Ohne Werte geht es nicht

Bericht zur Ideenwerkstatt „Auf dem Weg zur Nachhaltigkeit: Wann ist gut auch richtig? Normative Kompetenzen und kritische Urteilsfähigkeit“

Carolin Bohn und Felix Freytag

Energiesparende „smart homes“, das Design klimaresistenter Pflanzen durch Biotechnologie, die Speicherung von CO2 im Untergrund – das sind nur drei Beispiele für technische Verfahren oder Ansätze, die dazu dienen sollen die „Transformation zur Nachhaltigkeit“ umzusetzen. Tatsächlich kann schnell der Eindruck entstehen, um „nachhaltiger“ zu leben und zu wirtschaften brauche es eigentlich „nur“ die richtigen technischen Werkzeuge und Instrumente. Schnell gerät so aus dem Blick, dass Nachhaltigkeit ein normatives Konzept ist. Doch was heißt das?

Das bedeutet, dass wir nicht über Nachhaltigkeit – sei es die Bedeutung des Begriffes oder Strategien zu ihrer Verwirklichung – sprechen können, ohne über ethisch-moralische Fragen, über Wertvorstellungen zu sprechen. Das lässt sich gut anhand einer bekannten Definition „nachhaltiger Entwicklung“ aufzeigen, die sich im Brundtland Bericht von 1987 findet. Sie lautet: „Nachhaltig ist eine Entwicklung, die den Bedürfnissen der heutigen Generation entspricht, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen und ihren Lebensstil zu wählen.“ Das klingt erst einmal alles recht einfach, aber bei näherem Hinsehen wird schnell deutlich, dass hier bestimmte Wertvorstellungen zugrunde liegen: So wird zum Beispiel allen Menschen, unterschiedslos, das Recht auf Bedürfnisbefriedigung zugesprochen. Ohne dass dies ausbuchstabiert wird, spielen die Werte Gleichheit und Gerechtigkeit damit eine ganz zentrale Rolle. Auch die Freiheit, denn jeder Mensch soll ja seinen Lebensstil frei wählen können und dürfen. Sehen wir noch näher hin, so stellen sich weitere Fragen: Um welche Bedürfnisse geht es hier? Was genau sind „Bedürfnisse“ (im Gegensatz beispielsweise zu „Wünschen“) und welche sollen befriedigt werden können – welche nicht? Geht es hier nur um ein Grundbedürfnis nach Nahrung – oder gibt es ein Grundbedürfnis nach Fleisch? Und um wessen Bedürfnisse geht es? Der Brundtland Bericht bezieht sich sprachlich sehr klar „nur“ auf Menschen – aber wer sagt, dass nicht auch die Bedürfnisse von nicht-menschlichen Wesen wichtig sind? Die Auseinandersetzung mit diesen Fragen ist unumgänglich, denn: Abhängig davon, wie sie beantwortet werden, verfolgen verschiedene Akteure mit „Nachhaltigkeit“ nur scheinbar ein gemeinsames Ziel, weil sich ihr zugrundeliegendes Verständnis des Begriffes evtl. stark unterscheidet. Abhängig davon, wie sie beantwortet werden, scheinen außerdem jeweils ganz andere und manchmal durchaus konfligierende Strategien als sinnvoll für die Verwirklichung von Nachhaltigkeit. 

Wenn nun Universitäten – wie die unsere – den Anspruch haben, Nachhaltigkeit (stärker) in der Lehre zu verankern und Studierende in Nachhaltigkeitsfragen „fit“ zu machen, müssen sie Studierende zur Auseinandersetzung mit ethisch-moralischen Fragen im Kontext von Nachhaltigkeit befähigen. Es würde zu kurz greifen wenn sich diese Fragen nur. für Disziplinen wie die Philosophie, die Theologie, die Politikwissenschaft, die Geographie oder die Soziologie stellen würden – auch wenn sie häufig vorrangig dort thematisiert werden. Denn warum sollten Ökonom*innen, Biolog*innen, Mathematiker*innen oder Physiker*innen sich mit Werten wie Gleichheit, Freiheit und Gerechtigkeit, dem Mensch-Natur-Verhältnis und ähnlichen Themen beschäftigen? 

Diese Frage stellt sich u.a. deswegen, weil leicht übersehen wird, dass auch bei naturwissenschaftlichen Auseinandersetzungen mit Nachhaltigkeitsfragen Wertvorstellungen und -haltungen eine wichtige Rolle spielen oder ethische Probleme aufgeworfen werden. Nehmen wir das Beispiel Biotechnologie: Hier muss sorgfältig abgewogen werden, welche Risiken mit dem Eingriff in – beispielsweise – Pflanzen einhergehen, es braucht also kritische Urteilsfähigkeit. Es stellt sich außerdem die Frage danach, welche Eingriffe in die Natur zu rechtfertigen sind und welchen Fortschritt sie für wen hervorbringen. Sind dem Menschen hier irgendwo Grenzen gesetzt? Wo und durch wen? Die Nutzung von Biotechnologie führt außerdem (beispielsweise) in der Landwirtschaft zu Konflikten zwischen verschiedenen Ländern – hier ist das Thema „Gerechtigkeit“ relevant. 

Bereits diese Einzelbeispiele zeigen, dass ethische Fragestellungen im Kontext Nachhaltigkeit sich auch in den Naturwissenschaften stellen. Studierende dieser und aller anderen Disziplinen sollten folglich zunächst ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass sich diese Fragen nicht ausgeklammert werden können. Sie müssen außerdem in die Lage versetzt werden, zu erkennen, dass dem Plädoyer für oder gegen bestimmte technologische Strategien immer Wert- bzw. Moralvorstellungen (zum Beispiel zum Wert der Natur) und bestimmte Nachhaltigkeitsverständnisse zugrunde liegen, die oft nicht bewusst sind oder transparent gemacht werden. Sie sind auch nicht starr und können sich bei einer Schulung oder Vertiefung in ihrer Vielgestaltigkeit besehen lassen … Auf dieser Basis kann und sollte anschließend die kritische Urteilsfähigkeit der Studierenden geschult werden, die sie dazu ermächtigt, gut begründete eigene Positionen zu diesen ethischen Fragen zu entwickeln. 

Doch wie kann universitäre Lehre so gestaltet werden, dass diese Fähigkeiten fächerübergreifend geschult werden? Was brauchen Lehrende, um sie zu vermitteln? Welche Formate und Methoden sind in diesem Kontext besonders geeignet? Zu diesen Fragen organisierten Wissenschaftler*innen des ZIN eine Ideenwerkstatt im Rahmen des „Tag der Lehre“ der Universität Münster am 27. November 2023. Eine interdisziplinäre und statusübergreifende Gruppe arbeitete interaktiv an ihrer Beantwortung. Der Jura-Student Felix Freytag fasst als einer der Teilnehmer der Werkstatt in diesem Beitrag gemeinsam mit Carolin Bohn (ZIN Geschäftsführerin) selbst zusammen, welche Vorschläge und Ideen im Rahmen des Formats entwickelt wurden.

Ein erstes Ergebnis war, dass die Vorbildfunktion der Lehre bzw. Lehrenden aus Sicht der Teilnehmenden der Ideenwerkstatt eine zentrale Rolle spielt: Universitäre Lehre soll den Studierenden ein Vorbild reflektierten und kritischen Denkens bieten. Sie soll die Studierenden an die Hand nehmen und mitnehmen auf den Weg an Vorurteilen und unreflektierten Positionen vorbei und darüber hinaus. Kritisches Denken vorzuleben bedeutet dabei nicht, wie ein weitverbreitetes Missverständnis lautet, die totale Abstraktion oder Relativierung, allen Positionen in der Sache etwas abzugewinnen, selber aber keine Meinung zu haben oder zu kommunizieren. Aus der Sicht der Teilnehmer*innen ist in diesem Zusammenhang vor allem die Auseinandersetzung mit normativen Fragen wichtig: Universitäre Lehre soll transparent machen, dass alles Wissen im Kern normativ ist und nicht vor der Auseinandersetzung mit normativen Positionen zurückschrecken. Die Aussparung dieser normativen Aspekte birgt die Gefahr, für selbige unsensibel und damit unkritisch zu machen. Wir wünschen daher die Kommunikation normativer Positionen, mit – das ist ganz wichtig – einer transparenten Offenlegung ihrer Herleitung. Studierende können dann einfach mit ihren eigenen Gedanken einhaken, Widerspruch wird ermöglicht und geübt und den Studierenden der Einstieg in die Diskussion erleichtert. Wenn Lehrende am eigenen Beispiel einen kritischen Meinungsbildungsprozess veranschaulichen und die Kompetenzen, die dieser braucht vermitteln (wie logisches Denken und Quellenkritik), erlernen die Studierenden kritisches Denken. 

Der erfolgreiche Erwerb dieser Kompetenzen sollte dann auch durch sinnvoll gestaltete Prüfungsleistungen getestet werden, indem diese statt nur die Reproduktion auswendig gelernten Wissens u.a. eigenständiges Denken honorieren. Gefördert wird dadurch eine andere Haltung zu Wissen, nämlich als etwas durch Untersuchung und Diskurs erarbeitetes, durch gegenseitige Einflüsse und Perspektiven geprägtes und nicht nur eindimensional Erfahrenes. Neben einer flexibel am Lernziel ausgerichteten Wahl von Prüfungsformaten (Klausur, Präsentation, Hausarbeit) sollte kritisch hinterfragt werden Ob und Wie die Fähigkeit zur eigenen Urteilsbildung in ethisch-moralischen Fragen benotet werden kann. Heißt das, die Teilnehmer*innen der Ideenwerkstatt sprechen sich an dieser Stelle gegen eine Benotung aus? Nicht unbedingt: Hier gilt es, dem weitverbreiteten Vorurteil entgegenzutreten, kritisches Denken entziehe sich jeglicher Bewertung. Die eigene Meinung, die am Ende eines Denkprozesses steht, kann ganz unterschiedlich ausfallen und hier ist die Benotung womöglich besonders schwer. Die Schritte und Elemente der Meinungsbildung– zum Beispiel die Begründung von Argumenten, das Heranziehen von Belegen, die Kritik von Quellen – können allerdings bewertet werden. 

Darüber hinaus besteht aus Teilnehmer*innensicht eine weitere in diesem Kontext wichtige Aufgabe universitärer Lehre darin, den Studierenden ihre eigene Positionalität (bspw. mit Blick auf Herkunft, Klasse oder Charakter) im allerweitesten Sinne aufzuzeigen. Sie soll also die Erkenntnis vermitteln, dass Meinungen nie total losgelöst von einer Person und (u.a.) ihren Prägungen und Lebenserfahrungen sind, damit für fremde und eigene Voreingenommenheiten sensibilisieren und so den Umgang mit ihnen ermöglichen. Damit einher geht auch die Einordnung der Inhalte des Studienfachs in größere politische und gesellschaftliche Zusammenhänge und Machverhältnisse. 

Das klingt anspruchsvoll! Wie sollte universitäre Lehre aussehen, um die bisher formulierten Anforderungen zu erfüllen? Die Teilnehmer*innen wünschen sich diverse Angebote, z.B. Exkursionen, generell Interaktionen mit der Welt, mehrdimensionale Lehre, das Einladen von Gastredner*innen aus unterschiedlichen Disziplinen und Ländern und Menschen mit Expertise aus anderen Kontexten als dem klassisch wissenschaftlichen. Außerdem sollte die Universität niedrigschwellige Angebote zum Einstieg in andere Disziplinen bereithalten. Das können zum Beispiel Ringvorlesungen oder offene Blockseminare leisten. Wichtig ist dabei gute Kommunikation, damit Studierende wissen, dass es diese Angebote gibt. 

Die Teilnehmenden der Ideenwerkstatt machten deutlich, dass das übergeordnete Ziel universitärer Lehre eine wichtige Rolle spielen muss: Vermitteltes Ziel einer universitären Ausbildung muss sein, dass die Studierenden nicht nur zu gut passenden Zahnrädern im bestehenden System geformt werden, sondern zu eigen- und selbstständigen Subjekten, ausgezeichnet durch eine positive Unzufriedenheit, die ambitioniert ist Gesellschaft und Wirtschaft zu verändern. Gründe für Unzufriedenheit bietet die Welt genug. Die Aufgabe der Universität ist es, Studierende dazu zu befähigen, die Ursachen dessen, was sie unzufrieden macht, zu identifizieren und Veränderungen anzustoßen. Es gilt also den Studierenden ein Gefühl der Selbstwirksamkeit zu vermitteln und auch das Gefühl, dass ihre Urteilsbildung und ihr Handeln in ethisch-moralischen Konfliktsituationen einen Unterschied macht. Ein Verständnis des Studiums als Bildung für das Examen UND das Leben als Ganzes motiviert die Studierenden zu Eigeninitiative und Neugierde. 

Und wie könnte es gelingen, dieses Gefühl der Selbstwirksamkeit, des „Einen-Unterschied-Machens“ zu vermitteln? Dazu müssen auch Formen studentischer Organisation gestärkt werden, z.B. der ASTA oder Fachschaftsräte. Außerdem gilt es in der Lehre stets die konkreten Auswirkungen und Bedeutungen theoretischer Wissensinhalte in bzw. für die Welt außerhalb der Universität zu vermitteln und die Studierenden dafür zu sensibilisieren, dass gesellschaftspolitische und wirtschaftliche (Macht-)Verhältnisse nicht starr, sondern veränderlich sind und die eigenen Urteile ein erster Schritt dazu sein können, Veränderungen anzustoßen. 

Insgesamt arbeiteten die Teilnehmenden der Werkstatt damit heraus, dass mit der Übernahme einer Vorbildfunktion durch Lehrende, der Schaffung interdisziplinärer Lehrangebote, der geeigneten Auswahl von Prüfungsformaten und zahlreichen weiteren Elementen in der universitären Lehre fächerübergreifend eine Bandbreite von Bedingungen erfüllt werden müssen um alle Studierenden zur gerade im Kontext Nachhaltigkeit essenziellen eigenen Urteilsbildung in moralischen Fragen zu befähigen. Die Umsetzung so vielfältiger Vorschläge stellt sicher eine kaum zu unterschätzende Herausforderung dar, die aber angegangen werden muss damit Studierende einen wirklichen Beitrag zur notwendigen „Transformation zur Nachhaltigkeit“ leisten können.


Autor*inneninformation

Carolin Bohn  forscht aus politikwissenschaftlicher Perspektive zu Fragen im Kontext „Demokratie und Nachhaltigkeit“. Sie ist außerdem Geschäftsführerin des ZIN und hat gemeinsam mit ZIN-Sprecher Prof. Dr. Tillmann Buttschardt und ZIN-Mitglied Jun.-Prof’in Dr. Asmaa El Maaroufi die hier im Fokus stehenden Ideenwerkstatt organisiert.

Felix Freytag ist Jurastudent an der Uni-Muenster im dritten Fachsemester. Außerdem hat er den Fachschaftsratsposten für Hochschul- und Rechtspolitik inne.