Besser „gut“ als „besser“ – vielleicht ein Neujahrsvorsatz


Carolin Bohn / Mittwoch, Januar 1st, 2020

Eine bessere Umwelt, bessere Städte, besser leben, kurz: eine bessere Welt – wer will das nicht? Oder, anders gefragt: muss man diese Dinge nicht fast wollen, wenn wir gemeinsam noch für lange Zeit gut zusammenleben möchten? Und wenn wir sie wollen – wie bekommen wir sie? Müssen wir alle dafür „bessere“ Menschen werden? – Ein besserer Mensch werden… Das klingt einerseits schon fast wie ein Neujahrsvorsatz, andererseits aber auch ziemlich schwierig, unrealistisch und anstrengend. So, als ob man quasi rund um die Uhr mutig, gerecht, geduldig, klug, freundlich und noch so einiges anderes seien müsste, und das sogar jeden Tag noch ein bisschen mehr als am Vortag.

Tatsächlich würde diesen Vorsatz jeden Tag ein immer besserer Mensch zu werden daher wahrscheinlich niemand von uns fassen, denn er scheint zum Scheitern verurteilt. Vielleicht wäre es aber ein realistischerer und durchaus auch etwas bescheidenerer Vorsatz, wenn wir uns vornähmen, jeden Tag zu versuchen ein „guter“ Mensch zu sein. Aber auch dann würde sich erst einmal die Frage stellen: wer bestimmt denn eigentlich, was „ein guter Mensch sein“ genau bedeutet?

Wenn wir an Alltagsbeispiele denken, wird recht schnell klar: „Gut sein“ – das heißt eigentlich an jedem Tag, in jedem einzelnen Moment und für jeden einzelnen Menschen immer wieder etwas anderes. Wenn wir einen Streit zwischen Kindern schlichten, gehen wir ganz anders vor, als wenn wir einen Konflikt zwischen KollegInnen schlichten. Obwohl – oder gerade, weil – wir uns jeweils anders verhalten, kann dabei jedes Mal eine gerechte Lösung herauskommen! Vielleicht kostet es mich sehr viel Überwindung, an einer Protestaktion teilzunehmen und jemand anderen, zum ersten Mal in einen Second-Hand-Laden zu gehen. Wenn wir uns dann ein Herz fassen und unsere Zurückhaltung überwinden, sind wir jede bzw. jeder auf ihre und seine ganz eigene Art mutig! 

Wenn wir so denken, ist es für jeden Menschen möglich, „gut“ zu sein – auf seine oder ihre ganz eigene Art. Wenn „gut“ zu sein in jeder Situation etwas anderes bedeutet, dann hält jeder Tag auch unendlich viele Chancen bereit ein „guter“ Mensch zu sein. Natürlich lasse ich die ein oder andere von ihnen verstreichen, weil ich vielleicht müde oder gestresst bin, Schmerzen habe oder mir Sorgen mache, aber eine nächste Chance kommt ganz sicher. Wichtig ist wohl nur, dass wir immer mal wieder einen Schritt zurücktreten und nachdenken: Was ist gerade wichtig und „gut“ – mutiges Vorangehen, geduldiges Nachfragen, ein vernünftiges Urteil? Und kann ich gerade überhaupt so handeln, wie ich es für „gut“ halte?

Die letztere Frage kann uns auch Aufschluss darüber geben, warum wir manchmal unseren eigenen Erwartungen an ein „gutes“ Handeln nicht entsprechen können. Vielleicht haben wir ständig viel zu viele Arbeitstermine, um wichtige Gespräche mit Geduld zu führen. Vielleicht hätten wir den Mut, um an einer Protestaktion teilzunehmen oder würden uns dazu überwinden, zum ersten Mal in einen Second-Hand-Laden zu gehen, aber in unserer Nähe ist keine Demo geplant und kein entsprechender Laden vorhanden. Dann fehlen uns ganz offensichtlich die richtigen Bedingungen, um so zu handeln, wie wir es „für gut“ halten. Die Verantwortung um diese richtigen Bedingungen zu schaffen ist zu groß, als dass wir sie allein tragen könnten. Trotzdem kann „gutes“ Handeln für einige Menschen in einigen Situationen genau in dem Versuch bestehen, diese Bedingungen zu ändern und es damit für andere Menschen leichter zu machen, mutig, gerecht oder geduldig zu handeln. 

So betrachtet liegen mit dem neuen Jahr nun 365 Tage mit jeweils unzähligen Chancen vor uns, um immer wieder aufs Neue zu versuchen ein „guter“ Mensch zu sein – und das wäre doch vielleicht wirklich ein schöner Neujahrsvorsatz!

 

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