Weltweite Krisen – und „uns“ geht es gut?


Matthias Friedrich / Freitag, November 9th, 2018

Am 14. September dieses Jahres jährte sich zum zehnten Mal die Pleite der Investmentbank Lehmann-Brothers und damit der Ausbruch der größten Weltwirtschaftskrise seit dem Jahr 1929. Die Weltwirtschaftskrise ist jedoch nicht die einzige Krise, die den Anfang des neuen Jahrtausends entscheidend prägte. Zum selben Zeitpunkt trat die Klima- und Umweltkrise vermehrt in der Öffentlichkeit auf: Nachdem die Klimakonferenz in Kopenhagen im Jahr 2009, und damit die Verlängerung des Kyoto-Protokolls, scheiterte, zeichnete sich zunehmend ab, dass der „Weltgemeinschaft“ eine nachhaltige und gerechte Antwort auf die Krisen unserer Zeit fehlt.

Stattdessen haben sich die weltweiten „Krisen“ verschärft. Aber was genau bleibt im Hinblick auf das bestehende System unverändert und wieso? Hier ist als ein zentraler Aspekt das strukturelle Ungleichgewicht zwischen globalem Norden und globalem Süden zu nennen. Dies zeigt sich unter anderem im fortschreitenden Klimawandel, in zunehmender Flucht und Arbeitsmigration und in dem weltweiten Aufstieg autokratischer Regime. Diese Krisen treffen nach wie vor in erster Linie den globalen Süden, während der globale Norden weitestgehend davon verschont zu bleiben scheint. Wie ist es also möglich das sich die Krisen im globalen Süden gar verschärfen, aber im globalen Norden kein Veränderungsdruck spürbar ist?

Ein Leben auf den Kosten anderer

Die Soziologen Markus Wissen und Ulrich Brand finden ihre Antwort auf diese Frage in dem was sie die „imperialen Lebensweise“ nennen. Unter „Imperialer Lebensweise“ verstehen sie dabei eine vor allem im globalen Norden verbreitete Art zu leben, die in der Ausbeutung von Mensch, Umwelt und Natur, vor allem im globalen Süden, beruht.

Die „imperiale Lebensweise“ zeichnet sich beispielsweise durch Autobesitz, Fernreisen, bevorzugt im Flugzeug, als auch durch den hohen Konsum sonstiger Güter und Dienstleistungen aus. Veranschaulichen lässt sich diese Lebensweise u.a.  an unserem Fleischkonsum. Allein, um den jährlichen Bedarf an argentinischem Soja für die deutsche Tierhaltung zu erfüllen benötigt man eine Anbaufläche in der Größe des Bundeslandes Hessen. Infolgedessen hat sich allein Argentinien in den letzten Jahren weg von einem reinen Land der Viehzucht hin zum weltgrößten Lieferanten von Futtersoja entwickelt. Dieses Soja wird an die Masttiere im globalen Norden verfüttert. Vor Ort in Argentinien werden riesige Flächen des Regenwaldes gerodet und so wird lokal die Biodiversität zerstört und global der Klimawandel vorangetrieben.

Ebenso beruht die Produktion jeglicher Art von Elektronikgeräten auf der „Imperialen Lebensweise“. Nach der menschenrechtlich und gesundheitlich problematischen Gewinnung seltener Erden in oftmals afrikanischen Ländern, werden die Elektro-Geräte zumeist unter ähnlich widrigen Bedingungen in asiatischen Ländern produziert, im globalen Norden konsumiert, dort weggeworfen und wiederum oftmals auf dem afrikanischen Kontinent entsorgt. In den letzten Jahren ist Nigeria zum traurigen Spitzenreiter in der Verarbeitung von giftigem Elektroschrott aufgestiegen.

Die Liste an Beispielen globaler Ungerechtigkeit ließe sich noch lange weiterführen und ein Großteil ist vielen Menschen vermutlich bereits weitläufig bekannt. Sie verdeutlichen allesamt: Unser Wohlstand gründet sich auf Kosten anderer. Wir leben nicht über unsere Verhältnisse, sondern über die Verhältnisse der anderen.

Die Imperiale Lebensweise: eine Komfortzone, die man nur ungern verlässt

Auch, wenn wir die weltweiten Krisen verstärkt wahrnehmen, ändern sich nicht die Verhältnisse globaler Ungerechtigkeit. Auf die vielfachen Krisen folgt deshalb keine tiefgehende und anhaltende Veränderung, weil die Bevölkerung des globalen Nordens die Auswirkungen dieser Krisen nicht als Erste spürt. Sie lagert nicht nur die ökologischen und sozialen Kosten dieser Lebensweise aus, sondern verdrängt auch den Gedanken daran. Der Münchner Soziologe Stephan Lessenich bezeichnet die Gesellschaften des globalen Nordens daher als Externalisierungsgesellschaften bzw. als Auslagerungsgesellschaften. Die Krisen treffen uns nicht in ihrer vollen Härte, da wir ihre Folgen nicht unmittelbar in unserem alltäglichen Leben spüren. Wir sehen die Menschen, die unter unserer Lebensweise leiden, nicht: die lebensgefährlichen Uran-Minen, die Menschenrechtsverletzungen in den Textilfabriken oder die Enteignung indigener Völker für die Rodung des südamerikanischen Regenwaldes. Wir verdrängen all die Geschichten hinter den von uns begehrten Produkten und gleichzeitig gelingt es uns, der Bevölkerung des globalen Nordens, nicht aus der Wachstumslogik auszubrechen, weder auf individueller, noch auf gesellschaftlicher Ebene.

Auch auf internationaler Ebene ist die Wachstumslogik vorherrschend. Betrachten wir beispielsweise die Wirtschaftspolitik der Vereinten Nationen, stellen wir fest, dass der Klimawandel, die größte Krise unserer Zeit, auch als Chance für Wachstum und Wohlstand wahrgenommen wird. Diese Chance wird unter dem Begriff des „grünen Wachstums“ gefasst. In der Logik des sogenannten „grünen Wachstums“ würden unsere Produkte zwar energieeffizienter und grüner produziert, die Wirtschaft wäre jedoch immer noch auf grenzenloses Wachstum in einer endlichen Welt ausgelegt. Somit kann die Strategie des grünen Wachstums diese multiple Krise nicht lösen. Denn das Ausgangsproblem dieser Krise liegt in der „imperialen Lebensweise“ des globalen Nordens.  Das grüne Wachstum stellt unsere Lebens- und Produktionsweise, auf Kosten anderer aber nicht in Frage, sondern „vergrünt“ sie. An dieser Tatsache würde auch eine nachhaltigere, aber stets auf Wachstum ausgerichtete Wirtschaft nichts ändern.

Erste Schritte auf dem Weg aus der Vielfachkrise

Wenn die in der Politik nach wie vor dominante grüne Wachstumslogik folglich nicht als Weg, aus den Krisen in Frage kommt, muss die Veränderung durch zivilgesellschaftliches Engagement für eine globale, solidarische Ökonomie herbeigeführt werden. Seien es Nord-Süd Initiativen z. B. in Form von interkulturellen Austauschen wie der Freiwilligendienst der Initiative „Zugvögel“, globalisierungskritische NGOs wie Attac und Germanwatch, oder aber lokale, sozial-ökologische Alternativen wie die Elektrowerke Schönau. Angesichts der multiplen Krisen muss der Umbau der Lebens- und Produktionsweisen immer wieder mit Nachdruck an die Politik herangetragen werden. Auf diesem langen und beschwerlichen zivilgesellschaftlichen Weg kann jede*r Einzelne, aber bereits den eigenen Konsum zurückschrauben. Denn je weniger wir konsumieren, desto weniger Leben wir bereits auf den Kosten anderer.

 

Zum Weiterlesen:

Brand, U., & Wissen, M. (2017). Imperiale Lebensweise: zur Ausbeutung von Mensch und Natur im globalen Kapitalismus. oekom verlag.

Lessenich, S. (2016). Neben uns die Sintflut: die Externalisierungsgesellschaft und ihr Preis. Hanser Berlin.