Über das gute Leben innerhalb nachhaltiger Grenzen

Tobias Gumbert und Doris Fuchs

Alle Menschen wollen ein gutes Leben führen. Sie wollen ein Leben führen, das sie schätzen.  Aber wie sieht so ein Leben aus? Wenn Sie Menschen auf der Straße bitten würden, ein gutes Leben zu beschreiben, würden ihre Antworten sicherlich variieren – je nach Geografie, Alter, Geschlecht, Bildung, ökonomischem Status und Zugang zu sozialen Medien, um nur einige sich überschneidende Merkmale zu nennen.  Eine Person könnte antworten, dass es in einem guten Leben darum geht, ein Dach über dem Kopf, zu Hause fließendes Wasser oder Zugang zu guter Bildung zu haben.  Jemand anderes könnte sagen, dass es im guten Leben um Genuss geht, von einfachen Freuden wie regelmäßigen Spaziergängen im Park über Zeit mit Freunden und der Familie bis hin zu Reisen um die Welt. Für einige könnte ein gutes Leben darin bestehen, eine erfüllende Karriere zu haben und persönliche Erfolge zu sammeln. Für andere kann das Engagement für die Gemeinschaft der entscheidende Faktor sein.

Bedeutet das aber nun, dass grundsätzliche Unterschiede darin bestehen, wie Menschen ein gutes Leben erreichen können? Nicht wirklich. Während wir beim Vergleich der Details individueller Vorstellungen relativ schnell Unterschiede finden, sollten wir nicht aus den Augen verlieren, was uns als Menschen verbindet.  Der Kern dessen, was für uns ein gutes Leben ausmacht, ist nämlich überraschend ähnlich. Auf der elementarsten Ebene teilen alle Menschen bestimmte Bedürfnisse, die als Voraussetzung für ein gutes Leben erfüllt werden müssen. Wir alle brauchen zum Beispiel Zugang zu den materiellen Notwendigkeiten des Lebens (Wasser, Nahrung, usw.) und fast alle verspüren das Bedürfnis, zu irgendeiner Form von Gemeinschaft zu gehören sowie als wertvoll anerkannt zu werden. Wie wir diese Bedürfnisse wiederum befriedigen, hängt von den Orten ab, an denen wir leben, und von den Möglichkeiten, die wir haben, doch dass diese Bedürfnisse befriedigt werden können ist letztlich die wichtigste Voraussetzung für ein gutes Leben.

Damit jede und jeder seine Bedürfnisse befriedigen kann, ist ein gewisser Materialverbrauch natürlich erforderlich – beispielsweise in Verbindung mit der Produktion und dem Konsum von Nahrungsmitteln und Trinkwasser, dem Bau von Unterkünften und der Herstellung von Kleidung, dem Anbieten von medizinischen Leistungen oder dem Ausbau von Mobilitätsinfrastrukturen. Doch die Chancen genau dies zu tun sind heute überaus ungleich verteilt, sowohl innerhalb von Gesellschaften als auch über nationale Grenzen hinweg. Während manche Menschen ein Leben in Fülle führen, das mit der Möglichkeit ausgestattet ist, zahllose Konsumgüter anzuhäufen, ist für die Mehrheit die Möglichkeit eines ausreichenden Konsums und damit der selbstbestimmten Gestaltung eines guten Lebens überhaupt erst zu sichern.

Doch selbst Menschen, die materiell reich sind, führen möglicherweise kein zufriedenstellendes, und in diesem Sinne gutes Leben. Die Verlockung endloser Konsummöglichkeiten, befeuert durch bestimmte soziale Konventionen (z.B. immer das Neuste haben zu müssen) und wirtschaftliche Interessen (die Allgegenwärtigkeit von Werbung in unserem Alltag), kann zu Statuswettbewerb, Zeitdruck und Verschuldung führen, um nur einige negative Konsequenzen zu nennen. Ständig wird uns versprochen, dass das gute Leben hinter der nächsten Ecke, bzw. hinter dem nächsten Kauf wartet, und das gute Leben wird vom Hier und Jetzt auf einen späteren Zeitpunkt verschoben. Doch die fortwährende Suche nach einem schwer fassbaren, „besseren“ Leben in unserer Konsumkultur führt schnell dazu, dass wir in einer immer weiter eskalierenden Spirale von „je mehr, desto größer, desto besser“ gefangen sind, die per Definition niemals zu einem Punkt führt, an dem etwas „gut genug“ wäre.

Dabei behindern unsere Konsumpraktiken und -muster gleichzeitig die Fähigkeit anderer Menschen auf dieser Welt, ein gutes Leben zu führen und verstärken historische Muster ökologischer und sozialer Ausbeutung. Wenn bestimmte Kleidungsstücke oder Lebensmittel einen überraschend niedrigen Preis haben, bedeutet dies wahrscheinlich, dass die tatsächlichen Kosten für die Arbeit der ProduzentInnen nicht anerkannt wurden. Zu oft verbirgt ein „Deal“ oder „Schnäppchen“ für VerbraucherInnen unfaire Arbeitsbedingungen sowie Umweltkosten, zum Beispiel in der Form von Regenwaldverlust oder Treibhausgasemissionen. Darüber hinaus hinterlassen unsere Konsummuster und -niveaus künftigen Generationen enorme ökologische und klimatische Schulden. Wie sollen diejenigen, die uns folgen, in der Lage sein ein gutes Leben in dieser Welt zu führen, wenn wir damit fertig sind?

Manche Formen des Konsums sind daher für eine Vision des guten Lebens für alle schädlich – sowohl für Menschen die nahe sind, Menschen die woanders leben, Menschen die noch gar nicht geboren wurden, sowie uns ganz persönlich. Das ist zunächst paradox, da „Konsum“ normalerweise als wesentlich für ein gutes Leben angesehen wird. Und doch ist das kontinuierliche Streben nach einem „besseren Leben“ das, was viele in Wohlstand lebende Menschen daran hindert, ein gutes Leben zu realisieren. Darüber hinaus übertragen wir mit unseren Konsummustern viele soziale und ökologische Kosten auf andere Teile der Weltbevölkerung und in die Zukunft.

Können wir uns eine Welt vorstellen, in der alle Menschen, die jetzt und in Zukunft leben, ihre Bedürfnisse befriedigen und ein gutes Leben führen können? Ist eine solche Welt überhaupt möglich? Wie müssten wir unseren Konsum organisieren, wenn wir eine solche Welt erreichen wollten? Eine Gruppe sieben internationaler AutorInnen hat diesbezüglich einen Vorschlag gemacht. In ihrem neuen Buch laden sie dazu ein gemeinsam zu ergründen, wie ein gutes Leben für alle Wirklichkeit werden kann und wie wir als Gesellschaft auf diese Welt hinarbeiten können. Das Buch stellt das Konzept der Konsumkorridore als einen zentralen Weg vor, wie sich ein gutes Leben innerhalb „nachhaltiger“ Grenzen erreichen lässt. Das Buch „Consumption Corridors – The good life within sustainable limits“ ist bei Routledge auf Englisch erschienen und hier als E-Book-Version frei zugänglich (Open Access).

Dieser Blog-Beitrag basiert auf dem Einleitungskapitel des Buches.

Die AutorInnen des Buches „Consumption Corridors – The good life within sustainable limits“:

Doris Fuchs, Marlyne Sahakian, Tobias Gumbert, Antonietta Di Giulio, Michael Maniates, Sylvia Lorek, Antonia Graf

Zum Autor dieses Blogbeitrags:

Tobias Gumbert, M.A., ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Internationale Beziehungen und Nachhaltige Entwicklung und am Zentrum für interdisziplinäre Nachhaltigkeitsforschung.

Doris Fuchs, Ph.D. ist Professorin für Internationale Beziehungen und Nachhaltige Entwicklung an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (WWU). Sie ist die Sprecherin des Zentrum für Interdisziplinäre Nachhaltigkeitsforschung der WWU.

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