Im neuen Jahr Verantwortung übernehmen

– wie wir mithilfe von Verantwortungszuschreibungen einen nachhaltigen Wandel unterstützen können

Adline Conring, Hannah Klinkenborg, Lena Siepker und Doris Fuchs

2021. Wieder ein neues Jahr, wieder die Gelegenheit für neue, ‚gute‘ Vorsätze. Manch einem/r mag dies im Rückblick auf das vergangene Jahr schwerfallen. 2020 lief für niemanden so wie erwartet, Vorsätze wurden wahrscheinlich spätestens im März beiseitegeschoben. Doch das Leben ist trotz der globalen Pandemie, in der wir uns befinden, nicht stehen geblieben. Auch die ökologische Krise, auf die wir zusteuern, ist nicht einfach verschwunden. Sie erfordert nach wie vor unser Handeln, wenn wir allen Menschen und den Generationen, die nach uns kommen, ein gutes Leben ermöglichen wollen. Und das ist vielleicht etwas, was wir uns im neuen Jahr erneut bewusst machen können. Ein nachhaltiger Wandel, also strukturelle Veränderungen unserer Lebens- und Wirtschaftsweise, kann allerdings nur mit einer verbindlichen Verantwortungszuschreibung angestoßen werden.

Die tragende Rolle der Verantwortung – wer, was, wie?

Die Verantwortung für jetzige und zukünftige Generationen entsteht daraus, dass wir eingebunden in einer sozialen und natürlichen Umwelt leben. Unser Handeln hat oftmals negative Auswirkungen auf diese Umwelt. Deswegen tragen wir eine gewisse Verantwortung für die Folgen unseres Handelns. Hierbei besteht jedoch das Problem des „Wie verantwortlichen Handeln?“. Also wer muss überhaupt konkret für was und vor wem Verantwortung tragen? Aus unserer Sicht sind hierbei drei Ebenen wichtig: (1) Was bedeutet Verantwortung auf der Ebene von Individuen? (2) Wie können Unternehmen ihre Verantwortung wahrnehmen und (3) welche Rolle spielt dabei die Ebene der Politik?

Die Verantwortung der/ des Einzelnen: Nachhaltigkeit „nachfragen“?

Das Idealbild der liberalen Wirtschaftsweise geht davon aus, dass die Nachfrage das Angebot steuert. Wenn wir unseren privaten Konsum an Nachhaltigkeitsaspekten orientieren, also unter Beachtung ökologischer Grenzen und Gerechtigkeitsaspekten unsere grundlegenden Bedürfnisse befriedigen, würde demnach auch das Angebot automatisch umweltfreundlicher und sozial-gerechter.

Jedoch sind für Verbraucherinnen und Verbraucher die undurchsichtigen, teils globalen Verflechtungen der modernen Wirtschaftsweise eine Herausforderung. Es ist schwer, wenn nicht sogar unmöglich, alle sozial und ökologisch relevanten Folgen des eigenen Handelns im Blick zu haben. Deswegen kann Verantwortung für Nachhaltigkeit nicht allein „privatisiert“ werden (Grunwald 2010), sondern muss ein Teil der politischen Agenda sein.

Die Verantwortung der Unternehmen: Produktionsbedingungen gestalten

Unternehmen sind, im Gegensatz zu Konsumentinnen und Konsumenten, unmittelbar an den Produktionsprozessen von Gütern oder Dienstleistungen beteiligt. Somit sind sie für sozial- und umweltverträgliche Produktionsbedingungen verantwortlich. Es besteht jedoch das Problem, dass Unternehmen durch strukturelle Rahmenbedingungen globaler Märkte oft ihre Verantwortung an Subunternehmen und Zulieferer abgeben. Häufig stehen auch langfristige Nachhaltigkeitsziele kurzfristigen wirtschaftlichen Interessen wie der Erzielung hoher Gewinne und der Vermeidung von Wettbewerbsnachteilen entgegen.

Die Verantwortung der Politik: Regeln schaffen

Während also der bzw. die Einzelne die Verflechtungen des Konsums nicht durchschauen kann und bei Unternehmen zum Großteil die Anreize und Verpflichtungen hierzu fehlen, kann die Politik systematische ökologische und soziale Folgen der Wirtschaftsweise überblicken, beeinflussen und für ihre Einhaltung einstehen. Durch die Übernahme rechtlicher Verantwortung können Geschäftspraktiken grundsätzlich verändert werden, was den nachhaltigen Konsum für die Konsumentinnen und Konsumenten erleichtern würde. Gleichzeitig können Unternehmen durch verbindliche Regeln Nachhaltigkeitsstandards einhalten, ohne Wettbewerbsnachteile fürchten zu müssen.

In demokratischen Gesellschaften aktiv werden!

Noch fehlt es jedoch an klaren politischen Maßnahmen, die einen nachhaltigen Wandel befördern würden. Damit ein Wandel auf der politischen Ebene geschieht, müssten Individuen eben doch Verantwortung übernehmen – jedoch nicht ‚nur‘ als Konsumentinnen und Konsumenten, sondern als politisch aktive Bürgerinnen und Bürger. Sie müssten sich in den politischen Prozess einbringen und einen Wandel der Politik bezüglich der undurchsichtigen und nicht-nachhaltigen Wirtschaftsweise aktiv fordern.

Damit dies geschehen kann und Menschen überhaupt neben den eigenen Interessen auch die Ansprüche anderer wahrnehmen und diese gegeneinander abwägen können, braucht es aus verantwortungsethischer Sicht inklusive Räume des Diskurses. Somit bieten demokratische Gesellschaften, sofern sie auf dem Prinzip der möglichst gleichrangigen Beteiligung ihrer Bürgerinnen und Bürger an politischen Entscheidungen beruhen, zentrale Voraussetzungen für verantwortliches Handeln (Buddenberg 2011).

Natürlich besteht hierbei die Möglichkeit, dass Bürgerinnen und Bürger im Rahmen von politischem Engagement vor allem ihre Eigeninteressen verfolgen könnten (u.a. Dahl 1992). Ebenso resultiert aus ungleichen Zugangs- und Teilhabechancen zu Formen politischer Beteiligung eine Unterrepräsentation von sozioökonomisch benachteiligten Bürgerinnen und Bürger sowie zukünftigen Generationen. Auch bei der Übernahme von Verantwortung in demokratischen Systemen bestehen demnach weiterhin Ungleichheiten.

Doch was bedeutet das nun konkret für unser Handeln im neuen Jahr?

Es wurde deutlich, dass der notwendige Wandel zu mehr Nachhaltigkeit die – teils herausfordernde – Zuschreibung von Verantwortung benötigt. Ein guter Neujahrsvorsatz wäre es zum Beispiel, eine Verantwortung als Bürgerin oder Bürger wahrzunehmen, sprich, sich in den politischen Diskurs einzubringen. Man könnte zum Beispiel durch Briefe politischen Druck auf Politikerinnen und Politiker ausüben (beispielsweise für ein Lieferkettengesetz) und sich an öffentlichen Diskussionen beteiligen. Das Ermutigende dabei ist: Wir stehen nicht allein in der Verantwortung. Es ist eine geteilte Verantwortung. Ebenso wie wir auf individueller Ebene handeln müssen, muss die Politik die notwendigen Rahmenbedingungen für einen Wandel in Richtung Nachhaltigkeit schaffen und die Unternehmen nachhaltige Produktionsbedingungen gestalten.

Zu der Autorin:

Adline Conring studiert im Bachelor Politik und Recht an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster und arbeitet als Studentische Hilfskraft am Lehrstuhl für Internationale Beziehungen und Nachhaltige Entwicklung.

Dieser Blogartikel basiert auf dem Beitrag „Nachhaltigkeit als Verantwortungsprinzip“, der diesen November in der Diakonia zum Thema „Schöpfungsverantwortung gestalten“ erschienen ist.

Zu den Autorinnen des Diakonia-Beitrags:

Prof.‘in Doris Fuchs, PhD., Inhaberin des Lehrstuhls für Internationale Beziehungen und Nachhaltige Entwicklung und Sprecherin des Zentrums für Interdisziplinäre Nachhaltigkeitsforschung (ZIN) der WWU Münster.

Hannah Klinkenborg, M.A., ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und Promovendin am Exzellenzcluster „Religion und Politik“ und am Lehrstuhl für Internationale Beziehungen und Nachhaltige Entwicklung der WWU Münster.

Lena Siepker, M.Sc. Mag.theol., ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und Promovendin am Lehrstuhl für Internationale Beziehungen und Nachhaltige Entwicklung der WWU Münster.

Literatur:

E. Buddenberg, Verantwortung im Diskurs. Grundlinien einer rekonstruktiv-hermeneutischen Konzeption moralischer Verantwortung, Berlin/Boston 2011.

R. Dahl, The Problem of Civic Competence, in: Journal of Democracy 3 (4/1992) 45-59.

A. Grundwald, Wider die Privatisierung der Nachhaltigkeit. Warum ökologisch korrekter Konsum die Umwelt nicht retten kann, in: GAIA 19 (3/2010) 178-182.

Tipps zum weiterlesen:

https://www.zeit.de/wirtschaft/2020-01/nachhaltigkeit-konsum-verbraucher-gewissen-julia-kloeckner

https://www.zeit.de/arbeit/2019-10/nachhaltigkeit-unternehmen-klimaschutz-corporate-social-responsibility

Nachweis Titelbild: © Pixabay