter und Interessen über all diese Gesellschaftsstrukturen hinweg muss diese kulturellen Besonderheiten miteinbeziehen. Und auch die Verschmutzung von Flüssen und Rodung von Wäldern hat nicht nur einen Einfluss auf die wirtschaftliche Nutzung dieser Orte und die allgemeine Klimabilanz. Sondern diese können auch kulturelle Eigenschaften besitzen, beispielsweise, wenn Flüsse eine Gottheit repräsentieren oder der Wald mit kulturhistorischen Sagen verknüpft ist.

Neben diesen großen kulturellen Argumentationslinien geht es aber auch gerade um die Vermittlung von Lösungsansätzen. Wie werden Kompromisse am besten kommuniziert? Wer ist der Ansprechpartner oder die Ansprechpartnerin? Wie wird mit Kritik umgegangen und wie können in Mediationsprozessen die unterschiedlichen Interessen und Werte priorisiert werden?   

All dies zeigt, dass Kultur die Herausforderungen einer nachhaltigen Transformation ganz entscheidend prägt. Doch nun stellt sich weiterhin die Frage, was durch interkulturelle Blickwinkel, also auch einem kulturfremden Blick, im Hinblick auf Nachhaltigkeit gewonnen werden kann.

Interkulturalität: ein Blick auf mich durch eine/n andere/n

Interkulturalität bedeutet einen Austausch zwischen unterschiedlichen Kulturen. Und wenn man die jeweils andere Kultur nicht kennt, kann ein solcher Austausch ziemlich schwierig sein. Man kann dies auch gut mit der Interdisziplinarität vergleichen: Das Thema der Müllentsorgung kann beispielsweise von ingenieurswissenschaftlicher, raumplanerischen, organisationswissenschaftlicher, soziologischer, politischer oder auch wirtschaftlicher Perspektive aus betrachtet werden und alle haben ihre Daseinsberechtigung. Es kann aber zu Verständnisproblemen kommen, wenn alle aus diesen Disziplinen hervorgegangen Berufsgruppen an einem Tisch sitzen und über die Herausforderungen der kommunalen Müllentsorgung reden möchten. Alle Berufsgruppen werden eigene Probleme identifizieren und Lösungsansätze haben. Die Aufgabe ist es nun, nicht nur die einzelnen Lösungsansätze für sich zu bewerten, sondern ineinander zu fügen. Sie zueinander in Beziehung zu setzen, sie gegebenenfalls zu priorisieren und als Gesamtkonzept zur Transformation anzuerkennen.   

Davonausgehend blicken wir wieder auf die Interkulturalität und wie diese helfen kann, die Herausforderungen einer nachhaltigen Transformation anzugehen. Man kann nicht erwarten, dass jede/r jede kulturelle Eigenheit ihres/seines Gegenübers kennt. Besonders, da Kultur verallgemeinert und den individuellen Charakter des oder der Einzelnen außer Betracht lässt, sollte man Kultur auch immer nur als Möglichkeit, aber nicht als Regel begreifen. Doch eine Offenheit zu diesem Thema kann genauso hilfreich sein wie ein interdisziplinärer Ansatz. Interkulturelle Teams können sich gegenseitig die eigenen Strukturen des Denkens aufzeigen. Gesellschaftliche Strukturen und Konstrukte werden häufig erst bewusst, wenn man diese einem anderen erklären muss: Dies betrifft sicherlich die Komplexität von Jatis, Communities und Tribes. Aber genauso gut auch die so gefühlte Freiheit, keine Geschwindigkeitsbegrenzung auf einer Autobahn zu haben. Unsere aktuellen Herausforderungen liegen häufig auch in festgefahrenen Denkmustern, Verständnissen und Institutionen, die nur schwer zu hinterfragen oder gar zu verändern sind. Ein Blick über den Tellerrand, ein Austausch mit anderen Kulturen erleichtert nicht nur das Verständnis über die Herausforderungen unserer Zeit, sondern bereitet auch den Weg für gemeinsame Lösungen zu einer nachhaltigen Transformation. Kulturspezifische Lösungsansätze müssen hierbei genauso diskutiert werden wie die von einzelnen Fachdisziplinen.

Oh, und falls Sie sich fragen, was aus Walter und Vinod wurde:

Walters Tagesordnung hat den Arbeitstag dann so strukturiert, dass die beiden auch noch einen frühen Feierabend hatten. Und Vinods Erkundigungen zur Familie führten dazu, dass sie vielleicht als Arbeitskollegen starteten, aber dann doch als Freunde die Arbeit beendeten.  

Tipps zum Weiterlesen:

Adell, Germán (1999): Theories and models of the peri-urban interface: a changing conceptual landscape. The Development Planning Unit, London.

Sen, Armatya (2001): Class in India. In: Sen, Armatya (2005): The Argumentative Indian. Writing on Indian Culture, History and Identity. Penguin Books, London, S. 204- 219.

Sreeja, K.G.; Madhusoodhanan, C.G.; Eldho, T.I. (2017): Processes of peri-urban resource – livelihood transitions: Glimpses from the periphery of greater Mumbai city, India. In: Land Use Policy, Vol. 69, S. 49- 55.

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